Kritik der Selbst-Fürsorge. Plädoyer für einen kämpferischen Feminismus

Vor einem dreiviertel Jahr habe ich schon einen Text geschrieben zur Kritik der (Repro) Selbstfürsorge. Manches wiederholt sich sicherlich, manches ist auch neu. Aber ich habe schon damals darüber geschrieben, dass es um Kontrolle, Selbstzwang und Disziplinierung geht. Um Funktionsfähigkeit und Individualisierungen. Diesmal geht es nochmal näher um eine Problematisierung von „Fürsorge“, um einen normativen Gesundheitsdiskurs und eine schärfere Kritik an allem was „Selbstfürsorge und_vs_oder Aktivismus“ heißt. Es tauchen vermehrt Texte auf deutschsprachigen Blogs auf, die sich mit Krisen beschäftigen. Leider bedienen diese fast durchweg psychologisierende und pathologisierende Begrifflichkeiten. Selbstfürsorge macht da keine Ausnahme. Der Ursprung in christlichen Herrschaftspraxen fällt meist unter den Tisch, die gewaltvollen Zusammenhänge von Begriffen und Praxen, besonders mit der Psychiatrie, werden verharmlost. Ich möchte keine persönlich angreifen, die bestimmte Praxen fürs sich nutzt. Ich möchte mich selbst auch nicht von dem hier kritisierten ausnehmen, nur falls da eine drauf kommt. Es geht mir darum, Strukturen aufzuzeigen und feministische Praxis herrschaftlichen Praxen entgegenzusetzen, statt diese zu bedienen. Einige Gedankenfetzen aus meinen aktuellen Radikalisierungsprozessen.

Sei fürsorglich und barmherzig!

Der Begriff der Fürsorge ist nicht lediglich eine Bezeichnung, sondern steht für gewalttätige Systeme. Und es ist ein christlicher Begriff. Im Mittelalter konnten so Christ_innen ihre Wohltätigkeit zeigen, streng gebunden an die Moralvorstellungen von Barmherzigkeit. Durch Almosen konnte die eigene Rettung erlangt werden. Das ganze basierte nicht auf einem individuellen Akt, sondern auf einem ganzen Fürsorgesystem: Die Wohltätigkeits- und Stiftungsorganisationen basierten und basieren noch heute auf dem Konzept der eigenen moralischen Erhöhung durch ein Mitleids-Barmherzigkeitskonzept. Vielleicht springt das Personen, die ohne einen christlichen Background aufgewachsen sind nicht so sehr in die Augen. Doch auch die Landesarmenanstalten und Landesfürsorgeheime des 19. Jahrhunderts beruhen auf diesem Prinzip, in der Zeit entstand auch das Konzept der Wohlfahrtspflege in Deutschland.

Disziplinierung durch Hausordnung. 50er-70er. Deutsche Fürsorgeerziehung.

Disziplinierung durch Hausordnung. 50er-70er. Deutsche Fürsorgeerziehung.

Hier wurde unterschieden zwischen Korringenden, also Personen, die noch „korrigiert“ werden können, und den Fürsorglingen, also Personen, die aufgrund einer mildtätigen Ethik umsorgt werden müssen, allerdings keinerlei Perspektive haben außer den Objektstatus des zu umsorgenden. Oder die Fürsorgeerziehungsheime der 50ern für aufmüpfige Mädchen.

Ihr erkennt die Zusammenhänge. Ein christliches System wird weiterhin traditionell positiv besetzt: kümmern, Sorge tragen, klein halten.

Fürsorge ist auch ein gegenderter Begriff. Wenn heute von Fürsorglichkeit gesprochen wird, ist dieser Begriff weiblich besetzt, genauer gesagt: Mit der Figur der Mutter. Eine Anrufung an „Fürsorglichkeit“ ist also immer auch eine Anrufung an ein bestimmtes Mutterideal. Forschungen versuchen nachzuweisen, welche Hormone bei Müttern dafür verantwortlich sind, dass diese fürsorglich mit ihren Kindern umgehen. Hier ist Fürsorge ein Teil eines Diskurs um Mütterlichkeit, um die gesellschaftliche Rolle von Frauen. Anfang des 19. Jahrhunderts haben sich viele Frauen in der Wohlfahrtspflege engagiert und damit auch den Versuch gestartet, bestimmte weiblich zugeschriebenen Attribute aufzuwerten. Doch die Anerkennung für diese Arbeit gab es auf Grund der christlichen Zusammenhänge schon immer. Schwierig wird es erst dann, wenn das Konzept der Mildtätigkeit verlassen wird und es zu Forderungen oder Aufbegehren kommt. Fürsorge heißt, bestehendes zu umsorgen, z.B. Kinder, immer mit dem Gedanken, dass Personen, für die Sorge getragen werden muss, keine Subjekte sind, also nichts selbst entscheiden können oder gar Ansprüche haben dürfen. Lediglich die Fürsorge selbst darf beansprucht werden.

Ich habe dieses Zitat in diesem Blog schon mal zitiert, möchte das an dieser Stelle aber nochmal tun:

Empathie, die Einfühlung in die anderen, immer notwendige Überlebensstrategie machtloser Gruppen gewesen […], um sich auf die Launen der Herrschenden einstellen zu können. Die anderen stehen im Vordergrund. Das eigene Selbst nicht so wichtig zu nehmen. Selbstlosigkeit ist auch Bedeutungslosigkeit. Aus der Not verweigerter Lebensmöglichkeiten wird dann die Tugend der Fürsorge.“

(Burgard, Roswitha (2002): Frauenfalle Psychiatrie. S.57.)

Dieses Zitat habe ich oft im Kopf. Das bedeutet nicht, Empathie abzuwerten, aber mir ist es wichtig, auch Gefühle und Verhaltensweisen, die „natürlich“ oder „zufällig“ zu sein scheinen einzuordnen. In diesem Fall beziehe ich mich auf das Patriarchat, in dem viele versuchen zu überleben. Es ist sinnvoll, sich zu einem gewissen Grad unterzuordnen, um weniger Konfrontation ausgesetzt zu sein. Das Einfühlen ermöglicht, Handlungsweisen anzupassen und Provokationen zu vermeiden. Denn Provokationen entstehen schnell, wenn eine Person oder Personengruppe per se als Abweichung konstruiert wird. Es kann sinnvoll sein, sich selbst nicht für wichtig zu nehmen. Denn sonst wäre vieles, was passiert, unerträglich. Erst durch Bedeutungslosigkeit fügt sich Gewalt in eine erträgliches Muster. Selbstverständlich ist das nur ein Weg. Ein Weg mit Kontext in einer auf Diskriminierungen und Gewalt basierenden Gesellschaft. Das heißt nicht, dass ich weiblich konnotierte Aufgaben oder Bereiche generell abwerten will. Aber mir ist es wichtig, zu schauen, wann diese Aufwertung eine emanzipatorische Praxis ist und wann sie das System, dem durch die Aufwertung was entgegengesetzt werden soll, letztendlich doch nur stützt.
Ich habe mich durch das Zitat beim ersten Lesen sehr angegriffen gefühlt. Ich halte mich für einen sehr empathischen Menschen und diese Kopplung mit machtlos hat mir irgendwie nicht so zugesagt. Aber ich habe versucht, genauer zu hinterfragen, wann welche Gefühle bei mir anspringen. Es ist mir wichtig, auch bei Gefühlen und Handlungsimpulsen nicht in eine naturalisierende Betrachtung zu verfallen, sondern auch diese in Kontexte einzuordnen, in historische Entstehungsprozesse und aktuelle Machtverhältnisse. Wann spielen meine Handlungen und Praxen wem in die Hände? Fürsorge ist eine christliche Machtpraxis, die eng verknüpft ist mit Vorstellungen davon, wie Frauen so zu sein haben.

Manche mögen nun argumentieren, dass das doch spitzfindig sei, das sie_r das nicht meinen würde, wenn von Selbst-Fürsorge gesprochen wird. Dass es da doch um das Selbst gehen würde. Es ist nicht so, dass ich lediglich den Begriff kritisiere, denn oft ist genau das gemeint, was dieser Begriff bezeichnet – fürsorglich sein, Sorge tragen, (sich) helfen. Ich finde das problematisch. Diese Worte klingen nett, enthalten aber eine Abwertung, eine Nichtanerkennung eines Subjektstatus – also das verschieben in eine Position der keinerlei Macht zugesprochen wird. Ich bin fürsorglich zu mir selbst, das heißt, ich spreche mir selbst eine Position zu, in der ich umsorgt werden muss, in der ich Mitleid brauche, in der ich ohn-mächtig bin – und gleichzeitig findet eine moralische Aufwertung statt, durch die Tugend der Fürsorge. Heute ist dies oft weniger an einen christlichen Diskurs geknüpft als mehr an psychiatrische oder generell etwas, was unter dem Oberthema „(seelische) Gesundheit“ läuft. Vielleicht läuft bei diesem Zusammenhang nicht nur mir ein Gruselschauer über den Rücken.

Individuum, optimiere dich!

Wie viele Ratgeber und Onlinesammlungen mit Tipps gibt es inzwischen zu dem Thema: Wie achte ich auf mich selbst? (Gerne auch im Bezug auf Lohnarbeit, oder im Netz(feminismus) im Bezug auf aktivistische Arbeit.) Für mich ist das Teil eines Gesundheitsdiskurses. Seelisch fit! Das ist erstmal lediglich eine Feststellung von Zusammenhängen und noch keine Wertung. Doch wenn eine sich genauer anschaut, was dazu gehört, welche Strukturen Teil dieses System sind und was die Grundlagen sind, kann eine schon skeptisch werden. In der Medizin wird Wahrheit gesprochen, auch das kennen wir aus Sexismusdebatten. Ätzende Biologisierungen. Gesundheitsdiktate die auf fatshaming basieren. Nicht groß anders ist es bei dem Thema, wie achte ich am besten auf mich Selbst. Um zu verdeutlichen was ich meine: Ich werde zum Mangelwesen, wenn ich bestimmte Aspekte dieser „seelische Gesundheits“- anforderungen nicht erfülle. Warum kann ich nicht meine Grundbedürfnisse erfüllen ohne mich als „nicht gesund“ wahrzunehmen? Das Nichterfüllen bestimmter (genormter) Bedürfnisse fällt also in etwas, was behoben werden muss. Es ist vielleicht schwer greifbar, was das eigentlich in der Konsequenz bedeutet, doch mir sehr wichtig, das deutlich zu machen. Welche Bedürfnisse finden Raum in diesen Debatten? Doch vor allem Rückzugsbedürfnisse, die sogenannten „kleinen Dinge im Leben“ . Weniger das Bedürfnis, dringend sich die Kante zu geben, etwas anzuzünden oder jemand zusammenzuschlagen. Das fällt nicht unter Selbstfürsorge.
Das ist auch durchaus logisch. Nach außen agierende Handlungen passen nicht in dieses Konzept. Es geht um das Innen, um das Selbst. Das Selbst muss in seiner Mangelhaftigkeit erkannt werden. Es ist auch klar, warum das so eine große Macht hat. In Krisen ist vieles oft weniger klar als sonst und Hilfe ist manchmal echt nicht schlecht. Es gibt viele Gründe, sich in unserer Gesellschaft schlecht zu fühlen. Sich um sich selbst kümmern bietet einen Ausweg. Das Wohlbefinden steigt. Für mich ist es wichtig, deutlich zu schauen, wer hier welche Wahrheit von Wohlbefinden konstruiert. Was ist dieses Wohlbefinden? Wer hat darüber Definitionshoheit?
Das ist ein weiterer Aspekt der an dem Inhalt, nicht bloß an der Begrifflichkeit problematisch ist. Definiere ich selbst, was unter Wohlbefinden fällt? Warum gibt es dann so auffällig viele Texte, die genormte Aktivitäten als Grundlage haben? Spazieren gehen, Baden, Basteln, Handarbeit, Freund_innen treffen, Musik hören_machen – in der Regel ruhige Dinge, die ich alleine oder im Privaten tun kann. Zum einen ist dieser Ansatz verdammt individualisierend. Aber er ist auch ausschließend. Nicht für alle ist es möglich, „nett“ zu sich selbst zu sein. Das muss eine sich erstmal leisten können, auf ganz vielen Ebenen. Wenn ich dabei bin, ums überleben zu kämpfen, aus welchen Gründen auch immer, ist es nicht immer möglich, dabei „nett“ zu sein. Weder zu sich, noch zu anderen. Was dann häufig auch diese netten Begegnungen mit Freund_innen ausschließt, weil ein gewisses Maß an Höflichkeit, Zurückhaltung und Sozialkompatibilität erfordert ist. Dieses nett zu sich sein funktioniert auch nicht für alle gleich. Ich habe hier mal darüber geschrieben, warum ich nicht erst warten kann, bis ich mich irgendwie mag um meine (Grund)bedürfnisse zu erfüllen. Das Ergebnis ist kein mildtätiges Umsorgen von mir selbst, sondern ein genervtes auf Bedürfnisse zu achten. Ohne viel Ernsthaftigkeit. Mehr nicht, auch nicht weniger.
In all diesen Selbstfürsorge-, Selfcare- und importierten Achtsamkeitsvorstellungen geht es um eine individuelle Problemlösung. Nebenbei wird das Problem oft erst geschaffen, dass dann gelöst werden muss, durch genormte Bedürfnisse und Konstruktionen von Wohlbefinden. Durch die Konstruktion von Krankheiten, die fröhlich reproduziert werden. Irgendwie ist angekommen, das Psychiatrie durch aus „irgendwie kritisch“ ist. Psychiatrie ist aber nicht irgendwie kritisch. Psychiatrie ist Gewalt. Ein System das auf Ausgrenzung und Konditionierung basiert, auf wegsperren und disziplinieren. Die Diagnose von „psychischen Krankheiten“ ist Teil dieses Systems. Begriffe wie „Depressionen“ oder „Borderline“ (ja, mein eigener Text 😉 ) werden häufig kritisiert, aber dennoch übernommen.
Warum kann ich nicht meine Grundbedürfnisse erfüllen ohne mich als „nicht gesund“ wahrzunehmen? Warum die Idee eines Mangels selbst annehmen, um dadurch dann was zu gewinnen? Im Wesentlichen geht es um Bedürfnisse wahrnehmen und diese dann möglichst auch zu erfüllen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber in einer Gesellschaft, in der Personen je nach Positionierung auch unterschiedliche Möglichkeiten geboten bekommen, um genau das zu tun, ist es ein Weg, sich an Pathologisierungen zu bedienen. Dies verdeckt aber die gewaltvollen Prozesse, in denen diagnostiziert und krank gemacht wird. Das verdeckt, wie entmündigend Verantwortungsabgabe sein kann. Ich muss Selbstfürsorge üben, trainieren, lernen, mich schützen, wiederholen – oder eben mich selbst konditionieren, damit ich das gesellschaftlich erwünschte Wohlbefinden vorweisen kann.
Der Zusammenhang: Ich als Einzelperson bin mangelhaft und bedarf der Fürsorge. Ich muss dieses am Besten selbst tun um der Gesellschaft und meinem Wohlbefinden alles möglichst schön zu machen. Immer geht es um die Einzelperson. Jetzt könnte der Einwand kommen: Aber ich muss mich doch auf Grund meines Aktivismus gut um mich kümmern! Warum das mich sogar richtig wütend macht, folgt nun im letzten Teil.

Ich bin Aktivist_in, ich darf das!

Diese Kopplung der Debatten um Erschöpfung, „Burnout“, „Depression“ oder auch „Selbstfürsorge“ sind oft kombiniert mit der Vokabel „Aktivismus“. Warum eigentlich? Bin ich die einzige, die das mehr als schräg findet? ( Zum Nachlesen gibt es bei Femgeeks eine Sammlung )
Warum konzentrieren sich Auseinandersetzungen mit Krisen im feministischen Netz (oder auch in „linken“ Kreisen) oft auf diese Kombination? Warum diese Betonung auf Aktivismus?
Zunächst würde ich auch hier ähnlich antworten wie bei meiner Kritik an dem „Burn-out“-Begriff. Es wird klar hervorgehoben: Ich tue was, ich leiste aktiv Widerstand, ich bin aktiv! Und diese Aktivität die mache ich so viel, die ist so belastend, dass dadurch [Bezeichnung deiner Wahl zwischen offen pathologisch und politisch besser klingenden Umschreibungen] entsteht. Ein Rechtfertigungsmoment für ein Nichtwohlbefinden. Klar, denn ein Nichtwohlbefinden muss möglichst immer erklärt werden, immer problematisiert und vermutlich auch bekämpft werden. Psychologische und psychiatrische Logiken. Das passt so schön in gut-bürgerlichen linke Zusammenhänge, akademische Kreise und in diesen Netzfeminismus (oft deckungsgleich): Diese Belastung durch die viele Verantwortung!
Oder weil ich schreckliche Dinge in der Zeitung_Internet lese? Diese „schrecklichen Dinge“ sind nicht irgendwelche Fiktionen sondern die Leben von Menschen. Mein privilegierter Arsch kann also unter diesen schrecklichen Meldungen leiden und ich dass dann zum Thema machen, wie sehr ich leide, weil ich mich mit bestimmten Themen beschäftige. Oder auch: Klappe halten und entweder Nachrichten lesen oder auch nicht, aber bitte bitte keine Leidensgeschichte daraus machen, wie gemein die Welt ist, weil ich darunter leide was ich in der Zeitung lese. Privilegien und so. Nicht betreten reflektieren gehen, sondern einfach mal Handlungen und Gefühlserleben kontextualisieren. Nur so ein Vorschlag. Das fällt sonst alles zu sehr in die Kategorie: Die schwere Bürde meines privilegierten Arsches. Aber ich vergesse manchmal, dass ich bei Gewalt nur betreten schweigen darf.

Flausch

Gern gesehene Bildart im Internet. Es sei denn, gerade muss betreten geschwiegen werden.

Mich schuldig fühlen je nach Anlass. Aber auf jeden Fall zu Boden gucken! Bloß keine Katzenbilder posten! Innehalten und nicht mehr bewegen. Und dann mich trösten gehen mit „den kleinen Dingen des Lebens“.
Warum also diese Kopplung? Muss ich mich um mich kümmern wegen meinem Aktivismus oder weil das Leben mehr als mit Füßen getreten hat? Manche Texte greifen das auf, das die Frage zu Aktivismus und Selbstfürsorge ein Privileg ist. Trotzdem wird selten aufgelöst, dass, wenn ich mein Aktivismus mein Problem ist, das a) wirklich ein Luxusproblem ist und b) eine seltsame Form von Aktivismus, die sich vermutlich in einigen Jahren zugunsten eines bürgerlichen Alb_traums gelegt haben wird. Bei Heiter Scheitern  wurde in einer Folge was zu diesen unterschiedlichen Aktivismusvostellungen gesagt. Dass Aktivismus nicht für alle heißt „unangepasst“ oder „berufsjugendlich“ zu sein, dass Aktivismus für viele kein Hobby ist, sondern es überlebenswichtig ist, politisch aktiv zu sein.

Mein Aktivismus macht mich nicht krank. Und auch nichts anderes, was dasselbe sagen will, aber den Krankheitsbegriff nicht verwendet – weil wissen wir ja alle, ist nicht so cool. Also lieber mal sowas nehmen, was nicht so klingt. Ausbrennen. Belasten. Letztendlich kommt es auf das Gleiche heraus: Die Art, die Menge oder werden als negativ, (fast( als selbst-zerstörend bezeichnet und wahrgenommen. Ich finde das mehr als grenzwertig. (Nicht nur dass Selbstzerstörung mal wieder einer moralischen Wertung unterworfen wird.) Für mich ist Feminismus nicht etwas was irgendwie macht dass ich total leide und erschöpft bin. Feminismus bedeutet für mich auch, nachts durch die Stadt zu gehen und eben keine Angst haben zu müssen. Erstens weil ich weiß, dass mir im Park einfach mit höchster Wahrscheinlichkeit nichts passieren wird, weil es in der Regel zu kalt ist hinter einem Baum zu lauern. Weil ich weiß, dass ich mich woanders viel mehr schützen muss. Zweitens weil ich gelernt habe mir selbst mehr zu vertrauen. Mich nicht als schwach zu denken. Stärke zu sehen, wo ich vorher nur Schwäche sah. Feminismus erschöpft mich nicht. Feminismus gibt mir eine Stimme. Je mehr ich lese, desto mehr Worte bekomme ich. Je mehr ich benenne, desto klarer und fester werde ich. Aktuell wird gerade durch den Aufbau von Awarenessstrukturen etc. auch oft thematisiert, wie wichtig es ist, Schwäche zeigen zu dürfen. Das finde ich auch gut. Aber ich habe für mein hart/stark wirken lange gekämpft. Ausgründen. Ich finde gut, dass Leute Angst vor mir haben. Ich finde gut, wenn ich einen Typen auf der Straße sehe der mir entgegenkommt und mein erster Gedanke ist: „Na los, gib mit eine Gelegenheit deine Nase zu brechen“. Es geht nicht darum, ob ich das wirklich gerne tun will. Ich schlag mich nicht gerne. Aber es geht um den Gedanken, der inzwischen vollautomatisiert da ist. Der macht, dass ich meine Hände aus der Tasche ziehe und bereit bin. Das ist kein gestresstes Alamiertsein, weil es mir viel Selbstvertrauen gibt. Klar wäre es schön, wenn die Welt nett wäre und das nicht nötig wäre. Ist sie aber nicht. Bleibt scheiße, egal wie schön die Welt doch anders sein könnte. Eine muss es sich leisten können, Schwäche zu zeigen. Das funktioniert nicht für alle gleich und überall. Ich wirke gerne unnahbar und habe auch kein Problem, wenn Frauen „nicht nett“ sind. Es gibt viele gute Gründe, eben nicht nett zu sein.
Feministischer Aktivismus scheint für viele unter „anstrengend“ zu laufen. Das verstehe ich nicht. Die Verhältnisse sind doch anstrengend. Gewalt ist doch nicht weniger Gewalt in all ihren Konsequenzen nur weil ich sie anders benennen, andere Umgänge habe, verdränge oder Gleichgültigkeit anstrebe. Macht euch doch keine Illusionen. Ich weiß, ich habe oder hatte auch oft Gesprächen in denen wir uns diese Gedanken gemacht haben: War es nicht vorher leichter? Wäre es nicht leichter, nicht überall Sexismus zu sehen?
Es ergibt wenig Sinn über Frage zwei nachzudenken, da es einfach nicht geht. Und ich habe keine Ahnung wo ihr „vorher“, also „vor“ einem „feministischen Aktivismus“ gelebt habt oder wie – bei mir war garantiert nichts „leichter“ oder „weniger anstrengend“. Wie viel Krisen von Aktivist_innen hängen mit ihrem Aktivismus zusammen? Und wie viele haben ganz andere Verknüpfungen? Doch die Betonung des Zusammenhangs erfüllt einen Zweck. Es geht um Anerkennung von Arbeit, Anerkennung von Belastungen, Anerkennung von Schmerz. Doch gerade durch diese Kopplung werden ganz viele Menschen und Krisen unsichtbar gemacht, die eben nicht die Chance haben, auf diese Formen der Anerkennung zurückzugreifen. Und ich habe auch wenig Wissen darüber, welche Strategien zu welchem Zeitpunkt von wem genützt werden (können), wenn eine mal über eine weiß-deutsche Perspektive hinaus geht – diese finden in einer normativen und pathologisiernenden Darstellung ebenfalls keinen Platz.

Es ist nicht mein Anliegen, anzugreifen, dass Personen die (struktureller) Gewalt ausgesetzt sind, nett zu sich sind. Aber mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, wann Unterdrückungsstrukturen reproduziert werden. Die christliche Praxis der Fürsorge, die Individualisierung im Gesundheitsdiskurs, die Pathologisierung durch Medizin und Psychiatrie, die Orientierung an greifbarer Leistung – all das ist Teil von „Selbstfürsorge“. Es ist ein Privileg, wenn ich durch meine Kämpfe erschöpft werden kann, denn das heißt, dass ich nicht nur ums überleben kämpfen muss . Und mir es geht es auch darum, den Fokus auf einen Aktivismus zu legen, der empowernd ist und Stärke gibt, der macht, dass ich nicht meinen Fokus „auf die kleinen Dinge“ legen muss, sondern weiter öffentlich agieren kann, trotz all der Kackscheiße, die einer so entgegen schlägt. Es ist nicht die Frage, was ich selbst für mich persönlich tue, sondern was davon ich zur Politik mache.
Mein Plädoyer für einen kämpferischen Feminismus.

 

Es folgt in Bälde: Gestehe! Kritik der Psychotherapie.

27 Gedanken zu „Kritik der Selbst-Fürsorge. Plädoyer für einen kämpferischen Feminismus

  1. Borderleinerin

    vielen lieben dank für diesen beitrag!
    ich schlage vor: kollektives igelballwerfen auf eklige mackertypen anstatt ‚achtsamen‘ erdungsübungen allein im heimischem bettchen bei einer tasse yogitee. den auch am besten durch nen cocktail ersetzen. prost!

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      1. Borderleinerin

        allerdings sollte bedacht werden, dass auch beim igelball werfen höchste ‚achtsamkeit‘ gefragt ist. das ziel sollte schließlich nicht verfehlt werden.

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  3. Kenny

    Ich wusste nie, wieso ich beim Lesen von Artikeln zum Thema Selbstfürsorge aus’m feministischen Umfeld immer die Stirn kraus gezogen hab, jetzt weiß ich es;) Danke für’s aufzeigen und die klaren Worte!:) Toller Artikel! Auch sehr angenehm zu lesen.
    Und so jemanden mit dem Nase brechen, sehr geil, wünscht man sich als Freundin (im Sinn von Freundschaft).

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  4. Pingback: Kritik der Selbst-Fürsorge. Plädoyer für einen kämpferischen Feminismus | freakoutcrazy

  5. distelfliege

    Ich steh zu meinem Yogitee und den achtsamen Erdungsübungen.
    Mit „sei froh und dankbar, dass du dich ärgerst, denn andere, die ums nackte Überleben kämpfen, haben diese Möglichkeit nicht“ kann ich nix anfangen. Mit „Iss auf, anderswo hungern die Kinder“ konnte ich als Kind auch schon nie was anfangen und damit fang ich jetzt, als Feministin, auch nicht mehr an.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      du kannst ja auch machen was immer dir gut tut, dass ist doch schön für dich dass dir das hilft! das meine ich ernst, es ist doch gut wenn eine sachen weiß, die ihr helfen und die sie gerne macht.
      nur was uns gut tut steht nicht im leeren raum sondern hat strukturen und kontexte. diese möchte ich hinterfragen. es geht nicht darum zu sagen „iss, anderswo hungern kinder“, sondern es geht darum, privilegien und möglichkeiten, die eine hat, einzuordnen in strukturen und diese – eben auch, wenn es so nah geht wie beim krisen – zu hinterfragen woher diese denn kommen, welche systeme werden unterstützt?
      mir geht es vor allem auch darum, aufzuzeigen, dass bei den konzept yogitee und erdungsübungen viele menschen ausgeschlossen werden – weil das eben nur eine! strategie ist, klar zu kommen. die dominanz, mit der diese techniken zur zeit vertreten werden, ist auschließend und gibt kaum raum für andere wege – die vielleicht nicht aus einem gesellschaftlich akzeptierten rahmen stammen.

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      1. distelfliege

        > „Es ist ein Privileg, wenn ich durch meine Kämpfe erschöpft werden kann, denn das heißt, dass ich nicht nur ums überleben kämpfen muss .“

        Was ist denn das z.B. für ein Satz? Menschen, die ums Überleben kämpfen, werden sehr wohl dadurch erschöpft. Ich versteh auch nicht, wie du diesen Schluss aus dem von dir verlinkten Artikel „battling feminist burnout“ hast ziehen können. Ich kenne einige mehrfach diskriminierte Menschen, die chronisch und dauernd erkrankt sind, Leute, die mir sagen, sie können nicht mehr, die die Segel streichen, weil sie einfach nicht mehr können… natürlich sind die erschöpft von den Kackscheisse-Verhältnissen.
        Dass Menschen, wenn es ums nackte Überleben geht, eine Zeit lang sowas wie übermenschliche Kräfte mobilisieren können, heisst nicht, dass sie nicht erschöpft werden können.

        Das war jetzt ein Satz der mir total quer gelegen hat und andere Dinge auch.

        Gerade von Menschen, für die es überlebenswichtig ist, gegen Kackscheisse anzukämpfen, habe ich das meiste über Selbstfürsorge gelernt. Und das halte ich für keinen Zufall….

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        1. Steinmädchen Artikelautorin

          Mir geht es vor allem darum darauf hinzuweisen, dass nicht alle Gewalt überlebt haben, sondern viele auch gerade aktuell dabei sind sie zu überleben. Da kann sich eine dann keine Erschöpfung leisten. Oder ihr Umgang eben beinhaltet (beinhalten muss) keine Erschöpfung zuzulassen. Der Schwerpunkt liegt also tatsächlich auf dem nur. Dabei geht es nicht darum irgendwelche Leidvergleichshierarchien zu machen, sondern genau das festzuhalten: Personen stecken in unterschiedlichen Lebenssituationen mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten.
          Ich bezog mich besonders auf diese Stelle im Text:

          Try to feel grateful for the feminist fatigue. A lot of people do this work out of sheer survival—the ability to notice your exhaustion and anger and sadness means you have space in your day and in your head, a privilege not afforded to many.

          Mir geht es nicht darum zu kritisieren, dass flt auf sich achtgeben, schon gar nicht darum, zu kritisieren dass untereinander Verantwortung füreinander übernommen wird. Im Gegenteil. Ich bin für mehr verantwortungsvolles Umgehen miteinander. Das heißt aber auch, zu respektieren, dass Strategien verschieden sind. Das heißt auch, dass es nicht für alle reicht sich zu hause zu kümmern und zu pflegen, sondern für manche gerade erst ein offener Kampf bedeutet, Empowerment zu erfahren. Ein Tee ist nett, empowert mich aber nur sehr bedingt. Es ist okay wenn Menschen sich damit wohl fühlen, dass ist ihre Sache.
          Was mich ärgert, sind die einseitigen Texte im Internet, die sehr stark auf Schonung und Rückzug setzen. Mir hilft das nicht. Gar nicht.
          Was mich ärgert ist, dass nicht gesehen wird, wie diese tollen Achtsamkeitsvorschläge eins zu eins aus therapeutischen, psychiatrischen oder schrägem Esomedizindiskurs übernommen werden. Das kann eine für sich persönlich machen, ist doch voll okay, das ändert aber nichts daran, dass das im Zusammenhang steht mit für mich aus einer emanzipatorischen Politik heraus radikal zu infragestellenden Ansätzen.
          Diese Gleichzeitigkeit muss dann wohl ausgehalten werden.

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          1. distelfliege

            Ich lese zwar, worum es dir geht bzw. nicht geht, und ich weiss auch, dass ein Teil meiner Reaktion auf deinen Artikel aus Wut oder sich-angepisst fühlen geschieht. Ich kann den Text nur schwer lesen oder nachvollziehen, weil mich immer wieder wütende Abwehr dabei einschränkt.
            Ich kann den Finger inzwischen auch auf die Wunde legen. Meine Abwehr ist deshalb da, weil ich mich die ganze Zeit von dem Text angemacht fühle, dass ich ein Weichei bin, dass es mir zu gut geht, dass es anderen viel schlechter geht, dass ich nicht nur zu blöd, schwach und privilegiert bin um ordentlich und gefälligst pausenlos Politik zu machen. Und dass das, was ich für mich und meinen Selbsterhalt tue, zudem noch antiemanzipatorisch ist. Ich bin also nicht nur faul und ein Privilegienarsch, sondern eigentlich auch noch der Klassenfeind.
            Ich habe inzwischen mehrere Texte dazu noch gelesen, im englischsprachigen Raum gab es die Debatte neulich ja fast genauso.
            Ich bin mir also im Klaren, dass vieles so nicht genau da steht, was ich wahrnehme. Und du beteuerst ja auch, dass du niemandem seine_ihre Selbstfürsorgepraxis wegnehmen willst.

            Du hast gerade erklärt, dass manche nicht ihre Erschöpfung zulassen können. Trotzdem hast du in deinem Satz gesagt, erschöpft zu sein, sei ein Privileg. Das ist ein Problem für mich. So wie es da steht, normalisiert den „Überlebensmodus“ und impft Personen Schuldgefühle ein für das Empfinden von Erschöpfung.

            Und wieder: Ich bin nicht dankbar dafür, dass ich nicht jeden Tag durch lebensbedrohliche Gewalt gezwungen bin, meine Gefühle zu ignorieren und mich kaputt zu machen. Ich fände es entmächtigend und sehr traurig, dass ich dankbar sein soll für mein Leben an sich. Ich geh nämlich davon aus, dass in Unversehrtheit leben ein Menschenrecht meinerseits ist.

            Das mit dem empowerenden Aktivismus habe ich auch erlebt und ich wünsche jede_r einen Zugang zu einem solchen Aktivismus. Manchmal läuft es aber leider nicht ganz so. Manchmal arbeitest du auf einem politisch sinnvollen Platz an der Verbesserung der Welt und eigentlich könntest du daraus Empowerment ziehen, musst dich aber mit Genoss_innen herumschlagen, die ihre Macken so lange an dir abreagieren, bis du zwar eigentlich schon längst nicht mehr kannst, aber das Handtuch aus bestimmten Gründen auch nicht werfen kannst. Oder du bist jeden Tag massenhaften Hasskampagnen ausgesetzt, weil du mit irgendwas antisexistischem über Nacht berühmt geworden bist und sich jeden Tag Leute an dir abreagieren.
            Ja, ich denke, es gibt das, dass Aktivismus und alternative Strukturen genauso Gewalt und Unterdrückung beinhalten wie alle anderen Strukturen.

            Wenn es mir schlecht geht, dann ist es mir ziemlich egal, welche Gesundheitsnormen ich erfülle und anstrebe. Ich will, dass es mir wieder besser geht. Und wenn ich dabei Gesundheitsnormen erfülle, so what?
            Das, was du als „es geht um das Innen“ kritisierst, stellst du gegenüber mit selbstverletztendem Verhalten. „Sich die Kante geben“ = sich eine Dosis Gift verabreichen, die so hoch ist, dass der eigene Körper es gerade noch überlebt. „etwas anzünden“ solang man nicht genug eigenes Hab und Gut dafür parat hat, besteht die Gefahr der Polizeigewalt und Verhaftung und was weiss ich noch. Sich in Gefahr bringen. „Jemanden zusammenschlagen“. Das bringt eine Person ebenfalls in Gefahr und die „Zusammengeschlagene Person“ findets sicher auch nicht so prall. Ich finde es auch problematisch, „jemanden zusammenschlagen“ als Beispiel ohne Kontext anzuführen, als Alternative zu „herkömmlicher Selfcare“. Nenn mich einen Hippie, aber ich finds extrem scheisse, wenn die körperliche Unversehrtheit anderer mal so eben meinem Wohlbefinden und meiner Selbstfürsorge geopfert werden darf. Das ist mir zu wenig pazifistisch.
            Zumal mensch dann wieder überlegen müsste: Welche „Mackerschweine“ sind denn meinem „Zusammenschlagen“ zugänglich und warum? Und an welche komme ich erst gar nicht ran? Den kleinen picklickgen Strassennazi zusammenzuschlagen, damit es mir danach besser geht? Seriously?

            „Privilegien und so. Nicht betreten reflektieren gehen, sondern einfach mal Handlungen und Gefühlserleben kontextualisieren. Nur so ein Vorschlag.“

            Was genau soll ich darunter verstehen ausser: „Anderswo hungern die Kinder“? Das ist doch nix anderes als eine kontextualisierung von Handlungen. (Den eigenen Teller nicht leermachen in einen Kontext stellen in dem wo anders die Kinder hungern).

            Ist ja schön und gut, wenn dir Tee und Yoga nicht hilft.
            Wenn für dich und andere bestimmte Praxen eher entmächtigend und kleinmachend sind, finde ich das auch besser, wenn du das bleiben lässt.
            Zu sagen, diese Praxen wären generell entmächtigend und stützen generell Entmächtigung und reproduzieren generell antiemanzipatorische Strukturen, schadet dir ja dann auch nicht. Weil du diese Dinge eh nicht brauchst und sie dir eh nicht helfen.

            Mir schadet das aber. Weil ich diese Dinge brauche, und wenn ich nicht mind. 1x wöchentlich irgendwas Yogaähnliches mache, kann ich meinen Broterwerb erstmal vergessen und die Rückenschmerzen, die ich dann hätte, finde ich auch nicht besonders emanzipatorisch. Gerade bei Selbstfürsorge geht es meiner Meinung nach _nicht_ um normierte Vorstellungen von Gesundheit. Gerade bei Selbstfürsorge geht es darum, wie es der jeweiligen Person geht, wie ihr Energiehaushalt ist. Extrem wenig oder nie habe ich es erlebt, dass eine Person sagte: „Oh. mein Körper oder Gemütszustand weichen hier etwas von der Norm ab. Ich werde jetzt Yoga machen, damit ich die Normwerte erreiche.“ Es geht eigentlich immer darum, dass eine Person Leiden empfindet und die Verantwortung für ihre Heilung oder Pflege selber übernimmt. Insofern finde ich das eher empowernd als klein machend.

            Vielleicht kommt auch irgendwann eine Altersfrage dazu. ich bin bald 40 und mein Körper läuft nicht mehr so vor sich hin und man kann reinkippen was man lustig ist, durchmachen und tanzen wenn man will oder ne Woche durcharbeiten. Da sind Limits. Die eigenen Grenzen kennenlernen und respektieren ist eine Notwendigkeit für mich geworden.

            Normalerweise finde ich es empowernd und Selbstfürsorge, feministische Blogs zu lesen, mich freut das, wenn ich merke, ich bin nicht alleine mit meinen Befindlichkeiten. Mich freut das, wenn ich merke, ich bin nicht alleine dabei, mich mit meinen Privilegien auseinanderzusetzen. Mir hat z.b. Nadines Text über den Mythos der unverdienten Privilegien super gut gefallen.
            Dein Text hier – komm ich nicht mit klar. Ich ärgere mich eigentlich die ganze Zeit und ich merke, mir tut das nicht gut und ich habe eher das Bedürfnis, da gegen an zu schreiben oder in meinem eigenen Blog einen Selfcare ARtikel zu schreiben um mich selber wieder zu bestärken.

            Ich kann echt z.B. Empowerment durch Aktivismus unterschreiben, ich kann einige Punkte verstehen, aber diese „guilt trips“ und diese linke Selbstgeißelung a la „ich verhungere ja nicht, also gehts meinem Privilegienarsch total fein und gut“ find ich total schädlich.

            Meinem Privilegienarsch mag es gut gehen im Verhältnis dazu wie es anderen geht. Und trotzdem hat mein Privilegienarsch Probleme, und wie sie mich betreffen und ob sie mich erschöpfen, und was genau mir gut tut, das kann nur mein Privilegienarsch selber ermessen. Wäre ich in einer lebensbedrohlichen Lage, würde ich erstmal durchhalten und weitermachen. Bin ich aber nicht. Und viele Menschen, die in einer lebensbedrohlichen Lage waren, haben lebenslange Folgen für den Raubbau zu tragen, den sie gezwungenermassen an ihrem Körper und ihrer Energie betreiben mussten. Deshalb steht für mich nicht einfach die Situation „Überlebensmodus“ gleichwertig neben dem „privilegierten Selfcaremodus“, sondern ich finde es wichtig, beim Namen zu nennen, dass der Überlebensmodus nicht einfach nur ein anderer Modus ist, es ist Raubbau. Es ist super schädlich. Und wenn du nicht im Überlebensmodus bist und Erschöpfung somit zulassen kannst, dann ist es imho selbstschädigend, dies zu übergehen. Erschöpfung ist kein schönes Gefühl. Dankbar sein zu müssen für Schmerzen und schlechte Gefühle – das find ich zutiefst sittenchristlich (mein: Nicht religiös christlich, sondern einer christlichen Sitte, ohne notwendigerweise Religion, entsprechend) und da weiger ich mich. Und das ist auch genau der Punkt, wo es mich provoziert.

            ich hab das jetzt alles so runtergetippt und das ist sicher auch sehr emotional alles. Wenn ich nen eigenen Text über Selfcare schreiben werde, werde ich wahrscheinlcih gar nicht so sehr eine Diskussionsform wählen sondern eher versuchen, mich zu fragen: Was tut mir eigentlich gut, was hat sich bewährt, und ist das tatsächlich alles so individuell-allein-im-Kämmerlein? (Ist es nicht).
            Aber unter dem Strich ist mir nicht so wichtig, was im Einzelnen hilft. Wichtig ist mir, dass jede Person sich berechtigt und befähigt fühlt, auf sich zu achten, ganz unabhängig davon was die anderen sagen, wie es ihr zu gehen hat und wie sie sich zu fühlen hat. Kein „Dir muss es ja schlecht gehen“ und kein „dir gehts doch noch gut!“ Und wichtig ist mir, dass jede Person selbst die Verantwortung dafür hat, was sie wo und wieviel macht, und dass nicht andere darüber zu befinden haben, ob sie zuviel oder zu wenig Rückzug, Aktivismus, Selfcare betreibt. Und dass eins nicht vom eigenen Aktivismus und den eigenen Zusammenhängen, und wie sie auf eins wirken, auf andere schliessen kann. Mein Aktivismus tut mir gut? Gut für mich! Ich bin in einer Aktionsgruppe linker Märtyrer_innen, denen es nur gut geht, wenns ihnen möglichst scheisse geht, und das tut mir nicht gut? Dann ist das nicht gut, wenn ich das sage, und nicht, wenn andere meinen, das wäre doch so toll.

            ….
            naja, falls du dich nun total unverstanden fühlst, brauchst du mir das nicht unbedingt auseinanderzuklamüsern, warum du das alles ganz anders intendiert hast. Ich weiss selber, wie frustend sowas sein kann, jemandem ne Sache zu erklären, die eigentlich haarklein schon da steht. Ich hatte ja auch den anderen Text von „unter der Glasglocke“ gelesen und fand den in der Form mehr bei-sich-bleibend und weniger vorwurfsvoll und Schuldgefühle einimpfend, so dass ich das besser akzeptieren konnte, was da steht.
            (http://glasglocke.tumblr.com/post/64011561013/selbst-fursorge-gedankensalat)
            Ich habe im den Text mich wiedergefunden und meine Abwehrgefühle, dass Selfcare von dir z.T. abgewertet wird, und dass ich das gefühl kriege, etwas für mich zu tun sei „schlecht“. Ich hab mich da verstanden gefühlt und ich bin durchaus zu gewinnen dafür, dass Selbstfürsorge vielfältiger besprochen werden sollte, weniger verinnerlicht, mehr empowernd und mehr nach-aussen-gehend. Da hab ich auch durchaus Lust zu.

            Aber heute nicht. Keine Energie mehr übrig. Und diese Diskussion ist vielleicht nötig, meistens sinds ja genauso ne schmerzlichen Texte, die am meisten Nachdenken erzeugen – aber sie verbraucht Kraft. Was ja ok ist. Manches verbraucht Kraft und darf es verbrauchen. Aber das ist halt ein Beispiel wo Aktivismus oder Debatten in aktivistischen Zusammenhängen nicht immer nur empowern und schön-toll-jubeltrubel sind..

            Gruss + Kuss
            Distel

  6. light sneeze

    was ich so interessant finde und für mich grad umwälze, ist der aspekt, inwieweit so ein zurückziehen auf selfcare auch ein akzeptieren der umstände ist.
    nach dem motto: ja, das ist ein übles system, dem wir hier unterworfen sind, aber wir können nichts machen, wir kämpfen uns halt ab, lecken ein bisschen unsere wunden und kämpfen uns dann weiter ab.
    wenn also allgemein anerkannt ist, dass selfcare den frust+die erschöpfung „löst“ bzw. bessert, dann kann das dazu führen, den eigentlichen grund für frust+erschöpfung zu vernachlässigen.
    dieser gedanke ist es aber auch, den ich nur ganz schwer auf den punkt bekommen habe, als ich versuchte, das wiederzugeben.

    @ distelfliege
    das mit dem privileg sehe ich so, dass es einen unterschied gibt, ob ich permanent mit etwas konfrontiert bin (z.b. rassismus, z.b. trigger), oder ob ich zu nem lesekreis gehe oder veranstaltungen organisiere etc.
    das ist m.e. auch ein wichtiger punkt im artikel bei high on chlichés – aktivismus ist nicht immer wählbar.
    klar kann das auch zusammengehen (z.b. triggerkampf + bloggen/twittern, was mich betrifft), aber ich kann nicht entscheiden: ach, ich mach mal ne pause mit dem feministischen kämpfen. das geht gar nicht. eben wegen der kackscheiße.
    ich verstehe den satz also irgendwie anders herum als du, glaube ich?

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    1. bluespunk

      o.t. zu light sneeze: meiner erfahrung nach ist es grade wenn ich mit triggern konfrontiert bin hilfreich, mich zurück zu ziehen und nicht auf das notfallprogramm anzuspringen, das in der usprünglichen gewaltsituation notwendig war. für mich zu wüten und zu trauern, aber NICHT aktiv zu werden. trigger werden mir viel zu oft gleichgesetzt mit der tatsächlichen bedrohung. dabei liegt ja grade in dem erkenntnisprozess dass sie das nicht sind das potenzial, ihnen und damit letztendlich den täter_innen die macht zu nehmen unser leben zu zerstören. dass das so oft gleichgesetzt wird finde ich sehr verwirrend und befremdlich.

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      1. lightsneeze

        @bluespunk:
        ich verstehe gerade nicht, was du meinst und warum du dich auf mich bzw. meinen kommentar beziehst.
        für mich bedeutet trigger: ein satz, eine geste, ein bild etc., das in mir das gefühl auslöst, dass ich damals dem täter gegenüber, in der situation hatte.
        dagegen anzukämpfen bedeutet für mich, zu verinnerlichen, dass ich durch diese sätze/gesten/bilder nicht (mehr) in gefahr bin, mit dem ziel, ihnen ausgesetzt sein zu können, ohne in schreckstarre zu fallen.
        diese sätze/gesten/bilder kommen aber ständig vor, ich kann mich nicht davor zurückziehen, außer, indem ich nicht vor die tür gehe, mit niemandem spreche/schreibe, nichts lese, keine musik höre und keine filme mehr sehe (letzteres habe ich sogar eine zeit lang gemacht, alles andere ist für mich unrealistisch).

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        1. bluespunk

          entschuldige light sneeze, ich habe dich falsch verstanden.
          das wie du es schreibst kenne ich auch sehr gut und das ist sehr kräftezehrend und anstrengend.
          ich wünsche dir einen langen atem und viel kraft fürs immerwieder handelnkönnen und glücksmomente.

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  7. distelfliege

    Hm, ich geh eigentlich davon aus, dass Selfcare sowieso nur dann fällig wird, wenn mich irgendwas hinreichend fertig macht, und das ist bei mir zu 99% der Fall wenn ich selber betroffen bin und es mir nicht „aussuchen kann“. Gerade da finde ich, macht der Satz meine persönliche Realität ungültig, denn wenn ich trotz eigener Betroffenheit erschöpft sein kann, und der Erschöpfung nachgeben kann, dann bin ich dadurch nicht mehr „richtig ernsthaft betroffen“ oder wie? Und natürlich kann ich ne Pause von feministischen Kämpfen machen. Ich kann zwar nie mehr die Feminismusbrille absetzen, ich werde wie schon immer auch weiterhin den Sexismus sehen, wenn er mir begegnet. Aber trotzdem kann ich ne Pause machen – Weltflucht, Realitätsflucht, wegbeamen, Filterbubble….. nenn das wie du magst. Es geht.
    Ich habe auch bestimmte Leute, die ich nicht meiden kann, mit denen ich das Thema sein lasse… ausblenden, verdrängen – it’s a thing. Und nicht mal so verachtenswert.. finde ich!

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      ich schaffe nicht auf alles genau einzugehen, aber wollte wenigstens ein paar sätze schreiben:
      erstens, ist es nicht egal wenn ein gewisser psychiatrischer gesundheitsdiskurs bedient wird, denn dieser schafft gewaltverhältnisse, kategorisierung in gesund/krank normal/abweichend.

      es geht mir keinenfalls darum, irgendeine situation, krise, gewalterfahrung, anstrengund, erschöpfung etc. nicht anzunehmen, zu bewerten oder sonst was. das kann ich niemals und will ich auch nicht. es geht doch zeitgleich, meine privilegien zu reflektieren, meine ressourcen kritisch zu hinterfragen ohne dabei infrage zu stellen, wie es mir damit geht. es geht um keine betroffenenolympiade oder aberkennung, sondern einfach um die schaffung einer größeren akzeptanz für unterschiedlichste zustände und umgangsweisen.

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      1. distelfliege

        Ich wollte noch kurz nachschicken, dass ich mir deinen Text gestern nochmal durchgelesen habe und heute nochmal, und ich glaube, ich lese den nun tatsächlich anders. Ich kann einiges jetzt verstehen und finde manche Sachen die du kritisiert hast, auch problematisch.
        Ich kann dazu aber nicht viel sagen ausser „gut, dass es mal gesagt wurde/ist ok darüber nachzudenken“, (einige Sachen versteh ich auch immer noch nicht.) weil mir Alternativen fehlen und in meiner Situation einige Sachen auch entweder kein problem sind oder ich mich mit z.B. der Selbst-Kleinhaltung/Ohnmacht/Machtsache schon auseinandergesetzt hatte und sich das dadurch bei mir nicht mehr „automatisch einschleicht“.

        Naja, ich wollte eigentlich nur nach unserem heutigen Getweete sagen.. es ist eh nicht mehr alles so heiss gegessen wie es gekocht wurde!
        Aber ich fürchte, so nen richtig kohärenten Kommentar kriege ich trotzdem nicht hin.

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  8. Pingback: Selbstfürsorge – I did it my way! | Anarchistelfliege

  9. le merle

    Erstmal: Toller blog! Das erste Mal, dass ich im Internet Kritik an Diagnosen, Pathologisierung etc. finde, mit deren Art ich etwas anfangen kann. Unheimlich viele Anregungen zum Nachdenken.

    Beim Lesen dieses Blogposts habe ich so einige befriedigte Zustimmungslaute von mir gegeben.

    Auf mich wirken die Selbstfürsorge-Tips, die ich immer wieder lese oder die mir vorgeschlagen werden recht stereotyp, vereinfachend und kuschelweich. Wahrscheinlich sind sie mir aber einfach zu einseitig.

    Ich bin ich eine große Freundin von Badewanne, Spaziergängen, Kerzen und Tee. Aber mit so etwas tue ich mir Gutes, wenn es mir eh gut geht. Oder wenn ich mich zerbrechlich fühle. Mit dieser Fürsorge erkenne ich vor mir selbst meine Zerbrechlichkeit an – und das ist manchmal genau das richtige.

    Aber das ist nicht die einzige Rolle, in der ich mich sehen möchte. Und Fürsorge ist nicht die richtige Antwort auf jede meiner Emotionen. Wenn mir für reale extreme Lebensumstände, für existenzielle Angst nur kuschelige Methoden empfohlen werden – dann hat das für mich schon etwas von „Du musst deine Situation eh akzeptieren, richte dich mit einem Tee wenigstens darin ein.“. Um weiter zu kämpfen, benötige ich eine andere Energie.

    Bei starker Verzweiflung hilft es mir persönlich nicht, mein (nicht vorhandenes) Notfall-Köfferchen aufzuklappen und in eine Zitrone zu beißen. Das ist mir zu steril, kein Äquivalent für meine Emotionen. Auf ein Kissen einzuschlagen (Rücksicht auf die Nachbarn) hat nicht die gleiche Wirkung, wie eine Schranktür so zu zu knallen, dass sie aus den Angeln bricht. Für häßliche Emotionen brauche ich einen häßlichen Ausdruck, – nätürlich möglichst einen, der nur meiner Schranktür und nicht mir und meinen Mitmenschen schadet.

    Den ständigen Hinweis darauf, wie hilfreich und essentiell das „FreundInnen treffen“ doch sei, empfinde ich ebenfalls als ziemlich „patronizing“. Im Blogpost steht es so schön: „Was dann häufig auch diese netten Begegnungen mit Freund_innen ausschließt, weil ein gewisses Maß an Höflichkeit, Zurückhaltung und Sozialkompatibilität erfordert ist.“ Wenn ich in so einer Situation authentisch erzählen würde, wie´s mir geht und welche Seite des Leben ich gerade erfahre, wäre das für den Gegenüber sehr unangenehm. Wenn ich mich trotzdem in einer starken Krise mit einer Freundin auf einen Kaffee treffen würde, müsste ich mich verstellen. Um die andere Person und das Verhältnis zu schützen. Ich will mich aber nicht verstellen, also kann ich nur das soziale Leben auf Eis legen. Mein persönlicher Schluß daraus.

    Also irgendwie kommen mir diese Ratschläge, die verallgemeinernd und einseitig (!) die kuschelige Selbstfürsorge und mehr Sozialkontakte empfehlen, auch vor wie eine Aufforderung zu verleugnen und nicht auszudrücken, dass gerade absolut gar nichts okay ist.

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