Schlagwort-Archiv: Diagnosespaß

Anerkennung von Schmerz und Pathologisierungskritik

Das Problem der (fehlenden) Anerkennung
Dass ich Psychopathologisierungen komplett ablehne und oft scharf kritisiere, scheint viele persönlich anzugreifen und oft Abwehrreflexe auszulösen. Es ist nicht so, dass ich das nicht verstehe. Und ich versuche, Selbstbezeichnungen zu akzeptieren, egal ob irgendwas in mir schreit „Konstruktion“. Wenn dies aber in einem feministischen Umfeld passiert was mir sehr am Herzen liegt oder noch besser, wenn sich „psychisch krank“ „anerkennen“ plötzlich als Antidiskriminierungskampagne labelt (z.B. #istjairre) , dann habe ich damit schon ein Problem. Wenn dann auch noch die Bereitschaft fehlt, die eigenen Abwehrreflexe kritisch zu prüfen (eine ist ja krank, kann nichts dafür, dann ist sowas echt zu viel verlangt) fange ich an, wütend zu werden.
Es ist nichts dabei, eine Therapie zu machen. Manchmal fehlen einer_m eben Alternativen. So what. Kein Grund, Diagnosen zu feiern. Kein Grund, Psychotherapie nicht zu kritisieren. Kein Grund, psychiatrische Gewalt zu verharmlosen. Weiterlesen

Kritik der Selbst-Fürsorge. Plädoyer für einen kämpferischen Feminismus

Vor einem dreiviertel Jahr habe ich schon einen Text geschrieben zur Kritik der (Repro) Selbstfürsorge. Manches wiederholt sich sicherlich, manches ist auch neu. Aber ich habe schon damals darüber geschrieben, dass es um Kontrolle, Selbstzwang und Disziplinierung geht. Um Funktionsfähigkeit und Individualisierungen. Diesmal geht es nochmal näher um eine Problematisierung von „Fürsorge“, um einen normativen Gesundheitsdiskurs und eine schärfere Kritik an allem was „Selbstfürsorge und_vs_oder Aktivismus“ heißt. Es tauchen vermehrt Texte auf deutschsprachigen Blogs auf, die sich mit Krisen beschäftigen. Leider bedienen diese fast durchweg psychologisierende und pathologisierende Begrifflichkeiten. Selbstfürsorge macht da keine Ausnahme. Der Ursprung in christlichen Herrschaftspraxen fällt meist unter den Tisch, die gewaltvollen Zusammenhänge von Begriffen und Praxen, besonders mit der Psychiatrie, werden verharmlost. Ich möchte keine persönlich angreifen, die bestimmte Praxen fürs sich nutzt. Ich möchte mich selbst auch nicht von dem hier kritisierten ausnehmen, nur falls da eine drauf kommt. Es geht mir darum, Strukturen aufzuzeigen und feministische Praxis herrschaftlichen Praxen entgegenzusetzen, statt diese zu bedienen. Einige Gedankenfetzen aus meinen aktuellen Radikalisierungsprozessen. Weiterlesen

Ge-störte Identitäten

Ich bin nicht gut in dieser Identitätsgeschichte. Was ist das schon, Identität. Stabil? Dekonstruiert? Im Fluss? Ich beziehe mich viel auf Kleidung. Greifbar und so. Ein Thema, das für mich immer eine Rolle spielte. Nicht gerade freiwillig. Das ist auch Thema. Und die Frage nach dem Ausschnitt. Und der „Identitätsstörung“. Erste Gedankensprünge verschriftlicht. Weiterlesen

Psychiatrisch-Patriarchale Kontrolle Teil 1: Wahnsinn zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnung und die krankhafte Abweichung Frau

In der nächsten Zeit werde ich hier in drei Teilen ein Arbeit von mir veröffentlichen mit dem Titel: „Psychiatrisch-Patriarchale Kontrolle. Kontinuitätslinien der Konstruktion von Devianz bei Frauen durch die Kategorie „Wahnsinn“.“ Dabei geht es darum, die Auseinandersetzung um „Ver-rücktsein“ in einen historischen Kontext zu betten, und sich heutige Praxis in Therapie und Psychiatrie im Zusammenhang mit der generellen Konstruktion von abweichendem Verhalten anzuschauen.
Im ersten Teil geht es um historische Grundlagen zur Her(r)stellung von Norm, Wahnsinn und Gesellschaft sowie die krankhafte Abweichung Frau(tm). (Verzeiht die Sprache und manche Hinweise auf Selbstverständlichkeiten, ich habe diesen Text in einem anderen Kontext geschrieben.)

Teil 2 & Teil 3

 

Dass spannende an der Beschäftigung mit Frauen und Psychiatrie ist, dass sich daran klassische Themen der Frauenbewegung wie Unterdrückung, Fremdbestimmung und Kontrolle von Männern über Frauen verdeutlichen lassen.2 Bei der Analyse werde ich mich an ein soziales Modell von Wahnsinn halten, nicht an ein medizinisches Modell. Damit wird nicht der Wahnsinn selbst sondern die Konstruktion in den Fokus gerückt.[…]

„A women who is unhappy, angry and withdrawn may be told by a psychiatrist that her hormones are in a flux, by a psychologist that her cognitions are faulty, by a sociologist that her enviroment is responsible, or by a psychoanalytic therapist that she is repressing her unconscious desires.“1 Weiterlesen

Kooontext, wo bist du? Die „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ im Diagnosespaß Teil II

Dieser Teil wird etwas theoretischer. Teil 1 mit meinem persönlichen Start findet ihr hier.
An der Borderline-Diagnose gibt es so viel zu kritisieren, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht vorweg: NEIN, wir sind nicht alle „ein bisschen Borderline“. Die Diagnose ist problematisch, das Erleben dahinter jedoch sehr real. Und NEIN, das kenne nicht alle „auch ein bisschen“. Weil „Borderline“ nicht für „ein bisschen“ steht sondern für Extrem. In allen Bereichen. (Warum Extrem auch ganz gut ist, erklärte ich hier). Hinter allen Konstruktionen stecken auch reale Erfahrungen. Und bei einer Kritik an Diagnosen ist es wichtig, diese Erfahrungen eben nicht zu relativieren, Be-hinderungen (meist durch Erwartungen der Gesellschaft) sichtbar zu machen und zu respektieren, wenn Betroffene das Berufen auf die Diagnose als Hilfsmittel in Anspruch nehmen.
Mir fällt es sehr schwer die Gratwanderung zu schaffen, die sich zwischen einer oft pauschal antipsychiatrisch geprägten Linken und einer total unpolitischen Ansammlung von vereinzelten Betroffenen bewegt. Weil ich beiden Seiten gerne eine Menge entgegenschleudern würde. Weil alternative Strukturen fehlen um mit Schmerz, Panik, Depression und dem Emotionschaos umzugehen. Weiterlesen

Diagnosespaß Teil 1: „Das ist ja nicht so schlimm“

Bei dem Thema weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. Gesellschaftskritik, persönliche Erfahrungen und Absurditäten gehen wieder Hand in Hand. Es sprengt einen Blogartikel total also verzeiht das viele anreißen. Ich habe viele verschiedene Diagnosen bekommen, mit manchen konnte ich umgehen (wenn ich dachte es ist stimmig) oder ich wurde wütend oder war verletzt, angegriffen. Ich glaube eine meiner ersten Konfrontationen damit war bei meiner zweiten Therapie. Ich hatte die ganze Zeit schon das Gefühl, dass dieser Typ mich nicht ernst nahm, dachte, ich hätte keine ernsthaften Probleme. Er sagte ich müsste ja nur mal ein bisschen Kontrolle abgeben. (Was zu verbissenen Kämpfen führte weil ich mich weigerte einen bescheuerten Stein geben die Wand zu werfen, aber egal.) Er wollte meine Selbstverletzungen sehen. Dabei war mit unwohl, aber wusste auch nicht so recht wie nein sagen. Unsicher zog ich meinen Ärmel hoch. Er griff nach meinem Arm. fuhr mit dem Finger über die Narben, lehnte sich dann zurück und meinte: „Das ist ja nicht so schlimm.“
Das saß.
Ich war schockiert und überfordert und habe mich bloßgestellt gefühlt. Es war als hätte ich mich ausgezogen und wäre gemustert worden um dann festzustellen: Unwichtig. Wertlos. Bloß vor allem.
Es war als würde mir die Legitimität meines Schmerzes abgesprochen. Dabei zeigt sich der doch nicht in Wunden auf der Haut! Die können doch eh niemals so tief sein wie sie sein müssten um den Schmerz zu zeigen.
Trotzdem war es auch Sprache für mich. Mit mir selbst sprechen können. Überhaupt eine Kommunikation finden. Da ich keine Sprache fand, habe ich irgendwann meinen Schmerz versucht auf meine Haut zu schreiben. Etwas sehr persönliches, was damals einfach nur sehr wenige Menschen zu sehen bekommen haben. Etwas an meinem Körper, an meinem Leben, was ich entschieden habe.
Und dann kommt dieser Mensch und sagt: Ist ja nicht so schlimm. Während ich ständig panisch fragte ob er mich ernst nehmen würde. Auch heute habe ich zugegeben noch ein Problem damit, meine Gefühle auszudrücken, ich kann über vieles sehr sachlich erzählen, aber selten die dazu passenden Emotionen zeigen und Gesichtsausdrücke finden. Ein Lächeln erscheint mir einfacher. Aber ich sagte ihm doch, wie es in mir aussieht. Bat darum, ernstgenommen zu werden. Zeigte sogar meine Narben obwohl sich das wie Nacktsein anfühlte.
Auf der Rechnung stand dann: „Pubertätskrise“.

Das war meine erste Diagnose. Irgendwann ignorierte ich die Einschätzung dieses Menschen weil es mir immer schlechter ging. Und mein Psychiater suchte mir eine Klinik raus. Ich rief an und wurde immer weitergeleitet, bekam einen Fragebogen. Bekam ein Vorstellungsgespräch. Bewerbung und Vorstellungsgespräch. Überprüfen, ob ich auch alle Kriterien erfülle um dem Club beitreten zu dürfen. Ich informierte mich. Ich wurde genommen.
Und mit der Aufnahme ins DBT Programm (eine störungsspezifische Therapie, Dialektisch-Behaviorale Therapie) stand dann auch die Diagnose im Raum: Borderline-Persönlichkeitsstörung. Damals war ich erleichtert. Ich war erleichtert, weil ich mich endlich in meinem Schmerz ernstgenommen gefühlt habe. Und ich habe es gehasst wenn Menschen mich so abschätzig anschauten und meinten: DU sollst Borderline haben? Du machst doch nicht…/ hast doch nicht… was auch immer. Gab ja schon da ein tolles Bild in den Medien. Borderlinerinnen haben ständig Sex und Wutausbrüche und sind total manipulativ. Yeah.
Für mich passte das Gefühlserleben.
Und die Zweifel kamen ja auch nicht aus einer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, an patriarchaler Kontrolle oder Zuschreibungen. Sondern die Zweifel bezogen sich darauf, dass ich ja „so krank nun auch nicht wäre“.
Deswegen tu ich mir auch heute noch schwer eine Kritik an der Diagnose zu formulieren. Weil ich nicht will, dass mir mein Gefühlserleben aberkannt wird und ich in dieser Klinik und in dieser Therapie zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass ich wirklich ernstgenommen werde.
Gerade wird es auch viel im Kopf, ich versuch nächstes Mal dann mal weiter zu machen mit der Kritik an meiner „Persönlichkeitsstörung“.
(Hier findet ihr Teil II: Kooontext, wo bist du? Die „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ im Diagnosespaß Teil II )