triggerwarnungen – sei rücksichtsvoll! ein rant.

dies ist wohl mein wütenster text zu triggerwarnungen, vielleicht mein spitzester, aber es ist auch mein dritter. sicherlich wiederhole ich einiges. aber ich fühle mich ungehört, nicht ernstgenommen, meine kritik relativiert und in ein schema gedrängt, dass mich aggro macht, weil es viel zu eng ist.

um gleich zu beginn klar zu sein, weil das oft verloren geht: ich weiß sehr gerne worum es in texten, filmen, bildern geht. ich bin, wie schön öfter geäußert, ein großer fan von aussagekräftigen überschriften. da steckt nämlich keine erwartungshaltung und kein gesellschaftliches gewaltsam schützen system hinter, sondern einfach eine information. aufgrund dieser information kann ich entscheiden ob ich einen text lesen will oder nicht. weils mich triggern könnte, weil ich etwas anstrengend finde oder vielleicht auch einfach nur gerade kein bock habe etwas zu einem bestimmten thema zu lesen. über einem text der heißt: „frau vergewaltigt“ braucht ich keine triggerwarnung „sexualisierte gewalt“. also – ich habe nichts dagegen, dass wir alle informiert entscheiden können, was wir lesen wollen und was nicht, im gegenteil. also hört bitte auf so zu tun, als würde ich diejenigen, die triggerwarnungen befürworten, ins kalte wasser stoßen wollen oder gar personen verurteilen, die gerne wissen wollen, worum es in einem text geht weil sie informierte entscheidungen bevorzugen. Weiterlesen

Das Patriarchat ist an allem Schuld.

Edit: Unten findet ihr das Ganze auf Vorgelesen.

Das Patriarchat ist schuld. Ich schwöre euch, das Patriarchat ist schuld. Ich sitze hier und presse mir ein Kühlpack auf die Wange und habe Schmerzen. Ich darf keine „krümmelige und keine feste“ Nahrung zu mir nehmen. Let’s face it: Brei, Quark und Suppe. Ich darf nicht trinken, nicht rauchen, keinen Sport machen. Damit wären alle gesellschaftlich angesehenen Bewältigungsstrategien ausgeschlossen. Ich bin nicht sonderlich gut erträglich wenn ich nichts machen kann. Zum Denken und somit für Fleißigsein stehe ich zu sehr unter Schmerzdrogen. Ein Zustand, den ich unterschätzt habe. Auf allen Ebenen. Jedenfalls sitze ich hier, sehr schlecht gelaunt, und mir fällt nichts, aber auch gar nichts ein, wie ich wenigstens noch ein wenig sinnvoll destruktiv mit der Welt umgehen sollte.
Also schreibe ich einen Blogtext.
Jedesmal, wenn es in der Wange zieht denke ich: Scheiß Patriarchat. Überhaupt denke ich das sehr oft. Wenn mir was auf den Fuß fällt. Wenn ich stolper. Wenn mir das Patriarchat im Kiefer rumschneidet. Ich denke wirklich, wirklich oft am Tag: Scheiß Patriarchat. Ein Zentel so oft spreche ich das dann laut aus, was immer noch oft genug ist. Mit einer guten Freundin rede ich immermal wieder über die scheiß Dinge im Leben. Irgendwann kommen wir immer zu dem Punkt: Scheiß Patriarchat. Selbst wenn es um was völlig anderes geht, das Problem sich wirklich nicht direkt relaten lässt – irgendwann gibt es immer diesen Moment wo es dann doch wieder passt zu sagen: Scheiß Patriarchat.
Vielleicht erwartet ihr jetzt eine Wendung in diesem Text. Aber ich habe mir ja überlegt, dass mit den Wendungen lasse ich sein. Und ich habe Schmerzen und ich hasse das Patriarchat wirklich sehr. Und wenn ich gerade daran denke, dass sich wieder Maskus auf meinem Blog rumtreiben, da fällt mir auch nichts anderes ein als mich zu wiederholen: Scheiß Patriarchat.
Klar kann ich das ausdifferenzieren, könnte analysieren wie nervig Maskulinisten auf feministischen Blogs sind, wie sehr sie doch alles falsch verstehen, ich könnte was dazu schreiben dass ich eine psychisch gestörte männerhassende feministische Lesbe bin, ich könnte gar versuchen es zu widerlegen, aber dass ist mir nun wirklich zu anstrengend. Feminist Bore-Out wie Nadia vor einiger Zeit so treffen schrieb. Ich könnte ausdifferenzieren, dass die Verlinkung von „Mir ist was auf den Fuss gefallen“ und „Scheiß Patriarchat“ weniger direkt ist als die von Angetatscht werden und sich aufregen. Aber ich könnte auch erklären, dass ich dem Moment an das Patriarchat gedacht habe, hui hui, ich könnte in die Psychologiekiste packen und einen freudschen Gegenstandsfall kreieren!
Worauf ich hinaus will: Das Patriarchat ist Schuld. Schuld am Klimawandel, Schuld an schlechter Musik, Schuld am Untergang von Twitter und vor allem Schuld daran, dass ich jetzt keinen Tequila trinken kann um mich adäquat übers Patriarchat aufzuregen. (Tequila gilt hier als Metapher. Ich trinke eigentlich nicht so gerne Schnaps. Aber ich habe Grey’s Anatomys geguckt.)
Vielleicht sage ich auch immer nur Scheiß Patriarchat, damit ich weniger jammer. Damit ich nicht in diese kuschlige Höhle aus Schmerz rutsche, meine Wunden lecke und mich nur noch um mich selbst drehe. Vielleicht brauche ich diese Erinnerung im Alltag um zu wissen, dass es zwar weh tut, ich aber was tun kann. Vielleicht brauche ich diesen Satz, damit ich nicht vergesse, was zu unternehmen, vielleicht brauche ich diese zwei Wörter um mich nicht zu gemütlich im Schmerz einzurichten. Oder einfach deshalb, weil es wirklich immer passt.

Ich bin in Therapie – Kontextfrei und Spaßdabei. Eine Polemik.

Seit einiger Zeit gibt es auch in Deutschland das “Anti-Stigma-Projekt” namens “Ich bin in Therapie”. Auf der Seite Ich bin in Therapie kann öffentlich bekannt gegeben werden, dass eine_r sich in Therapie befindet. Zur Zeit ist die Seite nicht komplett zugänglich, da eine rechtliche Prüfung stattfindet, gerade wegen der Schutzbedürftigkeit der Betroffenen. Auf der About-Page vom Projekt steht:

Diese Anti-Stigma-Kampagne soll dazu dienen, Vorurteilen und Stigmata über psychische Störungen und Psychotherapie entgegenzuwirken, indem diese Thematik greifbarer und persönlicher gemacht wird. Dieses ambitionierte Ziel soll dadurch erreicht werden, dass Personen Fotos von sich hochladen und der Welt zeigen “Ich bin in Therapie” und dass es nichts ist, wofür man sich schämen muss.

Was ist also mein Problem mit dieser Kampagne und der Debatte darum? Zunächst einmal bin ich immer skeptisch gegenüber Kampagnen, die darauf beruhen, dass Betroffene “ihr Gesicht” zeigen. Das dreht die Aufgabe einer Gesellschaft, Verantwortung für die Gewalt die sie ausübt zu übernehmen, immer um. Es werden Stereotype abgebildet, oder diese in der Antithese (Ich bin gar nicht stereotyp depressiv) wieder gestärkt. Das erinnert ein wenig an die Abgrenzung von “Nicht alle Feministinnen sind lesbisch und rasieren sich nicht”.

Ziel der Kampagne ist es auch nicht, dass das Sprechen über Therapien erleichtert wird. Dazu würden Kassenproblematiken, überanalysierende Therapeut_innen, Heterosexualisierung und ähnlicher Spaß zählen. Ziel ist es, eine “Scham” aufzulösen. Die Scham psychisch krank zu sein. Das soll durch persönliche Geschichten erleichtert werden, durch Kontakt mit den Betroffenen. Das Erinnert mich an diese Sache mit den lebendigen Bibliotheken. Das zugrunde liegende Verständnis von sogenannten psychischen Krankheiten wird nicht in Frage gestellt:

Wichtig ist eine solche Kampagne deshalb, weil es viele Personen gibt, die an einer psychischen Störung leiden – eventuell weit mehr, als du vermuten würdest. [...] Das bedeutet, dass etwa jede_r Dritte bis Vierte innerhalb von 12 Monaten die Kriterien für eine psychische Störung erfüllt.

Hier steckt der Teufel im Detail, denn eigentlich wird die Kritik gleich mitgeliefert: Menschen erfüllen die Kriterien von sogenannten Störungen. Wer legt diese Kriterien fest? Oft wird darauf verwiesen, dass immer mehr Menschen unter psychischen Krankheiten leiden. Was dabei meist verschwiegen wird, ist, dass das, was als psychisch krank gilt, historisch und aushandelbar ist. Um festzulegen was als Krank gilt, treffen sich Komissionen die dann bestimmen, was in den USA oder hier Symptome von Krankheiten sind. Dann streiten sie sich, und dann kommen allerlei krude Sachen dabei rum, wie beim DSM-IV “Gender-Dysphoria” oder die Geschichte mit der krankhaften Trauer.

Wie in der Debatte ums DSM-IV wird schon die einer oder andere Diagnose in Frage gestellt, mal überlegt, ob Trauer nun doch nicht krankhaft ist oder sogar die Normalität irgendwie etwas schräg ist. Aber dann gibt es ja die “echten”, “wirklichen” Krankheiten. Diejenigen, die körperlich nachgewiesen werden können. Und da das so wichtig ist, versuchen Forscher_innen die Folgen von Traumata im Gehirn nachzuweisen – erfolgreich. Für eine emanzipatorische Kritik ist das mehr als beunruhigend, wenn beispielsweise Gewalterfahrungen nur noch dann anerkannt werden, wenn sie im Gehirn nachgewiesen werden. Auch heute braucht es bereits eine psychiatrische Diagnose, um auch “echt” traumatisiert zu sein. Was das für die Anerkennung von Leiden bedeutet, habe ich hier schonmal versucht zu fassen.

Es gibt Kritik an dieser aktuellen Aktion. Doch diese Kritik bezieht sich vor allem auf Datenschutzfragen und die Problematik, dass das Bekanntwerden von “psychischen Krankheiten” Konsequenzen führen kann. Das ist eine berechtigte Kritik, wenn sie auch vollkommen verkürzt daher kommt. Aber ja. Konsequenzen! Die gibt es einige:

“Wenn jemand eine schwere Persönlichkeitsstörung oder eine Schizophrenie hat, ist das natürlich ein ernstes medizinisches Problem, das gegen eine Verbeamtung spricht.” (Thomas Hilbert in Die Zeit)

Aber sicherlich ist es eine sehr gut Idee, Menschen mit Therapiehintergrund (welche Hintergründe es heute nicht alle gibt!) ihre Gesichter herzeigen zu lassen. Alles eine Frage des Stolzes! Zieht auch niemals unfreiwillige Pathologisierungen nach sich… Es wird sichtbar: Auch bei den Kritiken bleiben psychische Störungen als etwas gesetztes, naturalisiertes unkommentiert stehen. Auch hier fehlt ein Bezug auf ein psychiatrisches System, dass nicht erst seit diesem Jahrhundert Menschen klassifiziert und einsperrt – mit der Begründung, diese Störungen würden Menschen gefährlich, unberechenbar machen. Zu ihrem eigenen Schutz ist manchmal eine Internierung sinnvoll. Menschen mit psychiatrischen Diagnosen können immer wieder entmündigt und eingewiesen werden. Wenn die Diagnose “Depression” lautet, mag das nicht so schnell gehen als wenn das Konstrukt “paranoide Schizophrenie” heißt – doch der Herrstellungsprozess dieser Krankheiten basiert auf psychiatrischem Wissen, dass nun nicht gerade eine rühmliche Geschichte hat.

Teil einer feministischen Kritik ist es also, nicht nur die Konstruktion von Psychisch Kranken zu hinterfragen, sondern auch zu prüfen, wie sehr medizinischen Wissen naturalisiert, Geschlechterverhältnisse aufrechterhält und Menschen die nicht ins Schema passen aussondert. Die Trennung von gesund und krank ist keine natürliche, sondern eine Geschaffene. In der Vergangenheit gab es zum Beispiel mal die Trennung von Leben und Tod als relevante Bezugsgrößen. All diese Aspekte machen den Konstruktionscharakter dessen deutlich, was in der Kampagne “Ich bin in Therapie” als Stigma bezeichnet wird. Die Aktion jedoch ist wiedermal eine weitere der Art ich-möchte-helfen. Ein paar Psychostudis und Psycholog_innen haben sich zusammengetan und gedacht, hey, machen wir mal was gutes und Befreien unsere Kund_innen von ihrer Scham, sich von uns analysieren und therapieren zu lassen. Die Macht möge mit uns sein. Sie wollen doch nur helfen, nur denen helfen, die an psychischen Störungen leiden. Kapitalismus, Patriarchat, white supremacy… das Problem sind die Krankheiten, die sind nämlich im Gehirn nachweisbar und müssen nur endlich von ihrem Stigma bereinigt werden! Ein Hoch auf die neutrale, objektive Medizin!

Bevor ich mich nun weiter in meiner krankhaften Polemik verliere, beende ich diesen Text und fluche eine Runde auf Psychologiestudent_innen und ihre tollen Ideen, den Mangel an Kontextualisierung, Gesellschaftskritik und eine Naivität, die mich echt vom Hocker haut.

wenn die welt kopf steht

ich versuche wieder zu schreiben. worte zu finden für die mir unbegreifliche welt in der ich jetzt lebe. worte für die irritationen und die schmerzen, die diese welt auslöst – gerade weil sie so schön ist.
diese völlige irritation, wenn mich menschen plötzlich mögen. einfach so. da stehe ich vor wie so ein auto und kapiers nicht. ich versuche mir logisch herzuleiten, dass ich ja auch humor habe, über vieles nachdenke und sowas. aber all das löscht die irritation nicht aus. Weiterlesen

take pride in your tears

…niemals als schwäche darlegen lassen, was eigentlich eine stärke ist.

es könnte sich als höhepunkt von peinlichkeit einsortieren lassen, vor lauter leuten loszuflennen – gerade wenn von dir souveränität erwartet wird. als demütigend, schwach, hypersensibel und was nicht noch alles.

emotionalität ist anstrengend, aber es gibt viele gründe dafür. und wenn sie in einem kontext passiert, nennen wir ihn wissenschaft, wo diese nicht gerne gesehen wird, macht es das noch anstrengender.
doch wie absurd ist das in einer gesellschaft, die an so vielen punkten so scheiße ist. und wenn das mal weh tut, dann heißt das letztendlich auch nur, dass die realität nicht hinter einem wattebausch von internalisierter kackscheiße verschwindet.

dies ist ein ganz kleines plädoyer.

denn auch tränen lassen sich mit stolz tragen.

hintergrundgeräusch

es klingelt der wecker. es ist früh am morgen. ich stehe auf, gehe ins bad. duschen, deo wählen. ich greife nach den sorgfältig am abend zurechtgelegten kleidungsstücken. eine stumpfhose,eine sportshorts, unterwäsche und ein Hemd. weiß mit streifen. langärmlig. ein schwarzes top drüber. elegant-lässig.ich knöpfe die ärmel zu,ziehe sie runter bis zum handgelenk. es passt genau. Weiterlesen

Der feministische Blick

Heute hörte ich das erste Mal vom „feministischen Blick“. Ich war ganz aufgeregt, weil ich dachte: Oh yeah, vielleicht habe ich das schon. Vielleicht ist das dieser gleichgültig-bis-leicht-verachtende Blick Typen gegenüber. Mein Gedanke war gar nicht so weit weg, aber ich traf doch nicht ganz. Meine Dozentin erzählte, dass zu ihrer Zeit der feministische Blick den Blick bezeichneten, den Frauen hatten wenn sie den Raum betraten und dachten: Es kümmert mich überhaupt GAR nicht, wie ihr (Männer) mich findet. Weiterlesen

Runde 3, the last one. Warum ich nicht mehr zu Selbstfürsorge(kritik) bloggen werde

Ich beschäftige mich schon eine ganze Weile nicht mehr mit Selbstfürsorge(kritik), doch auf meinen letzten Text vom Oktober 2013  gab es in den letzten Wochen drei mir bekannte Bezüge. Das ist schön, weil ich mag wenn meine Texte Reibungsfläche bieten und freue mich, dass dieser Text doch länger in manchen Köpfen blieb. Ich danke! Ich dachte heute: vielleicht schreibe ich auch nochmal einen letzten Text zum Thema. Ich orientiere mich auch bei diesem Text nicht wirklich an den aktuellen, sondern mehr an einem Eindruck. Da ich in letzter Zeit viel lieber mit Haraway[LINK) spiele, soll sie mich auch hier begleiten, mit den drei Begriffen: Verortung, Verantwortung, Handlungsfähigkeit. Weiterlesen

Gedankenfetzen aus der Hölle

Ein paar Abendgedanken zu homophoben Auseinandersetzungen in der Verwandtschaft und dem Umgang damit.

Die Sache mit dieser sexuellen Orientierung. #idpet hat da bei mir auch ganz schön was durcheinander gewürfelt. Manchmal fällt es mir schwer, mit der Welt wie sie ist umzugehen, weil alles in mir da einfach nur mit einem großen Fragezeichen sitzt. Wo ich sonst es als eine Stärke von mir bezeichnen würde, mich in die unterschiedlichsten Denksystem einzufinden, gelingt es mir gerade bei (religiöser) Homophobie nicht. Weiterlesen