Über ge-störtes Essen, Vereinnahmung und das innere Schlachtfeld

Ein Text über ge-störtes Essen. An dem ich schon lange schreibe. Dieser Text versucht einen Spagat zwischen einer radikalen Kritik an Diagnostik/Störungszuschreibung und gleichzeitig einer radikalen Akzeptanz der Situation wie sie ist und was das bedeutet. Zwischen Fat-Positiv und Essenshass. Ein Versuch. Weil meine Gefühle und Positionen so zerrissen sind. Aus guten Gründen. Und diesen Kampf findet ihr hier auch wieder. Mir fehlt leider viel alternatives Vokabular. Ich schreibe Ess-störungen, weil die Störung nicht in der Person liegt, sondern von außen stattfindet. Ich verstehe Begrifflichkeiten in ihrer Selbstzuordnung, nicht darin, wie irgendwelche Kataloge zuordnen, da die Grenzen doch sehr fließend sind – niemand kann das von außen definieren. Mir jedoch hilft der Begriff „ess-gestört“ zur Zeit noch, um vieles fassen zu können. Dieser Text ist aus der Perspektive einer dicken Frau die mehr als die Hälfte ihres Lebens mit dem Essen und gegen_für sich kämpft. Manche Sätze können wehtun weil da viel Schmerz drin ist. Selbstverletzung_zerstörung. Persönliches und so. Ich rege mich über Vereinnahmungen auf. Und schreibe über Vergleiche, Kämpfe, Verletzungen und die Verzweifelte Suche nach der Anerkennung des eigenen Schmerzes.

Vereinnahmung und Nicht_Zusammenhang mit Körpernormierungen

Wenn es um gestörtes Essen geht, bin ich IMMER „Die Dicke mit den Essproblemen“. Nie einfach eine Frau mit Essschwierigkeiten. Sondern immer die Dicke, die zu viel isst. Und das Probleme ist dann auch nicht, dass ich leide, sondern die zugeschriebene „Essstörung“ liegt darin, dass ich zu dick bin. Allgemein ist die Assoziationskette bei „Essstörungen“ sehr kurz. Es wird an dünn und „verhungert“ gedacht. Was auch in der Regel auf eine Körperform projiziert wird, weder auf den Akt des Hungerns noch auf das Essen selbst. Die Inhalte spielen wenig Rolle, bei schlanken Personen mit Ess-störungen sind es die Schönheitsideale, bei Dicken die mangelnde Kontrolle.

Mich regt es unglaublich auf, wie Diskurse über Essstörungen geführt werden. Und vor allem wann. Wenn es um die Thematisierung von Körperformen geht. Riotmango schrieb vor einigen Wochen einen tollen rant: „ver-dünn-isier-dich“. Ein Text, der sich mit Körperformen und Fat-Shaming auseinandergesetzt hat, und über Selbstverständlichkeiten, die für Dünne Menschen gelten.

In den Kommentaren kam dann ganz schnell das Thema „Essstörung“ auf, was mich sehr wütend machte. Und dann kam da noch so ein Blogpost zur Relativierung von Fat-shaming – versucht mit einem Bezug auf „Essstörungen“ zu legitimieren.  Interessanter Weise geht es dabei dann immer um „Magersucht“. Die Diskurse in der feministischen Blogsphäre (die ich mitbekomme) sind unfassbar eindimensional und vereinfacht, und oft nicht anders als in den Mainstreammedien. Die bösen Schönheitsnormen. Und die „Magermodels“. Info eins: Ess-störungen ≠ Körperform. Und, weil das immer wieder Menschen zu vergessen scheinen, Info zwei: Ess-störungen ≠ Magersucht. Achja, und Info drei: Dünn/Dürr ebenfalls ≠ Magersucht. Kann ja schnell mal durcheinandergeraten, besonders wenn eine irgendwie was schreiben will, wie schwer es Dünne doch haben. Dann lässt sich Magersucht eben leicht instrumentalisieren für die eigenen Zwecke. Um sich sowas wie „skinny-shaming“ begründen zu können. Um Fat-Acceptance den Raum zu nehmen. Dabei ist dieser Raum so unglaublich wichtig.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es eine Kunst ist, in dieser Gesellschaft als Frau* keine Essprobleme gemacht zu bekommen. Ständig wird unser Essen reglementiert und auf Körperformen bezogen. Alle werden ständig wegen Körper und Essen begutachtet, auseinandergenommen, analysiert. Wer nicht der Norm entspricht, wird sanktioniert. Und es wird auch ständig in Körperformen eine Essstörung hineinprojiziert. Bist du sehr dünn? Dann bist du „magersüchtig“. Bist du sehr dick? Dann frisst du auf jeden Fall und hast ganz sicher eine „Essstörung“. Vor Menschen, die darum kämpfen, sich dem zu entziehen und diese Begutachtung anzugreifen habe ich sehr viel Respekt. Und die öffentlich machen was das gerade für dicke und fette Menschen für Auswirkungen hat. Körpernormierungen lassen sich aus einem Text über Ess-störungen leider nicht raushalten. Es geht um Diskriminierung, Shaming und Gewalterfahrungen. Und diese verdammten Normen können hier nicht rausbleiben, weil sie eine ganz große Quelle von Selbsthass sein können.

Ja, das Thema Körpernormierung spielt eine Rolle, aber jetzt nochmal, um es ganz klar zu machen: Körperformen haben nichts mit Ess-störungen zu tun –nur damit, wie das Umfeld darauf reagiert. In dem Fall tatsächlich, ob sehr dünn, fett oder Normkörper – das sagt nichts darüber aus, wie diese Person zum Essen steht. Gar nichts. Genausowenig wie über die körperliche Gesundheit etwas ausgesagt wird, wird etwas über die psychische „Gesundheit“ ausgesagt.

Bei Ess-störungen geht es nicht um Aussehen – auch wenn es Thema sein kann. Es gibt so verdammt viele Funktionen, ich kann die hier gar nicht alle aufzählen. Und dann auch noch verschieden nach der Ausgestaltung, fresse ich, kotze ich, hunger ich, mache ich einfach alles davon? Welchen Sinn erfüllt das für mich? Und für andere? Es geht nicht um eine Körperform. Was hat denn eine Körperform schon für Bedeutung, es ist doch erst mal nur eine Form. Es geht höchstens darum, wofür diese Form stehen kann. Schutz zum Beispiel. Sowohl Knochen als auch Fett können schützen. Schützen vor bestimmen Formen von Gewalt. Oder zumindest das Gefühl vermitteln. Formen können Anerkennung bringen. Zuneigung. Aufmerksamkeit. Ablehnung. Hass. Abstand schaffen zwischen sich und anderen. Raum einnehmen. Oder zeigen dass es eine Selbst gar nicht wirklich gibt. Es geht aber nicht nur um Formen und das, was diese bedeuten können. Sondern auch um das Essen selbst. Beruhigung. Gefühle töten. Disziplin. Kontrolle. Selbstzerstörung. Überhaupt einen Zugang zum Selbst schaffen. Eine Stabilität darstellen. Die einzig feste Konstante. Fast sowas wie eine Freundin. Und gleichzeitig der größte Feind. Alles in sich selbst. Völlig zerrissen. Aber zu wichtig, um ohne leben zu können.

Engste_r Freund_in, größte_r Feind_in

Wie soll ich etwas ablegen, was mich mehr als mein halbes Leben lang getragen hat? In meinen Alltag integriert war und ist wie atmen? Länger gehalten hat als alle Freund_innenschaften die ich je hatte? Wie sollte ich das abgeben? Genauso vertraut wie der Selbsthass. Ganz warm ist das manchmal. So vertraut. So verlässlich waren nicht mal Rasierklingen. So viel Sicherheit und Geborgenheit empfinde ich sonst nie. Kann ich mich nirgendwo drauf einlassen. Zu viel Angst. Ich habe aufgehört länger als Phasenweise zu Hungern. Ich habe inzwischen auch aufgehört zu Kotzen. Aber ich habe nicht aufgehört zu essen. Das klingt absurd, weil essen an sich ja nicht schlechtes ist. Aber jenachdem, wie Anfälle etc. dein Leben bestimmen_einschränken hat das eine ganz andere Bedeutung. Es liegt für mich ein Unterschied darin, ob ich einfach gerne viel und gerne esse. Das ist schön. Das würde ich auch gerne können. Ich jedoch hasse normales Essen. Ich kriege oft keinen Bissen runter, besonders nicht unter Menschen. Ich kann nicht atmen wenn ich esse. Ich kann nicht kauen, mich nicht bewegen, ich erstarre. Ganz anders bei dem „problematischen Essen“. Ruhe finden. Allein sein. Geborgenheit. Und so vertraut. Die meisten Tage meines Lebens waren davon geprägt. In dem Fall bin ich wirklich „süchtig“. Ich kann nicht ohne. Mal einen Tag – und schon verspüre ich am Abend die Anstrengung. Mal Tage mehr, wenn ich gerade gar nichts esse. Das geht dann. Aber nur dann. Ich habe mich sehr dafür gehasst. Auch wegen Körperform früher. Aber vor allem, weil ich dachte ich habe keine Kontrolle. Vor allem, weil ich das nicht wollte. Weil mir oft schlecht wurde und wird. Ich Bauchschmerzen bekomme. Und ich dann lieber kotzen wollte. Einfach damit der Druck weg ist. Und damit ich nicht noch mehr zunahm. Und habe rausgefunden, was alles praktischerweise abführend wirkt, wenn eine zu viel davon zu sich nimmt.

Heute finde ich das mit dem spürbaren Bauch wegen vollgestopft immer noch schwer. Meine Körperform ist mir total egal inzwischen. Wenn ich mir Bilder angucke wie ich mit 16 aussah finde ich mich schlank und hab mich damals aber wesentlich dicker gefühlt als ich jetzt tatsächlich bin und mich fühle. Mir bedeutet das aber auch weniger. Ich finde dünne Körper nicht schöner als Dicke, diese Körperform sagt nichts über Schönheit oder gar über Wert. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir Schlanksein was bringen würde. Außer eine Menge dummer Kommentare weniger. Aber auch da hatte ich früher dann das Gefühl: Lieber sie kommentieren meinen Körper als etwas, was ich noch weniger kontrollieren kann. So weiß ich wenigstens, warum sie mich verachten. Gebe denen eine Kampffläche die (bei mir!) ganz weit oben liegt, damit mein Inneres geschützt bleibt. Ganz schön klug von mir eigentlich.

Hierarchisierungen

Ess-störungen werden ekelhafterweise gesellschaftlich verschieden abgelehnt und gleichzeitig auch hierarchisiert, bewertet, eingestuft, beurteilt, bevorzugt, bestraft – und unterstützt. Um mal bei den unterirdischen Kategorien zu bleiben: „Übergewicht“ und „Untergewicht“ gelten beide als ungesund. Aber was wird für erstrebenswerter gehalten? Lieber ein paar Kilo weniger als ein paar „zu viel“. Das sind in der Tat Körpernormierungen, die dort greifen. Diese Hierarchie zeigt sich dann auch bei den Bildern, wie „Essgestörte“ betrachtet werden (die Einordnung erfolgt ja bei „Magersucht“ auch durch den BMI, was total absurd ist, weil dass doch keinen Aufschluss über die Beziehung zum Essen gibt).

Die asymmetrische Anordnung davon, was als erstrebenswert gilt, zeigt sich auch bei der Sortierung von Ess-störungen. Wer glaubt, dass es keine Hierarchie gäbe, hat noch nie einen oder mehrere Tage mit akut ess-gestörten Personen auf einem Haufen verbracht. Ein einziges Vergleichen, wer ist dünner, wer ist disziplinierter, wer kotzt leichter, wer kann sich besser verstecken, wer kann besser lügen und tricksen. (Aus Gründen! Diese Verhaltensweisen ergeben in einem vollkontrollierten Raum alle Sinn. Schutz. Selbstverteidigung. Sicherheit. Selbstbestimmung.) Total raus sind aber auch hier dicke und fette Menschen. Die haben ja keine Kontrolle. Oder dienen als Vergleichsbeispiel, dass eine selbst dagegen ja total schlank ist. Selbst an den Orten, die zur Auseinandersetzung mit einer Lebenseinschränkung dienen sollen, funktioniert die gesellschaftliche Hierarchie weiter. All zu sichtbare Raumeinnahme bleibt unerwünscht. Klar nicht immer ungebrochen. Es ist ja auch die Frage, wer wann sich wie viel auseinandersetzt. Und vielleicht war auch vieles von den „dünnen“ Personen mit diesen Schwierigkeiten gar nicht so intendiert. Wahrscheinlich sogar. Aber der Vergleich blieb. Auch bei Ärzt_innen. Es gibt viele Personen mit Ess-störungen, die der Körpernorm entsprechen. Die müssen sich vermutlich nicht in der Therapie anhören, sie sollen doch Sport treiben (das vielleicht schon), dadurch würden sie schon abnehmen (den Teil dann nicht mehr). Weil eigentlich hat selbst die Psychologie kapiert, dass es nicht um den Körper geht. Sondern um das was dahintersteckt. Aber klar, wenn ich dick bin und mich unwohl damit fühle, ist natürlich nicht die Gesellschaft das Problem. Abnehmen kann dann ja nicht verkehrt sein. Und Ursachen gibt es auch keine strukturellen oder sowas. Gewalt, was soll das bloß sein.

Aber verdammt nochmal, irgendwie muss sich eine ja bemerkbar machen! Und wenn dann damit nicht umgegangen wird, muss eine selbst Lösungen finden, selbst Strategien basteln. Einen Körper formen, dass er mehr oder weniger Widerstand erzeugt. Oder sich selbst auflösen. Oder sich selbst nur durch Körper Raum nehmen zu können. (Das bezieht sich jetzt auf die Gestaltungen von Körpern in genau diesem Kontext. Nicht per se übertragbar auf Körperformen generell. Zur Sicherheit mal erwähnt. Nicht dass das Menschen wieder durcheinanderwerfen.)

Und so heißt es sich in dieser Welt durchwurschteln. Ich habe dieses Spiel des Vergleichens selbst bis zum erbbrechen (was für ein schlechter wortwitz) mitgespielt. Das gehört jetzt wohl zu den Dingen die ich nicht schreiben sollte, aber fuckin hell, wie sehr ich mich dafür gehasst habe, dass ich das nicht geschafft habe. Dass das mit dem Kotzen nicht immer so geklappt hat wie das sollte. Dass das mit dem Hungern immer irgendwann aufhörte. Dass ich dicker wurde und nicht dünner. Dass ich so scheiße undiszipliniert war. Die anderen so schön. Ja vielleicht nicht einmal schön. Knochendünn fand ich nie ansprechend für mich. Aber die Kontrolle. Ich war neidisch auf die Kontrolle. Auf diesen Willen. Wie beim Schneiden. Wer hat die tieferen Wunden, wer muss zum Nähen, wer ist eigentlich schlimmer dran? Und ich war neidisch auf die Anerkennung. Anerkennung die es für die Kontrolle gibt, Anerkennung für die stetige Selbstdisziplinierung. Dick sein ist gesellschaftlich nie positiv belegt, sowohl von der Form als auch die zugeschriebene Nicht-Kontrolle.

Letztendlich glaube ich inzwischen, dass es bei diesem ganzen Vergleichen, bei diesen ganzen Bemühungen, krasser zu sein als die Anderen vor allem um eins geht: Die Anerkennung des eigenen Schmerzes. Die Anerkennung von den Verletzungen, die nichts mit ge-störtem Essverhalten zu tun haben. Die Anerkennung der inneren Wunden, die so scheiße tief gehen, dass nichts sie ausreichend zeigen kann. Nichts. Nie.

Ess-störungen sind letztlich eine Karikatur der Gesellschaft. Genauso das wofür sie nutzen, aber auch womit sie arbeiten, mit Körper durch Raumeinnahme oder zynisch-satirischem Verschwinden, durch auskotzen was nicht tragbar ist oder reinstopfen was nicht gesagt werden darf. Gesellschaft potenziert. Deckmantel abgerissen.

Be-hindert und die Suche nach Räumen

Meine Essstörung be-hindert mich noch heute. Schwierigkeiten unter Menschen. Mich zurückziehen. Verheimlichen. Scham beim Einkauf. Kosten. Bauchschmerzen. Kopfschmerzen. Soziale Isolierung, wenn es mir wichtiger ist, zu „fressen“ und darüber Geborgenheit zu bekommen als über andere Menschen. Ich habe kein Hungergefühl mehr. Ich muss mir ausrechnen, wann es sinnvoll ist noch was zu essen und wann das ein anderes Gefühl ist, dass ich da habe. Ich kann meine Körpersignale nicht übersetzen. Das ist sehr einschränkend und ich hasse es so sehr, andere Menschen fragen zu müssen um einschätzen zu können, was das da in mir ist. Das ist demütigend. Und ich hasse es, dieses Gefühl zu haben, nichts wahrnehmen zu können. Bin in diesem und einigen anderen Punkten psychisch nicht-ableisiert. So gern ich das anders hätte.

Wie soll ich lernen, meinen Gefühlen, meiner Wahrnehmung zu vertrauen, wenn ich sie nicht spüren kann? Wenn alles so verdammt weit weg und fremd ist? Wenn ich nie gelernt habe, einen Bezug zu diesem Körper aufzubauen, wie soll ich dann verstehen, was er mir sagen will?

Und vor allem, wie soll ich lernen, zu essen was ich mag, wenn ich jedesmal nachdem ich fürsorglich und liebevoll für mich gekocht habe, so viel Selbsthass empfinde, dass ich mich irgendwie bestrafen möchte? Bestrafen dafür, dass ich mir was gutes tue, dass ich ein fast anderthalb Jahrzehnte altes Muster brechen möchte. Und in mir dann ganz laut die Stimmen pochen: Du darfst das nicht, du bist das nicht wert, lass das gefälligst, komm schon, du bist eh ekelhaft. Laute, ätzende, quälende – und leider sehr machtvolle Stimmen.
Ich tu vieles trotzdem. Weil ich eine kleine und eine große Feministin in mir habe, die mir sagt: Nein. Du wurdest so gemacht. Du musst da nicht sein. Du darfst das. Du darfst dich wehren wenn was scheiße ist und vor allem darfst du auch nett zu dir sein. Weil es wichtig ist, dass Frauen* ihren Raum bekommen. Und so versuche ich mich selbst auszutricksen in dem ich meinen inneren Stimmen was über Frauen*rechte erzähle, ganz allgemein. Und dann komme ich irgendwann fies um die Ecke mit: Seht ihr. Und dieser Körper hier von uns allen wird als Frau gelesen. Also sollte der auch diese Rechte haben.

Ganz gemeiner Trick von mir. Aber funktioniert erstaunlich gut, weil sonst würde ich ja auch alle andere Frauen* mit verletzen und so sozialer Druck hat bei mir schon immer gut funktioniert.

Vieles ist heute besser als früher. Weniger Scham, weniger Heimlichkeiten. Ich habe heute weniger offensiver Hass. Vor allem dadurch, dass ich immer weniger Bilder bemühen muss um zu sprechen. Ich habe gelernt Worte zu finden. Teilweise von anderen bekommen, viele auch einfach hart selbst erkämpft. Nicht immer für die alten Wunden, aber wenigstens für Neugeschlagene schaffe ich es, direkt(er) um Hilfe und Support zu bitten. Wie in letzter Zeit. Und wundervoller Weise habe ich auch Unterstützung bekommen. Zum ersten mal habe ich direkt sofort gesprochen und mir Raum geschaffen.


Viele Fragen bleiben offen, stelle ich mir immer wieder. Wie viel Raum nehme ich wann ein? Wie viel Raum darf ich einnehmen? Ist mein Körper nicht manchmal sogar schlauer als ich? Was sagt mir dieser ständige Hunger den ich habe? Oder das Gefühl nichts zu mir nehmen zu können? Was darf ich verlangen? Und wo? Und wann muss ich mich zurückziehen, weil die Stimmen in mir zu laut werden?

Wie gehe ich mit meiner Wut um, wenn Menschen Körperdiskurse vereinnahmen in dem sie über Ess-störungen (ergo „Magersucht“) schreiben? Sich ein „Skinny shaming“ herzukonstruieren und dass dann mit Magersucht zu begründen suchen, weil das ja nicht mitgedacht werden würde?! Bulimie oder, um das mal mit dem Diagnoseschema F zu sagen: „nicht genauer klassifzierte Esssstörungen“ gerne völlig aus dem Rahmen fallen lassen? Wie lassen sich meine Schwierigkeiten mit Essen in gesellschaftliche Diskurse betten? Wie hängen Körperdiskurse und Essstörungen nicht_zusammen? Wer spricht wann aus welcher Postion? Und was tun, wenn dann Menschen auch noch mit „Gesundheit“ um die Ecke kommen? Warum darf ich nicht die Fat-Positiv-Bewegung dafür feiern, dass sie mir hilft, wenigstens nicht mehr diese Körperform zu verachten? Mein Inneres quält mich schon genug mit internalisierten Beschimpfungen. Ich brauche diese ganzen Abwertungen von außen echt nicht noch dazu.

Ob ich nun hungere und dadurch Normierungen zynisch auf die Spitze treibe (ana till the end) oder um ganz viel Raumeinnahme kämpfe, weil ich mir den sonst vielleicht nicht nehmen kann – die Gesellschaft reagiert darauf nicht gleich, und jede dieser Reaktionsweisen ist für die Betroffenen scheiße, weil ja auch einfach mal jemand fragen könnte: Warum. Es wird mit Entsetzen und Mitleid bei „Magersucht“ (Das kann nur von den Models kommen einself!) reagiert, mit Ekel und moralischen Vorwürfen bei Bulimie (Denk doch an die armen Kinder in Afrika ™ ) und völliger Ablehnung der Disziplinlosigkeit der Menschen die Essanfälle haben (Du bist absolut wertlos, weil du keine Kontrolle hast.). Meine Ess-störungen haben einen Grund. Ganz viele Gründe. Es ist eine Strategie Kackscheiße zu Überleben. Eine kluge, mit ganz vielen Möglichkeiten.

Mich macht Vereinnahmung einfach so wütend. Ob nun Essstörungen dazu vereinnahmt werden um zu sagen die „armen magersüchtigen Dünnen“ (was irgendwie Dünne alle pathologisiert und den Schmerz hinter Ess-störungen überhaupt nicht mehr anerkennt) oder die sowieso essgestörten Dicken (Alle sowieso krank. Auf allen Ebenen). Da kriege ich einfach nur noch Wut. Ja, ich bin dick. Das ist gut so, weil so mein Körper für mich Raum einnimmt. Ja und ich werde be-hindert durch meine Essschwierigkeiten, weil es kaum Räume dafür gibt, wo ich damit sicher sein kann außer allein. Wo es Raum gibt sicher zu sprechen ohne Therapeutisierung oder Diättipps. Ich kriege Wut von diesen Vereinnahmungen, die gar nicht sehen, was da alles hintersteckt sondern nur von Schönheitsnormen faseln. Und besonders, wenn ich und mein Schmerz dadurch wieder unsichtbar gemacht werden. Weil ich gerne nicht mehr so krasse Methoden brauchen würde, damit anerkannt wird, das mein Inneres ein Schlachtfeld ist. (Verantwortlich: Patriarchat u.a.)

14 Gedanken zu „Über ge-störtes Essen, Vereinnahmung und das innere Schlachtfeld

  1. hannah

    wow, was für ein hammermäßiger post! vieles wiedererkannt, vieles so klar für mich noch nie formuliert – weinen müssen. DANKE!

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  2. dontdegradedebsdarling

    Ich danke Dir für Deine Wut und Deinen Zorn! Danke für den Mut so vielen ambivalenten Gefühlen Ausdruck zu verleihen! Danke für einen Text, der auf so vielen Ebenenen zeigt, dass Essen und Rechtfertigung, Körper und Rechtfertigung, Körper und Essen und Rechtfertigung, Ess-störung und Rechtfertigung, in jedem Fall aber immer Rechtfertigung Pflichtkür ist, wenn Mensch es wagt sich in einem dicken Körper durch die Gesellschaft zu bewegen.

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  3. Maxie

    Schließe mich an; Danke!
    Dass du die ES ein Stück weit entschlüsselst, auch entmystifizierst (für mich als Betroffene).
    Finde ich sehr mutig und gut.
    Danke, dass du diese Energie aufgebracht hast.

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  4. silver chair

    Dein Text hat mich sehr berührt. Es ist ja auch „zum Kotzen“ oder „zum Durchdrehen“, wenn man diese gesellschaftlichen Druck in sich spürt. Das Abarbeiten am eigenen Körper als Ventil. Und mit viel Glück (bzw. eigener Kraft) bekommt man irgendwann andere Werkzeuge in die Hand – die weniger/ nicht mehr selbstschädigend sind.
    Ich bin dir sehr dankbar für deine Stimme zu diesem Thema. As always.

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  5. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Platzanweisung von Agro: Schule, Ess-störungen, Feminismus – Die Blogschau

  6. Tina

    hey,
    danke dir für diesen post! du hast mir da sehr aus dem herzen gesprochen. ess-störungen sind sooo ein großes thema und wird dabei so vernachlässigt! wer eine ess-störung hat, ist selbst schuld und muss nur ein wenig sport machen, abnehmen, zunehmen, sich disziplinieren etc. blödsinn! ich selbst habe eine ess-störung, die nicht „so offensichtlich“ ist. ich spreche kaum darüber, aber in meinem kopf ist sie immer da! bei jedem happen, bei jedem kochen. ich selbst habe meine therapuetin darauf angesprochen und sie hat diese ess-störung zum ersten mal ess-störung genannt. mir war das nie so bewusst. und auch meinem engsten umfeld war das wohl nicht klar, dass ständiges darüber nachdenken, was man und ob man überhaupt was essen sollte und wenn ja, wieviel und wielange dann nicht mehr und ob man das überhaupt erzählen darf, dass man heute schon gegessen hat oder ob man sich erst rechtfertigen muss für das hungergefühl, tatsächlich eine ess-störung ist! und auch wenn ich nicht mehr so viel drüber nachdenke wie noch vor zwei jahren – leicht ist es nicht! und die komplette welt außerhalb meines zimmers macht es mir auch nicht leichter.
    daher: nochmal ein großes danke für deine ehrlichkeit, deine offenheit!!!

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  8. Steinmädchen Artikelautorin

    vielen dank für eure lieben rückmeldungen, das motiviert sehr, das zu lesen. ich glaube ja, dass sehr sehr viele frauen* darunter sehr leiden, wie ihr essenverhalten ständig unter beobachtung steht. und manchmal ist der ausweg eben nicht so einfach – aber offen legen hilft. und nicht allein sein damit, darüber sprechen – das hilft auch. also danke für eure kommentare!

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  9. Quotenhippie

    Vielen Dank fuer diesen Text! Ich (frueher jahrelang magersuechtig und dem magersuechtigen Stereotyp entsprechend duenn) erkenne mich in vielem wieder, was du schreibst. Den Gedanken, dass Ess-Stoerungen gesellschaftliche Normen karikieren, habe ich oft gehabt, aber vorher noch nie so klar ausgedrueckt gefunden.
    Als ich deinen Absatz ueber Hierarchien zwischen Ess-Stoerungen gelesen habe, habe ich mich sehr ertappt gefuehlt. Waehrend der Zeit, in der ich starke Probleme mit Essen und mir selbst hatte, war mir sehr bewusst, dass ich als „bemitleidenswert duenne“ Magersuechtige in der unsichtbaren Hierarchie der Ess-Stoerungen ganz oben stehe. Darauf war ich stolz. Ich habe mich bemueht, diesen Status zu bewahren, mich von den anderen, „schlechteren“ Ess-Gestoerten abzugrenzen. Genau, wie du schreibst: Auf-die-Spitze-treiben von beschissenen Unterdrueckungsmechanismen statt gegenseitiger Solidaritaet und Unterstuetzung. Ich hab das Gefuehl, diesen Mechanismus jetzt klarer zu sehen. Das macht mir Hoffnung, dass ich nicht wieder darauf reinfalle! Danke dafuer 🙂

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  10. Pingback: Die Scham einen Körper zu haben, der nicht unsichtbar ist « rabentochter

  11. Blauammer

    Ich weiß nicht, ob ich schon zu spät dran bin, aber ich möchte mich auch bei Dir bedanken. Fürs Augen-Öffnen und eine neue Selbsterkenntnis!

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  12. Pingback: aus den kriegstagebüchern | can i say no ... ?

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