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Gerichtlich definiert: So geht einvernehmlicher Sex

Es gibt nicht viele Worte. Alles wurde schon geschrieben, alles wurde schon gesagt. Es bleibt Sprachlosigkeit. Das Problem ist so tief in unserer Gesellschaft, in unserer rape culture verankert, da wundert das Urteil gegen Gina-Lisa Lohfink nicht. Und doch. Die Argumentation der Staatsanwältin enthält so viele Blüten, so viele Aussagen über das, was in unserer Gesellschaft als einvernehmlicher Sex definiert wird.

Das Gericht beschließt: Der Sex war einvernehmlich. Nur das Filmen nicht. Wie einvernehmlich kann Sex sein, wenn währenddessen gegen den Willen gefilmt wird? Wo ist da die Einvernehmlichkeit?

„Die Männer haben sich schäbig verhalten, haben Aufnahmen gemacht. Aber es gab keine Vergewaltigung.“

Möchtest du Sex? Ja, aber ich möchte nicht gefilmt werden. Also Filmen, ist doch klar einvernehmlicher Sex. Gefilmt werden als Teil einer sexuellen Handlung ist ein Teil dieser Handlung. Und wenn diese Handlung nicht einvernehmlich ist, handelt es sich nicht um einvernehmlichen Sex.
Was ist bloß mit den Leuten los? Fucked-up Sexverständnis.
Es ist nicht nur so, dass dieses Urteil Frauen davon abhalten wird, Vergewaltigungen anzuzeigen. Es trägt dazu bei, Frauen davon abzuhalten, ihre Erfahrungen von Gewalt als solche zu definieren. Denn das ist es doch, wo Vergewaltigungskultur am tiefsten greift. Das die Täter ihre Taten als Sex, als einvernehmlich, als Spaß und als Lust definieren.

„Ja, das war kein Blümchensex, die Szenerie war vom Sexualtrieb der beiden Männer bestimmt.“

Auch hier scheitere ich am Verständnis der Einvernehmlichkeit. Klar gibt es Sexualpraktiken, die bestimmte Dominanzrollen vorsehen. Standardheterosex ist so vorgesehen, traurigerweise. Also eine Orientierung an der männlichen Lust. Sex, genauer, Geschlechtsverkehrt, wird durch den Samenerguss des Mannes definiert. Das ist bekannt. Das ist genormt.
Das macht es nicht richtig.
Das macht es nicht okay.
Und das macht eine „Szenerie“ die vom „Sexualtrieb der beiden Männer“ bestimmt war, nicht zu etwas Einvernehmlichem. Einvernehmlich bedeutet, dass alle Partein bewusst in eine „Szene“ einwilligen. Alleine durch das Filmen wurde diese Regel gebrochen. Alleine dadurch, dass die Kommunikation der Frau zu einer Nebensächlichkeit reduziert wird. Das Hör auf wird also nur auf einen bestimmten Teil der „Szene“ bezogen, nichts, was gewalttätig ist, lediglich „schäbig“.

„Es kommt mir vor, als würden sie an manchen Stellen des Videos posen.“

Das ist es doch, was Vergewaltiger tun. Sex nachstellen. Sich selbst einreden, dass dies Sex ist. Frauen in „Posen“ schieben. Verlangen, dass diese Lust zeigen. Denn das soll zum Teil ihrer Lust werden. Eine ist also in einer Situation, in der eine nicht sein will („Hör auf“). Doch die Täter tun so, als hätte das, was sie tun, mit Lust zu tun. Aber ihnen geht es nicht um einvernehmlichen Sex. Wie kann das sein, wenn sie doch weiter gefilmt haben? Es geht darum, dass sie es können. Es geht um ihre Lust. Um ihre Fantasien. Um ihre Posen. Um ihre Macht und ihre Gewalt.
Wie immer.

Es geht nicht um sie als Täter. Nicht um ihre Gewalttätigkeit, nicht darum, dass einer schon mehrmals zuvor angezeigt wurde, unter anderem auch wegen Vergewaltigung. Es geht nicht um ihren Alkoholgehalt, um ihr brutales sonstiges Sexualleben. Was seltsam ist. Denn diesmal war doch die Angeklagt in der Rolle, in der dieses „In Zweifel für den Angeklagten“ gelten sollte. Aber es gab ja keine Zweifel.
Zweifel könnte es nur geben, wenn die unfassbar gewalttätige Heteronormsexualität mit ihrer Reduzierung auf die Lust des Mannes in Frage gestellt werden würde. Wenn nicht die Herkunft, nicht der Beruf und nicht das Aussehen der Verletzten die Bewertung der Tat diktieren würden. Doch da das die Norm ist, werden weiterhin Personen die vergewaltigt werden, sich selbst, ihren Gefühlen und ihrem Körper niemals trauen können. Denn das hohe Gericht hat erneut definiert: So geht einvernehmlicher Sex. Das ist okay.

Und das ist so verdammt nicht okay.

Über Männerfantasien. Vergewaltigungsmythen in Bildern.

Aktuell wird viel über die Veränderung des Strafrechts im Bezug auf sexualisierte Gewalt debattiert. Gut. Es wird sicherlich Zeit, das Deutsche sich mal mit dem Gedanken auseinandersetzen, das ein Nein ein Nein ist. Klingt ziemlich simpel, scheint in diesem Land jedoch ein großes Problem zu sein, grundlegende Rechte anzuerkennen. Doch eine Auseinandersetzung mit dem Strafrecht reicht nicht, so lange unsere gesellschaftlichen Bilder über Vergewaltigung Männerfantasien entspringen. Männerfantasien haben in unserer Gesellschaft die seltsame Eigenschaft, zu Objektivität zu werden. Immer wieder wird diese mit allen Mitteln herrgestellt, Realität geschaffen. Nicht nur Sprache schafft Wirklichkeit, sondern auch Bilder.
Die Bilder, die es im Internet gibt, sind auch die Bilder in unseren Köpfen. Sie kommen harmlos daher, sind scheinbar nur dazu da, einen Text ansprechender zu gestalten. Dabei sind die gesellschaftlichen Vorstellungen, von dem, was sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung bedeutet, tief verankert. Weiterlesen