Gerichtlich definiert: So geht einvernehmlicher Sex

Es gibt nicht viele Worte. Alles wurde schon geschrieben, alles wurde schon gesagt. Es bleibt Sprachlosigkeit. Das Problem ist so tief in unserer Gesellschaft, in unserer rape culture verankert, da wundert das Urteil gegen Gina-Lisa Lohfink nicht. Und doch. Die Argumentation der Staatsanwältin enthält so viele Blüten, so viele Aussagen über das, was in unserer Gesellschaft als einvernehmlicher Sex definiert wird.

Das Gericht beschließt: Der Sex war einvernehmlich. Nur das Filmen nicht. Wie einvernehmlich kann Sex sein, wenn währenddessen gegen den Willen gefilmt wird? Wo ist da die Einvernehmlichkeit?

„Die Männer haben sich schäbig verhalten, haben Aufnahmen gemacht. Aber es gab keine Vergewaltigung.“

Möchtest du Sex? Ja, aber ich möchte nicht gefilmt werden. Also Filmen, ist doch klar einvernehmlicher Sex. Gefilmt werden als Teil einer sexuellen Handlung ist ein Teil dieser Handlung. Und wenn diese Handlung nicht einvernehmlich ist, handelt es sich nicht um einvernehmlichen Sex.
Was ist bloß mit den Leuten los? Fucked-up Sexverständnis.
Es ist nicht nur so, dass dieses Urteil Frauen davon abhalten wird, Vergewaltigungen anzuzeigen. Es trägt dazu bei, Frauen davon abzuhalten, ihre Erfahrungen von Gewalt als solche zu definieren. Denn das ist es doch, wo Vergewaltigungskultur am tiefsten greift. Das die Täter ihre Taten als Sex, als einvernehmlich, als Spaß und als Lust definieren.

„Ja, das war kein Blümchensex, die Szenerie war vom Sexualtrieb der beiden Männer bestimmt.“

Auch hier scheitere ich am Verständnis der Einvernehmlichkeit. Klar gibt es Sexualpraktiken, die bestimmte Dominanzrollen vorsehen. Standardheterosex ist so vorgesehen, traurigerweise. Also eine Orientierung an der männlichen Lust. Sex, genauer, Geschlechtsverkehrt, wird durch den Samenerguss des Mannes definiert. Das ist bekannt. Das ist genormt.
Das macht es nicht richtig.
Das macht es nicht okay.
Und das macht eine „Szenerie“ die vom „Sexualtrieb der beiden Männer“ bestimmt war, nicht zu etwas Einvernehmlichem. Einvernehmlich bedeutet, dass alle Partein bewusst in eine „Szene“ einwilligen. Alleine durch das Filmen wurde diese Regel gebrochen. Alleine dadurch, dass die Kommunikation der Frau zu einer Nebensächlichkeit reduziert wird. Das Hör auf wird also nur auf einen bestimmten Teil der „Szene“ bezogen, nichts, was gewalttätig ist, lediglich „schäbig“.

„Es kommt mir vor, als würden sie an manchen Stellen des Videos posen.“

Das ist es doch, was Vergewaltiger tun. Sex nachstellen. Sich selbst einreden, dass dies Sex ist. Frauen in „Posen“ schieben. Verlangen, dass diese Lust zeigen. Denn das soll zum Teil ihrer Lust werden. Eine ist also in einer Situation, in der eine nicht sein will („Hör auf“). Doch die Täter tun so, als hätte das, was sie tun, mit Lust zu tun. Aber ihnen geht es nicht um einvernehmlichen Sex. Wie kann das sein, wenn sie doch weiter gefilmt haben? Es geht darum, dass sie es können. Es geht um ihre Lust. Um ihre Fantasien. Um ihre Posen. Um ihre Macht und ihre Gewalt.
Wie immer.

Es geht nicht um sie als Täter. Nicht um ihre Gewalttätigkeit, nicht darum, dass einer schon mehrmals zuvor angezeigt wurde, unter anderem auch wegen Vergewaltigung. Es geht nicht um ihren Alkoholgehalt, um ihr brutales sonstiges Sexualleben. Was seltsam ist. Denn diesmal war doch die Angeklagt in der Rolle, in der dieses „In Zweifel für den Angeklagten“ gelten sollte. Aber es gab ja keine Zweifel.
Zweifel könnte es nur geben, wenn die unfassbar gewalttätige Heteronormsexualität mit ihrer Reduzierung auf die Lust des Mannes in Frage gestellt werden würde. Wenn nicht die Herkunft, nicht der Beruf und nicht das Aussehen der Verletzten die Bewertung der Tat diktieren würden. Doch da das die Norm ist, werden weiterhin Personen die vergewaltigt werden, sich selbst, ihren Gefühlen und ihrem Körper niemals trauen können. Denn das hohe Gericht hat erneut definiert: So geht einvernehmlicher Sex. Das ist okay.

Und das ist so verdammt nicht okay.

lach doch mal

ein lächeln kostet nichts
günstiger als strom
und spendet mehr licht
erhellt sogar das innen

ein lächeln kostet nichts

außer
meinen körper
meine wahrnehmung
und meine selbstachtung

die fähigkeit zu sagen,
wenn etwas nicht okay ist
die fähigkeit,
das überhaupt zu merken

Sexualisierte Gewalt. Weiß-Deutsche Vorbildlichkeiten

In Deutschland geistert die Vorstellung umher, die deutsche Kultur gegen eine frauenfeindliche Invasion verteidigen zu müssen. Währenddessen wird ein Strafbefehl von 24 000 Euro ausgesprochen gegen eine Frau, die ihre Vergewaltiger angezeigt hat. Deutsche Kultur at it’s best. Dass in Deutschland ein Nein nicht als Argument gegen Vergewaltigung gilt, wurde in den letzten Jahren immer wieder diskutiert. Erinnert sei an den Freispruch eines Vergewaltigers, weil sich eine Fünfzehnjährige „nicht genug gewehrt“ hätte. Ein Freispruch, der einer klaren Logik folgt: Frauen und Mädchen stehen weißen Männern zunächst frei zur Verfügung – es sei denn, es gibt klare, personalisierte Besitzansprüche von Mein Freund/Mein Mann – oder die Betroffene kämpft bis zum Tode. Vergewaltigt und tot, dann wird die Glaubhaftigkeit nicht in Frage gestellt. Denn dann scheint es anzukommen, dass die betreffene Frau oder Mädchen es auch wirklich nicht gewollt habe.
Aktuell zeigt sich noch eine andere Möglichkeit, sexualisierte Gewalt öffentlich zu machen: In einer zutiefst rassistische Gesellschaft. Immer dann, wenn die Täter nicht weiß-deutsch sind.

Der Besitz weißer Männer und die Bibel
Viele gute Texte wurden geschrieben, wenn auch unzählig mehr katastrophale. Das Jahr 2016 startet rassistisch. Und Nein, die aktuelle Debatte hilft nicht, sexualisierte Gewalt sichtbarer zu machen:

„Unter dem Deckmantel “unsere Frauen (sic!)” zu schützen wird hier eine rassistische Praxis legitimiert, Frauen instrumentalisiert und weiße deutsche Täter unsichtbar gemacht. Der Umstand sexualisierter Gewalt wird für rechte Propaganda und Angstmache missbraucht und plötzlich sind alle ganz eifrig dabei was dagegen zu tun. Gegen “die (sic!)” zu tun!
All jene, die Anzeigen gegen weiße deutsche Männer stellen/gestellt haben, haben aber weiterhin Pech, bleiben weiterhin in der jahrelangen Warteschleife, denen wird weiterhin nicht geglaubt, weil es halt bei rassistischer Verfolgung nicht weiterhilft. Rassismus meets Rapeculture und am Ende klopfen sich die weißen deutschen Männer stolz auf die Schulter, Deutschland ist gerettet! Not.“ (Don’t Degrade Debs, Darling: Rassismuss meets Rapeculture)

Der Beitrag macht deutlich, wie sehr es um Rassismus und die Aufrechterhaltung des erhabenen Bildes eines weißen deutschen Mannes geht. Es wird eine Angst davor geschürt, das Haus zu verlassen, dem bedrohlichen „Fremden“ zu begegnen. Dabei werden die eigenen Wände und Türen als etwas imaginiert was Schutz bietet. Zur Erinnerung: In diesem ach so vorbildlichen Deutschland gilt seit nicht einmal 20 Jahren (1997) Vergewaltigung in der Ehe als strafbar. Und die Verfolgung dessen bleibt unwahrscheinlich. Zu tief verankert ist das Besitzverhältnis. Welch wunder, in unserer christlich geprägten Gesellschaft. So steht im Zehnten Gebot in der Bibel:

„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh [Domspatzen] noch alles, was dein Nächster hat.“ (Bibel nach Luther, Ex 20,17)

In dem das Gebot aufgestellt wird, dass das „Weib“ und die „Magd“ des „Nächsten“ nicht begehrt werden soll, wird ein Besitzverhältnis zementiert, in dem Frauen zu einem Mann gehören, ihm untergeordnet sind. Sie werden objektifiziert. Kein Wunder, dass es sich eine solche Gesellschaft schwer tut, Frauenrechte anzuerkennen. Das schlägt sich auch in der Rechtssprechung nieder. Angela Davis schreibt in „Rassismus und Sexismus“:

„In den Vereinigten Staaten und in anderen kapitalistischen Ländern waren in der Regel die Gesetze gegen Vergewaltigung ursprünglich zum Schutz der Männer aus den Oberschichten, deren Töchter und Frauen angegriffen werden könnten, erlassen worden. Was mit den Frauen aus der Arbeiterklasse geschah, war gewöhnlich für die Gerichte von wenig Belang. Eine Folge davon ist, dass bemerkenswert wenig weiße Männer wegen sexueller Gewalt, die sie an diesen Frauen verübten, belangt wurden.“ (Angela Davis: Rassismus und Sexismus, 1982)

Hier macht Davis nicht nur die rassistische Struktur der Verfolgung sexualisierter Gewalt deutlich, sondern auch, dass diese Verfolgung mit der Aufrechterhaltung einer Klassenordnung zu tun hat. (Sexualisierte) Gewalt gegen Schwarze Frauen und Mädchen wird bis heute kaum beachtet. Die Täter bleiben unsichtbar. Die Bebilderung von Artikeln zum Thema zeigen auch jetzt wieder weiße, oft blonde, als heterosexuelle imaginierte Frauen mit langen Haaren. Die Unsichtbarkeit der Täter wird nur dann gebrochen, wenn diese nicht weiß sind.

Das bedrohliche „Andere“

„Unsere sexistischen und gewaltvollen Strukturen werden verschleiert und Missstände ethnisiert – etwa dann, wenn davon ausgegangen wird, dass eine Meute betrunkener Männer nur bedrohlich sein kann, wenn diese »arabisch oder nordafrikanisch« (oder einfach: irgendwie ausländisch) aussehen. Es wird verschleiert, wo in unserer Gesellschaft überall Gewalt gegen Frauen ausgeübt, institutionalisiert, legitimiert und bagatellisiert wird.“(Nadia Shehadeh: Angstmacherei mit System)

Ein Blick auf die weiß-deutschen Freunde, Ex-Freunde, Väter, Großväter, Onkel, Bekannte, Partner und Freunde der Familie gibt es nicht. Schon gar nicht in bürgerlichen Verhältnissen. Wie auch. Das Gefährliche ist das Draußen, die Party, das Haus zu verlassen. Nicht dass ich nicht auch Männergruppen meiden würde. Betrunkenes Patriarchat ist einfach zum Kotzen. Karneval? Oktoberfest? Lauter betrunkene Typen, junge, alte, fast immer weiß-deutsch, die ihre Hände nicht bei sich behalten können? Deutsche Kultur, ich scheiß auf dich.
Und doch basiert diese Angst vor dem Draußen auf einem Bedrohungsszenario, dass sich tief verwurzelten, rassistischen Logiken bedient:

„Der „dunkle Mann“, „das Fremde“ passen gut als besonders gefährlich in dieses Szenario. Sei nur erinnert an das Kinder“spiel“: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ – auch dieser Zusammenhang ist nicht zufällig sondern hat mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Eine diese Mythen entsprechende Vergewaltigung ist weitaus seltener, kommt aber eher zu einer Verurteilung. Ein Hoch auf unser rassistisches Rechtssystem!“ (Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat)

Letztendlich dient die Verschärfung des Bildes des bedrohlichen Außens erneut dazu, Frauen auf ihren Platz am heimischen Herd zu verweisen. Dort sind die Besitzverhältnisse geklärt und der weiße Mann kann sich als Held und Beschützer fühlen. Denn jetzt, da rettet er auch noch die Nation vor der gefährlichen Bedrohung, die ein nie dagewesenes Problem darstellt. Der Retter, der noch nie Frauen angelabert, angetatscht oder bedrängt hat. Deswegen ist der weiße, deutsche Mann dann auch schwer geschockt, wenn er doch einmal angezeigt wird. In seiner Fantasie war doch alles einvernehmlich! Aber keine Sorge, eine Angst vor Strafverfolgung muss er nicht haben. Da springt die deutsche Kultur ein. Die Idee wird aufrechterhalten, das ständig Frauen und Mädchen durch die Republik rennen würden, die aus Profitgier, Rache oder .. (Ja, warum eigentlich? Spaß? Langeweile? Feminismus? Störung?) Männer falsch beschuldigen würden.

Die Mär der Falschbeschuldigung
Die Vorstellung der sexuellen Falschbeschuldigerin hat in Deutschland lange Tradition. Oft ist sie verbunden mit der Idee einer Geisteskrankheit/psychischen Störung der betreffenden Frau. Ein Autor nennt als Faktoren, die Falschbeschuldigungen begünstigen würden:

„In erster Linie ist da der Einfluß der weiblichen Geschlechtsartung zu nennen, und es kann gar keine Frage sein, daß die weibliche Wesensart als solche einen Faktor darstellt, der von sich aus das Auftauchen solcher zu sexuellen Falschbeschuldigungen führender Gedankenreihen und Handlungstendenzen begründet.[…] Das wertvollste, praktisch-brauchbarste Ergebnis der Untersuchung ist jedenfalls das, wenn man […] auf Erscheinungen stößt, die unverkennbar auf die Mitwirkung pathologischer Elemente beim Zustandekommen der betreffenden Anschuldigungen hinweisen.“ (Karl Birnbaum: Die sexuelle Falschbeschuldigungen der Hysterischen, 1915)

Frauen gelten auch heute noch als tendenziell manipulativ. Die Anzahl der Falschbeschuldigungen sind im Bereich sexualisierter Gewalt nicht höher als in anderen Bereichen. Doch immer wieder wird sie zum Thema. Der weiß-deutsche Mann ist ganz verwirrt, denn er hat es nicht so gemeint – in Wahrheit hat sie es doch so gewollt.
So verwundert es auch nicht, dass in einem – seit einem Jahr eingestellten Verfahren – plötzlich ein Strafbefehl gegen eine Frau ergeht, die ihre Vergewaltiger angezeigt hat. Falschbeschuldigung, so der Vorwurf. Begründet wird dies vom Richter damit, dass aus „Chatverläufen“ nicht hervorginge, dass es sich nicht um einvernehmlichen Sex gehandelt habe. Dass mit der Unschuldsvermutung argumentiert wird um Vergewaltiger nicht zu bestrafen ist die eine Ebene. Das zeitgleich mit dem Nicht-Glauben ein Strafbefehl ausgesprochen wird geht um einiges weiter: Das nicht beweisen können einer Vergewaltigung wird zur Falschbeschuldigung erklärt.
Die Begründungen werden schon in den Artikeln deutlich. Die deutsche Kultur und ihre grandiose Berichterstattung: Die eine Zeitung schreibt von der „29-jährige Blondine mit dem ausladenden Dekolleté“ (Huffingtonpost, 2.1.2016) und von einem „Sextape“. Dass dieses Video gegen den Willen der Frau gedreht wurde, auf dem Video die Worte „Hört auf“ zu hören sind und dass dieses Video gegen den Willen der Frau immer noch im Internet kursiert, interessiert die deutsche Kultur nicht. In allen Artikeln wird immer wieder geschrieben: „die Blondine“. Es ist eine Klassenfrage: Blonde Frauen sind sexy aber dumm. Zur weiß-deutschen Kultur gehören zahlreiche Blondinenwitze. Etwa der Art: „Was passiert, wenn sich eine Blondine an einen Baum lehnt? Der Baum fällt um! Warum?
Der Klügere gibt nach!“ Wie witzig. Oder auch ein Ausdruck einer frauenfeindlichen, klassistischen Gesellschaft. Die Fotos, welche die Artikel zur angeblichen Falschbeschuldigung bebildern, zeigen beispielsweise einen betonten Ausschnitt um deutlich zu machen: Diese Frau will Sex – also kann es keine Vergewaltigung gewesen sein.
Als ein weiterer „Beweis“ für die Falschbeschuldigung wird ein toxikologisches Gutachten genannt, in dem bewiesen worden wäre, dass es, entgegen der Vermutung der Frau, keine K.O.-Tropfen gegeben habe. Als Nachhilfe für unsere deutschen Richter ein kleiner Exkurs. Es gibt zahlreiche Substanzen die dazu eingesetzt werden, Frauen widerstandunfähig zu machen und die dazu führen, dass Erinnungslücken entstehen. GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure), oft als Liquid Ecstasy bezeichnet, ist eine der Substanzen, die häufig unter KO-Tropfen assoziiert werden.

„GHB wird im Körper innerhalb weniger Stunden soweit abgebaut, dass es nicht mehr nachweisbar ist. Für einen medizinischen Nachweis ist zudem eine gezielte toxikologische Analyse von Blut oder Urin notwenidg. […] Im Blut ist GHB ca. 6 – 8 Stunden nachweisbar, im Urin etwa 12 – 14 Stunden.“ (Notruf Hamburg: K.O.-Tropfen)

Da die Anzeige zwei Wochen nach der Tat erfolgte, ist dieses Gutachten demnach absolut nichtssagend. Das sind also die weiterreichenden Beweise gegen eine Frau, die Vergewaltigung angezeigt hat. Sie ist nun diejenige, die bestraft wird. Sie gilt als „Schlampe“ und „Nutte“ – und wie unsere Gesellschaft so schön beschlossen hat, Sexarbeiter_innen können nicht vergewaltigt werden. Also gilt diese Beschimpfung als Delegitimierung, als klassistische Degradierung um die Glaubhaftigkeit der Betroffenen in Frage zu stellen.
Die Debatte um diesen Strafbefehl scheint völlig unabhängig von der Debatte um die sexualisierte Gewalt um Köln zu sein. Was auf den ersten Blick völlig absurd erscheint, ergibt nur dann Sinn wenn eine sich anschaut, wie tief Rape Culture verwoben ist mit Rassismus und Klassismus. Wenn der Täter also nicht in eine rassistische Vorstellung passt, gilt der aktuelle „Aufschrei“ nicht, wenn die Täter aus dem Nahumfeld stammen gilt der aktuelle „Aufschrei“ nicht, wenn Täter sich gute Anwälte leisten können oder bekommen und somit einer Verurteilung entgehen, weil sie weiß und deutsch sind – dann gilt der aktuelle „Aufschrei“ nicht.
Und so bleibt auf ein Neues unsichtbar, wie Angst produziert wird, Frauen verboten wird das Haus zu verlassen, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist und vor allem wird sexualisierte Gewalt nicht besser thematisierbar als bisher. Denn das könnte ja die deutsche Kultur in ihren partiarchalen Grundfesten erschüttern.

Mehr Lesen:
Angstmacherei mit System“, “
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Rassismus meets Rapeculture
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Täterblicke

In diesem Text versuche ich dem Phänomen nachzugehen, dass beim Thematisieren von Gewalt gegen Frauen™  immer wieder dem Blick der Täter gefolgt wird. Wie meine regelmäßigen Leser_innen wissen, halte ich nichts davon, Gewalt nicht zu benennen. Das tue ich auch hier explizit. Ich habe mich aber dagegen entschieden die Bilder, die ich beschreibe, auf meinem Blog haben zu wollen. Könnt ihr selbst googlen. Wie immer bin ich dankbar für Kommentare, weiterführende Gedanken und Vorschläge für Handlungsstrategien.

Für eine Recherchearbeit habe ich vor einigen Tagen mal wieder „violence against women“ in die Suchmaschine eingegeben. Ich habe das Tab ganz schnell wieder zu gemacht. Vor einiger Zeit schrieb ich einen ähnlichen Text. „Über Männerfantasien. Vergewaltigungsmythen in Bildern.“ Dabei ging es um Bilder, die im Kontext von Berichten über Vergewaltigung genutzt werden, um die Reproduktion von Mythen. Ich nannte den Text Männerfantasien, denn die Bilder, die produziert werden, sind Fantasien, Fantasien die Gewalt auslagern, nicht als alltägliche Realität betrachten.

Was ist eigentlich mit den Tätern?
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Wie ich dann doch mal Germanys Next Top Model guckte

Ein kurzes Review zu meiner ersten Begegnung mit Germanys Next Top Model. Das mit dem ganzen pathologischen Diskurs rund um „Magermodels“, das knüpfe ich mir dann doch lieber nochmal extra vor. Kurze Gedanken zu Realitäten, Perfektion und Inszenzierung.

Germanys Next Top Model war für mich immer sowas, was vollkommen weg von mir war. Es irritierte mich, wenn Freund_innen sich über die neusten Folgen austauschten. Ganz in meiner Ablehnung fragte ich immer: Aber du bist doch Feministin?! Es gab ein völliges Unverständnis meinerseits, wie eine_r sich angucken kann, wie Menschen systematisch vor der Kamera fertig gemacht werden, und es von Sexismus, Rassismus und Fat-Shaming nur so trieft. Das hatte ich alles mitbekommen, das Internet. In letzter Zeit begenete mir immer wieder Kritik an dieser Kritik. Verkürzt, hieß es. Pathologisierend. Realitätsfern. Ich las die spannenden Rezensionen auf Candytechno, ohne je eine Folge geguckt zu haben, und fragte meine Twittertimeline, ob ich mir das mal antun müsse. Die Antworten stimmten mich nachdenklich. Die Gründe gingen von Kapitalismusanalysen über bis zur simplen Tatsache, dass GNTM für viele Mädchen einfach seit 10 Jahren Aufwachsrealität ist. Oh. Dachte ich. Das habe ich nicht mitbekommen. Und ich bin doch immer dafür, Realitäten ernstzunehmen, zu sehen, zu analysieren, dahinter zu schauen. Mit Kritik am „Schönheitsideal“ konnte ich noch nie viel anfangen. Schien mir schon immer eher kurz, und die Gleichzeitigkeit, mit der Menschen Diäten hypen und gleichzeit auf „Magermodels“ schimpfen, hat mich auch schon lange verwirrt.

Es brauchte dann einen Raum ohne Handynetz und Laptop, und gute Gesellschaft, um mich soweit zu kriegen, mir eine komplette Folge zu geben. Eine Zusammenfassung der Folge 8, das war die die ich geguckt habe, findet ihr hier.
Ich kämpfte innerlich mit meinem Blick, konnte die Models nicht auseinanderhalten, hasste von der ersten Sekunden an den Fotografen und war stolz auf mich, dass ich wenigstens wusste wer Heidi Klum ist, so ganz in meiner Ahnungslosigkeit. Fotos mit Hühnern haben mich irritiert. Das ständige dissen war so äääh, was geeeeht? Mir fehlten die Worte. Dann kam die Sache mit den Kleidern. Gut, es sollte um die Models gehen, aber wenn schöne Kleider ins Spiel kommen, bin ich abgelenkt. Unter Wasser tauchen, in einer etwas größeren Telefonzelle. Mit Megakleidern. Okaaaay. Irgendwie fand ich es eine coole Idee. Gleichzeitig war so, ah, also Grenzen gibt es nicht. Grenzen darf eine nicht haben. Grenzen ist etwas, was nicht akzeptiert wird. Patriarchaler Alltag. Alles was Frauen nicht wollen, ist rumgezicke. Ein Mädchen tauchte, kam wieder hoch, schnappte nach Luft und bekam die Kritik: Sie solle mal entspannter gucken. Sie würde ja so aussehen, als ob sie die Luft anhalten würde. Okaaaaay. Klar, unter Wasser nicht so aussehen als ob eine die Luft anhält mit einem Riesenberg Stoff um sich herum. Kein Problem. Abgefahren, dass einige das hinkriegten.
Der männliche Blick der Kamera, war hinter allem. Die Posen, gewöhnlich, überall bekannt, aus der Werbung. Die Eine, die sagte, ich wollte immer nur schön sein. Und dann war ich nicht schön auf dem Foto. Sie weinte. Es war ernst.
Ich merkte meine Befremdung und gleichzeitig fing ich an auch mehr zu begreifen. Es geht nicht nur um ein Schönheitsideal. Es geht um Perfektion. Es geht um eine absurde Form von Kunst. Perfektion um jeden Preis. Der eigene Körper als Bühne, als Mittel zum Zweck. Wie oft sind unsere Körper Bühne, Geschlechterbühne, Anerkennungsbühne? Wie wenig oft gestehen wir uns das ein?
Wo ist die Trennung zwischen meiner Anmalperformance am Morgen und diesem „Ich war nicht schön.“ Bühneninszenierung auf die Spitze getrieben, vor der Kamera. Irgendwas daran hat mich berührt, irgendeine Ehrlichkeit, dieses Hängen des Lebens an diese eine Sache. Diese eine Sache, der Frauenkörper (TM), der genau dazu gedacht ist, dem männlichen Blick zu gefallen, Objekt zu sein, zu glänzen, zu Leuchten.
Ich muss aufpassen, mich nicht lustig zu machen. Nicht in bodenloser Arroganz mich diesem „Ich war nicht schön“ erhaben zu fühlen. Wie oft werte ich meinen Körper ab? Wie oft werten Leute Körper anderer Leute ab? Es ist Alltag, täglich, stündlich, überall wird kommentiert. Es gilt als lächerlich, einem Schönheitsideal hinterher zu laufen, als schwach, ja als krankhaft. Und doch tun es so viele, in dieser seltsamen Gleichzeitigkeit, in der sich darüber lustig gemacht wird. Den wenn von Schönheitsidealen gesprochen wird, sind wir Opfer, Opfer eines Ideals. Niemand will gerne Opfer sein, also heißt es sich, zu distanzieren, eine_r will ja nur ein bisschen abnehmen, nicht einem Ideal nachlaufen. Models? Alles Opfer. Opfer der Werbeindustrie, Opfer der Argenturen, Opfer des Schönheitsideal. Frauen können keine handelnden Subjekte sein. Schon gar nicht, wenn es ihre Körper betrifft. Es geht mir nicht darum, dass ich unsere dickenfeindliche Gesellschaft so besonders toll finde, dass ich es gut finde, wie wenig Raum Frauen durch ihren Körper zugesprochen bekommen. Aber in dieser Gesellschaft, die so sehr unsere Körper, unser Verhalten, unser Sein normiert, bestimmt, bezwingt, eine Hierachie aufzumachen, diejenigen abzuwerten, die dieses Ideal am sichtbarsten nach außen tragen – das erscheint mir mehr als verkürzt.
Ich weiß nicht, ob ich mir nocheinmal angucken werde, wie „Frauensolidarität“ nicht funktioniert, wie sich gegenseitig und von oben fertig gemacht wird, wie geschubst wird und verletzt wird, aber auch nicht wie aufgestanden und gekämpft wird, ich weiß nicht ob ich soviel geballten Sexismus, Rassismus, Fat-Shaming und Grenzverletzung ertrage – aber wenigstens verstehe ich jetzt mehr, wobei ich eigentlich weggucke, und wie viel Realität ich mir damit wegdenken und diskursivieren kann.

Vom Versuch, nicht zu existieren.

Heute hatte ich wieder sowas gemacht. So etwas gemacht, was ich nicht mehr machen will. Ich habe versucht, nicht zu existieren. Ich habe versucht so wenig Umstände zu machen, als würde es mich nicht geben. Ich will keine Umstände machen. Ein Satz, den ich zumindest häufig sage. Keine Umstände machen wollen, niemanden beanspruchen, keiner_m zur Last fallen, unkompliziert sein, eine Bereicherung, keine Anstrengung sein wollen. Die Angst davor, Raum einzunehmen. Bis hin zum Versuch, zu verschwinden, unsichtbar zu sein, nein noch besser: Nicht zu existieren. Weiterlesen

Über Männerfantasien. Vergewaltigungsmythen in Bildern.

Aktuell wird viel über die Veränderung des Strafrechts im Bezug auf sexualisierte Gewalt debattiert. Gut. Es wird sicherlich Zeit, das Deutsche sich mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, das ein Nein ein Nein ist. Klingt ziemlich simpel, scheint in diesem Land jedoch ein großes Problem zu sein, grundlegende Rechte anzuerkennen. Doch eine Auseinandersetzung mit dem Strafrecht reicht nicht, so lange unsere gesellschaftlichen Bilder über Vergewaltigung Männerfantasien entspringen. Männerfantasien haben in unserer Gesellschaft die seltsame Eigenschaft, zu Objektivität zu werden. Immer wieder wird diese mit allen Mitteln herrgestellt, Realität geschaffen. Nicht nur Sprache schafft Wirklichkeit, sondern auch Bilder.
Die Bilder, die es im Internet gibt, sind auch die Bilder in unseren Köpfen. Sie kommen harmlos daher, sind scheinbar nur dazu da, einen Text ansprechender zu gestalten. Dabei sind die gesellschaftlichen Vorstellungen, von dem, was sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung bedeutet, tief verankert. Weiterlesen

psychiatrieerfahrungen. vernetzung. links.

Hiermit möchte ich auf zwei relativ neue Blogs aufmerksam machen, zu Antipsychiatrie und Psychiatrieerfahrung. Wenn ihr selbst dazu schreibt, besonders aus einer (queer-)feministischen Perspektive, dann gebt mir Bescheid und ich verlinke euch gerne. Ich bin sehr an antipsychiatrischem Austausch interessiert. Ich erneuere gerne diesen Beitrag und auch meine Blogroll. Hier die beiden Blogs auf die ich in den letzten zwei Monaten gestoßen bin:

Auf My Owl House gibt es Erfahrungen aus der (Kinder- und Jugend-) Psychiatrie

Auf NoPsyko gibt es Kosmonautus` Erkundung des Planeten Psychiatrie

Und noch mehr Lesestoff:

Hier habe ich zu meinen Psychiatrieerfahrungen geschrieben, hier finden sich Texte allgemein zu Psychiatrie- und Pathologisierungskritik

Hier gibt es einen Text zu Psychiatrie und Anderssein auf Ein Blog von Vielen

gepflegtes leiden oder: das foucaultsche duell

[content note: foucaultsches gedankenwirrwarr wird erwähnt. und musiktitel.]

ich bin ja eine freundin des gepflegten leidens. heute habe ich sehr viel gelitten. vor allem an mir selbst. und der ungerechtigkeit der welt, selbstverständlich. es war ein spiel. steinmädchen gegen steinmädchen. steinmädchen hat gesagt: heute wird wirklich fleißig am schreibtisch gesessen und gearbeitet. steinmädchen hat erwidert: aber ich bin müde und will schlafen und serien gucken.

was harmlos anfing, entwickelte sich über den tag zu einem beeindruckenden argumentations- und trickserei match. steinmädchen hat den tag mit einem song von begonnen (Frozen – Madonna) und dabei eine yoga-übung gemacht. und frühstück. (sowas machen wir hier eigentlich nicht, aber nun gut, heute war alles erlaubt.) Weiterlesen

triggerwarnungen – sei rücksichtsvoll! ein rant.

dies ist wohl mein wütenster text zu triggerwarnungen, vielleicht mein spitzester, aber es ist auch mein dritter. sicherlich wiederhole ich einiges. aber ich fühle mich ungehört, nicht ernstgenommen, meine kritik relativiert und in ein schema gedrängt, dass mich aggro macht, weil es viel zu eng ist.

um gleich zu beginn klar zu sein, weil das oft verloren geht: ich weiß sehr gerne worum es in texten, filmen, bildern geht. ich bin, wie schön öfter geäußert, ein großer fan von aussagekräftigen überschriften. da steckt nämlich keine erwartungshaltung und kein gesellschaftliches gewaltsam schützen system hinter, sondern einfach eine information. aufgrund dieser information kann ich entscheiden ob ich einen text lesen will oder nicht. weils mich triggern könnte, weil ich etwas anstrengend finde oder vielleicht auch einfach nur gerade kein bock habe etwas zu einem bestimmten thema zu lesen. über einem text der heißt: „frau vergewaltigt“ braucht ich keine triggerwarnung „sexualisierte gewalt“. also – ich habe nichts dagegen, dass wir alle informiert entscheiden können, was wir lesen wollen und was nicht, im gegenteil. also hört bitte auf so zu tun, als würde ich diejenigen, die triggerwarnungen befürworten, ins kalte wasser stoßen wollen oder gar personen verurteilen, die gerne wissen wollen, worum es in einem text geht weil sie informierte entscheidungen bevorzugen. Weiterlesen