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13 Reasons Why

Wer ungespoilt die Serie gucken will, sollte vielleicht lieber nicht diesen Text lesen. Ich ordne das was in der Serie passiert ein, ohne genaue Szenen zu beschreiben, aber dennoch. Es geht immerhin um den Inhalt. Also: Spoiler-Alert.

„13 Reasons Why“ (Tote Mädchen lügen nicht) ist die zweite Serie die ich in letzter Zeit geguckt habe, bei der es viel um sexualisierte Gewalt geht. Während ich „Top of the lake“ ohne jedes Zögern weiterempfehlen würde, stocke ich bei 13 Reasons Why. Ich habe die Serie angefangen, weil mir der Antihype aufgefallen ist. Die gefährliche Serie, die Jugendliche gefährdet. Das hat mich neugierig gemacht. Und skeptisch gegenüber den Kritiker_innen, die der pathologisierenden und individualisierenden Meinung sind, dass über Suizid nur als Folge einer heilbaren Krankheit verhandelt werden darf. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen.

Die Serie wird erzählt aus der Perspektive von Clay. Seine Mitschülerin Hannah hat sich umgebracht und Tapes verschickt. Tapes mit 13 Gründen, warum sie sich getötet hat. 13 Gründe, direkt an Personen adressiert. Durch Clays Augen verfolgen Zuschauer_innen mit, wie Hannahs Verzweiflung immer stärker wird, wie Mitschüler_innen sich in Diskussionen um Lüge, Wahrheit, Schuld und Verantwortung verstricken.

Hier meine erste Zusammenfassung der Serie in Punkten:
Freude? 1/10
Hilfreich? 7/10
Realitätsnah? 10/10

Für viele Folgen habe ich mindestens 2 Stunden gebraucht, weil ich so oft unterbrechen musste. Warum also finde ich sie trotzdem gut? Wenn es so weh tut sie zu gucken?
Es ist das greifbar machen. Das Benennen. Die Realitätsnähe, die ich bei Serien für Jugendlichen noch nie in der Härte gesehen habe. Die Realitätsnähe macht es so unerträglich und gleichzeitig zieht sie an. Es tut weh, weil von Anfang an klar ist: Hannah, die eigentliche Hauptperson, ist tot. Suizid. Folge um Folge sammeln sich die Gründe für ihren Selbstmord. Den Zuschauer_innen ist klar, dass es nicht besser werden kann, und trotzdem knallt es immer wieder neu rein. Die Brutalität der Lebenssituation.

Ich würde Menschen gerne schöne Dinge empfehlen. Bestärkende. Diese Serie war nicht schön. Aber sie hat mir viel gegeben. Gibt sie noch.

Als 17-Jährige hätte ich die Serie geliebt. Und ich glaube, sie hätte mir helfen können. Zu verstehen was da eigentlich passiert, wie diese unfassbare Schulstruktur mit allem drumherum funktioniert. Ich kenne keine Serie, die dermaßen realitätsnah die Brutalität von dem fasst, was als Jugendliche normal erscheint – und manchmal ohne Ausweg. Wie viele Lehrer_innen gesagt haben, wir sollen froh sein dass wir noch zur Schule gingen. Es wäre die beste Zeit des Lebens, wir sollten dankbar sein.
Wenn ich das geglaubt hätte, wäre ich heute nicht mehr am Leben. Das einzige was ernsthaft geholfen hat ist die Hoffnung, dass es irgendwann vorbei ist. Irgendwann raus auf dem Sumpf. Und jetzt ist da diese Serie, die Jugendliche ernst nimmt. Die nicht verharmlost. Die den Schmerz nicht relativiert. Und die gleichzeitig nur wenig Ausweg bietet. Wenig Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Es gibt keine einfach Antwort zur Qualität dieser Serie, ebenso wie es keine einfache Antwort auf den Umgang mit Mobbing, sexualisierter Gewalt und Slut-shaming gibt.

Es gibt viele unterschiedliche Ansichten und Betrachtungsformen von dem, worum es geht. Die einen sagen, das wichtige Thema ist die Ansteckungsgefahr durch die Serie. Die anderen sagen es ist Einsamkeit. Mobbing. Oder Rape Culture. Oder die Problematik der Rachefantasie durch Suzid. Im Folgenden werde ich Schritt für Schritt diese Hauptmotive durchgehen, deutlich machen warum ich sie als zentral oder als weniger zentral sehe.

Worum geht’s?

Rape Culture
Für mich ist das zentrale Motiv der Serie Rape Culture und die Auswirkungen des Lebens in patriarchalen und sexistischen Strukturen für junge Menschen. Die Serie ist voll von Jungen und jungen Männern, die sexistisch sind. Eigentlich alle. Wie sonst auch. Manche unbeabsichtigt, weil sie eigentlich nett sein wollen. Manche die creeps mit denen niemand spricht: Außenseiter sein schützt nicht davor, sexistisch zu sein und zu handeln. Die netten, erfolgreichen Jungs, überall beliebt, die Stars. Broken Jungs, die selbst in einem Strudel von Gewalt stecken.
Manchmal ist der Sexismus volle Absicht, manchmal einfach ein mitmachen, eine unbedachte Handlung, manchmal volles Male-Entitlement. Alldem inne wohnt die unfassbare Reduktion von Frauen und Mädchen auf ihre Körper, auf ihr Aussehen, auf ihren Wert im Bezug auf Sex. Sexualisierte Gewalt ist völlig normalisiert in den Köpfen und der High School.
Rape Culture enthält viele Strukturen. Eine davon ist das Beschämen von Frauen und Mädchen, die gerne und viel Sex haben wollen. Eine weitere ist das Beschämen von Frauen und Mädchen, denen das zugeschrieben wird. Ein falsches Foto, eine Story – und dann ist der „Ruf“ hin. Daraus folgt neue Gewalt, neue Zuschreibungen, die Idee des „Einfach-zu-haben“-Seins.
All das wird in der Serie aufgearbeitet. Sexualisierte Gewalt passiert nicht nur einfach, sondern sie wird als solche benannt. Ebenso wie der Unwille, sie so zu bennen.
Hannah wehrt sich immer wieder gegen sexistische Handlungen und übergriffiges Verhalten, immer und immer wieder. Sie eckt an, weil sie sich diese normalisierten Übergriffe nicht gefallen lässt, immer wieder Jungs zur Rede stellt. Sie ist unfassbar stark darin. Damit werden typische Opfer-Mythen durchbrochen – und vor allem letztendlich die Verantwortung den Tätern gegeben, nicht den Betroffenen. Zumindest ist es das, was die Serie versucht. Das macht sie stark.

Mobbing
Es geht um Mobbing in der Serie. Um den Verlust von Freund_innenschaften, um das schrittweise rausrutschen aus sozialen Kontexten. Es geht um die Versuche, immer wieder in den Kontakt zu treten, immer wieder Menschen zu vertrauen – und immer wieder damit auf die Fresse zu fallen. Immer wieder eins übergezogen zu bekommen.
Es geht um die verschiedenen Strukturen von Mobbing. Hannah ist nicht das „typische Mobbingopfer“. Das ist gut dargestellt. Gleichzeitig kommt auch vor, wie andere es immer wieder abkriegen, weil sie in die typischen „Freak“-Kategorien passen.
Besonders beeindruckt hat mich die Schauspielerin, die es geschafft hat so deutlich zu zeigen, was all diese Ausgrenzungen auch mit dem Körper machen. Wie sie sich immer unsicherer bewegt, nicht mehr zuhause sein kann in ihrem Körper, nicht mehr präsent sein. Wie es immer wieder diese Hoffnung gibt, das darauf einlassen, mit anderen sprechen, offen sein – und sie immer wieder doch alleine dasteht.
Wie ganz kleine Gesten von unfassbarer Bedeutung sind. Jeder netter Kontakt etwas bedeutet, und jede Verletzung darin dann umso schwerer wiegt. Es ist schwer über Mobbing zu sprechen. Es ist kein singuläres Ereignis, wo man sagen kann: Hey, das ist das, was passiert ist, deswegen geht es schlecht. Es ist eine Aneinanderreihung von Geschehnissen, die immer weiter zum Ausschluss aus dem sozialen Raum führen, die immer weiter zur Unsichtbarkeit und Einsamkeit führen.

Einsamkeit
Es geht um Einsamkeit in der Serie. Um den Verlust von Bindungen. Von Nähe. Gleichzeitig zeigt die Serie auch, dass diese Einsamkeit manchmal nur empfunden ist. Das es Menschen gibt, die sich interessieren. Ich mag, dass die Eltern in dieser Serie nicht die Bösen sind. Das sie sehr liebend dargestellt sind. Nicht fehlerfrei, sie streiten sich, haben Probleme – aber ihr Interesse an ihrer Tochter steht zu keinem Punkt zur Diskussion. Damit geht die Serie weg von der Idee, das die Kleinfamilie der zentrale Ort für Jugendliche sei. Sie macht deutlich, was prägt. Dass auch noch so liebende Eltern nicht auffangen können, wenn es keine anderen Bindungen gibt.
Hier schafft die Serie es gut den Kontrast zu ziehen, zwischen dem wie unfassbar einsam und lost sich Hannah irgendwann fühlt, und gleichzeitig wie viel sie immer wieder Einzelnen auch bedeutet. Und trotzdem. Einsamkeit ist ein mächtiges Gefühl. Mit niemandem Sprechen zu können bedeutet auch, aus der Übung zu kommen und irgendwann nicht mehr zu wissen, wie das geht.

Keine Hilfe
Immer wieder kämpft Hannah. Sie tut und tut und es gibt keinen Ausweg. Das macht die Serie auch schwierig. Ich weiß nicht ob sie ermutigt zu sprechen. Vielleicht nicht. Vielleicht aber auch gerade, weil nichts beschönigt wird. Weil Worte mitgeliefert werden. Ich glaube, das sie mindestens genauso viel hilft wie jede „Suizid is not an option“ Kampagne. Denn diese Kampagne liegt falsch: Es ist definitiv eine Option. Nicht die Beste. Aber es ist eine.
Aber es ist auch nicht Hannahs erste Option. Sie spricht sogar mit einer erwachsenen Person. Die leider super unfähig ist. In vielen Rezensionen hat das Erwachsene gestört, weil sie der Meinung sind, dass es auch super fähige Unterstützungspersonen gibt. Gibt es auch. Aber auch unfähige – und es gibt wenige Menschen, die gut zuhören können. Wenn Mädchen in der Kindheit sexualisierte Gewalt erleben, müssen sie durchschnittlich Sieben Erwachsene ansprechen, bis ihnen jemand glaubt. Sieben. Das ist eine ganz schöne Menge. Das ist ganz schön viel zum erzählen. Und ganz schön viel Erfahrung mit nicht geglaubt bekommen.
Wie soll eine_r sprechen lernen, wenn Gewalt so normalisiert wird, dass sie gar nicht mehr als solche erkannt wird? Und selbst wenn, wann lernen Jugendliche die Worte dafür? Und was sagt ihr soziales Netz dazu, wenn sie die Alltäglichkeit plötzlich als Gewalt labeln? Welche Konsequenzen hat das?
Ich bin nicht der Ansicht, dass es keine Hilfen für Jugendliche gibt. Aber ich glaube, es gibt welche, die haben Pech. Wie Hannah. Und ihnen wird nicht geglaubt, nicht richtig zugehört. Das ist nicht so selten.
Es ist auch eine Schwäche der Serie, dass es keine Hilfe gibt sondern am Ende der Tod steht. Damit gibt es keine Ideen davon, wie Hilfe funktionieren kann. Aber dennoch. Die Serie kann wenigstens Worte geben, die ernst nehmen, was passiert.

Gründe für Suizid von Jugendlichen
Gesellschaftlich wird Suizid immer mehr als Folge einer heilbaren Krankheit gehandelt. In Neuseeland dürfen unter 18-jährige die Serie nicht mehr ohne Erwachsene gucken. Eine Begründung dafür lautet:

„Her death is represented at times as not only a logical, but an unavoidable outcome of the events that follow. Suicide should not be presented to anyone as being the result of clear headed thinking.“

Das widerspricht den gesellschaftlich gewünschten Vorstellungen von Suizid: Die Handlung einer kranken Person, die gestoppt hätte werden können, wenn nur rechtzeitig medizinische Behandlung erfolgt wäre. Das ist Teil einer sehr pathologisierenden Betrachtung. Die Probleme individualisiert. Die Serie zeigt auf, welche Konsequenzen Handlungen in Kombination haben können. Nicht eine einzelne, aber wenn auch andere verletzend handeln. Immer wieder wird von den zurückbleibenden Jugendlichen die Frage aufgegriffen: Hätte die Kette durchbrochen werden können? Es bleibt offen. Vielleicht hätte was verändert werden können. Vielleicht auch nicht. Aber die Serie bietet kein hohles Versprechen der heilbaren Krankheit.
Die Serie stellt dar, wie an unterschiedlichsten Stellen andere Wege möglich gewesen wären, mal durch eine andere Handlung von Hannah, aber vor allem durch andere Handlungen von Menschen um sie herum, von Strukturen. Diese Gesellschaft neigt dazu, Probleme zu individualisieren und zu pathologisieren, und sie nicht in einen Kontext zu stellen. Diese Serie tut das. Es ist nicht nur Hannah die von slut-shaming und Gewalt betroffen ist. Die Gewalt ist normalisiert, und wie schlimm das ist, das zeigt die Serie auf. In manchen Rezensionen wird kritisiert, das Vergewaltigung so als Grund für Suizid fungiert und damit das Bild von Überlebenden sexualisierter Gewalt reduziert. Ich sehe das nicht so. Nicht alle die von sexualisierter Gewalt betroffen sind in der Serie bringen sich um. Und es ist eine Sache, die auch passiert. Es sind so viele Aspekte die den Suizid von Hannah begründen, von scheinbaren Kleinigkeiten bis zu offensiven Gewalttätigkeiten.
Jugendliche haben ein Recht darauf, dass Menschen für sie da sind. Sie sehen. Die Schule ist ein verdammtes Zwangssystem, was sämtliche Entscheidungen limitiert. Erwachsene können sich entscheiden, wo sie hingehen. Orte wechseln. Soziale Räume aufbrechen. Manchmal auch nicht. Aber Jugendliche sind viel mehr gefangen.

Rache vs Verantwortung
Eine andere der großen Kritiken an der Serie bezieht sich darauf, das Hannah sich mit den Tapes rächt. Das sie sich umbringt um sich zu rächen indem sie dann die Tapes sendet. Eine Figur in der Serie sagt es immer wieder: Du musst bis zum Ende zuhören. Ich finde nicht, dass das Rachemotiv zentral ist. Ja. Hannah sagt früh an einer Stelle „And by the way. I‘m still dead.“ Aber wenn ich ihrer Geschichte bis zum Ende zuhöre, verstehe ich das. Dieses Austeilen. Es ist nicht grundlos. In den Kritiken ist die Angst groß, das Suizid damit zum legitimen Motiv für Rache wird.
Ist es schon lange, aber darüber wird nicht gesprochen. Da sind es Männer, die sich töten um sich an Frauen zu rächen, die sie nicht genug lieben.
Ein sehr gewaltvoller Akt. Dagegen sind Hannahs Tapes harmlos. Sind sie natürlich nicht. Sie boxen rein und alle gehen damit unterschiedlich um. Manche bereuen Entscheidungen und Handlungen. Anderen ist es egal. Manche ersticken an den Schuldgefühlen, und auch das wird nicht beschönigt. Und schon gar nicht romantisiert.
Es geht um die Fehler welche die Mitschüler_innen machen. Kleine Handlungen, Unterlassungen, aktive Gewaltätigkeit. Die Serie zeigt diese Mitschüler_innen nicht einfach als böse Monster, die gezielt Gewalt ausüben. Die Serie erzählt genauso wie Hannahs Schmerz die Geschichten der Mobber_innen. Das ist eine große Stärke der Serie. Damit ermöglicht sie Zuschauer_innen Identifikationen. Sich selbst wieder finden und festzustellen, das die eigenen Handlungen verletzen können. Das sie vielleicht manchmal unbedacht sind, aber massive Schmerzen verursachen können. Jugendliche machen Fehler. Mal kleine, mal große, mal bewusst, mal unbewusst. Mal zum eigenen Vorteil, mal um sich selbst zu schützen, mal einfach weil es geht. Aber die Darstellung ist nicht, dass Leute ausgezogen sind um Hannah gezielt zu vernichten. Und gerade deshalb ermöglicht die Serie damit, eigene Handlungen und deren mögliche Konsequenzen besser einordnen zu können. Ein sexistischer Spruch ist eben keine harmlose Kleinigkeit. Slut-shaming zerstört Hannahs komplettes Leben – und alle sind darin beteiligt.
Ich würde nicht sagen, dass es in der Serie zentral um Rache geht. Es geht um die fehlende Übernahme von Verantwortung, und welche weitreichende Konsequenzen das hat. Es geht auch um die unterschiedlichen Ressourcen die Jugendliche haben, und was für einen Handlungs- und Emotionsraum ihnen das lässt.

Zurückbleiben
Wenn Rache romantisiert werden würde, dann würde die Serie nicht so sehr den Schmerz der Zurückbleibenden darstellen. Und das tut sie. Immer wieder. Den unfassbaren Schmerz. Gerade den Schmerz der Eltern, der sie völlig zerfetzt. Weil sie nicht verstehen. Weil sie nicht wissen, was alles passiert ist. Weil sie ohne Antworten dastehen. Sich auch Schuldvorwürfe machen, wie auch nicht, gleichzeitig versuchen damit umzugehen. Hier werden Suizid und seine Folgen nicht verharmlost. Aber die Eltern sind auch diejenigen, die nicht die Tapes hören. Die nicht mit den Gründen konfrontiert werden. Sondern Fragen um Fragen haben.
Die Serie stellt auch die Allmachtsfantasien von „ich hätte tun können“, „ich hätte sie retten können“ dar. Am meisten zerfleischen sich diejenigen Selbst mit Selbstvorwürfen, die am Wenigsten dazu beigetragen haben, am wenigsten wissen – besonders die Eltern. Clay, die andere Hauptfigur, hat lange Zeit einen sehr selbstgerechten Umgang, in dem er immer und immer wieder alle anderen beschuldigt, sie zur Rede stellt, und nicht erträgt, bei sich selbst zu gucken. Weil die Schuldgefühle unerträglich sind und es schwer ist, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen, ohne in diesen Gefühlen zu ertrinken.
Die Schwierigkeit des Zurückbleibens ist nicht der Hauptfokus der Serie. Sondern der Schmerz, den Leben in Patriarchat und Zwangsgemeinschaften wie Schule verursachen können. Hannah hat sich nicht umgebracht weil sie eine schwere Krankheit hatte. Hannah hat sich getötet, weil sie massiv verletzt wurde, immer und immer wieder. Die Serie regt zur Reflektion an, dazu an, eigene Grenzüberschreitungen zu hinterfragen. Die Mitschüler_innen lernen verstehen, dass sie eine Rolle gespielt haben. Ihr Umgang mit dieser Konfrontation wird in der ganzen Bandbreite gezeigt, von Ignoranz bis zu Selbsthass, von der Suche nach Antwort, dem Nichtverstehen, unterschiedlichen Perspektiven und vor allem immer wieder davon, wie dieser Tod alles durcheinanderbringt – für diejenigen, die so nah dran sind, dass sie den Schmerz fühlen. Daran ist nichts Romantisches. Und meiner Meinung nach wird es auch nicht so dargestellt.

Angst vor dem Werther-Effekt
Die größte Sorge der Kritiker_innen ist die Angst vorm Werther-Effekt. Unter Werther-Effekt wird ein medial hervorgerufener Suizid betrachtet, der Nachahmungseffekt. Gerade die detailierte Schilderung und Darstellung von Suizid soll gefährden, als würden da erst die Handlungsweisen erlernt. Das ist unwahrscheinlich bei einer jahrhunderte alten Methode und gleichzeitig dem Leben im Zeitalter des Internets. Das Jugendliche mehr gefährdet sind sich umzubringen, wenn Jugendliche in ihrer Umgebung das getan haben, ist nur logisch. Damit ist diese Option greifbarer. Peers sind eben die wichtigste Bezugsquelle, wenn Erwachsene nicht mehr richtig zuhören und verstehen können, was passiert und in eine_r vorgeht.
Es ist durchaus sinnvoll, mehr Unterstützungsangebote zu machen. Das Thema, also die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen, ernst zu nehmen. Die Serie stößt ein Gespräch dazu an, aber eigentlich geht die Theorie des Werther-Effekts davon aus, das gerade die Thematisierung von Suizid z.B. im Kontext der Darlegung von Gründen zu mehr Selbsttötungen führen würde. Ich finde auch das gefährlich: Die Dethematisierung von Gründen, die Reduktion auf eine „psychische Krankheit“, macht das Verstehen schwieriger, gibt Jugendlichen keine Worte um ihr Erleben fassen zu können.
Ich will den Werther-Effekt nicht klein reden. Aber warum wird dann in der Schule immer noch der Werther gelesen? Ein Buch über einen Stalker der zurückgewiesen wird und sich am Ende aus Selbstmitleid umbringt? Das darf thematisiert werden? Trotz der vielen Nachahmungen die es schon im 18. Jahrhundert gab?
Eine gesellschaftliche Kontroverse über die Lebenssituation von Jugendlichen und gerade vom Gewaltsystem Schule fände ich wesentlich sinnvoller und langfristiger als Pathologisierung und Vereinzelung. Und deutlich besser als eine Werther-Lektüre. Denn da wird Sexismus, Stalking und Aufdringlichkeit völlig akzeptiert und heroisiert, anstatt sie zu dekonstruieren und in Frage zu stellen.

Fazit
Ich habe jetzt vor allem positive Aspekte an der Serie herausgearbeitet. So einfach ist es dann aber doch nicht. Auch diese Serie kommt nicht ohne explizite Darstellung sexualisierter Gewalt aus. Warum das oft nervig ist, könnt ihr hier z.B. nachlesen. Trotzdem unterscheiden sich die Darstellungen von der hintergrundmusikartigen Darstellung bei Game of rape culture Thrones oder anderen Serien und Filmen, in denen Gewalt eben nebenher passiert- ohne das Gewalt selbst und ihre Folgen explizit thematisiert werden. Diese deutliche Thematisierung von sexualisierter Gewalt, rape Culture, Mobbing und Einsamkeit ist mir wesentlich lieber, als wenn das einfach so passiert. Denn damit trägt die Serie zu einem definitiv nicht bei, und das ist ihre Stärke: Der Normalisierung von Gewalt.
Aber was der Serie völlig fehlt ist Empowerment. Die Idee davon, das ganz viel Scheiße passieren kann, und es besser wird. Das eine_r trotzdem weiter machen kann. Hannah ist so unfassbar stark und hat ein so krasses Selbstbewusstsein, wie es sehr unüblich für Jugendliche ist. Hannah zieht sich nicht alles an was ihr zugespielt wird, sie widersetzt sich, benennt was die anderen tun – stellt sie selbst im Flur zur Rede. Hier fehlt das Empowerment, wenn selbst eine Hannah, mit einer unfassbaren Kraft zum Widerstand und eigener innerer Klarheit am Ende nur vor Wände rennt und keinen Ausweg findet. Ich weiß, Menschen die sich umbringen sind super verschiedenen und gerade auch starke Menschen wählen diesen Weg. Trotzdem ist es für eine Serie für Jugendliche hart, die Latte an Fähigkeit zur Selbstverteidigung und Selbstbehauptung so hoch zu setzen – und diese dann dennoch tödlich Enden zu lassen.
Die Darstellung von Stärke um durch Scheiße durchgehen zu können geht anders. Die leisen Ideen die es in der Serie gibt reichen nicht aus, um in der Düsternis Kraft zu geben. Das Verstehen. Das Benennen. Das kann Kraft geben. Aber dann wohin damit? Das fehlt. Das so wichtige Anfangen zu sprechen. Das braucht es mehr. Davon braucht es in der gesamten Gesellschaft mehr. Und vor allem die Fähigkeit zuzuhören. Und nicht aus Angst vor dem was da sein könnte, zuzumachen.
Jugendliche müssen ernst genommen werden, viele Erwachsene kriegen das leider nicht hin. Die Serie zu verbieten halte ich für keine gute Lösung um junge Menschen zu schützen. Wenn eine_r die Serie angeguckt hat, dann ist klar, dass nicht die Serie das ist, wovor Jugendliche geschützt werden müssen. Gerade Erwachsene, die mit Jugendlichen arbeiten sollten diese Serie gucken. Nicht um Jugendliche zu belehren. Aber um zu verstehen, ernst zu nehmen, wie diese Lebensrealität aussehen kann. Ich hätte Erwachsene gebraucht, die das verstehen. Ich hätte diese Serie gebraucht, um meine Welt auf dem Bildschirm sehen zu können und Worte zu finden, für all das, was so normal ist.

Betroffenheit schützt nicht davor Scheiße zu sein

Ein Text über #Opfer, #Erlebende, Betroffenheitsargumente und Debatten über Vergewaltigung.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal hat ein Buch geschrieben. „Vergewaltigung. Kulturgeschichte eines Verbrechens“. Es war das erste Buch seit langem, dass mich so richtig in Rage gebracht hat. Manchmal war ich so wütend, dass ich nicht weiterlesen wollte. An anderen Stellen hatte ich nicht genug Zettel zum markieren parat, weil selten eine so genaue, treffende Worte findet. Unter Freundinnen sprachen wir eine zeitlang immer wieder über „das Buch“. Wir wüteten und feierten, etwas, was lange kein Buch geschafft hat: So sehr zum Thema zu werden.

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Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat

Aktuell begegnet mir über viele verschiedene, besonders feministische Kanäle, das Projekt „Heimwegtelefon“. Das Heimwegtelefon soll nachts auf dem Weg nach Hause mehr Sicherheit bieten. Ich bin irritiert bis verärgert. Da die Problematik dieses Projektes vielen nicht deutlich ist, habe ich versucht, nochmal genau aufzuzeigen, was so schwierig daran ist, kontext- & historienlose Aktionen zu starten. Das Heimwegtelefon reproduziert viele Mythen und die Arbeit, die Frauen seit Jahrzehnten in Gruppen und Institutionen gegen Diskriminierung und Gewalt leisten wird völlig übergangen. Es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen, das Feministinnen mühsam angeeignet haben und immer immer wieder wiederholen.

rape culture besteht nicht nur aus allgegenwärtigen Übergriffen, sondern AUCH aus der permanenten Angst vor diesen. Durch die Fokusierung auf die Angst vor Übergriffen auf der Straße wird wieder einmal verschleiert, wo Gewalt (besonders gegen Frauen) in unserer Gesellschaft stattfindet. Wieder ein Projekt, dass die Aufmerksamkeit weg von den Häusern verschiebt, weg von den Familien und Beziehungen – hin zu einer diffusen Gefahr von der Straße, dem Fremden.

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„Nicht-konsensualer Sex“

Dies ist ein Text über „nicht-konsensualen Sex“. Er bezieht sich auf Erfahrungen, auf Diskussionen und ganz aktuell auch auf zwei Blogtexte, die ich einfach hier echt nicht verlinken möchte. Keine Verlinkungen für Kackscheiße. Mein Text ist nichts neues. Ein paar chaotisch-strukturierte Gedanken und Analyseelemente zu dem Thema. Einfach mal rausgehauen.

 Beispiele und problematische Muster

Was wird denn so zu diesem „nicht-konsensualem Sex“ gezählt? Ein paar Beispiele. Weiterlesen

Triggerwarnungen und Worte splashen – und wer schließt wann eigentlich wen aus und ein?

Warum noch ein Text zu Triggerwarnungen
Ich dachte erst: Sicherlich schon total durchgekaut das Thema. Dann habe ich recherchiert und nichts gefunden, dass mich überzeugt hat. Gleich vorweg: Ich bin kein Fan von Triggerwarnungen und erst Recht nicht von Splashen (Die Vokale bei bestimmten Worten durch Sternchen ersetzen). Aber die Texte gegen Triggerwarnungen waren so unterirdisch – in diese Linie möchte ich mich nicht stellen.
Aktuell wird das Thema in der ak aufgegriffen mit dem Text: „N-Wort, Sl*ts und Triggerwarnung – die neuen linken Sprachpraktiken schaffen vor allem eines: neue Ausschlüsse“. So ganz wird es mir nicht deutlich worum es in diesem Text eigentlich gehen soll. Sexismus wird mit Rassismus verwechselt und Ausschluss mit Diskriminierung gleichgesetzt. Es wird ein Geheimbund von Eingeweihten herbeifantasiert – woher auch immer. Ganz viel dreht sich um Ausschluss – dabei geht es doch gar nicht darum.
Triggerwarnungen oder splashen sind keine ausschließende Sprachpraxis. Ja, es ist ungewohnt wenn Vokale fehlen – aber die werden nicht zum Verständnis benötigt. Es mag irritieren. Irritation ist aber gut, weil sie zum nachdenken anregt. Die Normalität durchbricht. Ich liebe Irritationen. Auch wenn es manchmal keinen Spaß macht und nicht leicht ist. Muss es aber auch nicht sein. Warum ich es trotzdem nicht gut finde, steht weiter unten. Weiterlesen

„Homosexualität ist vor allem eine Beziehungsstörung.“

Mir wurde ein bisschen schlecht als ich die Broschüre der Freien evangelischen Gemeinde zum Thema Homosexualität öffnete. Sieht genauso aus wie die zum Thema „sexuellem Missbrauch“. Und das war unterirdisch. Dazu aber ein anderes Mal etwas. Warum lese ich sowas? Weiterlesen

Nachtwunden

Cilia liegt einfach da im Bett. Starrt aus dem Fenster. Drückt zum Siebten Mal den Alarm weg. Das Handy in der Hand, den Finger auf der Taste. Die meiste Zeit liegt sie nur da, starrt aus dem Fenster. Manchmal schreckt das Klingeln sie aus ihre Lethargie. Dann kriecht sie weiter unter die Decke, verschwinden zwischen ihren Kopfkissen. Manchmal zieht sie mit dem Arm das Kissen runter, aufs Ohr, aufs Gesicht. Und einem Impuls nachgebend drückt sie kräftiger zu, sodass die Luft knapp wird.
Passive Suizidalität.
Wortspielerei beim Aufwachen.
In der Leere verlieren, damit die Träume fort bleiben.
Cilia hat wieder schlecht geträumt. Kein Schreitraum, bei dem man aufwacht weil man zu sterben droht. Einer der zehrenden Art, keine Ausbruch, keine Ende, keine Katharsis. Nur das Gefühl von Angst und Ohnmacht.
Bruchstücke eine zerstörten Welt, die sie nun mühsam einsamen und wieder zusammen setzen muss. Die Puzzelteile haben ganz unterschiedliche Farben und Formen. So wie Gewalt eben verschiedene Wunden schlägt. Brüche, Schürfwunden, Schnittverletzungen.
Erfahrungen, die nicht ins Leben integrierbar sind, weil sie keinen Sinn ergeben, weil es Momente sind, in denen das Subjektsein, eine eigenständige, fühlende Person zu sein, in Frage gestellt wird.
Cilia starrt wieder nach draußen, verliert sich mit ihrem Blick in der Leere. Sie fühlt den Schmerz nicht mehr. Es ist nicht ihr Schmerz.

Nicht da, Nicht Pusteblume

Neues gibt es auch bald, aber da ich gestern Nacht nebst vieler Schriftbruchstücke auch noch ein paar Texte eingesprochen habe, gibt es eine alte Geschichte von mir als MP3 Datei, damit ihr euch schön zum Urlaubsgefühl was vorlesen lassen könnt. Unter Prosa könnt ihr sie auch lesen, sie ist von 2007 zum einem Schreibwettbewerb unter dem Motto „Nix wie weg?!“.

Es ist eine Schulgeschichte. Oder eine Geschichte über eine andere Wirklichkeit. Oder über Mobbing. Auf jeden Fall ist es eine Geschichte übers Verlorengehen undoder Wütendwerden.

Nicht da, Nicht Pusteblume by Steinmaedchen

menschenglueck

regentropfen gleiten die scheibe
entlang
träume entschwinden
fenstertod
recht in reih und glied
hassgefickt
sonnenblausee
grünwiesenwalderde
knall gegen die wand
aufpralltod
lebensfassadenzerstörungswut
splitterglas
tod den tränen
fratzengrinsen

Ein Stückchen Leben

Vorsichtig schleicht er sich nach Draußen. Die Kälte des Bodens dringt durch seine nackten Füße in seinen Körper. Frische Luft umspielt seine Knöchel, ein leichter Wind fährt über seine Haut. Er setzt einen Fuß nach dem anderen auf. sanft und langsam. Er spürt die Erde unter seinen Fußsohlen, doch er friert nicht. Er fühlt die Energie die durch seinen Körper strömt.
Er geht noch einige Schritte auf dem roten Boden und fängt dann an zu laufen. Er will es gar nicht, doch seine Füße fühlen eine Kraft die Bewegung fordert. Er muss ihr einfach nur nachgeben. Er rennt, seine Beine bewegen sich fast anmutigen, sacht berühren die Füße die Erde und stoßen sich wieder ab. Fast lautlos läuft er der unbefestigten Straße entlang, die tief ins Land hinein führt, direkt auf den Mond zu. Nur wenn er ganz genau hinhört, kann er ein leisen Tapsen hören, ein Geräusch, dass nur durch nackte Füße auf harter Erde erzeugt werden kann.
Er gibt sich dem Rhythmus des Laufens hin, ganz gleichmäßig bewegt er sich durch die Nacht. Seine Gedanken erliegen der Gleichförmigkeit.
Der Mond leuchtet hell und taucht die Welt in dunkle Schatten, die Umrisse von den hohen, fast kahlen Bäumen heben sich vom Dunkelblau des Himmels ab.
Plötzlich wird er gepackt von einem Gefühl der ungebändigten Freiheit. Es ist als würde er fliegen, als wäre er nicht mehr auf dieser Welt. Er springt in die Luft, macht größere Schritte, fast Sprünge – er ist frei!
Er wendet sich zur Seite, runter von der Straße, spürt ein paar spitze Steine unter den Füßen, die picksenden Grashalem – doch sie stören ihn nicht. Endlich ein bisschen Freiheit, keine Arbeit, nur er.
Und dann explodiert der Boden unter seinen Füßen. Erde fliegt in die Luft, hoch in den Himmel. Und mit ihr ein Bein und ein Arm. Die Mine hat seinen Körper in Stücke gerissen.