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Ich habe immer mal wieder zum Thema Körper geschrieben, zum Thema Essen, zum Thema Sport. (Links findet ihr unten) Es ist nicht nötig die Texte zu kennen für diesen Beitrag, vieles würde ich heute so nicht mehr schreiben, weil ich Dinge anders beurteile, anders fühle, sie anders sind. Manches ist mir nahezu peinlich, als würde ich mich dafür schämen, wie verletzt ich war und wie sehr mich das bestimmt hat. Wie schade, dabei habe ich immer gekämpft, mit dem, was ich halt zur Verfügung hatte. Das wo ich heute bin, hätte sich mein 16-jähriges Selbsthass-Ich sich niemals vorstellen können. Weil Sport für mich lange voll der Terror war. Untrennbar verbunden mit weniger werden, mit Diäten, mit Zurichtung von Körper und Geist. Sport um des Sportes willen, unvorstellbar. Es wird Zeit für ein Update.

Ich habe Sport lange gehasst. Nicht als Kind, auch in der Schule hatte ich Spaß an Teamsportarten, konnte weiter machen bis die Lippen alle Farbe verloren haben. Aber ich war auch die, die als letzte gewählt wurde. Ich war die, die beim Sprinten mit Abstand am schlechtesten war. Ich war die, über die in der Halle wie auch in der Umkleide gelacht wurde. No fun. Trotzdem, Basketball oder Fußball spielen, reinstürzen, zeigen, dass ich dieses Mädchending nicht auf mir sitzen lassen kann – das ging immer. Wenn wir tanzen mussten und mit Tüchern wedeln, kam ich mir vor wie eine Mutation aus Roboter und Elefant und dachte sehnsüchtig an die Jungs nebenan, die so viel coolere Sachen machen durften.
Als Jugendliche war ich, vor allem auf Grund der nicht so entspannten Schulsituation, nicht gerade glücklich. Ich versuchte das mit den Therapien, verschiedenster Art, leider oft wenig hilfreich, wir redeten aneinander vorbei und mein Schmerz an der Ungerechtigkeit der Welt wurde als pubertäre Phase abgetan, das würde weniger werden. Ist es nie. Ich habe heute nur mehr Worte und Erklärungen für das, was ich damals schon spürte. Aber mal beiseite gelassen. Ich äußerte oft, dass ich ein Problem mit meinem Körper habe. Man hätte sagen können, kein Wunder, wenn Gleichaltrige dir täglich vermitteln, wie wertlos du bist. Oder kein Wunder, wir leben einer Gesellschaft in der es einen perfekten, für Jungen begehrenswerten Körper geben muss, weil nur der einen Wert hat. Oder kein Wunder, so einschränkend wie dieses Mädchending ist, wer soll das denn aushalten!

Aber, wer hätte es vermutet, all das kam nicht. Trotzdem gab es eine Lösung: Mach doch mal Sport! Dann nimmt man nämlich auch ab und wenn man abnimmt, dann hat man weniger Probleme mit dem Körper. Also wenn man dick ist. Mit 11 sagte ein Arzt das erste Mal, ich muss „auf mein Essen achten“. Wegen 5 kg über dem zulässigen BMI. Ich fing damit an und hörte lange nicht mehr damit auf, mit dem „achten“. Dass meine Probleme mit meinem Bauch an einer dickenfeindlichen Gesellschaft lagen und der auch Rest meines Körperhasses sehr wenig mit seiner Form und mir selbst zu tun hatte, darauf ist niemand gekommen. Wenn ich dünn gewesen wäre, vielleicht wäre es anders gelaufen, bestimmt. Dann wäre außen nichts anzupassen gewesen, nichts, woran so direkt gearbeitet werden kann. Wäre die Antwort auf „Was kann ich tun, ich hasse meinen Körper“ auch gewesen: „Mach mal Sport“ oder wahlweise eine Diät? Wohl kaum.
Aber, mir ging es ja nicht gut, also hab ich Vorschläge ausprobiert. Ich fuhr stundenlang Inliner, so lange, bis ich nicht mehr konnte – und musste dann noch zurück. Manchmal fast kriechend vor Erschöpfung. Ein Trick, um zu garantieren, dass ich möglichst viele Weight-Watcher-Pluspunkte generieren konnte. Ich ging alleine in skandinavische Wälder zum Wandern mit trocken Brot und vegetarischer Paste, Bewegung und keine Chance zu viel zu essen, das führte tatsächlich zu deutlich eingefalleneren Wangen. Ziel erreicht, Zwangsdiät erfolgreich abgeschlossen.

Später stellte ich fest, das mit dem Sport, das tut mir nicht gut. Übelkeit, schlecht schlafen, mieses Körpergefühl. Aber das konnte ja nicht sein, Sport sollte doch bei allem helfen! Ich probierte es weiter. Machte einen Sommer lang exzessiv Rugby. Ich war immer noch die letzte beim Laufen und hasste das viele sprinten, aber es war einer der besten Sportarten die ich je probierte. Nicht so viel Feingefühl, dafür Beine wegziehen, im Matsch landen und viele blaue Flecken kassieren. Damit konnte ich was anfangen. Ich verletzte mich manchmal doll, und nach einer langen Erkältung fand ich den Einstieg nicht mehr. Ich traf die Entscheidung, dass ich das nicht mehr will, die Nebenwirkungen, das schlechte Schlafen, alles. Aber das vergaß ich bald, dass das eine Entscheidung für mich war. Mit der Zeit akzeptierte ich das gesellschaftliche Bild von mir als faul und undiszipliniert. Ich würde ja nur meinen Arsch nicht hoch kriegen.
Die Lösungsvorschläge für meine Körperprobleme blieben ähnlich: Sport und „Ernährungsumstellung“, was auch nur die beschönigende Bezeichnung für Diät ist. Yoga wurde mir sehr oft geraten. Nichts gegen Yoga, und wenn ich heute auf Instagramm fette Frauen Yoga machen sehe bin ich nur hin und weg von der Schönheit, der Körperspannung und fühle mich sehr inspiriert. Aber ohne Aufprall, es macht mir einfach kein Vergnügen. Aber wie schon zu vor, ich probierte es aus. In einem Raum voller schlanker, mit sich im Einklang scheinender Frauen kam ich mir vor wie ein Nashorn. Etwas deplaziert. Eigentlich mag ich mein Nashornselbstbild. So fühle ich mich oft, nicht nur körperlich, aber irgendwie eher plump, nicht fein, immer ein bisschen zu laut, zu meinungsstark, zu konfrontativ, und auf jeden Fall viel zu wenig Frau. Also, Yoga brachte mich eher zum Heulen als in Einklang mit mir selbst.
Ich ging zum Roller Derby, einmal. Das ist so ein Sport, da fahren hauptsächlich Frauen auf Rollschuhen (yes, diese Dinger mit 4 Rollen!) im Kreis in zwei Teams, je 5 Personen und je eine davon, die Jammerin (die hat so einen Stern am Helm), versucht die anderen zu überrunden und so Punkte zu machen. Und die Blockerinnen versuchen das eben mit sehr viel Körpereinsatz zu verhindern. Ich fands geil, aber ich ging nicht wieder hin. Jahre später nochmal, wieder einmal. Ich fands wieder geil, aber ich ging nicht wieder hin. Es war mir zu viel.

Letztes Jahr verließen mich wieder eine Reihe von nahen Personen und mein soziales Netz wurde kleiner und außerhalb meiner fantastischen WG gab es nur wenige, die ich noch getroffen hab. Also wo in einer Studistadt einen Haufen cooler Frauen treffen die nicht mehr alle zwanzig sind und nach dem Bachelor wieder weg sind? Und so ging ich nochmal zum Roller Derby, diesmal mit einem völlig anderen Ziel. Und ich blieb. Am Anfang kam ich nur selten, neue soziale Situationen überfordern mich und ich brauche lange, bis ich mich einfinde. Es ist nicht weil ich besonders schüchtern wäre, aber die kleineren sozialen Brutalitäten aus der Schulzeit haben mich dann doch geprägt und Menschen lösen eher Unbehagen in mir aus.
Mit der Zeit fing ich an zu entdecken, was für eine fantastische Tätigkeit es ist, auf Rollschuhen in Frauen reinzufahren und sich wegzuschubsen. Ich fing an mich in den Sport zu verlieben. In die ganzen coolen Skaterinnen mit einer Körpervielfalt, deren Schönheit mir manchmal fast den Atem raubt, so wundervoll finde ich das. Ich hatte das Gefühl, ich kann das auch lernen. Schritt für Schritt kam ich vom kaum geradeaus stolpern bis zu Drehungen, rückwärts fahren und Freizeit im Skatepark verbringen. Ich machte mehr und mehr Sport, ich spürte, ich will das, genau das hier, und war bereit, die durchaus massiven Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Trotz der ganzen Energie und inneren Kraft die das mir abverlangte – immer noch tut. Mein Körper fing an sich zu verändern.
Doch wie bedrohlich jeder Kommentar, der das positiv wahrnahm! Angst, es hat mit abnehmen zu tun. Angst, den Spaß vom Sport plötzlich mit Körperoptimierung zu verbinden. Angst, wieder süchtig nach dieser Bestätigung zu werden, Angst, zu hungern. Wie wenig Verständnis ich dafür oft bekomme, Angst vorm abnehmen – denn heimlich wünschen sich das doch alle, oder? Ich nicht. Tatsächlich nicht mehr. Fatpositivität spielt eine wichtige Rolle dafür, strickte Anti-Diet-Policy und vieles mehr. Und dann verlor ich Kilos, wurde weniger, wie viel Angst mir das machte! Katharina Röggla schrieb mal in dem Text „Mein Körper mein veganer Tempel“:

„Essstörungen sind nicht auf herrschende Schönheitsideale zu reduzieren. Dünn oder dick zu sein ist weniger eine Frage der Attraktivität als der, wie viel Raum eine Frau einnimmt – und dass Raum für Frauen* begrenzt ist, ist kein Geheimnis. Hunger handelt von Begehren, davon, was ich will von der Welt – und davon, wie viel mir zusteht. Wie hungrig darf ich sein, wie viel kann ich erwarten, was darf ich verlangen?“

Ich will nicht mehr Hungern. Mir nicht das kleinste bisschen versagen, ich will wachsen, stark sein, mich verändern, die Welt verändern, ganz viel Raum einnehmen, Menschen um mich herum berühren, die feministische Revolution voran treiben.
Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer mir sehr lieben Person. Ich regte mich auf über Freundschaftsbuchsätze wie „Bleib wie du bist“. Wie wichtig es doch ist, sich verändern zu dürfen, zu wachsen, sich zu bewegen, nicht zu erstarren im einem Stadium. Mehr zu denken, mutiger zu werden, neues kennenzulernen! Im selben Gespräch erzählte ich davon, wie schwer es mir fällt, damit umzugehen, abgenommen zu haben. Wie schwer mit der Veränderung umzugehen, mir so fremd zu werden, mich an den Körper gewöhnt zu haben, meinen dicken, ein bisschen schwabbeligen Nashornkörper. Wir waren bei friedlicher Koexistenz angekommen, mein Körper und ich. Keine Freundschaft, keine Feindschaft, aber ein politisches Statement.
Ein paar Tage später sprach sie mich nochmal auf unsere Unterhaltung an: „Weißt du, Steinmädchen, ich hab nochmal über das nachgedacht was du gesagt hast. Dass du gesagt hast, dass du das mit dem Körper nicht gut aushältst mit der Veränderung. Aber du hast auch gesagt, dass du es wichtig findest, sich verändern zu dürfen. Warum sollte das mit dem Körper anders sein?“
Das saß. Aus irgendeinem Grund hatte ich da so nie drüber nachgedacht. Dass auch Körper sich verändern dürfen. Ich darf mich verändern. Und es heißt nicht weniger werden, selbst wenn ein paar Kilos weggehen oder sich in Muskeln verwandeln. Ich mache Sport nicht um weniger zu werden. Ich mag mehr werden. Meine Kraft spüren. Meine Entschlossenheit spüren. Meinen Körper besser wahrnehmen. Es ist okay. Das passiert wenn man plötzlich anfängt über Monate fast jeden Tag Sport zu machen. Und ich möchte es nicht missen. Wie anders ich den Tag starte. Angefangen hat es mit fünf Minuten morgens, eher dehnen und klopfen statt wirklich bewegen. Neulich ertappte ich mich dabei, dass ich joggen gegangen bin (eine Sportart, die sich für mich wirklich wirklich sinnlos und laaaaangweilig anfühlte), einfach nur aus dem Bedürfnis mich zu bewegen und draußen zu sein – und weil der Boden zu überdeckt mit buntem Herbstlaub war um Rollschuh zu fahren. Um danach noch ein ordentliches Krafttraining hinterher zu schieben.
Ich bin immer noch perplex. Ich habe keine Selbstbild von mir als sportlich. Auch nicht als hartnäckig beim Thema Sport. Ich dachte doch ich hätte einfach nicht genug Selbstdisziplin! Wie anders mir das mein Team spiegelt. Wie anders die Realität ist, schon immer war – und wie wenig sichtbar unter all den gesellschaftlichen Normen.
Was doch der Grund alles verändert. Statt weniger mehr werden zu wollen. Mehr Körper, mehr spürbar, mehr im Leben, mehr Nähe. Um mehr Spaß haben zu können beim Roller Derby, um nicht jedes Training an meinen Muskeln rumzuächzen sondern um mehr da sein zu können im Spiel. Ich werde nicht weniger durch meinen Sport, ich nehme nicht weniger Raum ein. Mit diesen ganzen wunderbar lauten Frauen, dem schnellen bewegen auf den Rollschuhen und dem aus dem Weg schubsen – das ist nicht wenig Raum einnehmen. Dafür brauche ich Kraft und Muskeln. Und davon habe ich mehr.

Wer noch ein bisschen mehr wissen möchte über ein wütendes Steinmädchen, Fatshaming, Verletzungen und Machtanalysen, hier findet ihr ein paar alte Texte zum Thema:
„Über ge-störtes Essen, Vereinnahmung und das innere Schlachtfeld“
„Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper. Verlorenes und neu Erkämpftes.“
„Machen Sie doch einfach mal Sport!“
„Ich ess halt gerne“
„fremdkörper“

inside outside. über innen- und außenwahrnehmung von essstörungen in feministischen diskursen.

ich freue mich, den folgenden gastbeitrag von a light sneeze zum thema ess-störung veröffentlichen zu dürfen.

es gibt nicht DEN feminismus. ich richte mich hier auch nicht an einzelpersonen. es geht um allgemeine tendenzen, um ein thema, wie es mir on- und offline begegnet. und darum, wie ich das empfinde.
dieser text enthält explizite schilderungen von bulimie + magersucht.

schützende schubladen

vor kurzem habe ich herausgefunden: ich gehöre einer gruppe an.
einer gruppe, die gemeinhin als essgestört bezeichnet wird und/oder sich selbst so bezeichnet.
einer gruppe, die, von einigen, als nicht ableisiert gelesen wird.

das hat erst einmal etwas beschütztes. Weiterlesen

Über ge-störtes Essen, Vereinnahmung und das innere Schlachtfeld

Ein Text über ge-störtes Essen. An dem ich schon lange schreibe. Dieser Text versucht einen Spagat zwischen einer radikalen Kritik an Diagnostik/Störungszuschreibung und gleichzeitig einer radikalen Akzeptanz der Situation wie sie ist und was das bedeutet. Zwischen Fat-Positiv und Essenshass. Ein Versuch. Weil meine Gefühle und Positionen so zerrissen sind. Aus guten Gründen. Und diesen Kampf findet ihr hier auch wieder. Mir fehlt leider viel alternatives Vokabular. Ich schreibe Ess-störungen, weil die Störung nicht in der Person liegt, sondern von außen stattfindet. Ich verstehe Begrifflichkeiten in ihrer Selbstzuordnung, nicht darin, wie irgendwelche Kataloge zuordnen, da die Grenzen doch sehr fließend sind – niemand kann das von außen definieren. Mir jedoch hilft der Begriff „ess-gestört“ zur Zeit noch, um vieles fassen zu können. Dieser Text ist aus der Perspektive einer dicken Frau die mehr als die Hälfte ihres Lebens mit dem Essen und gegen_für sich kämpft. Manche Sätze können wehtun weil da viel Schmerz drin ist. Selbstverletzung_zerstörung. Persönliches und so. Ich rege mich über Vereinnahmungen auf. Und schreibe über Vergleiche, Kämpfe, Verletzungen und die Verzweifelte Suche nach der Anerkennung des eigenen Schmerzes. Weiterlesen

Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper. Verlorenes und neu Erkämpftes.

Der Text „Von Gewicht“ hat mich irgendwie aus der Bahn geworfen. Erst wusste ich nicht genau warum. Aber ich glaube es war einmal dieser Satz „Ich habe schon eine Form“. Ein so unglaublich kluger Satz. So hilfreich.
Und doch so wenig zugänglich für mich.
Ich habe keine Form.

Natürlich weiß ich, dass ich rein von einer äußerlichen Betrachtung eine Form habe, eben einen Körper mit Längen und Weiten und Ecken und Kanten und Haaren und Haut und allem was dazugehört. Ich könnte mich hinlegen und nachzeichnen (lassen). Aber es fühlt sich nicht an wie eine Form. Weil es sich nicht anfühlt als wäre dieses Etwas mit Kopf Rumpf Armen Beinen – ein Teil von mir.

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„Machen Sie doch einfach mal Sport“

Zum Teufel mit eurem scheiß Sport! D a s Allheilmittel für alles.
Du bist traurig oder unglücklich? – Geh raus, mach Sport.
Du fühlst dich zu dick? -Geh joggen, dann nimmst du auch ab.
Du kannst vor Alpträumen nicht schlafen? -Nach dem Sport schläfst du besser.
Das ist echt absurd, wann und wo ich mir diesen Satz anhören muss. Völlig unabhängig davon ob ich mich tatsächlich nicht bewege oder fünfmal die Woche zum Sport gehe. Irrelevant. Die Frage entsteht dadurch, dass ich wahlweise als „übergewichtig“ oder „fett“ definiert wurde/werde. Selbst als ich ne Mittelohrentzündung hatte, fragte die Ärztin, ob ich mich denn bewegen würde. Großartiger Zusammenhang.
Besonders gelungen fand ich diesen Satz immer von Therapeut_innen. Die haben das auch wirklich alle gesagt. Stellt euch einmal folgende absurde Gesprächsfetzen vor:

„Ich habe ein Problem mit meinem Körper.“
„Gehen Sie doch mal Joggen.“
„Ich hasse meinen Körper.“
„Sie sollten mehr Sport machen.“
„Mir hat ein Typ gesagt mein Outfit wäre zu gewagt.“
„Mit Sport nehmen sie bestimmt ab.“

Da bleibt bei mir nur WUT. Dieses Gefühl, wo vor Wut die Tränen kommen.
Fällt eigentlich nur mir auf wie wenig die Reaktionen mit dem zu tun haben was ich da gesagt habe? Wie wenig die Lösungsvorschläge auf meine Probleme eingehen? Keine einzige Nachfrage, woran das überhaupt liegt, dass ich mich so unwohl in meiner Verpackung fühle. Gleich die Lösung. Und diese Lösung soll, wie am Ende deutlich wird, auch nicht für meine negativen Gefühle da sein, sondern tatsächlich zunächst ganz klar für eins: Abnehmen.
Ich halte das für eine total großartige Idee, diese Botschaft Menschen mitzugeben, die es eh schon geschafft haben, ihrem Körper genau dem Wert selbst beizumessen, den eine patriarchale Gesellschaft ihm zuschreibt. Minderwertiges Objekt.
Den Gedanken, dass ich gerade vielleicht ganz andere Sorgen habe und mich diese Anforderung nur noch mehr daran erinnert, nicht genug zu sein, hässlich / faul / unsportlich / undiszipliniert – eben all das was fette Menschen in unserer Gesellschaft sein sollen – den Gedanken, dass ich ganz andere Sorgen haben könnte, der kommt anscheinend nur mir.
Ich habe es sogar mal versucht. So wie manchmal eben die Verzweiflung so groß ist, dass sich jedes Heilsversprechen irgendwann gut anhört. Einen Sommer lang intensiv. Mehrmals Training, mehrmals Laufen zusätzlich. Nicht, dass es nicht Spaß gemacht hätte. Im Schlamm prügeln ist echt nicht schlecht als Ansatz. Aber es hat kein einziges Problem gelöst. Weder habe ich ein Kilo abgenommen, noch habe ich mich besser gefühlt.
Und irgendwann konnte das, was mir der Sport geboten hat, nicht mehr gegen den Schmerz an, den er verursacht hat. Sportklamotten vermitteln mir das Gefühl nackt zu sein, egal wie weit sie sind. Die Blicke von außen machen es nicht besser. Und es ist ein verdammt scheiß Gefühl, dem verhassten Körper und den Blicken der anderen so sehr ausgeliefert zu sein.
Und wenn ich dann während dieser Zeit zum Arzt gehe und mir den Vorschlag anhören muss ich solle doch mal Sport machen – wegen meinen Problemen – dann will ich nur noch alles kurz und klein schlagen.

“Ich ess halt gerne”

Zum Teufel mit: „Ich ess halt gerne“. Weil ich so dick bin muss ich irgendwas dazu sagen wenn ich esse. Oder auch einfach warum ich bin wie ich bin. Einfach so. Erklären müssen. Und eben besonders wenn ich etwas esse. Ich könnte sagen: Ich versuchs gerade eh mit ner Diät. Lüge. Ich könnte sagen: Ich mag mich so.Lüge. Ich könnte sagen „Ich ess halt gerne“. Lüge.
Ich hasse essen. Ich habe nichts gegen ein leckeres Essen beim Weggehen und ich liebe es aufwendig zu kochen. Aber dabei geht es nicht ums Essen. Da ist doch selbst der Wein wichtiger. Hauptsache die Menschen stimmen. Ja, dann kann selbst essen nett sein.
Ich hasse essen.
Ich hasse es, essen zu müssen. Ich würde am liebsten gar nicht mehr essen, nichts. Auf keinen Fall normale Nahrung. Abbeißen, kauen, schlucken.Abbeißen ist grauenvoll. Kleine Bissen gehen. Süßigkeiten. Knabberzeug.
HAHA, da haben wir den Fehler. Die Dicke isst nur ungesunden Scheiß!
Ich könnts mögen. Auch wenn es keinen Unterschied macht ob ich jetzt sage: Ich mags halt oder ob ich sage, dass ich es abgrundtief hasse. Fest stehen bleibt der Vorwurf: Die Dicke isst nur ungesunden Scheiß.
Bingo.

Oft bringe ich keinen Bissen runter.
Ich hörs schon.
Wie kannst du denn so fett sein wenn du essen so hasst? Wenn deine Kehle ach so zugeschnürrt ist?
Ich würde lieber zuschlagen als antworten. Schlimmer noch ist, dass es kaum Menschen aussprechen. So kann ich wohl auch schlecht antworten. Es traut sich keine_r zu fragen. Aber denken tun es viele. Irritiert sind sie, wenn ich sage dass ich oft nichts essen kann. Dass ich Essen vergesse wenn ich Stress habe. Dass es mich anekelt und ich oft nur esse, weil ich nicht darauf achte sondern es einfach hinunterschlinge.
Wäre es dann nicht besser weniger zu essen, wenn ich es doch eh will, ich könnte dann doch einfach mal eine Weile nichts mehr Essen, bis ich weniger fett bin.
Yeah, guter Plan. Eigentlich dachte ich, ich lass das mit der Selbstzerstörung mal.
Ich übertreibe? Bin wieder übermäßig sarkastisch, nicht lustig und auch nicht schön zu lesen?
Kann schon sein.
Mir ist auch nicht nach Spaß.
Mein Bauch grummelt. Zieht sich zusammen. Kommuniziert. Ich versuche zu übersetzen, verstehe die Sprache nicht. Wie immer. Ich versuche den Kontext zu betrachten. Versuche abzuleiten, was diesmal Thema ist. Zu wenig. Diesmal war es wieder zu wenig. Nur drei Schnitten und ein kleiner Teller Nudeln. Eine Birne. Ja, zu wenig.
Nicht-Handeln ist die Aktion der Wahl.
Ist doch eh besser so, was?
Bitterkeit, ein viel zu vertrautes Gefühl.
Wann habe ich das eigentlich alles geschluckt?
Langsam werde ich wütend.

Hässlich

Sie sitzt da, starrt auf den Teller. Die langen Haare fallen ihr ins Gesicht. Niemand sieht ihre Augen. Niemand sieht ihren starren Blick.
Fest umklammern ihre Hände Messer und Gabel. Ihre Finger sehen so aus, als würden sie sich in das Metall krallen wollen.
Vor ihr liegt eine halbe Scheibe Brot, dünn beschmiert.
Um sie herum reden sie. Worüber? Das weiß sie nicht. Sie ist darauf konzentriert, ein winziges Stückchen abzuschneiden. Langsam führt sie es mit der Gabel zum Mund. Mit aller Kraft zwingt sie sich, den Mund zu öffnen.
Bloß nicht auffallen.
Lächeln.
Sie will schlucken, aber ihr Hals ist wie zugeschnürrt.
Als sie es dann doch schafft rutscht ihr das Brot wie ein schwerer Steinbrocken in den Magen.
Ihr Bauch knurrt, sie hat Hunger. Aber sie kann nicht essen.
Ein bisschen Brot muss sein.
Schön langsam essen, dann fällt es nicht auf.
Wie viel Zeit wohl vergangen ist? Sind die Anderen schon fertig?
Erleichtert blickt sie auf.
Dann ergreift sie Panik. Schnell steht sie auf, nimmt ihren Teller und verlässt die Küche.

Sie steht vor ihrem Spiegel. Sieht sich selbst. Ein dickes, hässliches Mädchen. Fett. Nicht wie die Anderen. Nicht begehrenswert. Abstoßend.
Sie will schreien, will sich zerstören.
Ihre Wut, ihre Abscheu droht sie zu zerreißen. Sie hält den Hass nicht mehr aus.
Sie stößt einen lautlosen Schrei aus, zerrt an ihren Haaren, sie sinkt zu Boden.
Sie weint, doch kein Geräuscht kommt über ihre Lippen und ihre Augen sind staubtrocken.

Sie will sich auflösen. Einfach zerfließen in der Luft.
Sie muss dünn werden.
Und irgendwann… ist sie dann nicht mehr da.