Kategorie-Archiv: Körpernormierung

Mehr werden

Ich habe immer mal wieder zum Thema Körper geschrieben, zum Thema Essen, zum Thema Sport. (Links findet ihr unten) Es ist nicht nötig die Texte zu kennen für diesen Beitrag, vieles würde ich heute so nicht mehr schreiben, weil ich Dinge anders beurteile, anders fühle, sie anders sind. Manches ist mir nahezu peinlich, als würde ich mich dafür schämen, wie verletzt ich war und wie sehr mich das bestimmt hat. Wie schade, dabei habe ich immer gekämpft, mit dem, was ich halt zur Verfügung hatte. Das wo ich heute bin, hätte sich mein 16-jähriges Selbsthass-Ich sich niemals vorstellen können. Weil Sport für mich lange voll der Terror war. Untrennbar verbunden mit weniger werden, mit Diäten, mit Zurichtung von Körper und Geist. Sport um des Sportes willen, unvorstellbar. Es wird Zeit für ein Update.

Ich habe Sport lange gehasst. Nicht als Kind, auch in der Schule hatte ich Spaß an Teamsportarten, konnte weiter machen bis die Lippen alle Farbe verloren haben. Aber ich war auch die, die als letzte gewählt wurde. Ich war die, die beim Sprinten mit Abstand am schlechtesten war. Ich war die, über die in der Halle wie auch in der Umkleide gelacht wurde. No fun. Trotzdem, Basketball oder Fußball spielen, reinstürzen, zeigen, dass ich dieses Mädchending nicht auf mir sitzen lassen kann – das ging immer. Wenn wir tanzen mussten und mit Tüchern wedeln, kam ich mir vor wie eine Mutation aus Roboter und Elefant und dachte sehnsüchtig an die Jungs nebenan, die so viel coolere Sachen machen durften.
Als Jugendliche war ich, vor allem auf Grund der nicht so entspannten Schulsituation, nicht gerade glücklich. Ich versuchte das mit den Therapien, verschiedenster Art, leider oft wenig hilfreich, wir redeten aneinander vorbei und mein Schmerz an der Ungerechtigkeit der Welt wurde als pubertäre Phase abgetan, das würde weniger werden. Ist es nie. Ich habe heute nur mehr Worte und Erklärungen für das, was ich damals schon spürte. Aber mal beiseite gelassen. Ich äußerte oft, dass ich ein Problem mit meinem Körper habe. Man hätte sagen können, kein Wunder, wenn Gleichaltrige dir täglich vermitteln, wie wertlos du bist. Oder kein Wunder, wir leben einer Gesellschaft in der es einen perfekten, für Jungen begehrenswerten Körper geben muss, weil nur der einen Wert hat. Oder kein Wunder, so einschränkend wie dieses Mädchending ist, wer soll das denn aushalten!

Aber, wer hätte es vermutet, all das kam nicht. Trotzdem gab es eine Lösung: Mach doch mal Sport! Dann nimmt man nämlich auch ab und wenn man abnimmt, dann hat man weniger Probleme mit dem Körper. Also wenn man dick ist. Mit 11 sagte ein Arzt das erste Mal, ich muss „auf mein Essen achten“. Wegen 5 kg über dem zulässigen BMI. Ich fing damit an und hörte lange nicht mehr damit auf, mit dem „achten“. Dass meine Probleme mit meinem Bauch an einer dickenfeindlichen Gesellschaft lagen und der auch Rest meines Körperhasses sehr wenig mit seiner Form und mir selbst zu tun hatte, darauf ist niemand gekommen. Wenn ich dünn gewesen wäre, vielleicht wäre es anders gelaufen, bestimmt. Dann wäre außen nichts anzupassen gewesen, nichts, woran so direkt gearbeitet werden kann. Wäre die Antwort auf „Was kann ich tun, ich hasse meinen Körper“ auch gewesen: „Mach mal Sport“ oder wahlweise eine Diät? Wohl kaum.
Aber, mir ging es ja nicht gut, also hab ich Vorschläge ausprobiert. Ich fuhr stundenlang Inliner, so lange, bis ich nicht mehr konnte – und musste dann noch zurück. Manchmal fast kriechend vor Erschöpfung. Ein Trick, um zu garantieren, dass ich möglichst viele Weight-Watcher-Pluspunkte generieren konnte. Ich ging alleine in skandinavische Wälder zum Wandern mit trocken Brot und vegetarischer Paste, Bewegung und keine Chance zu viel zu essen, das führte tatsächlich zu deutlich eingefalleneren Wangen. Ziel erreicht, Zwangsdiät erfolgreich abgeschlossen.

Später stellte ich fest, das mit dem Sport, das tut mir nicht gut. Übelkeit, schlecht schlafen, mieses Körpergefühl. Aber das konnte ja nicht sein, Sport sollte doch bei allem helfen! Ich probierte es weiter. Machte einen Sommer lang exzessiv Rugby. Ich war immer noch die letzte beim Laufen und hasste das viele sprinten, aber es war einer der besten Sportarten die ich je probierte. Nicht so viel Feingefühl, dafür Beine wegziehen, im Matsch landen und viele blaue Flecken kassieren. Damit konnte ich was anfangen. Ich verletzte mich manchmal doll, und nach einer langen Erkältung fand ich den Einstieg nicht mehr. Ich traf die Entscheidung, dass ich das nicht mehr will, die Nebenwirkungen, das schlechte Schlafen, alles. Aber das vergaß ich bald, dass das eine Entscheidung für mich war. Mit der Zeit akzeptierte ich das gesellschaftliche Bild von mir als faul und undiszipliniert. Ich würde ja nur meinen Arsch nicht hoch kriegen.
Die Lösungsvorschläge für meine Körperprobleme blieben ähnlich: Sport und „Ernährungsumstellung“, was auch nur die beschönigende Bezeichnung für Diät ist. Yoga wurde mir sehr oft geraten. Nichts gegen Yoga, und wenn ich heute auf Instagramm fette Frauen Yoga machen sehe bin ich nur hin und weg von der Schönheit, der Körperspannung und fühle mich sehr inspiriert. Aber ohne Aufprall, es macht mir einfach kein Vergnügen. Aber wie schon zu vor, ich probierte es aus. In einem Raum voller schlanker, mit sich im Einklang scheinender Frauen kam ich mir vor wie ein Nashorn. Etwas deplaziert. Eigentlich mag ich mein Nashornselbstbild. So fühle ich mich oft, nicht nur körperlich, aber irgendwie eher plump, nicht fein, immer ein bisschen zu laut, zu meinungsstark, zu konfrontativ, und auf jeden Fall viel zu wenig Frau. Also, Yoga brachte mich eher zum Heulen als in Einklang mit mir selbst.
Ich ging zum Roller Derby, einmal. Das ist so ein Sport, da fahren hauptsächlich Frauen auf Rollschuhen (yes, diese Dinger mit 4 Rollen!) im Kreis in zwei Teams, je 5 Personen und je eine davon, die Jammerin (die hat so einen Stern am Helm), versucht die anderen zu überrunden und so Punkte zu machen. Und die Blockerinnen versuchen das eben mit sehr viel Körpereinsatz zu verhindern. Ich fands geil, aber ich ging nicht wieder hin. Jahre später nochmal, wieder einmal. Ich fands wieder geil, aber ich ging nicht wieder hin. Es war mir zu viel.

Letztes Jahr verließen mich wieder eine Reihe von nahen Personen und mein soziales Netz wurde kleiner und außerhalb meiner fantastischen WG gab es nur wenige, die ich noch getroffen hab. Also wo in einer Studistadt einen Haufen cooler Frauen treffen die nicht mehr alle zwanzig sind und nach dem Bachelor wieder weg sind? Und so ging ich nochmal zum Roller Derby, diesmal mit einem völlig anderen Ziel. Und ich blieb. Am Anfang kam ich nur selten, neue soziale Situationen überfordern mich und ich brauche lange, bis ich mich einfinde. Es ist nicht weil ich besonders schüchtern wäre, aber die kleineren sozialen Brutalitäten aus der Schulzeit haben mich dann doch geprägt und Menschen lösen eher Unbehagen in mir aus.
Mit der Zeit fing ich an zu entdecken, was für eine fantastische Tätigkeit es ist, auf Rollschuhen in Frauen reinzufahren und sich wegzuschubsen. Ich fing an mich in den Sport zu verlieben. In die ganzen coolen Skaterinnen mit einer Körpervielfalt, deren Schönheit mir manchmal fast den Atem raubt, so wundervoll finde ich das. Ich hatte das Gefühl, ich kann das auch lernen. Schritt für Schritt kam ich vom kaum geradeaus stolpern bis zu Drehungen, rückwärts fahren und Freizeit im Skatepark verbringen. Ich machte mehr und mehr Sport, ich spürte, ich will das, genau das hier, und war bereit, die durchaus massiven Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. Trotz der ganzen Energie und inneren Kraft die das mir abverlangte – immer noch tut. Mein Körper fing an sich zu verändern.
Doch wie bedrohlich jeder Kommentar, der das positiv wahrnahm! Angst, es hat mit abnehmen zu tun. Angst, den Spaß vom Sport plötzlich mit Körperoptimierung zu verbinden. Angst, wieder süchtig nach dieser Bestätigung zu werden, Angst, zu hungern. Wie wenig Verständnis ich dafür oft bekomme, Angst vorm abnehmen – denn heimlich wünschen sich das doch alle, oder? Ich nicht. Tatsächlich nicht mehr. Fatpositivität spielt eine wichtige Rolle dafür, strickte Anti-Diet-Policy und vieles mehr. Und dann verlor ich Kilos, wurde weniger, wie viel Angst mir das machte! Katharina Röggla schrieb mal in dem Text „Mein Körper mein veganer Tempel“:

„Essstörungen sind nicht auf herrschende Schönheitsideale zu reduzieren. Dünn oder dick zu sein ist weniger eine Frage der Attraktivität als der, wie viel Raum eine Frau einnimmt – und dass Raum für Frauen* begrenzt ist, ist kein Geheimnis. Hunger handelt von Begehren, davon, was ich will von der Welt – und davon, wie viel mir zusteht. Wie hungrig darf ich sein, wie viel kann ich erwarten, was darf ich verlangen?“

Ich will nicht mehr Hungern. Mir nicht das kleinste bisschen versagen, ich will wachsen, stark sein, mich verändern, die Welt verändern, ganz viel Raum einnehmen, Menschen um mich herum berühren, die feministische Revolution voran treiben.
Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer mir sehr lieben Person. Ich regte mich auf über Freundschaftsbuchsätze wie „Bleib wie du bist“. Wie wichtig es doch ist, sich verändern zu dürfen, zu wachsen, sich zu bewegen, nicht zu erstarren im einem Stadium. Mehr zu denken, mutiger zu werden, neues kennenzulernen! Im selben Gespräch erzählte ich davon, wie schwer es mir fällt, damit umzugehen, abgenommen zu haben. Wie schwer mit der Veränderung umzugehen, mir so fremd zu werden, mich an den Körper gewöhnt zu haben, meinen dicken, ein bisschen schwabbeligen Nashornkörper. Wir waren bei friedlicher Koexistenz angekommen, mein Körper und ich. Keine Freundschaft, keine Feindschaft, aber ein politisches Statement.
Ein paar Tage später sprach sie mich nochmal auf unsere Unterhaltung an: „Weißt du, Steinmädchen, ich hab nochmal über das nachgedacht was du gesagt hast. Dass du gesagt hast, dass du das mit dem Körper nicht gut aushältst mit der Veränderung. Aber du hast auch gesagt, dass du es wichtig findest, sich verändern zu dürfen. Warum sollte das mit dem Körper anders sein?“
Das saß. Aus irgendeinem Grund hatte ich da so nie drüber nachgedacht. Dass auch Körper sich verändern dürfen. Ich darf mich verändern. Und es heißt nicht weniger werden, selbst wenn ein paar Kilos weggehen oder sich in Muskeln verwandeln. Ich mache Sport nicht um weniger zu werden. Ich mag mehr werden. Meine Kraft spüren. Meine Entschlossenheit spüren. Meinen Körper besser wahrnehmen. Es ist okay. Das passiert wenn man plötzlich anfängt über Monate fast jeden Tag Sport zu machen. Und ich möchte es nicht missen. Wie anders ich den Tag starte. Angefangen hat es mit fünf Minuten morgens, eher dehnen und klopfen statt wirklich bewegen. Neulich ertappte ich mich dabei, dass ich joggen gegangen bin (eine Sportart, die sich für mich wirklich wirklich sinnlos und laaaaangweilig anfühlte), einfach nur aus dem Bedürfnis mich zu bewegen und draußen zu sein – und weil der Boden zu überdeckt mit buntem Herbstlaub war um Rollschuh zu fahren. Um danach noch ein ordentliches Krafttraining hinterher zu schieben.
Ich bin immer noch perplex. Ich habe keine Selbstbild von mir als sportlich. Auch nicht als hartnäckig beim Thema Sport. Ich dachte doch ich hätte einfach nicht genug Selbstdisziplin! Wie anders mir das mein Team spiegelt. Wie anders die Realität ist, schon immer war – und wie wenig sichtbar unter all den gesellschaftlichen Normen.
Was doch der Grund alles verändert. Statt weniger mehr werden zu wollen. Mehr Körper, mehr spürbar, mehr im Leben, mehr Nähe. Um mehr Spaß haben zu können beim Roller Derby, um nicht jedes Training an meinen Muskeln rumzuächzen sondern um mehr da sein zu können im Spiel. Ich werde nicht weniger durch meinen Sport, ich nehme nicht weniger Raum ein. Mit diesen ganzen wunderbar lauten Frauen, dem schnellen bewegen auf den Rollschuhen und dem aus dem Weg schubsen – das ist nicht wenig Raum einnehmen. Dafür brauche ich Kraft und Muskeln. Und davon habe ich mehr.

Wer noch ein bisschen mehr wissen möchte über ein wütendes Steinmädchen, Fatshaming, Verletzungen und Machtanalysen, hier findet ihr ein paar alte Texte zum Thema:
„Über ge-störtes Essen, Vereinnahmung und das innere Schlachtfeld“
„Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper. Verlorenes und neu Erkämpftes.“
„Machen Sie doch einfach mal Sport!“
„Ich ess halt gerne“
„fremdkörper“

Wie ich dann doch mal Germanys Next Top Model guckte

Ein kurzes Review zu meiner ersten Begegnung mit Germanys Next Top Model. Das mit dem ganzen pathologischen Diskurs rund um “Magermodels”, das knüpfe ich mir dann doch lieber nochmal extra vor. Kurze Gedanken zu Realitäten, Perfektion und Inszenzierung.

Germanys Next Top Model war für mich immer sowas, was vollkommen weg von mir war. Es irritierte mich, wenn Freund_innen sich über die neusten Folgen austauschten. Ganz in meiner Ablehnung fragte ich immer: Aber du bist doch Feministin?! Es gab ein völliges Unverständnis meinerseits, wie eine_r sich angucken kann, wie Menschen systematisch vor der Kamera fertig gemacht werden, und es von Sexismus, Rassismus und Fat-Shaming nur so trieft. Das hatte ich alles mitbekommen, das Internet. In letzter Zeit begenete mir immer wieder Kritik an dieser Kritik. Verkürzt, hieß es. Pathologisierend. Realitätsfern. Ich las die spannenden Rezensionen auf Candytechno, ohne je eine Folge geguckt zu haben, und fragte meine Twittertimeline, ob ich mir das mal antun müsse. Die Antworten stimmten mich nachdenklich. Die Gründe gingen von Kapitalismusanalysen über bis zur simplen Tatsache, dass GNTM für viele Mädchen einfach seit 10 Jahren Aufwachsrealität ist. Oh. Dachte ich. Das habe ich nicht mitbekommen. Und ich bin doch immer dafür, Realitäten ernstzunehmen, zu sehen, zu analysieren, dahinter zu schauen. Mit Kritik am „Schönheitsideal“ konnte ich noch nie viel anfangen. Schien mir schon immer eher kurz, und die Gleichzeitigkeit, mit der Menschen Diäten hypen und gleichzeit auf „Magermodels“ schimpfen, hat mich auch schon lange verwirrt.

Es brauchte dann einen Raum ohne Handynetz und Laptop, und gute Gesellschaft, um mich soweit zu kriegen, mir eine komplette Folge zu geben. Eine Zusammenfassung der Folge 8, das war die die ich geguckt habe, findet ihr hier.
Ich kämpfte innerlich mit meinem Blick, konnte die Models nicht auseinanderhalten, hasste von der ersten Sekunden an den Fotografen und war stolz auf mich, dass ich wenigstens wusste wer Heidi Klum ist, so ganz in meiner Ahnungslosigkeit. Fotos mit Hühnern haben mich irritiert. Das ständige dissen war so äääh, was geeeeht? Mir fehlten die Worte. Dann kam die Sache mit den Kleidern. Gut, es sollte um die Models gehen, aber wenn schöne Kleider ins Spiel kommen, bin ich abgelenkt. Unter Wasser tauchen, in einer etwas größeren Telefonzelle. Mit Megakleidern. Okaaaay. Irgendwie fand ich es eine coole Idee. Gleichzeitig war so, ah, also Grenzen gibt es nicht. Grenzen darf eine nicht haben. Grenzen ist etwas, was nicht akzeptiert wird. Patriarchaler Alltag. Alles was Frauen nicht wollen, ist rumgezicke. Ein Mädchen tauchte, kam wieder hoch, schnappte nach Luft und bekam die Kritik: Sie solle mal entspannter gucken. Sie würde ja so aussehen, als ob sie die Luft anhalten würde. Okaaaaay. Klar, unter Wasser nicht so aussehen als ob eine die Luft anhält mit einem Riesenberg Stoff um sich herum. Kein Problem. Abgefahren, dass einige das hinkriegten.
Der männliche Blick der Kamera, war hinter allem. Die Posen, gewöhnlich, überall bekannt, aus der Werbung. Die Eine, die sagte, ich wollte immer nur schön sein. Und dann war ich nicht schön auf dem Foto. Sie weinte. Es war ernst.
Ich merkte meine Befremdung und gleichzeitig fing ich an auch mehr zu begreifen. Es geht nicht nur um ein Schönheitsideal. Es geht um Perfektion. Es geht um eine absurde Form von Kunst. Perfektion um jeden Preis. Der eigene Körper als Bühne, als Mittel zum Zweck. Wie oft sind unsere Körper Bühne, Geschlechterbühne, Anerkennungsbühne? Wie wenig oft gestehen wir uns das ein?
Wo ist die Trennung zwischen meiner Anmalperformance am Morgen und diesem „Ich war nicht schön.“ Bühneninszenierung auf die Spitze getrieben, vor der Kamera. Irgendwas daran hat mich berührt, irgendeine Ehrlichkeit, dieses Hängen des Lebens an diese eine Sache. Diese eine Sache, der Frauenkörper (TM), der genau dazu gedacht ist, dem männlichen Blick zu gefallen, Objekt zu sein, zu glänzen, zu Leuchten.
Ich muss aufpassen, mich nicht lustig zu machen. Nicht in bodenloser Arroganz mich diesem „Ich war nicht schön“ erhaben zu fühlen. Wie oft werte ich meinen Körper ab? Wie oft werten Leute Körper anderer Leute ab? Es ist Alltag, täglich, stündlich, überall wird kommentiert. Es gilt als lächerlich, einem Schönheitsideal hinterher zu laufen, als schwach, ja als krankhaft. Und doch tun es so viele, in dieser seltsamen Gleichzeitigkeit, in der sich darüber lustig gemacht wird. Den wenn von Schönheitsidealen gesprochen wird, sind wir Opfer, Opfer eines Ideals. Niemand will gerne Opfer sein, also heißt es sich, zu distanzieren, eine_r will ja nur ein bisschen abnehmen, nicht einem Ideal nachlaufen. Models? Alles Opfer. Opfer der Werbeindustrie, Opfer der Argenturen, Opfer des Schönheitsideal. Frauen können keine handelnden Subjekte sein. Schon gar nicht, wenn es ihre Körper betrifft. Es geht mir nicht darum, dass ich unsere dickenfeindliche Gesellschaft so besonders toll finde, dass ich es gut finde, wie wenig Raum Frauen durch ihren Körper zugesprochen bekommen. Aber in dieser Gesellschaft, die so sehr unsere Körper, unser Verhalten, unser Sein normiert, bestimmt, bezwingt, eine Hierachie aufzumachen, diejenigen abzuwerten, die dieses Ideal am sichtbarsten nach außen tragen – das erscheint mir mehr als verkürzt.
Ich weiß nicht, ob ich mir nocheinmal angucken werde, wie „Frauensolidarität“ nicht funktioniert, wie sich gegenseitig und von oben fertig gemacht wird, wie geschubst wird und verletzt wird, aber auch nicht wie aufgestanden und gekämpft wird, ich weiß nicht ob ich soviel geballten Sexismus, Rassismus, Fat-Shaming und Grenzverletzung ertrage – aber wenigstens verstehe ich jetzt mehr, wobei ich eigentlich weggucke, und wie viel Realität ich mir damit wegdenken und diskursivieren kann.

psychiatrieerfahrungen. vernetzung. links.

Hiermit möchte ich auf zwei relativ neue Blogs aufmerksam machen, zu Antipsychiatrie und Psychiatrieerfahrung. Wenn ihr selbst dazu schreibt, besonders aus einer (queer-)feministischen Perspektive, dann gebt mir Bescheid und ich verlinke euch gerne. Ich bin sehr an antipsychiatrischem Austausch interessiert. Ich erneuere gerne diesen Beitrag und auch meine Blogroll. Hier die beiden Blogs auf die ich in den letzten zwei Monaten gestoßen bin:

Auf My Owl House gibt es Erfahrungen aus der (Kinder- und Jugend-) Psychiatrie

Auf NoPsyko gibt es Kosmonautus` Erkundung des Planeten Psychiatrie

Und noch mehr Lesestoff:

Hier habe ich zu meinen Psychiatrieerfahrungen geschrieben, hier finden sich Texte allgemein zu Psychiatrie- und Pathologisierungskritik

Hier gibt es einen Text zu Psychiatrie und Anderssein auf Ein Blog von Vielen

Ich bin in Therapie – Kontextfrei und Spaßdabei. Eine Polemik.

Seit einiger Zeit gibt es auch in Deutschland das “Anti-Stigma-Projekt” namens “Ich bin in Therapie”. Auf der Seite Ich bin in Therapie kann öffentlich bekannt gegeben werden, dass eine_r sich in Therapie befindet. Zur Zeit ist die Seite nicht komplett zugänglich, da eine rechtliche Prüfung stattfindet, gerade wegen der Schutzbedürftigkeit der Betroffenen. Auf der About-Page vom Projekt steht:

Diese Anti-Stigma-Kampagne soll dazu dienen, Vorurteilen und Stigmata über psychische Störungen und Psychotherapie entgegenzuwirken, indem diese Thematik greifbarer und persönlicher gemacht wird. Dieses ambitionierte Ziel soll dadurch erreicht werden, dass Personen Fotos von sich hochladen und der Welt zeigen “Ich bin in Therapie” und dass es nichts ist, wofür man sich schämen muss.

Was ist also mein Problem mit dieser Kampagne und der Debatte darum? Zunächst einmal bin ich immer skeptisch gegenüber Kampagnen, die darauf beruhen, dass Betroffene “ihr Gesicht” zeigen. Das dreht die Aufgabe einer Gesellschaft, Verantwortung für die Gewalt die sie ausübt zu übernehmen, immer um. Es werden Stereotype abgebildet, oder diese in der Antithese (Ich bin gar nicht stereotyp depressiv) wieder gestärkt. Das erinnert ein wenig an die Abgrenzung von “Nicht alle Feministinnen sind lesbisch und rasieren sich nicht”.

Ziel der Kampagne ist es auch nicht, dass das Sprechen über Therapien erleichtert wird. Dazu würden Kassenproblematiken, überanalysierende Therapeut_innen, Heterosexualisierung und ähnlicher Spaß zählen. Ziel ist es, eine “Scham” aufzulösen. Die Scham psychisch krank zu sein. Das soll durch persönliche Geschichten erleichtert werden, durch Kontakt mit den Betroffenen. Das Erinnert mich an diese Sache mit den lebendigen Bibliotheken. Das zugrunde liegende Verständnis von sogenannten psychischen Krankheiten wird nicht in Frage gestellt:

Wichtig ist eine solche Kampagne deshalb, weil es viele Personen gibt, die an einer psychischen Störung leiden – eventuell weit mehr, als du vermuten würdest. […] Das bedeutet, dass etwa jede_r Dritte bis Vierte innerhalb von 12 Monaten die Kriterien für eine psychische Störung erfüllt.

Hier steckt der Teufel im Detail, denn eigentlich wird die Kritik gleich mitgeliefert: Menschen erfüllen die Kriterien von sogenannten Störungen. Wer legt diese Kriterien fest? Oft wird darauf verwiesen, dass immer mehr Menschen unter psychischen Krankheiten leiden. Was dabei meist verschwiegen wird, ist, dass das, was als psychisch krank gilt, historisch und aushandelbar ist. Um festzulegen was als Krank gilt, treffen sich Komissionen die dann bestimmen, was in den USA oder hier Symptome von Krankheiten sind. Dann streiten sie sich, und dann kommen allerlei krude Sachen dabei rum, wie beim DSM-IV “Gender-Dysphoria” oder die Geschichte mit der krankhaften Trauer.

Wie in der Debatte ums DSM-IV wird schon die einer oder andere Diagnose in Frage gestellt, mal überlegt, ob Trauer nun doch nicht krankhaft ist oder sogar die Normalität irgendwie etwas schräg ist. Aber dann gibt es ja die “echten”, “wirklichen” Krankheiten. Diejenigen, die körperlich nachgewiesen werden können. Und da das so wichtig ist, versuchen Forscher_innen die Folgen von Traumata im Gehirn nachzuweisen – erfolgreich. Für eine emanzipatorische Kritik ist das mehr als beunruhigend, wenn beispielsweise Gewalterfahrungen nur noch dann anerkannt werden, wenn sie im Gehirn nachgewiesen werden. Auch heute braucht es bereits eine psychiatrische Diagnose, um auch “echt” traumatisiert zu sein. Was das für die Anerkennung von Leiden bedeutet, habe ich hier schonmal versucht zu fassen.

Es gibt Kritik an dieser aktuellen Aktion. Doch diese Kritik bezieht sich vor allem auf Datenschutzfragen und die Problematik, dass das Bekanntwerden von “psychischen Krankheiten” Konsequenzen führen kann. Das ist eine berechtigte Kritik, wenn sie auch vollkommen verkürzt daher kommt. Aber ja. Konsequenzen! Die gibt es einige:

“Wenn jemand eine schwere Persönlichkeitsstörung oder eine Schizophrenie hat, ist das natürlich ein ernstes medizinisches Problem, das gegen eine Verbeamtung spricht.” (Thomas Hilbert in Die Zeit)

Aber sicherlich ist es eine sehr gut Idee, Menschen mit Therapiehintergrund (welche Hintergründe es heute nicht alle gibt!) ihre Gesichter herzeigen zu lassen. Alles eine Frage des Stolzes! Zieht auch niemals unfreiwillige Pathologisierungen nach sich… Es wird sichtbar: Auch bei den Kritiken bleiben psychische Störungen als etwas gesetztes, naturalisiertes unkommentiert stehen. Auch hier fehlt ein Bezug auf ein psychiatrisches System, dass nicht erst seit diesem Jahrhundert Menschen klassifiziert und einsperrt – mit der Begründung, diese Störungen würden Menschen gefährlich, unberechenbar machen. Zu ihrem eigenen Schutz ist manchmal eine Internierung sinnvoll. Menschen mit psychiatrischen Diagnosen können immer wieder entmündigt und eingewiesen werden. Wenn die Diagnose “Depression” lautet, mag das nicht so schnell gehen als wenn das Konstrukt “paranoide Schizophrenie” heißt – doch der Herrstellungsprozess dieser Krankheiten basiert auf psychiatrischem Wissen, dass nun nicht gerade eine rühmliche Geschichte hat.

Teil einer feministischen Kritik ist es also, nicht nur die Konstruktion von Psychisch Kranken zu hinterfragen, sondern auch zu prüfen, wie sehr medizinischen Wissen naturalisiert, Geschlechterverhältnisse aufrechterhält und Menschen die nicht ins Schema passen aussondert. Die Trennung von gesund und krank ist keine natürliche, sondern eine Geschaffene. In der Vergangenheit gab es zum Beispiel mal die Trennung von Leben und Tod als relevante Bezugsgrößen. All diese Aspekte machen den Konstruktionscharakter dessen deutlich, was in der Kampagne “Ich bin in Therapie” als Stigma bezeichnet wird. Die Aktion jedoch ist wiedermal eine weitere der Art ich-möchte-helfen. Ein paar Psychostudis und Psycholog_innen haben sich zusammengetan und gedacht, hey, machen wir mal was gutes und Befreien unsere Kund_innen von ihrer Scham, sich von uns analysieren und therapieren zu lassen. Die Macht möge mit uns sein. Sie wollen doch nur helfen, nur denen helfen, die an psychischen Störungen leiden. Kapitalismus, Patriarchat, white supremacy… das Problem sind die Krankheiten, die sind nämlich im Gehirn nachweisbar und müssen nur endlich von ihrem Stigma bereinigt werden! Ein Hoch auf die neutrale, objektive Medizin!

Bevor ich mich nun weiter in meiner krankhaften Polemik verliere, beende ich diesen Text und fluche eine Runde auf Psychologiestudent_innen und ihre tollen Ideen, den Mangel an Kontextualisierung, Gesellschaftskritik und eine Naivität, die mich echt vom Hocker haut.

Der feministische Blick

Heute hörte ich das erste Mal vom „feministischen Blick“. Ich war ganz aufgeregt, weil ich dachte: Oh yeah, vielleicht habe ich das schon. Vielleicht ist das dieser gleichgültig-bis-leicht-verachtende Blick Typen gegenüber. Mein Gedanke war gar nicht so weit weg, aber ich traf doch nicht ganz. Meine Dozentin erzählte, dass zu ihrer Zeit der feministische Blick den Blick bezeichneten, den Frauen hatten wenn sie den Raum betraten und dachten: Es kümmert mich überhaupt GAR nicht, wie ihr (Männer) mich findet. Weiterlesen

Ge-störte Identitäten

Ich bin nicht gut in dieser Identitätsgeschichte. Was ist das schon, Identität. Stabil? Dekonstruiert? Im Fluss? Ich beziehe mich viel auf Kleidung. Greifbar und so. Ein Thema, das für mich immer eine Rolle spielte. Nicht gerade freiwillig. Das ist auch Thema. Und die Frage nach dem Ausschnitt. Und der „Identitätsstörung“. Erste Gedankensprünge verschriftlicht. Weiterlesen

Nix mehr mit Maßen

Neulich saß ich wieder mit Freundinnen zusammen und das Thema Schokolade und Diäten kam auf. Ich habe sofort versucht zu intervenieren. Keine Diätgespräche in meiner Gegenwart. Dieses ganze Ding mit „aber ich mache das doch für mich damit ich mich wohler fühle“ stößt mir auf. Ich habe das doch nicht gemacht damit ich mit wohler fühle. Sondern damit andere mich anders behandeln und ich mich dann durch diese andere Behandlung wohler fühle. Wobei das auch einfach ist, das zu internalisieren und als eigenen Wunsch zu definieren. Fühlt sich weniger nach diskriminierenden Strukturen an dann. Ändert aber nichts am gesellschaftlichen Zwang. Weiterlesen

wahnsinnswut oder therapieordner dreieinhalb

ich bin so wütend. wütend wütend wütend.

es ist gut dass dieses gefühl da ist. ich las gerade in der autobiografie von beth ditto und kam an die stelle im krankenhaus. wo die ganzen irren sind. die gewalt erlebt haben. und dann nicht mehr so einfach rauskommen. und fragen von männern gestellt bekommen. sie schreibt, dass das der ort wäre wo eine wohl nach gewalterfahrungen landen würden. und was das denn bringen würde.

und dann wurde ich wieder so wütend. wütend wütend wütend.

ich habe keine lust auf noch eine therapie. Weiterlesen

Über ge-störtes Essen, Vereinnahmung und das innere Schlachtfeld

Ein Text über ge-störtes Essen. An dem ich schon lange schreibe. Dieser Text versucht einen Spagat zwischen einer radikalen Kritik an Diagnostik/Störungszuschreibung und gleichzeitig einer radikalen Akzeptanz der Situation wie sie ist und was das bedeutet. Zwischen Fat-Positiv und Essenshass. Ein Versuch. Weil meine Gefühle und Positionen so zerrissen sind. Aus guten Gründen. Und diesen Kampf findet ihr hier auch wieder. Mir fehlt leider viel alternatives Vokabular. Ich schreibe Ess-störungen, weil die Störung nicht in der Person liegt, sondern von außen stattfindet. Ich verstehe Begrifflichkeiten in ihrer Selbstzuordnung, nicht darin, wie irgendwelche Kataloge zuordnen, da die Grenzen doch sehr fließend sind – niemand kann das von außen definieren. Mir jedoch hilft der Begriff „ess-gestört“ zur Zeit noch, um vieles fassen zu können. Dieser Text ist aus der Perspektive einer dicken Frau die mehr als die Hälfte ihres Lebens mit dem Essen und gegen_für sich kämpft. Manche Sätze können wehtun weil da viel Schmerz drin ist. Selbstverletzung_zerstörung. Persönliches und so. Ich rege mich über Vereinnahmungen auf. Und schreibe über Vergleiche, Kämpfe, Verletzungen und die Verzweifelte Suche nach der Anerkennung des eigenen Schmerzes. Weiterlesen

Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper. Verlorenes und neu Erkämpftes.

Der Text „Von Gewicht“ hat mich irgendwie aus der Bahn geworfen. Erst wusste ich nicht genau warum. Aber ich glaube es war einmal dieser Satz „Ich habe schon eine Form“. Ein so unglaublich kluger Satz. So hilfreich.
Und doch so wenig zugänglich für mich.
Ich habe keine Form.

Natürlich weiß ich, dass ich rein von einer äußerlichen Betrachtung eine Form habe, eben einen Körper mit Längen und Weiten und Ecken und Kanten und Haaren und Haut und allem was dazugehört. Ich könnte mich hinlegen und nachzeichnen (lassen). Aber es fühlt sich nicht an wie eine Form. Weil es sich nicht anfühlt als wäre dieses Etwas mit Kopf Rumpf Armen Beinen – ein Teil von mir.

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