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Wie ich dann doch mal Germanys Next Top Model guckte

Ein kurzes Review zu meiner ersten Begegnung mit Germanys Next Top Model. Das mit dem ganzen pathologischen Diskurs rund um „Magermodels“, das knüpfe ich mir dann doch lieber nochmal extra vor. Kurze Gedanken zu Realitäten, Perfektion und Inszenzierung.

Germanys Next Top Model war für mich immer sowas, was vollkommen weg von mir war. Es irritierte mich, wenn Freund_innen sich über die neusten Folgen austauschten. Ganz in meiner Ablehnung fragte ich immer: Aber du bist doch Feministin?! Es gab ein völliges Unverständnis meinerseits, wie eine_r sich angucken kann, wie Menschen systematisch vor der Kamera fertig gemacht werden, und es von Sexismus, Rassismus und Fat-Shaming nur so trieft. Das hatte ich alles mitbekommen, das Internet. In letzter Zeit begenete mir immer wieder Kritik an dieser Kritik. Verkürzt, hieß es. Pathologisierend. Realitätsfern. Ich las die spannenden Rezensionen auf Candytechno, ohne je eine Folge geguckt zu haben, und fragte meine Twittertimeline, ob ich mir das mal antun müsse. Die Antworten stimmten mich nachdenklich. Die Gründe gingen von Kapitalismusanalysen über bis zur simplen Tatsache, dass GNTM für viele Mädchen einfach seit 10 Jahren Aufwachsrealität ist. Oh. Dachte ich. Das habe ich nicht mitbekommen. Und ich bin doch immer dafür, Realitäten ernstzunehmen, zu sehen, zu analysieren, dahinter zu schauen. Mit Kritik am „Schönheitsideal“ konnte ich noch nie viel anfangen. Schien mir schon immer eher kurz, und die Gleichzeitigkeit, mit der Menschen Diäten hypen und gleichzeit auf „Magermodels“ schimpfen, hat mich auch schon lange verwirrt.

Es brauchte dann einen Raum ohne Handynetz und Laptop, und gute Gesellschaft, um mich soweit zu kriegen, mir eine komplette Folge zu geben. Eine Zusammenfassung der Folge 8, das war die die ich geguckt habe, findet ihr hier.
Ich kämpfte innerlich mit meinem Blick, konnte die Models nicht auseinanderhalten, hasste von der ersten Sekunden an den Fotografen und war stolz auf mich, dass ich wenigstens wusste wer Heidi Klum ist, so ganz in meiner Ahnungslosigkeit. Fotos mit Hühnern haben mich irritiert. Das ständige dissen war so äääh, was geeeeht? Mir fehlten die Worte. Dann kam die Sache mit den Kleidern. Gut, es sollte um die Models gehen, aber wenn schöne Kleider ins Spiel kommen, bin ich abgelenkt. Unter Wasser tauchen, in einer etwas größeren Telefonzelle. Mit Megakleidern. Okaaaay. Irgendwie fand ich es eine coole Idee. Gleichzeitig war so, ah, also Grenzen gibt es nicht. Grenzen darf eine nicht haben. Grenzen ist etwas, was nicht akzeptiert wird. Patriarchaler Alltag. Alles was Frauen nicht wollen, ist rumgezicke. Ein Mädchen tauchte, kam wieder hoch, schnappte nach Luft und bekam die Kritik: Sie solle mal entspannter gucken. Sie würde ja so aussehen, als ob sie die Luft anhalten würde. Okaaaaay. Klar, unter Wasser nicht so aussehen als ob eine die Luft anhält mit einem Riesenberg Stoff um sich herum. Kein Problem. Abgefahren, dass einige das hinkriegten.
Der männliche Blick der Kamera, war hinter allem. Die Posen, gewöhnlich, überall bekannt, aus der Werbung. Die Eine, die sagte, ich wollte immer nur schön sein. Und dann war ich nicht schön auf dem Foto. Sie weinte. Es war ernst.
Ich merkte meine Befremdung und gleichzeitig fing ich an auch mehr zu begreifen. Es geht nicht nur um ein Schönheitsideal. Es geht um Perfektion. Es geht um eine absurde Form von Kunst. Perfektion um jeden Preis. Der eigene Körper als Bühne, als Mittel zum Zweck. Wie oft sind unsere Körper Bühne, Geschlechterbühne, Anerkennungsbühne? Wie wenig oft gestehen wir uns das ein?
Wo ist die Trennung zwischen meiner Anmalperformance am Morgen und diesem „Ich war nicht schön.“ Bühneninszenierung auf die Spitze getrieben, vor der Kamera. Irgendwas daran hat mich berührt, irgendeine Ehrlichkeit, dieses Hängen des Lebens an diese eine Sache. Diese eine Sache, der Frauenkörper (TM), der genau dazu gedacht ist, dem männlichen Blick zu gefallen, Objekt zu sein, zu glänzen, zu Leuchten.
Ich muss aufpassen, mich nicht lustig zu machen. Nicht in bodenloser Arroganz mich diesem „Ich war nicht schön“ erhaben zu fühlen. Wie oft werte ich meinen Körper ab? Wie oft werten Leute Körper anderer Leute ab? Es ist Alltag, täglich, stündlich, überall wird kommentiert. Es gilt als lächerlich, einem Schönheitsideal hinterher zu laufen, als schwach, ja als krankhaft. Und doch tun es so viele, in dieser seltsamen Gleichzeitigkeit, in der sich darüber lustig gemacht wird. Den wenn von Schönheitsidealen gesprochen wird, sind wir Opfer, Opfer eines Ideals. Niemand will gerne Opfer sein, also heißt es sich, zu distanzieren, eine_r will ja nur ein bisschen abnehmen, nicht einem Ideal nachlaufen. Models? Alles Opfer. Opfer der Werbeindustrie, Opfer der Argenturen, Opfer des Schönheitsideal. Frauen können keine handelnden Subjekte sein. Schon gar nicht, wenn es ihre Körper betrifft. Es geht mir nicht darum, dass ich unsere dickenfeindliche Gesellschaft so besonders toll finde, dass ich es gut finde, wie wenig Raum Frauen durch ihren Körper zugesprochen bekommen. Aber in dieser Gesellschaft, die so sehr unsere Körper, unser Verhalten, unser Sein normiert, bestimmt, bezwingt, eine Hierachie aufzumachen, diejenigen abzuwerten, die dieses Ideal am sichtbarsten nach außen tragen – das erscheint mir mehr als verkürzt.
Ich weiß nicht, ob ich mir nocheinmal angucken werde, wie „Frauensolidarität“ nicht funktioniert, wie sich gegenseitig und von oben fertig gemacht wird, wie geschubst wird und verletzt wird, aber auch nicht wie aufgestanden und gekämpft wird, ich weiß nicht ob ich soviel geballten Sexismus, Rassismus, Fat-Shaming und Grenzverletzung ertrage – aber wenigstens verstehe ich jetzt mehr, wobei ich eigentlich weggucke, und wie viel Realität ich mir damit wegdenken und diskursivieren kann.

Der feministische Blick

Heute hörte ich das erste Mal vom „feministischen Blick“. Ich war ganz aufgeregt, weil ich dachte: Oh yeah, vielleicht habe ich das schon. Vielleicht ist das dieser gleichgültig-bis-leicht-verachtende Blick Typen gegenüber. Mein Gedanke war gar nicht so weit weg, aber ich traf doch nicht ganz. Meine Dozentin erzählte, dass zu ihrer Zeit der feministische Blick den Blick bezeichneten, den Frauen hatten wenn sie den Raum betraten und dachten: Es kümmert mich überhaupt GAR nicht, wie ihr (Männer) mich findet. Weiterlesen

Nix mehr mit Maßen

Neulich saß ich wieder mit Freundinnen zusammen und das Thema Schokolade und Diäten kam auf. Ich habe sofort versucht zu intervenieren. Keine Diätgespräche in meiner Gegenwart. Dieses ganze Ding mit „aber ich mache das doch für mich damit ich mich wohler fühle“ stößt mir auf. Ich habe das doch nicht gemacht damit ich mit wohler fühle. Sondern damit andere mich anders behandeln und ich mich dann durch diese andere Behandlung wohler fühle. Wobei das auch einfach ist, das zu internalisieren und als eigenen Wunsch zu definieren. Fühlt sich weniger nach diskriminierenden Strukturen an dann. Ändert aber nichts am gesellschaftlichen Zwang. Weiterlesen

Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper. Verlorenes und neu Erkämpftes.

Der Text „Von Gewicht“ hat mich irgendwie aus der Bahn geworfen. Erst wusste ich nicht genau warum. Aber ich glaube es war einmal dieser Satz „Ich habe schon eine Form“. Ein so unglaublich kluger Satz. So hilfreich.
Und doch so wenig zugänglich für mich.
Ich habe keine Form.

Natürlich weiß ich, dass ich rein von einer äußerlichen Betrachtung eine Form habe, eben einen Körper mit Längen und Weiten und Ecken und Kanten und Haaren und Haut und allem was dazugehört. Ich könnte mich hinlegen und nachzeichnen (lassen). Aber es fühlt sich nicht an wie eine Form. Weil es sich nicht anfühlt als wäre dieses Etwas mit Kopf Rumpf Armen Beinen – ein Teil von mir.

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Hässlich

Sie sitzt da, starrt auf den Teller. Die langen Haare fallen ihr ins Gesicht. Niemand sieht ihre Augen. Niemand sieht ihren starren Blick.
Fest umklammern ihre Hände Messer und Gabel. Ihre Finger sehen so aus, als würden sie sich in das Metall krallen wollen.
Vor ihr liegt eine halbe Scheibe Brot, dünn beschmiert.
Um sie herum reden sie. Worüber? Das weiß sie nicht. Sie ist darauf konzentriert, ein winziges Stückchen abzuschneiden. Langsam führt sie es mit der Gabel zum Mund. Mit aller Kraft zwingt sie sich, den Mund zu öffnen.
Bloß nicht auffallen.
Lächeln.
Sie will schlucken, aber ihr Hals ist wie zugeschnürrt.
Als sie es dann doch schafft rutscht ihr das Brot wie ein schwerer Steinbrocken in den Magen.
Ihr Bauch knurrt, sie hat Hunger. Aber sie kann nicht essen.
Ein bisschen Brot muss sein.
Schön langsam essen, dann fällt es nicht auf.
Wie viel Zeit wohl vergangen ist? Sind die Anderen schon fertig?
Erleichtert blickt sie auf.
Dann ergreift sie Panik. Schnell steht sie auf, nimmt ihren Teller und verlässt die Küche.

Sie steht vor ihrem Spiegel. Sieht sich selbst. Ein dickes, hässliches Mädchen. Fett. Nicht wie die Anderen. Nicht begehrenswert. Abstoßend.
Sie will schreien, will sich zerstören.
Ihre Wut, ihre Abscheu droht sie zu zerreißen. Sie hält den Hass nicht mehr aus.
Sie stößt einen lautlosen Schrei aus, zerrt an ihren Haaren, sie sinkt zu Boden.
Sie weint, doch kein Geräuscht kommt über ihre Lippen und ihre Augen sind staubtrocken.

Sie will sich auflösen. Einfach zerfließen in der Luft.
Sie muss dünn werden.
Und irgendwann… ist sie dann nicht mehr da.