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Betroffenheit schützt nicht davor Scheiße zu sein

Ein Text über #Opfer, #Erlebende, Betroffenheitsargumente und Debatten über Vergewaltigung.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal hat ein Buch geschrieben. „Vergewaltigung. Kulturgeschichte eines Verbrechens“. Es war das erste Buch seit langem, dass mich so richtig in Rage gebracht hat. Manchmal war ich so wütend, dass ich nicht weiterlesen wollte. An anderen Stellen hatte ich nicht genug Zettel zum markieren parat, weil selten eine so genaue, treffende Worte findet. Unter Freundinnen sprachen wir eine zeitlang immer wieder über „das Buch“. Wir wüteten und feierten, etwas, was lange kein Buch geschafft hat: So sehr zum Thema zu werden.

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Gerichtlich definiert: So geht einvernehmlicher Sex

Es gibt nicht viele Worte. Alles wurde schon geschrieben, alles wurde schon gesagt. Es bleibt Sprachlosigkeit. Das Problem ist so tief in unserer Gesellschaft, in unserer rape culture verankert, da wundert das Urteil gegen Gina-Lisa Lohfink nicht. Und doch. Die Argumentation der Staatsanwältin enthält so viele Blüten, so viele Aussagen über das, was in unserer Gesellschaft als einvernehmlicher Sex definiert wird.

Das Gericht beschließt: Der Sex war einvernehmlich. Nur das Filmen nicht. Wie einvernehmlich kann Sex sein, wenn währenddessen gegen den Willen gefilmt wird? Wo ist da die Einvernehmlichkeit?

„Die Männer haben sich schäbig verhalten, haben Aufnahmen gemacht. Aber es gab keine Vergewaltigung.“

Möchtest du Sex? Ja, aber ich möchte nicht gefilmt werden. Also Filmen, ist doch klar einvernehmlicher Sex. Gefilmt werden als Teil einer sexuellen Handlung ist ein Teil dieser Handlung. Und wenn diese Handlung nicht einvernehmlich ist, handelt es sich nicht um einvernehmlichen Sex.
Was ist bloß mit den Leuten los? Fucked-up Sexverständnis.
Es ist nicht nur so, dass dieses Urteil Frauen davon abhalten wird, Vergewaltigungen anzuzeigen. Es trägt dazu bei, Frauen davon abzuhalten, ihre Erfahrungen von Gewalt als solche zu definieren. Denn das ist es doch, wo Vergewaltigungskultur am tiefsten greift. Das die Täter ihre Taten als Sex, als einvernehmlich, als Spaß und als Lust definieren.

„Ja, das war kein Blümchensex, die Szenerie war vom Sexualtrieb der beiden Männer bestimmt.“

Auch hier scheitere ich am Verständnis der Einvernehmlichkeit. Klar gibt es Sexualpraktiken, die bestimmte Dominanzrollen vorsehen. Standardheterosex ist so vorgesehen, traurigerweise. Also eine Orientierung an der männlichen Lust. Sex, genauer, Geschlechtsverkehrt, wird durch den Samenerguss des Mannes definiert. Das ist bekannt. Das ist genormt.
Das macht es nicht richtig.
Das macht es nicht okay.
Und das macht eine „Szenerie“ die vom „Sexualtrieb der beiden Männer“ bestimmt war, nicht zu etwas Einvernehmlichem. Einvernehmlich bedeutet, dass alle Partein bewusst in eine „Szene“ einwilligen. Alleine durch das Filmen wurde diese Regel gebrochen. Alleine dadurch, dass die Kommunikation der Frau zu einer Nebensächlichkeit reduziert wird. Das Hör auf wird also nur auf einen bestimmten Teil der „Szene“ bezogen, nichts, was gewalttätig ist, lediglich „schäbig“.

„Es kommt mir vor, als würden sie an manchen Stellen des Videos posen.“

Das ist es doch, was Vergewaltiger tun. Sex nachstellen. Sich selbst einreden, dass dies Sex ist. Frauen in „Posen“ schieben. Verlangen, dass diese Lust zeigen. Denn das soll zum Teil ihrer Lust werden. Eine ist also in einer Situation, in der eine nicht sein will („Hör auf“). Doch die Täter tun so, als hätte das, was sie tun, mit Lust zu tun. Aber ihnen geht es nicht um einvernehmlichen Sex. Wie kann das sein, wenn sie doch weiter gefilmt haben? Es geht darum, dass sie es können. Es geht um ihre Lust. Um ihre Fantasien. Um ihre Posen. Um ihre Macht und ihre Gewalt.
Wie immer.

Es geht nicht um sie als Täter. Nicht um ihre Gewalttätigkeit, nicht darum, dass einer schon mehrmals zuvor angezeigt wurde, unter anderem auch wegen Vergewaltigung. Es geht nicht um ihren Alkoholgehalt, um ihr brutales sonstiges Sexualleben. Was seltsam ist. Denn diesmal war doch die Angeklagt in der Rolle, in der dieses „In Zweifel für den Angeklagten“ gelten sollte. Aber es gab ja keine Zweifel.
Zweifel könnte es nur geben, wenn die unfassbar gewalttätige Heteronormsexualität mit ihrer Reduzierung auf die Lust des Mannes in Frage gestellt werden würde. Wenn nicht die Herkunft, nicht der Beruf und nicht das Aussehen der Verletzten die Bewertung der Tat diktieren würden. Doch da das die Norm ist, werden weiterhin Personen die vergewaltigt werden, sich selbst, ihren Gefühlen und ihrem Körper niemals trauen können. Denn das hohe Gericht hat erneut definiert: So geht einvernehmlicher Sex. Das ist okay.

Und das ist so verdammt nicht okay.

Sexualisierte Gewalt. Weiß-Deutsche Vorbildlichkeiten

In Deutschland geistert die Vorstellung umher, die deutsche Kultur gegen eine frauenfeindliche Invasion verteidigen zu müssen. Währenddessen wird ein Strafbefehl von 24 000 Euro ausgesprochen gegen eine Frau, die ihre Vergewaltiger angezeigt hat. Deutsche Kultur at it’s best. Dass in Deutschland ein Nein nicht als Argument gegen Vergewaltigung gilt, wurde in den letzten Jahren immer wieder diskutiert. Erinnert sei an den Freispruch eines Vergewaltigers, weil sich eine Fünfzehnjährige „nicht genug gewehrt“ hätte. Ein Freispruch, der einer klaren Logik folgt: Frauen und Mädchen stehen weißen Männern zunächst frei zur Verfügung – es sei denn, es gibt klare, personalisierte Besitzansprüche von Mein Freund/Mein Mann – oder die Betroffene kämpft bis zum Tode. Vergewaltigt und tot, dann wird die Glaubhaftigkeit nicht in Frage gestellt. Denn dann scheint es anzukommen, dass die betreffene Frau oder Mädchen es auch wirklich nicht gewollt habe.
Aktuell zeigt sich noch eine andere Möglichkeit, sexualisierte Gewalt öffentlich zu machen: In einer zutiefst rassistische Gesellschaft. Immer dann, wenn die Täter nicht weiß-deutsch sind.

Der Besitz weißer Männer und die Bibel
Viele gute Texte wurden geschrieben, wenn auch unzählig mehr katastrophale. Das Jahr 2016 startet rassistisch. Und Nein, die aktuelle Debatte hilft nicht, sexualisierte Gewalt sichtbarer zu machen:

„Unter dem Deckmantel “unsere Frauen (sic!)” zu schützen wird hier eine rassistische Praxis legitimiert, Frauen instrumentalisiert und weiße deutsche Täter unsichtbar gemacht. Der Umstand sexualisierter Gewalt wird für rechte Propaganda und Angstmache missbraucht und plötzlich sind alle ganz eifrig dabei was dagegen zu tun. Gegen “die (sic!)” zu tun!
All jene, die Anzeigen gegen weiße deutsche Männer stellen/gestellt haben, haben aber weiterhin Pech, bleiben weiterhin in der jahrelangen Warteschleife, denen wird weiterhin nicht geglaubt, weil es halt bei rassistischer Verfolgung nicht weiterhilft. Rassismus meets Rapeculture und am Ende klopfen sich die weißen deutschen Männer stolz auf die Schulter, Deutschland ist gerettet! Not.“ (Don’t Degrade Debs, Darling: Rassismuss meets Rapeculture)

Der Beitrag macht deutlich, wie sehr es um Rassismus und die Aufrechterhaltung des erhabenen Bildes eines weißen deutschen Mannes geht. Es wird eine Angst davor geschürt, das Haus zu verlassen, dem bedrohlichen „Fremden“ zu begegnen. Dabei werden die eigenen Wände und Türen als etwas imaginiert was Schutz bietet. Zur Erinnerung: In diesem ach so vorbildlichen Deutschland gilt seit nicht einmal 20 Jahren (1997) Vergewaltigung in der Ehe als strafbar. Und die Verfolgung dessen bleibt unwahrscheinlich. Zu tief verankert ist das Besitzverhältnis. Welch wunder, in unserer christlich geprägten Gesellschaft. So steht im Zehnten Gebot in der Bibel:

„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh [Domspatzen] noch alles, was dein Nächster hat.“ (Bibel nach Luther, Ex 20,17)

In dem das Gebot aufgestellt wird, dass das „Weib“ und die „Magd“ des „Nächsten“ nicht begehrt werden soll, wird ein Besitzverhältnis zementiert, in dem Frauen zu einem Mann gehören, ihm untergeordnet sind. Sie werden objektifiziert. Kein Wunder, dass es sich eine solche Gesellschaft schwer tut, Frauenrechte anzuerkennen. Das schlägt sich auch in der Rechtssprechung nieder. Angela Davis schreibt in „Rassismus und Sexismus“:

„In den Vereinigten Staaten und in anderen kapitalistischen Ländern waren in der Regel die Gesetze gegen Vergewaltigung ursprünglich zum Schutz der Männer aus den Oberschichten, deren Töchter und Frauen angegriffen werden könnten, erlassen worden. Was mit den Frauen aus der Arbeiterklasse geschah, war gewöhnlich für die Gerichte von wenig Belang. Eine Folge davon ist, dass bemerkenswert wenig weiße Männer wegen sexueller Gewalt, die sie an diesen Frauen verübten, belangt wurden.“ (Angela Davis: Rassismus und Sexismus, 1982)

Hier macht Davis nicht nur die rassistische Struktur der Verfolgung sexualisierter Gewalt deutlich, sondern auch, dass diese Verfolgung mit der Aufrechterhaltung einer Klassenordnung zu tun hat. (Sexualisierte) Gewalt gegen Schwarze Frauen und Mädchen wird bis heute kaum beachtet. Die Täter bleiben unsichtbar. Die Bebilderung von Artikeln zum Thema zeigen auch jetzt wieder weiße, oft blonde, als heterosexuelle imaginierte Frauen mit langen Haaren. Die Unsichtbarkeit der Täter wird nur dann gebrochen, wenn diese nicht weiß sind.

Das bedrohliche „Andere“

„Unsere sexistischen und gewaltvollen Strukturen werden verschleiert und Missstände ethnisiert – etwa dann, wenn davon ausgegangen wird, dass eine Meute betrunkener Männer nur bedrohlich sein kann, wenn diese »arabisch oder nordafrikanisch« (oder einfach: irgendwie ausländisch) aussehen. Es wird verschleiert, wo in unserer Gesellschaft überall Gewalt gegen Frauen ausgeübt, institutionalisiert, legitimiert und bagatellisiert wird.“(Nadia Shehadeh: Angstmacherei mit System)

Ein Blick auf die weiß-deutschen Freunde, Ex-Freunde, Väter, Großväter, Onkel, Bekannte, Partner und Freunde der Familie gibt es nicht. Schon gar nicht in bürgerlichen Verhältnissen. Wie auch. Das Gefährliche ist das Draußen, die Party, das Haus zu verlassen. Nicht dass ich nicht auch Männergruppen meiden würde. Betrunkenes Patriarchat ist einfach zum Kotzen. Karneval? Oktoberfest? Lauter betrunkene Typen, junge, alte, fast immer weiß-deutsch, die ihre Hände nicht bei sich behalten können? Deutsche Kultur, ich scheiß auf dich.
Und doch basiert diese Angst vor dem Draußen auf einem Bedrohungsszenario, dass sich tief verwurzelten, rassistischen Logiken bedient:

„Der „dunkle Mann“, „das Fremde“ passen gut als besonders gefährlich in dieses Szenario. Sei nur erinnert an das Kinder“spiel“: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ – auch dieser Zusammenhang ist nicht zufällig sondern hat mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Eine diese Mythen entsprechende Vergewaltigung ist weitaus seltener, kommt aber eher zu einer Verurteilung. Ein Hoch auf unser rassistisches Rechtssystem!“ (Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat)

Letztendlich dient die Verschärfung des Bildes des bedrohlichen Außens erneut dazu, Frauen auf ihren Platz am heimischen Herd zu verweisen. Dort sind die Besitzverhältnisse geklärt und der weiße Mann kann sich als Held und Beschützer fühlen. Denn jetzt, da rettet er auch noch die Nation vor der gefährlichen Bedrohung, die ein nie dagewesenes Problem darstellt. Der Retter, der noch nie Frauen angelabert, angetatscht oder bedrängt hat. Deswegen ist der weiße, deutsche Mann dann auch schwer geschockt, wenn er doch einmal angezeigt wird. In seiner Fantasie war doch alles einvernehmlich! Aber keine Sorge, eine Angst vor Strafverfolgung muss er nicht haben. Da springt die deutsche Kultur ein. Die Idee wird aufrechterhalten, das ständig Frauen und Mädchen durch die Republik rennen würden, die aus Profitgier, Rache oder .. (Ja, warum eigentlich? Spaß? Langeweile? Feminismus? Störung?) Männer falsch beschuldigen würden.

Die Mär der Falschbeschuldigung
Die Vorstellung der sexuellen Falschbeschuldigerin hat in Deutschland lange Tradition. Oft ist sie verbunden mit der Idee einer Geisteskrankheit/psychischen Störung der betreffenden Frau. Ein Autor nennt als Faktoren, die Falschbeschuldigungen begünstigen würden:

„In erster Linie ist da der Einfluß der weiblichen Geschlechtsartung zu nennen, und es kann gar keine Frage sein, daß die weibliche Wesensart als solche einen Faktor darstellt, der von sich aus das Auftauchen solcher zu sexuellen Falschbeschuldigungen führender Gedankenreihen und Handlungstendenzen begründet.[…] Das wertvollste, praktisch-brauchbarste Ergebnis der Untersuchung ist jedenfalls das, wenn man […] auf Erscheinungen stößt, die unverkennbar auf die Mitwirkung pathologischer Elemente beim Zustandekommen der betreffenden Anschuldigungen hinweisen.“ (Karl Birnbaum: Die sexuelle Falschbeschuldigungen der Hysterischen, 1915)

Frauen gelten auch heute noch als tendenziell manipulativ. Die Anzahl der Falschbeschuldigungen sind im Bereich sexualisierter Gewalt nicht höher als in anderen Bereichen. Doch immer wieder wird sie zum Thema. Der weiß-deutsche Mann ist ganz verwirrt, denn er hat es nicht so gemeint – in Wahrheit hat sie es doch so gewollt.
So verwundert es auch nicht, dass in einem – seit einem Jahr eingestellten Verfahren – plötzlich ein Strafbefehl gegen eine Frau ergeht, die ihre Vergewaltiger angezeigt hat. Falschbeschuldigung, so der Vorwurf. Begründet wird dies vom Richter damit, dass aus „Chatverläufen“ nicht hervorginge, dass es sich nicht um einvernehmlichen Sex gehandelt habe. Dass mit der Unschuldsvermutung argumentiert wird um Vergewaltiger nicht zu bestrafen ist die eine Ebene. Das zeitgleich mit dem Nicht-Glauben ein Strafbefehl ausgesprochen wird geht um einiges weiter: Das nicht beweisen können einer Vergewaltigung wird zur Falschbeschuldigung erklärt.
Die Begründungen werden schon in den Artikeln deutlich. Die deutsche Kultur und ihre grandiose Berichterstattung: Die eine Zeitung schreibt von der „29-jährige Blondine mit dem ausladenden Dekolleté“ (Huffingtonpost, 2.1.2016) und von einem „Sextape“. Dass dieses Video gegen den Willen der Frau gedreht wurde, auf dem Video die Worte „Hört auf“ zu hören sind und dass dieses Video gegen den Willen der Frau immer noch im Internet kursiert, interessiert die deutsche Kultur nicht. In allen Artikeln wird immer wieder geschrieben: „die Blondine“. Es ist eine Klassenfrage: Blonde Frauen sind sexy aber dumm. Zur weiß-deutschen Kultur gehören zahlreiche Blondinenwitze. Etwa der Art: „Was passiert, wenn sich eine Blondine an einen Baum lehnt? Der Baum fällt um! Warum?
Der Klügere gibt nach!“ Wie witzig. Oder auch ein Ausdruck einer frauenfeindlichen, klassistischen Gesellschaft. Die Fotos, welche die Artikel zur angeblichen Falschbeschuldigung bebildern, zeigen beispielsweise einen betonten Ausschnitt um deutlich zu machen: Diese Frau will Sex – also kann es keine Vergewaltigung gewesen sein.
Als ein weiterer „Beweis“ für die Falschbeschuldigung wird ein toxikologisches Gutachten genannt, in dem bewiesen worden wäre, dass es, entgegen der Vermutung der Frau, keine K.O.-Tropfen gegeben habe. Als Nachhilfe für unsere deutschen Richter ein kleiner Exkurs. Es gibt zahlreiche Substanzen die dazu eingesetzt werden, Frauen widerstandunfähig zu machen und die dazu führen, dass Erinnungslücken entstehen. GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure), oft als Liquid Ecstasy bezeichnet, ist eine der Substanzen, die häufig unter KO-Tropfen assoziiert werden.

„GHB wird im Körper innerhalb weniger Stunden soweit abgebaut, dass es nicht mehr nachweisbar ist. Für einen medizinischen Nachweis ist zudem eine gezielte toxikologische Analyse von Blut oder Urin notwenidg. […] Im Blut ist GHB ca. 6 – 8 Stunden nachweisbar, im Urin etwa 12 – 14 Stunden.“ (Notruf Hamburg: K.O.-Tropfen)

Da die Anzeige zwei Wochen nach der Tat erfolgte, ist dieses Gutachten demnach absolut nichtssagend. Das sind also die weiterreichenden Beweise gegen eine Frau, die Vergewaltigung angezeigt hat. Sie ist nun diejenige, die bestraft wird. Sie gilt als „Schlampe“ und „Nutte“ – und wie unsere Gesellschaft so schön beschlossen hat, Sexarbeiter_innen können nicht vergewaltigt werden. Also gilt diese Beschimpfung als Delegitimierung, als klassistische Degradierung um die Glaubhaftigkeit der Betroffenen in Frage zu stellen.
Die Debatte um diesen Strafbefehl scheint völlig unabhängig von der Debatte um die sexualisierte Gewalt um Köln zu sein. Was auf den ersten Blick völlig absurd erscheint, ergibt nur dann Sinn wenn eine sich anschaut, wie tief Rape Culture verwoben ist mit Rassismus und Klassismus. Wenn der Täter also nicht in eine rassistische Vorstellung passt, gilt der aktuelle „Aufschrei“ nicht, wenn die Täter aus dem Nahumfeld stammen gilt der aktuelle „Aufschrei“ nicht, wenn Täter sich gute Anwälte leisten können oder bekommen und somit einer Verurteilung entgehen, weil sie weiß und deutsch sind – dann gilt der aktuelle „Aufschrei“ nicht.
Und so bleibt auf ein Neues unsichtbar, wie Angst produziert wird, Frauen verboten wird das Haus zu verlassen, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist und vor allem wird sexualisierte Gewalt nicht besser thematisierbar als bisher. Denn das könnte ja die deutsche Kultur in ihren partiarchalen Grundfesten erschüttern.

Mehr Lesen:
Angstmacherei mit System“, “
Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™“,
Willkommen in der Hölle, Ladys”
Rassismus meets Rapeculture
Ausnahmslos

Täterblicke

In diesem Text versuche ich dem Phänomen nachzugehen, dass beim Thematisieren von Gewalt gegen Frauen™  immer wieder dem Blick der Täter gefolgt wird. Wie meine regelmäßigen Leser_innen wissen, halte ich nichts davon, Gewalt nicht zu benennen. Das tue ich auch hier explizit. Ich habe mich aber dagegen entschieden die Bilder, die ich beschreibe, auf meinem Blog haben zu wollen. Könnt ihr selbst googlen. Wie immer bin ich dankbar für Kommentare, weiterführende Gedanken und Vorschläge für Handlungsstrategien.

Für eine Recherchearbeit habe ich vor einigen Tagen mal wieder „violence against women“ in die Suchmaschine eingegeben. Ich habe das Tab ganz schnell wieder zu gemacht. Vor einiger Zeit schrieb ich einen ähnlichen Text. „Über Männerfantasien. Vergewaltigungsmythen in Bildern.“ Dabei ging es um Bilder, die im Kontext von Berichten über Vergewaltigung genutzt werden, um die Reproduktion von Mythen. Ich nannte den Text Männerfantasien, denn die Bilder, die produziert werden, sind Fantasien, Fantasien die Gewalt auslagern, nicht als alltägliche Realität betrachten.

Was ist eigentlich mit den Tätern?
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Über Männerfantasien. Vergewaltigungsmythen in Bildern.

Aktuell wird viel über die Veränderung des Strafrechts im Bezug auf sexualisierte Gewalt debattiert. Gut. Es wird sicherlich Zeit, das Deutsche sich mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, das ein Nein ein Nein ist. Klingt ziemlich simpel, scheint in diesem Land jedoch ein großes Problem zu sein, grundlegende Rechte anzuerkennen. Doch eine Auseinandersetzung mit dem Strafrecht reicht nicht, so lange unsere gesellschaftlichen Bilder über Vergewaltigung Männerfantasien entspringen. Männerfantasien haben in unserer Gesellschaft die seltsame Eigenschaft, zu Objektivität zu werden. Immer wieder wird diese mit allen Mitteln herrgestellt, Realität geschaffen. Nicht nur Sprache schafft Wirklichkeit, sondern auch Bilder.
Die Bilder, die es im Internet gibt, sind auch die Bilder in unseren Köpfen. Sie kommen harmlos daher, sind scheinbar nur dazu da, einen Text ansprechender zu gestalten. Dabei sind die gesellschaftlichen Vorstellungen, von dem, was sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung bedeutet, tief verankert. Weiterlesen

Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat

Aktuell begegnet mir über viele verschiedene, besonders feministische Kanäle, das Projekt „Heimwegtelefon“. Das Heimwegtelefon soll nachts auf dem Weg nach Hause mehr Sicherheit bieten. Ich bin irritiert bis verärgert. Da die Problematik dieses Projektes vielen nicht deutlich ist, habe ich versucht, nochmal genau aufzuzeigen, was so schwierig daran ist, kontext- & historienlose Aktionen zu starten. Das Heimwegtelefon reproduziert viele Mythen und die Arbeit, die Frauen seit Jahrzehnten in Gruppen und Institutionen gegen Diskriminierung und Gewalt leisten wird völlig übergangen. Es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen, das Feministinnen mühsam angeeignet haben und immer immer wieder wiederholen.

rape culture besteht nicht nur aus allgegenwärtigen Übergriffen, sondern AUCH aus der permanenten Angst vor diesen. Durch die Fokusierung auf die Angst vor Übergriffen auf der Straße wird wieder einmal verschleiert, wo Gewalt (besonders gegen Frauen) in unserer Gesellschaft stattfindet. Wieder ein Projekt, dass die Aufmerksamkeit weg von den Häusern verschiebt, weg von den Familien und Beziehungen – hin zu einer diffusen Gefahr von der Straße, dem Fremden.

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Faktencheck? Arschlochtag mit Kachelmann

Gestern war ein Arschlochtag. Gestern ging es nach Frankfurt, um den aktuellen Kachelmann Prozess kritisch zu begleitet. Ich bin dem Aufruf der Intiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt : „Die ,Opferindustrie‘ bittet zum Faktencheck“. Ich habe mich auf vieles eingestellt. Aber wohl nicht auf diesen Presserummel. Wir waren etwa Frauen* die schon vor dem Gebäude protestierten. „1xFaktencheck“ bitte. Ich kannte die Initiative bisher nur aus dem Internet und wollte eigentlich vor allem beobachten. Daraus wurde nichts. Weiterlesen