take pride in your tears

…niemals als schwäche darlegen lassen, was eigentlich eine stärke ist.

es könnte sich als höhepunkt von peinlichkeit einsortieren lassen, vor lauter leuten loszuflennen – gerade wenn von dir souveränität erwartet wird. als demütigend, schwach, hypersensibel und was nicht noch alles.

emotionalität ist anstrengend, aber es gibt viele gründe dafür. und wenn sie in einem kontext passiert, nennen wir ihn wissenschaft, wo diese nicht gerne gesehen wird, macht es das noch anstrengender.
doch wie absurd ist das in einer gesellschaft, die an so vielen punkten so scheiße ist. und wenn das mal weh tut, dann heißt das letztendlich auch nur, dass die realität nicht hinter einem wattebausch von internalisierter kackscheiße verschwindet.

dies ist ein ganz kleines plädoyer.

denn auch tränen lassen sich mit stolz tragen.

hintergrundgeräusch

es klingelt der wecker. es ist früh am morgen. ich stehe auf, gehe ins bad. duschen, deo wählen. ich greife nach den sorgfältig am abend zurechtgelegten kleidungsstücken. eine stumpfhose,eine sportshorts, unterwäsche und ein Hemd. weiß mit streifen. langärmlig. ein schwarzes top drüber. elegant-lässig.ich knöpfe die ärmel zu,ziehe sie runter bis zum handgelenk. es passt genau. ich hebe den linken arm testweise in die höhe und entscheide mich für das perlenkettenset. es sind viele einzelne armbänder nebeneinander in unterschiedlicher größe
ich male mich an. dezent,nicht zu sichtbar performativ.
ich blicke mir immer wider prüfend in die augen. mache frühstück,koche tee,mache mir essen für unterwegs. vitamine müssen sein und rohkost. ich bin ganz ruhig und komme mir erwachsen vor. fürsorglich.
es drückt auf meinen kopf,auf meine augen. es ist ja auch wirklich noch früh.
auch die schuhe sind elegant. aus der umsonstecke,größe 42. auf dem weg zum bahnhof merke ich, wie sich meine ferse immer wieder herauslöst.

besorgt blicke ich in den himmel,frage mich,wie warm es wohl heute wird.
im zug blätter ich meine unterlagen durch. versuche mir das notierte einzuprägen. dabei starre ich immer wieder aus dem fenster,suche in der reflexion mich selbst. meine augen sind heute sehr grün,vielleicht wirkt der angedeutete lidschatten. ein wenig rot sind sie. zu wenig schlaf. ich suche was in diesen augen. was,das weiß ich nicht. jemand.
das bild von mir verschwimmt mit der welt hinter dem fenster. die ist durch die bewegung so schwer fest halten.

wie so oft balle ich auf der straße meine fäuste. prüfe,ob sie fest ist. einen moment lang frage ich mich,worauf ich denn wohl so wütend bin. und ob ich irgendwann das nicht mehr so viel tun werde. es ist gewohnheit geworden-ohne dass ich die faust nutze.

der arbeitstag ist lang und anstrengend,aber auch sehr interessant. bildungsarbeit zu diskriminierung. ich lerne viel von den teilnehmer_innen und muss immer noch über viel nachdenken. über privilegien, strategien, erklärungsmodelle, erfahrungen.
ich beobachte die anderen teamer_innen. es ist warm und sie tragen kurzärmlige oberteile. ein merkmal, was meinen blick anzieht. mein prüfender blick die unterarme hinauf. abgeleichend. das alles passiert ganz nebenbei,ich bin gleichzeitig voll aufmerksam und denke mit. ich denke auch darüber nach,warum ich das immer tu,es ist doch irrelevant.
ich bin froh,dass es nicht so heiß ist. sachlich stelle ich erneut den pädagogischen,richtenden rahmen fest. meine arme als symbol von krankheit, störung, gebrochen. instabil. kategorisierbar. dadurch inkompetent, emotional, sensibel. selbstschädigung, mit betonung auf schaden. der interventionsbedarf würde geprüft werden. art und alter der narben sind dazu entscheidend. daran zeigt sich, ob kategorisierende blicke durch sätze ergänzt werden. ich prüfe, ob mein hemd und meine perlen ordentlich sitzen.

irgendwann fällt etwas aus der gruppe mit dem begriff psychologie. ich werde nervös, ziehe den schal um meinen hals enger. frage mich, warum ich mir gerade mehr luft abschnüre, als es diese situation tut. es folgen keine flapsigen pathologisierungen, ich locker den schal wieder. der körperliche schmerz hätte geholfen. ich merke, dass ich ein abgrenzungsproblem habe. es geht mir zu nah, dabei ist das thema doch ein anderes, es gibt keinen raum für pathologisierungskritik, ich muss das aushalten können. professionell bleiben. ich könnte mich anders kleiden, wie sonst auch. den blicken begegnen durch ein beweisen meiner kompetenz, der festigkeit meiner position. dadurch zuschreibungen aushebeln. der pädagogische blick strengt mich an, ich will mir nicht beobachtet vorkommen. ich will mich nicht beweisen müssen.
es ist pause, wir koppeln uns im team rück, tauschen unsere einschätzungen aus, werden uns schnell einig über das weitere vorgehen. die stunden gehen spannend weiter, das feedback ist positiv, gemischt mit berechtigter kritik. wir setzen uns im anschluss nochmal zusammen, reflektieren den tag. ich fühle mich wohler in dem gebäude, finde viele der umhergehenden menschen sympathisch. wir befanden den tag im großen und ganzen als gut verlaufen. ich verabschiede mich, gehe einkaufen und zur bahn. ich habe hunger.
im zug angekommen setze ich mich, krempel meine ärmel hoch und beiße in mein brötchen. ich lausche dabei einer gruppe, die offensichtlich von einer bildungsstreikdemo kommt, es geht um finanzen, exkursionen und professor_innen. der zug fährt los.
ich lehne meinen kopf ans fenster und merke wie müde ich bin. wieder suche ich meinen blick, meine augen. sie sind noch röter geworden, erschöpfter. ich bin aber auch wirklich früh aufgestanden.

Der feministische Blick

Heute hörte ich das erste Mal vom „feministischen Blick“. Ich war ganz aufgeregt, weil ich dachte: Oh yeah, vielleicht habe ich das schon. Vielleicht ist das dieser gleichgültig-bis-leicht-verachtende Blick Typen gegenüber. Mein Gedanke war gar nicht so weit weg, aber ich traf doch nicht ganz. Meine Dozentin erzählte, dass zu ihrer Zeit der feministische Blick den Blick bezeichneten, den Frauen hatten wenn sie den Raum betraten und dachten: Es kümmert mich überhaupt GAR nicht, wie ihr (Männer) mich findet.

Also quasi das was ich dachte minus Gleichgültigkeit und Verachtung. Also vielleicht doch auch etwas ganz anderes. Jedenfalls dachte ich dann darüber nach – hab ich den feministischen Blick?
Vielleicht habe ich ihn ein klein wenig. Vielleicht ist das dieser Teil, der gerade Männer in meiner Nähe verunsichert. Dass es mir wirklich wirklich scheiß egal ist, was sie denken. Und der entscheidene Punkt ist wohl, dass ich das nicht nur sage, sondern das tatsächlich so empfinde. Das war nicht immer so. Und wenn ich nach einer Meinung frage, auch von einem Typen, will ich die Antwort auch hören.

Aber ich bau mein Selbstvertrauen nicht darauf auf.

Nun wurde mein Selbstvertrauen, mein Gefühl zu mir, aber erheblich durch Frauen beschädigt – und nicht durch das Patriarchat. Aber der männliche Blick ist etwas, was sich greifen lässt, was ständig Leben bestimmt und ja, es war für mich sehr relevant, als Jugendliche von Typen nicht als Frau, also mit Sexualität besetztes Wesen, wahrgenommen zu werden. Das machte mich zu einem halben Menschen, wenn überhaupt – die Abwertung durch die Mädchen/Frauen machte mich jetzt nicht mehr zu anerkannten Person.

Für viele ist es aus den unterschiedlichsten Gründen sehr schwer als Frau durch den Raum zu gehen und auf Anerkennung zu verzichten, weil diese sehr wichtig ist und vielen abgesprochen wird. Weil die Genitalien „verkehrt“ sind. Weil das Rollenverhalten „verkehrt“ ist. Weil die Körperform, die Kleidung, das Aussehen generell „verkehrt“ ist. Alles ist ständig verkehrt.

Und wie viel Solidarität und wie viel Kraft es kostet, dahin zu kommen und zu sagen: Deine Meinung interessiert mich nicht.

Heute ist Anti-Diät-Tag und ich habe schon vor längerem entschieden nie wieder Diäten zu machen. Entscheidend dazu waren Texte von Riotmango und anderer Feministinnen, aber auch Bilder und Freundinnen, die den feministischen Blick hatten und haben. Zu sehen, dass es geht.

Lange dauert das. Ich habe den Umweg genommen über mich-so-verhalten-als-ob und das solange gemacht, bis es angefangen hat zu wirken. Kein Psychogebrabbel mit liebe-dich-selbst sondern feministische Solidarität und Anerkennung hat mich dahin gebracht, meinen Körper den Sanktionen anderer zu entziehen.

Das funktioniert selten perfekt, aber als ich heute die Geschichte vom feministischen Blick hörte dachte ich nochmal: Hell yeah, und ich möchte, dass jede Person diesen Blick sehen kann wenn ich den Raum betrete. Den Blick der Typen sagt: Das ist mein Körper, und ich schwöre dir, solange wir nicht miteinander ins Bett gehen (was nicht passieren wird) geht er dich nullkommanullnullnichts an. Du und deine Meinung interessiert mich nicht die Bohne. Und wenn Frauen dann mit abschätzigen Blicken und Kommentaren kommen, dann möchte ich ihnen diesen Blick zuwenden und damit sagen: Probiert’s mal mit Feminismus.

aus dem alltag

vorgang nicht möglich

Kartenzahlung girocard
EUR 7,98
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Vorgang nicht möglich
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Es ist der 24.
Der Monat hat 31 Tage
Also noch 7 Tage
Der 31. ist ein Montag
Also kein Vorwochenendgeld

fragen
kannst du mir das Internetgeld noch geben?
kannst du mir vielleicht was leihen?
kannst du vielleicht das Material vorstrecken,
auch wenn ich gesagt habe, ich gehe einkaufen?

offenlegen
bitten
abhängig sein

wuttränen im gesicht
das gefühl an der kasse
alle gucken zu mir
und auf das band
vielleicht hätte ich die süßigkeiten nicht kaufen sollen
sieht (sah?) man mir doch an
dass ich noch genug reserven hätte
und es klar ist
wo ich sparen sollte

der versuch, mir mein essen nicht zu verbieten
der moment, in dem ich merke
ich kann mir keine passende kleidung für meinen körper kaufen
ich kann nicht das essen kaufen, dass mich beruhigt, vertraut ist
die scham
wenn ich es trotzdem tu

verstecken wollen
dran erinnern, dass ich noch nudeln im schrank habe
und vielleicht jemand die nächsten tage kocht
und merken
es hilft nicht
wenn ich an der kasse stehe
und es heißt
vorgang nicht möglich

weil das heißt
keine kontrolle mehr
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Runde 3, the last one. Warum ich nicht mehr zu Selbstfürsorge(kritik) bloggen werde

Ich beschäftige mich schon eine ganze Weile nicht mehr mit Selbstfürsorge(kritik), doch auf meinen letzten Text vom Oktober 2013  gab es in den letzten Wochen drei mir bekannte Bezüge. Das ist schön, weil ich mag wenn meine Texte Reibungsfläche bieten und freue mich, dass dieser Text doch länger in manchen Köpfen blieb. Ich danke! Ich dachte heute: vielleicht schreibe ich auch nochmal einen letzten Text zum Thema. Ich orientiere mich auch bei diesem Text nicht wirklich an den aktuellen, sondern mehr an einem Eindruck. Da ich in letzter Zeit viel lieber mit Haraway[LINK) spiele, soll sie mich auch hier begleiten, mit den drei Begriffen: Verortung, Verantwortung, Handlungsfähigkeit. Weiterlesen

Gedankenfetzen aus der Hölle

Ein paar Abendgedanken zu homophoben Auseinandersetzungen in der Verwandtschaft und dem Umgang damit.

Die Sache mit dieser sexuellen Orientierung. #idpet hat da bei mir auch ganz schön was durcheinander gewürfelt. Manchmal fällt es mir schwer, mit der Welt wie sie ist umzugehen, weil alles in mir da einfach nur mit einem großen Fragezeichen sitzt. Wo ich sonst es als eine Stärke von mir bezeichnen würde, mich in die unterschiedlichsten Denksystem einzufinden, gelingt es mir gerade bei (religiöser) Homophobie nicht. Weiterlesen

Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat

Aktuell begegnet mir über viele verschiedene, besonders feministische Kanäle, das Projekt „Heimwegtelefon“. Das Heimwegtelefon soll nachts auf dem Weg nach Hause mehr Sicherheit bieten. Ich bin irritiert bis verärgert. Da die Problematik dieses Projektes vielen nicht deutlich ist, habe ich versucht, nochmal genau aufzuzeigen, was so schwierig daran ist, kontext- & historienlose Aktionen zu starten. Das Heimwegtelefon reproduziert viele Mythen und die Arbeit, die Frauen seit Jahrzehnten in Gruppen und Institutionen gegen Diskriminierung und Gewalt leisten wird völlig übergangen. Es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen, das Feministinnen mühsam angeeignet haben und immer immer wieder wiederholen.

rape culture besteht nicht nur aus allgegenwärtigen Übergriffen, sondern AUCH aus der permanenten Angst vor diesen. Durch die Fokusierung auf die Angst vor Übergriffen auf der Straße wird wieder einmal verschleiert, wo Gewalt (besonders gegen Frauen) in unserer Gesellschaft stattfindet. Wieder ein Projekt, dass die Aufmerksamkeit weg von den Häusern verschiebt, weg von den Familien und Beziehungen – hin zu einer diffusen Gefahr von der Straße, dem Fremden.

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Geschichten anders erzählen

Mir fehlt etwas gerade in diesen feministischen Zusammenhängen – besonders online. Es fehlt mir, dass wir gegenseitig wahrnehmen, was wir eh schon tun und was wir tun könnten. Es fehlt mir eine genauere Herausarbeitung davon, an welchen Stellen viele Feminist*innen sich (erfolgreich) wehren. Das sichtbarer gemacht wird, was das heißen kann, sich zu wehren. Dass gegenseitig mehr unterstützt wird, Strategien zu erproben, um sich immer öfter erfolgreich zu wehren zu können. Bei #aufschrei ging mir das auch oft durch den Kopf. Die Kontextlosigkeit und die Fokusierung auf so ein Opferdingens. Das kann ja total wichtig sein, um überhaupt erstmal benennen zu können, dass da was passiert, das es sich um Gewalt handelt, dass es nicht um „irgendwie übergriffiges Verhalten“ sondern um konkrete Situationen geht, die viele im Alltag erleben.

Aber was mir fehlt sind diese anderen Geschichten. Weiterlesen

Nichtsprechen

Manchmal ist da dieser Wunsch. Der Wunsch, nichts gesagt zu haben. Der Wunsch, sexistisch-homofeindliche Kackscheiße nicht angesprochen zu haben. Vor ein paar Tagen stand ich da, starrte Personen an und dachte: Wenn ich nichts gesagt hätte, könnte ich dann jetzt freundlich grüßen, hallo sagen und Small Talk führen? Wenn ich nichts gesagt hätte, wüsste ich dann, wie sehr kackscheißig diese Personen sind? Weiterlesen

“Nicht-konsensualer Sex”

Dies ist ein Text über „nicht-konsensualen Sex“. Er bezieht sich auf Erfahrungen, auf Diskussionen und ganz aktuell auch auf zwei Blogtexte, die ich einfach hier echt nicht verlinken möchte. Keine Verlinkungen für Kackscheiße. Mein Text ist nichts neues. Ein paar chaotisch-strukturierte Gedanken und Analyseelemente zu dem Thema. Einfach mal rausgehauen.

 Beispiele und problematische Muster

Was wird denn so zu diesem „nicht-konsensualem Sex“ gezählt? Ein paar Beispiele. Weiterlesen