Für mehr Politisierung von (psychischen) Krisen. (Repro-)Selbstfürsorge ist leider nicht emanzipatorisch.

Heute ein wenig Kritik beim Steinmädchen: Feminismus aus Notwendigkeit, der Backlashblues der Mädchenmannschaft, Reproselbstfürsorge- und Burnoutskritik – und zum Schluss ein wenig Flussmetaphorik. Ich experimentiere wie immer mit Gedanken rum. Auf grobe und auch feine Denkfehler gerne aufmerksam machen. 😉

Feministin aus Notwendigkeit

Ich bin nicht Feministin, weil ich keine anderen Hobbies habe. Ich bin nicht Feministin, weil ich da gesellschaftlich sonderlich viel Ansehen habe. Auch nicht, weil mir keine anderen politischen Betätigungsfelder einfallen. Ich bin Feministin aus Notwendigkeit. Oft würde ich auch gerne was anderes machen. Das Leben leichter nehmen. Nicht überall Sexismus sehen.
Das Ding ist: Der Sexismus ist da. Von klein auf war ich damit konfrontiert, Sachen nicht machen zu dürfen, weil ich ein Mädchen war. Das hat mich immer verletzt, weil ich es nie verstanden habe, warum. Ich habe die Warum-Fragen auch oft gestellt.
Darauf gibt es wohl auch keine guten Antworten. Patriarchat.
Ständig konfrontiert mit Formen von Gewalt, unterschiedlich sichtbar und brutal – aber immer präsent. An Orte nicht hingehen dürfen. Dinge nicht tun dürfen. Eine Ergänzung sein. Die permanente Abweichung.

Klar können Menschen das ausblenden. Manchmal bewundernswert. Ich kann das nicht. Und deshalb bin ich Feministin. Weil ich verletzt wurde und immer noch verletzt werde und möchte, dass das aufhört. Und es hört nicht auf, indem ich besser lerne, zu ignorieren.
Ich bin keine Feministin, weil ich mir dachte, dass das total viel Spaß macht. Feministinnen sind nicht sonderlich beliebt. Ständig zerbricht daran etwas. Weil sich Menschen abgrenzen wollen von dieser Radikalität. Feminismus bitte nur nett und so, dass es nicht weh tut.
Sorry, aber mein Feminismus wird Menschen weh tun. Weil es um Grenzverletzungen geht. Und dabei wird mir auch ständig weiter weh getan. Und ja, es tut weh, wenn die Norm angegriffen wird. Nur dann endlich mal denjenigen, die davor sonst immer geschützt sind.
Da ich also keine Alternative habe, versuche ich wenigstens, so viel Spaß wie möglich rauszuholen. Das ist mein aktuelles Projekt. Spaß haben, wenn ich sexistischen Typen in den Arsch trete, weil sie sich scheiße verhalten haben. (Die Vorstellung gefällt mir schon jetzt.) Leider fällt mir das oft noch schwer, weil ich mich immer noch oft vor allem ohnmächtig fühle. Nicht weiß, was ich überhaupt tun kann. Verzweifle. Verletzt bin.

Aber ich will diese Ohnmacht nicht mehr, ich will Handlungsfähigkeit. Nicht mehr erstarren. Mich nicht erschlagen lassen von der ganzen Kackscheiße, die täglich umherschwirrt. Und ich will das gerne tun. Ich will Spaß dabei. Macker und sonstige Vollpfosten hatten lange genug ihren Spaß. Wir sind dran.

Der Podcast der Mädchenmannschaft zum „Backlash-Blues“ passte in den letzten Tagen genau in meine Stimmung, zu Konfrontationen mit krassen Aussagen – auch seitens Feministinnen. Was mich enttäuschte. Mir weh tat. Mich zum Wutgeheul brachte. Und trotzdem war das was in mir, was einen Widerspruchsgeist zu manchem im Podcast auslöste. Und ich wollte das nicht so deprimierend stehen lassen. Irgendwas in mir wollte aufschreien und sagen: ALTA, nein, so krass ist es nicht. Was lustig ist, weil es ja genau so krass ist.
Es gab auch wieder eine Wendung hin zu Perspektiven, aber dieses Erschlagensein von der Ohnmacht angesichts von Backlashs und den täglichen Auseinandersetzung, dieses Erschlagensein war förmlich greifbar. Ich musste sehr schlucken, weil ich spürte, wie es sich auf mich übertrug. Spürte die Schwere auf meiner Brust und meiner Atmung.
Es war schwer mich da emotional rauszuziehen und zu sagen: So fühlt sich das für mich gerade nicht an. Ich kann das Nachvollziehen, nachspüren – a b e r es ist nicht mein Gefühl. Ich bin absurderweise voller Hoffnung.

Das Ding ist auch son Tick von mir: Wenn es allen schlecht geht, kann es mir nicht auch schlecht gehen. Das funktioniert einfach nicht. Also schalte ich den Modus um und tu was ich kann. (Leider funktioniert der Schalter oft nur in eine Richtung, und ich finde manchmal nicht den Platz, dass das anders herum geht.) Ich werde dann ziemlich abgeklärt und pragmatisch. Was im Internet ziemlich praktisch ist, mag dann auf Menschen innerhalb von anderen Räumen eher kalt und distanziert wirken. Ich finde das okay, dass das so ist. Ich mag helfen und supporten, aber ich muss nicht die Stimmungen auf mich übertragen. Wenn ich Hoffnung habe, ist sie schwer zu bewahren in Konfrontation mit viel negativen Einschätzungen. Vor allem weil ich Realität doch eher pessimistisch sehe. Etwas absurd, dass ich mich so an dieses Gefühl klammer. Und nur mein Pragmatismus rettet mich manchmal vor dem Erschlagenseingefühl.

 

Repro-Selbstfürsorge und „Burnout“

In dem Kontext wird aktuell viel über Selbstfürsorge gesprochen. Ich finde das prinzipiell erstmal ganz gut. Aber die Debatten haben für mich im Moment einen schalen Beigeschmack. Selbstfürsorge ist toll, aber hat auch etwas sehr individualisierendes. „Ich kümmer mich um mich“ hat in einer positiven Konnotation etwas mit Verantwortung zu tun. Ich erwarte nicht, dass andere mich retten, sondern übernehme Verantwortung für mich und mein Leben. Das finde ich gut.

Aber es hat auch was mit Disziplin, Kontrolle und Selbstzwang zu tun. Internalisiertes therapeutisches Vorgehen. Klar, es haben noch nicht alle eine Therapie gemacht, aber dennoch wirkt eine Gesellschaftliche Vorgabe: Funktionsfähig bleiben. Glücklich Funktionsfähig bleiben. Nicht „verrückt“ werden. Die Gefühle, die Verzweiflung, die Wut – alles mit sich selbst ausmachen. Jedenfalls in der Rohform. Dann darf es auch gerne nach außen durch Gespräche, Blogeinträge oder andere Kommunikationsmedien. Damit lebt es sich leichter. Aber es ist eine krasse Reglemtierung, die nichtmal von außen aufgezwungen werden muss – wir tun es schön selbst.

Hinzu kommt: Das was ich tu, was mir gut tut, sind oft Reproduktionsarbeiten. Ich hatte den Eindruck, ich bin nicht allein damit. Klassisch in der Küche stehen und backen. Kochen. Abwasch. Putzen. Nähen. Stricken. Handarbeiten generell. Ich glaube kaum, dass das ein Zufall ist, dass ausgerechnet diese Aufgaben sich so sehr anbieten. Ich kann gerade nur spekulieren, woran das liegt. Es fühlt sich meditativ an. Ich muss mir nicht viele Gedanken dabei machen. Die Aufgabe ist klar. Der Widerstand gering, es sind alles Sachen, die von Menschen wertgeschätzt werden. (Es sei denn, es ist eine Daueraufgabe z.B. als Mutter – dann werden diese Arbeiten unsichtbar gemacht.) Wenn Menschen das als sogenannte Selbstfürsorge tun, kommt viel Freude auf. Und wird dann auch kommuniziert. Mich macht das stutzig. Emanzipatorisch fühlt sich das nicht an. Zu viel Individualisieren, zu viel geschlechtsspezifische Aufgaben, die gerne gesehen werden an Frauen. Hinterlässt bei mir ein ungutes Gefühl. Da meine „destruktiven“ Umgangsformen wie Esskompliziertheiten oder Autoaggressionen auch deutlich von Geschlecht geprägt sind, sollte ich wohl die Klappe halten. Aber ich sehe da ein Problem, das angesprochen werden sollte. Und es gibt wirklich nichts zu feiern, wenn Reprokram eine der wenigen Formen von Selbstfürsorge ist, die uns überhaupt einfällt.

In dem Zusammenhang habe ich auch über mich und meine Texte nachgedacht, und darüber, was ich so tu und was mir fehlt. Ich bekomme gute Rückmeldungen für das was ich schreibe. Weil ich Verletzungen sichtbar mache. Sprache finde. Raum schaffe. (Danke für all die lieben Rückmeldungen und auch konstruktive Kritik an dieser Stelle! <3 <3 <3) Dennoch würde ich mir manchmal wünschen, dass das was ich tu und schreibe, politischer gelesen wird. Das was ich schreibe und ansprechen will, ist nicht davon trennbar, dass sich Feministinnen für Therapien entscheiden, weil sie gerade nicht weiter wissen. Meine Kritik setzt dort an. Nicht an den Personen die sich dafür entscheiden. Aber an den Machtstrukturen. Therapie kann in unserer Gesellschaft das einzige sein, was eine Option bietet – was sehr traurig ist. Was schwer ist, in einer bedürftigen, weil verzweifelten, Lage, wo eine eher dazu neigt, viel anzunehmen und ausnahmsweise mal nicht so krass zu hinterfragen, wenn es nur irgendwie hilft.Weil eine Dauerskepsis auch verhindern kann, sich einzulassen. Was alles auch erstmal völlig in Ordnung ist, weil es dem weiterleben dienen kann.

Trotzdem ist ein therapeutisches System ein Machtverhältnis. Ein Geschlechtsspezifisches. Und gerade im Kontext mit Psychiatrie ein Gewaltverhältnis. Leider lässt sich Therapie und Psychiatrie nicht so einfach trennen. Die Mechanismen sind oft sehr ähnlich. Durch Diagnosen wird kategorisiert und bestimmtes Erleben bekommt dann Relevanz, anderes nicht. Diagnosen stigmatisieren. Klar, manche vermeiden das. Es bleibt dennoch ein Individualisierender Charakter. Frauen, sprecht über eure Gefühle! Gesteht. Foucault sprach irgendwo mal von einem Geständniszwang in dem Kontext. Durch das Geständnis (besonders geprägt durch die Psychoanalyse) wird die Wahrheit entdeckt – und dann die Person wieder zurecht geformt. Durch die Therapie wird eine Person wieder in die Gesellschaft angepasst, abweichendes Verhalten wird auf ein erträgliches Maß zurechtgestutzt, Leiden teils auch nur durch Ignorierenlernen gemindert. Es ist ein System, das in gesund und krank einteilt. In Fähig und Unfähig.

Meine Texte entstehen aus einem persönlichen Kontext, ja – aber sie sind politisch. Und ich wünschte mir, sie würden auch mehr so gelesen. Zusätzlich dazu, dass sie Menschen supporten und Worte geben können, was ja alleine schon politisch ist. Aber ich wünsche mir eine stärkere Debatte.

Ich würde mir wünschen, dass wenn wir über Achtsamkeit und Selbstfürsorge sprechen, was ich total gut finde, über Depressionen und Burnout – dass wir dann auch dahinter gucken, was da für Machtstrukturen hinter stecken. Und was wann wirklich auch strukturell empowernd wirkt, emanzipatorisch ist. Als Kommentar zu einem spannendem Text zu feministischem Burnout hin habe ich schon was geschrieben in die Richtung, merke aber immer mehr, wie wichtig mir das ist, das öfter zu sagen: Burn out ist kein cooler Begriff. Er kommt von Leisten. Burnout schafft eine „Berechtigung“, dass es Menschen schlecht gehen darf. In aktivistischen Kontexten ist es klar, dass dieser Begriff verwendet wird, weil er ja das zu beschreiben scheint, was Sache ist: Sich völlig überarbeitet zu haben. Daher wird dieser Begriff verwendet. Dieser Begriff stammt aus einer krassen unterdrückenden Struktur, die vermittelt, dass es nur dann okay ist, sich schlecht zu fühlen, wenn vorher etwas geleistet wurde.

Es ist anerkannter Burnout zu haben als Depressionen. Depressionen vermitteln sowas passives. Als ob Depressionen kontextlos wären.

Problematisch an dem Begriff im Zusammenhang mit feministischer Arbeit ist auch, dass suggeriert wird, dass der Kampf krankmachend ist. Dass der Aktivismus das ist, was kaputt macht. Dabei sind es die Verhältnisse, die eine überhaupt in diese Auseinandersetzung zwingen.

Oft sind es Grenzverletzungen um die es geht, keine Leistungsüberlastungen. Grenzverletzungen können viele Formen annehmen. Eine selbstverursachte Grenzverletzung kann sein, etwas zu tun, obwohl ich gerade weiß, dass es zu viel ist. Mir so in der Form nicht gut tut. Grenzverletzungen von außen passieren viel auf Grund von Diskriminierungen durch Sexismus, Rassismus, Ableism und andere Unterdrückungsstrukturen. Das macht so oft so ohnmächtig, und die Ohnmacht ist dann so quälend, dass es irgendeinen Umgang damit geben muss.Aber auch psychische Verletzungen und Krisen sind nichts, dem Personen hilflos ausgeliefert sind.

Es muss was passieren. Oft ist das dann der Punkt, in dem sich eine für eine Psychotherapie entscheidet. In der Therapie wird darüber gesprochen, wie die Einzelne mit diesen Gefühlen und Problemen umgehen kann. Aber eine feministische Bewegung sollte darüber sprechen, wie wir als Netzwerk damit umgehen können. Welche Lösungen und Optionen es gibt, die nicht individualisierend sind und die es sich auch finden lässt, bevor wir das Patriarchat endlich abgeschafft haben. Ich möchte mit diesem Text keine Personen angreifen, die sich für Therapien entscheiden. Ich tu das auch immer wieder. Weil es keine Alternativen gibt. Aber ich wünsche mir eine politische Debatte dazu, die Bedürfnisse ernst nimmt und gleichzeitig das therapeutisierende System ernsthaft hinterfragt – und nicht nur als Reflexhaltung im Sinne von: „Jaja, ich weiß, dass das pathologisierend ist.“ Und dann keine weitere Auseinandersetzung folgt.

 

Selbstermächtigung in Flussmetaphorik

Um Ohnmacht zu bekämpfen ist es erstmal wichtig, sich als mächtige Person fühlen zu dürfen. Das lernen Frauen* in unserer Gesellschaft nicht. Stattdessen lernen wir ständig Angsträume kennen. Macht fühlen kann sehr erschreckend sein. In Rollenspielen den Bösen zu spielen. Verkleidungspartys. Drag. Das alles ermöglicht in eine andere Rolle zu schlüpfen, die machtbesetzter ist. Ich bin richtig zusammengezuckt, was alleine Kleidung und diese Rolle mit mir mal gemacht hat. Ich konnte alleine mit meinen Blicken verletzen. Wenn mein Bauch rausguckte, musste mich das als Macker nicht kümmern. Ich konnte Frauen* geringschätzig, objektivierend mustern. Das zu fühlen war krass. Ich war entsetzt von mir. Aber gleichzeitig ist es auch sehr interessant, wie leicht das ist. Wie sehr Macht von den zugeschriebenen Rollen abhängt.

Das kann ich so in der gewalttätigen Form nicht ausleben, möchte das ja auch nicht. Aber es ist gut bedenken, wie leicht sich solche übergriffigen Situationen für die andere Seite anfühlen kann – und dann auch wie schnell das gestört werden kann.

Ich mag nicht mehr ständig zu einem wehrlosen Opfer gemacht werden. Die gibt es nicht. Jede Person wehrt sich nach ihren Möglichkeiten. Wir alle kämpfen auf unsere Weise. Ich mag nachts alleine durch den Park gehen, ich mag lernen, meine Macht zu fühlen und Typen mit einem Blick zum Schweigen zu bringen. Ich kann das lernen. Und dann können sich Situationen für mich verändern. Das ist kein victim blaiming, wenn eine deutlich macht, dass Frauen stark sind. Wir kriegen nicht beigebracht uns zu wehren. Vielleicht auf der Ebene wie in Filmen gezeigt auf der Brust eines großen Mannes herumzutrommeln und sich zu wundern, warum nicht passiert.

Es fehlen die Vorbilder. Der Raum. Schutzorte zum Lernen.

Politisch würde ich immer fordern, mehr die Täter in den Blick zu nehmen. Das einzige, was Vergewaltigung wirklich verhindert, ist nicht zu vergewaltigen, das ist klar. Aber rape culture beinhaltet auch die ständige Angst davor. Angsträume werden geschaffen und als Schutz verkauft. Von vielen Menschen, leider auch Feministinnen.

Verantwortung tragen andere, das ist auch klar. Diejenigen, die uns verletzt haben. Diejenigen, die uns beigebracht haben, nachts Angst haben zu müssen. Die Gesellschaft, die diese Strukturen aufrecht erhält. Aber wir müssen mit der Situation umgehen. Wenn ich in einen reißenden Fluss geworfen werde, habe ich die Wahl: Schwimmen oder Ertrinken. Es hilft mir dann herzlich wenig zu sagen, dass es unfair ist, dass ich in diesem Fluss bin. Dass es nicht meine Schuld ist. Ich bin drin. Ich muss schwimmen um zu überleben. Und wenn es gut läuft, komme ich irgendwann ans Ufer und kann denjenigen, die mich da reingeworfen haben, ordentlich eins aufs Maul geben.

Ich will einen radikalen Feminismus, der sieht, dass Frauen* stark sind. Dass wir ordentlich was drauf haben. Und ja, diese Stärke ist sehr verschieden, weil wir vielleicht unterschiedlich tief in diesem verdammten Fluss stecken. Manchmal ist Stärke, immer zum Atmen wieder an die Oberfläche zu kommen – wenn wir da allerdings schon sind, können wir auch entdecken, dass es möglich ist zu schwimmen.

Es geht mir nicht um ein Blubb á la: „Alle Möglichkeiten stehen uns offen.“ Wir haben verschiedene Ressourcen. Aber nur weil wir mal in diesem fuckin Fluss sind, müssen wir da nicht bleiben. Das ist sicher. Es geht nicht immer alleine. Aber verdammt nochmal, ich weigere mich auf ewig immer nur nach Luft zu schnappen bevor ich das nächste Mal untergehe! Und ich will aus diesem Fluss raus, auch wenn ich mal wieder reinfallen mag oder geschubst werde. Ich will raus, damit ich einigen Menschen mal gehörig einen Tritt in den Arsch verpassen kann.

 

It’s gonna be so 2013

Für eine feministische Auseinandersetzung reicht es nicht zu gucken, was wir heute brauchen, um nicht durchzudrehen. Das müssen wir einfach tun. Auseinandersetzen sollten wir uns damit, was strukturell eine Verbesserung für uns bringen könnte. Was ich mir für 2013 wünsche in feministischen Kontexten: Mehr Auseinandersetzungen mit psychischen Grenzverletzungen, mit den Narben und Wunden, die durch sich selbst und andere entstehen und heilen müssen. Mehr Politisierung von Therapie und persönlichen Krisen. Supportsysteme finden, die Feministinnen helfen, weiter kämpfen zu können, ohne dabei kaputt zu gehen. Individuelle Selbstfürsorge und Reprokram nicht verwischen mit emanzipatorischen Unterstützungssystemen und Veränderung von Verhältnissen. Das fänd ich gut. Neben der Abschaffung vom Patriarchat oder einer Flucht nach Trill (wegen der Frauen* mit den tollen Flecken…).
Für den Anfang würden mir auch mehr Debatten über die gerade angesprochenen Themen reichen. 😉

26 Gedanken zu „Für mehr Politisierung von (psychischen) Krisen. (Repro-)Selbstfürsorge ist leider nicht emanzipatorisch.

  1. lantzschi

    Hey Steinmädchen, danke für den tollen und nachdenklich stimmenden Text.

    Ich habe ein paar Fragen zu deinen Perspektiven bezüglich Selbstfürsorge in Form von Reproduktionsarbeit. Gesamtgesellschaftlich gesehen würde ich dir (fast) ohne Zweifel Recht geben.

    Trotzdem ein paar in Fragen gegossene Thesen:
    – Reproduktionsarbeit ist eine Konstruktion, um diese Form der Arbeit unter Produktionsarbeit zu hierarchisieren und schlechter zu bezahlen bzw. das Geschlechterverhältnis anders zu organisieren. Wird diese Konstruktion von dir in Frage gestellt?
    – Kann „Reproduktionsarbeit“ umgedeutet, ausgeweitet und mit anderen Bezugsrahmen gefüllt werden? Individuell und im Kollektiv? Ich denke hier an nicht heteragegenderte Beziehungs- und Zusammenlebenskonzepte, in denen der Bezugsrahmen Androzentrismus_Male Gaze_andro_hetera_gendernde Arbeitsteilung wegfällt.
    – Kann diese Umdeutung mit diesem veränderten Bezugsrahmen nicht dann doch emanzipatorischen Charakter haben, indem sie in einem widerständigen Lebens-Bezugsrahmen stattfindet?
    – Kann diese Umdeutung nicht dann auch Teil der Selbstfürsorge sein und nicht allein auch deshalb, weil sie die Hierarchisierung von Kopf- und Handarbeit aufbricht und zweiteres neu politisch auflädt?
    – Wäre nicht Repro-Arbeit als Teil von Selbstfürsorge eine Möglichkeit über die hegemonialen, andro- und heteragendernden Formen von Repro-Arbeit nachzudenken, sie zu hinterfragen, zu kritisieren?

    Viele liebe Grüße

    Antworten
  2. Steinmädchen Artikelautorin

    Hey lantzschi,
    ich versuch die ganze Zeit gut drüber nachzudenken, mein Kopf ist leicht matsche, aber hier ein paar unsortierte Gedanken zu deinen Fragen/Thesen.

    Über Reproduktionsarbeit generell habe ich noch keine ausgefeilten Gedanken im Kopf. Aber ich denke, dass die Bezeichnung Reproduktionsarbeit dazu dient, sichtbar zu machen, dass es sich auch um Arbeit handelt – und sichtbar zu machen, was da eigentlich alles zu gehört. Gemacht wird diese Arbeit sowieso (von Frauen) und der Begriff macht das sichtbar. Aber vielleicht magst du genauer erklären, worauf du hinaus wolltest? Komme glaube nicht ganz mit welche Konstruktion du genau meinst.

    Ich würde schon sagen, dass sie Reproduktionsarbeit anders besetzen lässt. Im Moment steht der Begriff für untergeordnete Arbeit in einem bestimmten Beziehungs- und Lebenskontet. Also tendenziell eher negativ. Ich finde es gut, wenn Kochen und Backen und Handarbeiten mehr wertgeschätzt werden. Aber solange es als Frauenbereich besetzt ist, wird das als Abwertung verwendet, weil „weiblich“ immer eine Abwertung darstellt.
    Auch in alternativen Lebensentwürfen spielt natürlich Reproduktion eine Rolle. Aber meistens ist es doch trotzdem sehr mit normativen Konzepten verbunden. Wem macht wann was warum Spaß? Wer ist wozu bereit?
    Aber ich weiß nachwievor nicht, wie emanzipatorisch ich das finde. Befreiung ja auch ein Stück weit- es ist mehr ein positives Bewerten von Sachen die eh statt finden müssen. Aber ich bin auch der Ansicht, mehr mehr maschinen, die diese aufgaben (zB Putzen) übernehmen können, damit ich diese Aufgaben nicht mehr machen muss. Dann wäre es was anderes.
    Vielleicht geht das. Als Aneignung. Bin gerade noch nicht sicher.

    Aber als Selbstfürsorge finde ich es nachwievor schwierig. Einmal wegen dem trotzdem indivualisierenden Charakter (auch wenn ich Reprokram empowernd denke, ist es immer noch etwas, womit eine oft alleine zu tun hat) und zum anderen wird ja nicht die Hierachie Kopf/Handarbeiten generell aufgebrochen, sondern es werden weiblich besetzte Arbeiten gewählt. Ich jedenfalls gehe nur selten in den Keller und schweiße was zusammen. Was echt auchmal eine Alternative wäre – aber komplizierter und mit mehr innerem Aufwand verbunden ist, als mich einfach in die Küche zu stellen / zu stricken.

    ich finde das gerade schwer emanzipatorisch zu denken. Generell bin ich aber der Ansicht, dass alles, was einer hilft, um klar zu kommen gut und wichtig ist. Nur aus einer feministischen Perspektive würde ich mir erhoffen, mehr Alternativen zu finden, die nicht auf klassische Rollenaufgaben zurückgreifen.
    Und mehr Perspektiven für einen kollektiveren Umgang. Da fällt mir leider noch viel zu wenig ein, aber ich glaube, dass das unbedingt notwendig ist.

    Ein Teil ist sehr wirr, aber gegen ende wirds hoffentlich schlüssiger.

    ganz liebe grüße zurück

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  3. lantzschi

    Huhu, danke für deine Antwort. Ich versuche mich mal an einer Ausdifferenzierung meiner Fragen und einer gleichzeitigen Antwort auf deinen Kommentar.

    Reproduktionsarbeit wird in einer ökonomiekritischen Lesart als Arbeit gefasst, die der Erneuerung_Wiederherstellung der lohnarbeitenden Personen dienlich sein soll. In kapitalistischen westlichen Gesellschaften ist diese Form der Arbeit an „Frauen“ und in die private Sphäre verbannt worden, weil sie keiner Verwertungslogik im Sinne der Produktion von Waren folgt und weil Patriarchat_Muttermythen_Reproduktionsdiskurse (hier: „Vermehrung von Bevölkerung“/Biopolitik).

    Die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, die durch die ausführenden Personen von Reproduktionsarbeit entweder in Frage gestellt oder aktualisiert wird (je nachdem wer sie ausführt) ist also keine Gegebenheit, sondern ein Konstrukt, eine Realisierungsform von gegenderten und kapitalisierten Arbeits- und Lebensverhältnissen in westlichen Gesellschaften. (heißt nicht, dass es in anderen gesellschaften keine arbeitsteilung nach gender gibt bzw. arbeit und gender nicht immer zusammenhängen, will aber gerade über das schreiben, was ich kenne)

    Wenn du sagst, dass Reproduktionsarbeit weder an sich noch als Teil von Selbstfürsorge für Feminist_innen emanzipatorisch, ja feministisch sei, hinterfragst du diese Konstruktion nicht. Ich weiß, dass du hier auch auf die aktuellen realisierten Formen von Reproarbeit schaust, trotzdem wird das Konstrukt und die sexistische Genealogie von Reproduktionsarbeit dabei von dir nicht in Frage gestellt.

    Nur weil diese Arbeit in deinen Wunschvorstellungen nur von Typen oder Maschinen ausgeführt werden sollte (was ich prinzipiell unterstützen würde als Forderung 😀 ), heißt das nicht, dass sich das emanzipatorisch auswirken muss in Bezug auf Sexismus, in Bezug auf gegenderte Arbeitsteilungen (welche Formen von Arbeit werden hier gerade überhaupt gedacht und besprochen?).

    Weiter: Ich stelle diese Fragen, weil mein Bezugsrahmen ein anderer zu sein scheint, als deiner in der Analyse_Kritik, die du vornimmst. Ich wohne mit einer Feministin zusammen, ich lebe in einer Paar-Beziehung mit einer Feministin, meine sozialen Nahräume und politischen Räume sind in ihrer Gänze fast ausschließlich von Feminist_innen oder Frauen und Lesben gestaltet und geprägt. Typen spielen keine oder eine untergeordnete Rolle. Ich merke immer wieder, dass Reproduktionsarbeit in solchen Räumen von den anwesenden Personen anders gefasst wird, mit anderen Bedeutungen aufgeladen wird. Reproarbeit ist in diesen Räumen auch eine Intervention in den sexistischen Normalzustand – ob intendiert oder nicht. Alle Positionen, die sich außerhalb der Typ-Norm bewegen, sind mit den Anrufungen konfrontiert worden, für Reproarbeit zuständig zu sein. Diese permanente sexistische Anrufung macht, dass eine_r sich auch zuständig fühlt oder achtsam in Bezug auf Reproarbeit ist, unabhängig von eigenen Ordnungs- und Sauberkeitsvorstellungen. Dies wiederum hat den Effekt in dem eben beschriebenen Kontext, dass keine oder kaum Diskussionen darüber stattfinden, wer nun Reproduktionsarbeit übernimmt, wer dran ist oder wer wieviel „leistet“, weil es selbstverständlich ist, Reproarbeit als Teil des eigenen Lebens- und Arbeitszusammenhangs mitzudenken, zu wissen, dass es den anderen anwesenden ähnlich geht und diese Arbeit gemeinschaftlich zu organisieren oder als gemeinschaftliche oder sinnstiftende oder entspannende Tätigkeit zu erachten. Als Teil des feministischen Raumes, in dem sich eine_r bewegt, lebt, arbeitet. Zwar ist für mich immer wieder feststellbar, dass als Frau außerhalb dieses Bezugsrahmens kein Blumentopf zu gewinnen ist, während Typen sich für’s Bügeln und Knöpfe annähen feiern lassen, führt mir allerdings auch vor Augen, dass Bedeutungsebenen sich je nach Kontext verschieben können, nicht fest sind und damit Reproduktionsarbeit nicht immer und überall negativ konnotiert ist oder „weiblich“ eingelesen wird oder sexistisch wirkt.

    Nochmal zur Trennung von Kopf- und Handarbeit. Diese Arbeiten sind nicht nur gegendert_sind mit Sexismen untrennbar verbunden, sondern auch mit Rassismus/Weißsein und Eurozentrismus, ebenso mit Klassismus, Ableismus. Handarbeit hier selbst noch einer weiteren Abwertung zu unterziehen, indem sie als „weiblich“ festgeschrieben wird, re_produziert die weiße, ableisierte, typisierte Norm, die der Unterscheidung und Hierarchisierung von Hand- und Kopfarbeit zu Grunde liegt.

    Was den Individualisierungscharakter von Reproarbeit angeht, würde ich in Teilen zustimmen, bezogen auf meinen Lebens- und Arbeitszusammenhang nicht, aber ich sehe das mittlerweile auch als mein personal Privileg an, dass ich das nicht mit mehr mit mir selbst ausmachen muss. Ich würde aber die Kritik an Individualisierung und Selbstregierung und neoliberalen Tendenzen in Bezug auf Selbstfürsorge insgesamt teilen. Wer macht sich Gedanken über Selbstfürsorge? Wer ist in der Lage_kann in der Lage sein, auf sich acht zu geben, für sich selbst zu sorgen, andere zu umsorgen (in einer feministischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft) und damit auch einen Mehrwert für sich selbst zu ziehen? Wer kann sich quasi selbst reproduzieren? Wer kann andere bei ihrer Reproduktion unterstützen, ohne dass es in Selbstausbeutung verschwimmt? Wer hat Zeit und Ressourcen für sowas? Selbstfürsorge ist aus diskriminierter Perspektive absolut notwendig für eine_n selbst, sonst ist auch der Kampf gegen diese Diskriminierung und die Unterstützung von und Solidarität mit anderen Kämpfen kaum mehr möglich, dennoch liegen der Ermöglichung von Selbstfürsorge rassistische, ableistische, sexistische und klassistische Strukturen zu grunde. Wenn ich nicht an politische Aktivist_innen, die diskriminiert positioniert sind, denke, fällt mir als Selbstfürsorge-Prototyp die weiße ableisierte erziehungsarbeit ausgelagerte/keine erziehungsarbeit leistende, von klassismus privilegierte Position ein. Bioprodukte konsumierend, Zeit zu haben über Freizeitaktivitäten nachzudenken und diese dann auch durchführen könnend, Reproduktions und Erziehungsarbeit entweder nicht leisten zu müssen oder als Teil des eigenen Lebens- und Arbeitszusammenhangs begreifen könnend, weil Lohnarbeit ausgelagert werden kann, nicht verrichtet werden muss, weniger verrichtet werden muss und trotzdem damit den eigenen Lebensstandard sichernd. Selbstfürsorge wird nicht aus Gründen der Erschöpfung, Diskriminierung, Ohnmacht oder als Reaktion betrieben, sondern als Vor_Sorge im Sinne von Biopolitik, Selbstregierung, „Gesund“ und „Individuell sein“. Siehe auch zusätzlich die Versuche mit sogenannter DIY-Kultur Geld zu verdienen, Produkte aber gerichtet an eine bestimmte soziale Gruppe (Dawanda, Etsy, kleine Lädchen in bestimmten Bezirken größerer Städte) – das scheint irgendwie weit entfernt von den Überlegungen einiger Feminist_innen zur Selbstfürsorge, aber auch dieser Kontext sollte unbedingt in Bezug auf Machtverhältnisse und die eigene Positioniertheit darin besprochen oder selbst_kritisch reflektiert werden.

    Was fasst du unter Reproduktionsarbeit? Gehört DIY dazu?

    Welche Formen von Selbstfürsorge außer Reproduktionsarbeit sind denn für dich denkbar? Für mich: Urlaub (für einen bestimmten Zeitraum freiwillig in eine andere geographische Region reisen – zu können -), ein Vollbad, ein tolles Buch lesen, basteln, mit Freund_innen treffen und gemeinsam lachen, lange schlafen (auf Anhieb) An meinen Beispielen wird deutlich, dass sich all diese Wünsche, die ich auch teilweise realisieren kann für mich, mit Privilegien zu tun haben. Das fände ich wie gesagt, eine spannende Diskussion, neben der Kritik „Ist Reproduktionsarbeit feministisch?“ Sagen wir so: das Thema ist seeehr komplex 🙂

    Gute Nacht

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  4. in_stereonuts

    sorry, konnte es nicht lassen den Post doch zu kommentieren und auch was zu deinen Fragen zu schreiben, lantzschi. Hoffe es ist okay, wenn ich mich einmische.
    “Ich jedenfalls gehe nur selten in den Keller und schweiße was zusammen. Was echt auchmal eine Alternative wäre – aber komplizierter und mit mehr innerem Aufwand verbunden ist, als mich einfach in die Küche zu stellen / zu stricken.”.- Ja, komplizierter, weil Frauen beigebracht wird ,,das ist zu kompliziert [für dich, als Frau]“. Kochen/Nähen etc. kann auch genauso kompliziert sein. Darin sehe ich das Problem der Reproduktionsarbeit als Selbstfürsorge. Denn genau das wird Frauen ja beigebracht, dass diese Arbeit ja angenehm und einfach ist. Um zu legitimieren, diese Arbeit nicht zu würdigen oder gar zu entlohnen. Ich denke da nur an meinen Vater, der bei meiner Frage, warum er nicht auch mal kocht, sagte: ,,Die Mama macht das doch so gerne.” Eine Aufwertung dieser harten Arbeit in Form von ,,angenehm” und ,,helfend” finde ich gefährlich, in diesem Kontext. Wenn eine Frau was kocht oder einen Knopf annäht, das ist nicht aus dem Kontext zu reißen. Ich will nicht damit sagen, Frauen sollen auf keinen Fall kochen (in meiner Utopie vielleicht doch). Aber auch der nicht heteragegenderte Bezugsrahmen besteht nicht kontextlos. Der gesellschaftliche Rahmen wirkt auch da. Wenn ich mir z.B. ein fem. Frauenkollektiv denke, gruselt mich es, wenn ich mir vorstelle, dass z.B. alle zusammen sitzen und nähen, weil dieses Frauenkollektiv ja auch in einem Kontext steht und ein gewisses Bild vermittelt.
    Ich möchte das nicht als Modell für Selbstfürsorge im Feminismus.
    Solche gemeinsamen Aktivitäten wie z.B. zusammen abspülen und kochen, waren früher sehr wichtig für Frauen und sind es auch immernoch, in dem Sinne, dass das Gelegenheiten des Austauschs waren. Vielleicht Situationen, wo sich ausgetauscht wurde, wie scheiße die Männer sind, wo Wut Platz hatte oder ein Um-Sich-Selber/Gegenseitig-Kümmern. Keine ideale Situation, aber eine Möglichkeit. Genauso sehe ich auch Selbstfürsorge in Form von Reproduktionsarbeit, ist sie aktiv gewählt, als eine Möglichkeit für eine Frau. Ich finde sie nur in dem Sinne nicht emanzipatorisch, weil die Entscheidung m.E. nicht frei ist von dem sexistischen gesellschaftlichen Bild, was Frauen tun sollten, damit es ihnen gut geht. Weil sie anderen Möglichkeiten der Selbstfürsorge den Raum nimmt. Warum wird Selbstfürsorge immer mit Harmonie und Entspannung verbunden? Ist z.B. Musik machen óder an einem Auto schrauben nicht auch Selbstfürsorge? Oder gibt es andere Formen des Kampfes, die uns nicht mehr so die Kraft aussaugen?

    Ich habe auch noch Fragen an Steinmädchen/generell:
    Innerhalb des Diagnoseblubbs: Wie fändest du es, Depressionen mit dem Begriff ,,Burn Out” zu ersetzten?
    Die Idee dahinter, ist dass Burn Out gesellschaftlich anerkannt ist, wie du auch sagtest. Es ist okay zu sagen, dass es einer_m schlecht geht, weil sie_er sich überarbeitet hat. Daran sehe ich nichts verkehrtes. Ich finde das sollte genauso gesellschaftlich anerkannt sein/gesehen werden, zu sagen: Es geht mir schlecht, weil ich alleine bin/traurig bin etc. Und den Begriff im feminsitischen Kontext zu benutzen, mitgedacht, dass innerhalb der Diagnosekategorien eine Wahl getroffen wurde zwischen Depressionen und Burn-Out – daran finde ich in dem Vergleich auch nichts verkehrtes. Weil es feministische Arbeit als Leistung würdigt. Und denken wir in diesen Kategorien, beschreibt Burn-Out auch fast nur die “Symptomatik”. Ich finde es furchtbar, wie Burn-Out medial behandelt wird. Es bedeutet ,,Erschöpfung, weil zu viel gearbeitet.” Dass es viel mehr ist als das, dass auch z.B. familiäre Gründe/Grenzverletzungen dahinter stecken, wird nicht gesehen. Oder dass Burn-Out und Depressionen fast immer gleichzeitig existieren. Das finde ich sehr schade.

    Antworten
  5. Steinmädchen Artikelautorin

    Danke ihr zwei für die langen Beiträge. Mein Kopf raucht – und ich finds super. Ich werde versuchen meine Antwort inhaltlich in die verschiedenen Themen zu strukturieren und nicht beide Kommentare nacheinander abzuarbeiten. Sonst komm ich durcheinander. Ich hoffe, ich übergehe nicht allzuviel.
    Reproduktionsarbeit allgemein
    Ein bisschen schwer tu ich mir mit der allgemeinen Frage schon noch, dafür habe ich mich zu wenig damit auseinandergesetzt. (Einfach nur um meine Wissensposition in dem Kontext offenzulegen. Links sind herzlich willkommen. Sonst recherchier ich selbst nochmal, gibt es ja bestimmt einiges zu.)
    Aber wird mir nicht deutlich, wieso du, lantzschi, den Eindruck hast, ich würde nicht in Frage stellen, dass diese geschlechtliche Arbeitsteilung ein Konstrukt ist. Selbstverständlich ist sie das. Nur die Frage ist: Wie weiter mit der Erkenntnis? (Diese Frage stellt sich ja oft, nur auf „Es ist ein Konstrukt“ stehen zu bleiben, hilft ja meistens herzlich wenig.)
    Mir ist auch nicht ganz klar, wo du in deinem Bezugsrahmen die Intervention siehst. (Ähneln tut sich der Rahmen übrigens schon 😉 ) Mir ist nicht klar, worin der (strukturell) positive Effekt liegen soll, eine Arbeit toll zu finden, die das Patriarchat eh findet dass wir sie toll zu finden haben. Ist dieses Angenehm empfinden nicht eher ein Effekt von Ausleben von Internalisierung?
    Selbstfürsorge durch Reproarbeit?
    Für mich ist tatsächlich auch gerade diese Kombination ein Problem.
    Während ich noch gar nicht so ganz klar hatte, mich mehr so eine genrelle Skepsis umtrieb, hast du, in_stereonuts treffend gesagt: Diese Arbeit als sinnstiftend oder selbstfürsorgend zu betrachten (betrachtbar zu machen) wertet diese Arbeit als Arbeit ab. Hierachisiert sie als etwas für piviligierte Frauen zum Wohlbefinden. Was etwas Absurdes hat.
    Zur Handarbeit: Ich finde Handarbeit gar nicht negativ, aber sie wird gesellschaftlich so gelesen. Und durch die Nutzung derselben in Rückzugsräumen, nicht öffentlich, sondern fürs persönliche Wohlbefinden – da wird meiner Ansicht nach die Position von Handarbeit nur noch verstärkt – und eben nicht als Arbeit wahrgenommen. (Da kann DIY drunter fallen, muss aber nicht, ich glaub das ist sehr von der Ausgestaltung und dem Kontext abhängig.)
    Burnoutbegriff
    Diagnosen schaffen die Situation, die sie diagnostizieren, oft erst durch die Diagnose selbst. Durch die disziplinarische Kategorisierung. Ich meine, schlimmer als andere Diagnosen ist dieser Begriff auch nicht. Ob es sich nun Depressionen oder Burnout nennt, ist aus einer psychiatriekritischen Perspektive wohl eher eine Nebendiskussion. Dieser Begriff ist einfach nur so symptomatisch, ersichtlich an der medialen Rezeption – und darum geht es der Diagnose, nicht darum, Grenzverletzungen aufzuzeigen. (Geschweige denn etwas dagegen zu tun.) Ich kritisieren das in in jedem Kontext, weil auf Überarbeitung / Grenzverletzungen zu reagieren total Sinn ergibt. Wobei auch da nicht der Kampf, also die Überarbeitung in feministischen und/oder kapitalistischen Kontexten das Problem ist, sondern die Verhältnisse, die überhaupt zu diesen Kämpfen zwingen.
    „Selbstfürsorge“
    Alleine der Begriff Selbstfürsorge macht mich immer noch stutzig. Kann gar nicht genau sagen warum. Erinnert mich zu sehr an Achtsamkeit und Anforderungen in der Psychiatrie. Bloß gut um sich selbst kümmern, mit Baden, Lesen, basteln (ja, mag/mach ich auch alles) – das habe ich in einem Zwangskontext kennengelernt (auch wenn ich das damahls nicht so gelesen habe, sondern als hilfreich empfunden habe.) Aber mich macht dieser Kontext skeptisch. Vielleicht auch wegen den angesprochen Privilegien. Und dieser Biopolitiksache, das triffts ganz gut: Sei gesund und individuell und achtsam. Außerdem ist Selbstfürsorge manchen Personen nicht möglich, aus verschiedenen Gründen (Ressourcen, Diskriminierungen etc)
    Alternativen?
    In_stereonuts hats schon angesprochen: Selbstfürsorge (um den Begriff mangels altnative mal weiter zu verwenden) muss vielleicht gar nicht immer harmonisch sein. Für mich hat das viel mit Grenzen ziehen zu tun. Nein (und vor allem auch Ja!) sagen können. Finde ich nicht selbstverständlich. Wie auch.
    Radikale Ehrlichkeit ist eins meiner Lieblingskonzepte (führe ich bei Gelegenheit bestimmt auch nochmal aus) Zu sich selbst und zu anderen. Besonders im Bezug auf Bedürfnisse und Gefühle (die da erstmal sind, ob ich sie will oder nicht, gut finde oder eben nicht). Das ermöglicht mir, viel genauer rauszufinden, worum es eigentlich geht. Was nötig ist.
    Das ersetzt vielleicht alles diese kleinen Ruhepausen nicht.
    Aber das ist eben auch nicht für alle übertragbar. Ich bin #ausgründen nicht fähig, Ruhe auszuhalten. Das ist für mich also keine Option.
    Und irgendwie suche ich immer noch nach mehr strukturellen Veränderungsmöglichkeiten (wie gesagt, diesseits von Patriarchat zerschlagen) die nicht auf die Fähigkeiten der Einzelnen zurückgeworfen werden, diese Dinge tun zu können.
    Sprache entwickeln, mehr Worte finden für Verletzungen zB, jenseits von Pathologisierungen. Das fände ich gut. Um überhaupt darüber kommunizieren zu können, wenn es nicht gut geht.
    Etwas, was übertragunsfähiger ist, mehr Kreise zieht als die Tatsache, dass ich mir eine nette Badewanne eingelassen habe. (Wenn ichs kommuniziere mag das vielleicht andere anspornen auch mal nett zu sich zu sein, aber viel weitgreifender reicht das nicht.

    Ja komplex ist es, und die Alternativen noch sehr rar und grob. Aber unbedingt wichtig!
    Für euch kam das jetzt hoffentlich zum Frühstück, und nicht mehr zur Nacht. 😉
    Liebe Grüße

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  6. lantzschi

    Ich muss zugeben, dass sich eure Ansichten über Reproarbeit ein bisschen naja wie soll ich sagen… shaming anfühlen.

    Erstmal vorneweg, Einzelpersonen können das Patriarchat nicht verändern. Schon gar nicht Einzelpersonen, die von Sexismus betroffen sind. Auch keine feministischen Kollektive. Egal, welche Tätigkeiten sie ausüben. Ich lass mir ungern erzählen, ich hätte Sexismus internalisiert, wenn ich Hausarbeit ab und an für erholsam und aufbauend und stärkend empfinde. Auch eine Gruppe von Frauen, die näht, ist keine stumpfe Opfergruppe. Wenn es euch davor gruselt, würde ich eher zurückfragen, inwieweit ihr sexistische Blicke verinnerlicht habt, um so auf bestimmte Tätigkeiten zu blicken.

    Vielleicht habe ich auch eine andere theoretische Perspektive, denn für mich sind Tätigkeiten nicht per se vergeschlechtlicht, sondern werden gegendert durch den Raum, die Situationen und Personen, die sie ausführen. Wenn ein feministisches Kollektiv gerne gemeinsam Hausarbeiten erledigt, ist das erstmal keine geschlechtliche Arbeitsteilung, die mit der des Mainstreams zu vergleichen wäre.

    Auch die Kritik an der von mir versuchten Aufwertung von bestimmten Tätigkeiten kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich habe doch an keiner Stelle behauptet, diese Tätigkeiten wären einfach oder einfacher als andere. Ich habe auch nicht behauptet, dass sie einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe „mehr liegt“ als anderen. Das finde ich etwas arg hineingelesen und reininterpretiert. Ich habe lediglich gesagt, dass diese Arbeit verschieden bewertet, mit Bedeutungen gefüllt ist je nach Kontext und ausführenden Personen und dass sie durchaus ein Teil von Selbstfürsorge sein kann für einige Menschen. Ein feministisches Kollektiv ist keine „Hausfrau“, die für ihren „Ehemann“ selbsterklärt gerne das Essen kocht, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Und selbst wenn diese Person gern für ihren Partner kocht, finde ich, dass es niemandem zusteht, darüber zu urteilen, ob diese Handlung jetzt das Patriarchat stützt oder nicht. Nicht, weil diese Handlungen nicht sexistische Strukturen reproduzieren, sondern weil so eine Perspektive Strukturen individualisierend ist. Wie ich oben bereits schrieb, Sexismus kann nicht von Einzelpersonen verändert werden und das zu erwarten, finde ich etwas hochgegriffen bzw. sich selbst so darstellend, als hätte eine keine Sexismen internalisiert, würde keine mehr reproduzieren und würde als Feministin jederzeit in der Lage sein durch ihr Handeln permanent in sexistische Strukturen intervenieren.

    Wenn ich eure Gedanken weiterdenke, komme ich zu dem Schluss, dass keine von Sexismus betroffenen Personen mehr Arbeiten ausführen sollten, die als „weiblich konnotiert“ in bestimmten Kontexten eingelesen werden. Was wären denn andere Tätigkeiten und wie würden diese dann nicht auch istische Strukturen/Diskurse bedienen? Ich halte diese Perspektive auch für eine Kapitulation vor dem Patriarchat, die eine starke normierende/normative Komponente hat. Finde ich nicht gut.

    Handarbeit im öffentlichen Raum gibt es bereits: Radical Knitting, DIY-Feste (Ladyfeste z.B.), feministische Konzerte usw.

    „Und irgendwie suche ich immer noch nach mehr strukturellen Veränderungsmöglichkeiten (wie gesagt, diesseits von Patriarchat zerschlagen) die nicht auf die Fähigkeiten der Einzelnen zurückgeworfen werden, diese Dinge tun zu können.“

    Ich wiederhole mich: Diese Möglichkeiten gibt es nicht. Es gibt kein Handeln außerhalb von Machtverhältnissen und Einzelpersonen sind nicht in der Lage strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Mein Dasein baut auf Machtverhältnissen auf, ich bin privilegiert und diskriminiert. Ich habe die Möglichkeit mein Leben so zu führen, dass ich mich dahingehend sensibilisiere und möglichst wenig Menschen durch mein Handeln verletze_diskriminiere. Ich kann versuchen Politiken zu entwerfen, die Interventionen in diskriminierende Handlungen sind. Bestimmte Tätigkeiten nicht zu tun, die erst einmal niemanden diskriminieren, sondern lediglich in bestimmten Kontexten als „weiblich konnotiert“ gelesen werden, ist für mich kein progressiver Ansatz. Er schränkt meine Handlungsmöglichkeiten ein, meine Möglichkeiten, meinen politischen Alltag zu gestalten, er arbeitet mit impliziten Verboten und hat den permanenten Bezugsrahmen Patriarchat_Sexismus_Male Gaze. Ich finde das ziemlich hetero_sexistisch, um ehrlich zu sein.

    Mit Konstruktion Reproduktionsarbeit meine ich: Ohne Sexismus gäbe es diese Arbeiten noch immer, nur sie würden nicht benutzt, um ein hierarchisches Geschlechterverhältnis zu stützen. Diese Arbeiten sind nicht erfunden worden, damit sie von Frauen erledigt werden, sondern sie wurden mit bestimmten Bedeutungen aufgeladen, um sie abwerten zu können und damit Menschen zu diskriminieren. Dasselbe tut ihr hier in meinen Augen auch, ich weiß nicht, was das mit Emanzipation zu tun haben soll.

    Zum Rest: da würde ich weitestgehend zustimmen, die Begrifflichkeiten sind ziemlich anschlussfähig und erinnern pathologisierende Sprache und pathologische Strukturen. Ich verbinde damit auch Esokram und bin permanent an die in meinem vorigen Kommentar skizzierte Personengruppe erinnert. Das mögen andere anders sehen, ich hätte kein Problem damit, alle Tätigkeiten, die mir gut tun, als Möglichkeiten des Über_Lebens zu bezeichnen oder als (Selbst)Reproduktion, auch wenn letzterer etwas technisiert klingt. Also „Selbstfürsorge“ nicht als ein Extra zu betrachten, das irgendwann in meinem Leben als diskriminierte und politisch aktive Person nötig wird, ein Luxus, den ich mir gönne, sondern das selbstverständlich als Teil politischer Arbeit/politischen Handelns zu begreifen. Die Möglichkeit des guten Lebens im Schlechten, Versuche von Utopien oder schlicht Antwortversuche auf die Frage: Was mache ich, womit beschäftige ich mich, was beschäftigt mich, wenn es mal nicht um Kritik an istischen Strukturen geht? Auch hier: Lässt sich schwer voneinander trennen, eine Zine zu basteln ist ja auch schon wieder Teil einer Intervention. Einen anderen Alltag leben, als ohnmächtig das zu tun, was die Mehrheit tut und in Verletzungen hineinzurennen.

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  7. Steinmädchen Artikelautorin

    Wenn du sagst, dass feministische Kollektive (bei den Einzelpersonen würde ich dir zustimmen) das Patriarchat nicht verändern können, schaffst du eine Opferposition / ausgelieferte Personengruppe, die es so für mich nicht gibt. Ich finde es wichtig zu fragen, warum diese Arbeiten als erholsam empfunden werden. Das ist kein Zufall, darum geht es mir, dass aufzudecken.
    Ich würde dir zustimmen, dass die Arbeiten in einem feministischen Kollektiv nicht per se vergeschlechtlicht sind – aber sie stehen ja nicht kontextlos vom Rest der Gesellschaft und den Anforderungen, die dort verbreitet werden. Es geht nicht um angreifen oder shaming, sondern im Kontext gucken, warum gerade diese Arbeiten diesen erholsamen Effekt haben.
    Ein feministisches Kollektiv ist keine “Hausfrau”, die für ihren “Ehemann” selbsterklärt gerne das Essen kocht, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt.
    Nein, aber wenn diese Arbeit als Erholung fungiert, ist sie ein Ausgleich (und wozu, das ist die Frage. Es geht mir nicht darum, zu urteilen, wenn das so in meinen Worten stand, tut mir das Leid. Es geht mir mehr darum, welche Praxen ich vorantreiben will, weil der
    Ich würde nie sagen, dass ich keine Sexismen internalisiert habe. Wie ja schon einige Male angedeutet, ich nutze dieselben Methoden zur Selbstfürsorge. Und in letzter Zeit habe ich drüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll ist, dass ähnlich wie Beziehungskonzepte auch dieses Techniken zu hinterfragen. Das heißt nie, dass ich mich nicht dafür entscheiden darf, trotz Paarnormativität eine Zweierbeziehung zu führen. Weil es gute Gründe geben kann. Trotzdem steht das dann nicht ohne einen Kontext. Ähnlich sehe ich das bei der Repro-Selbstfürsorge.
    Was wären denn andere Tätigkeiten und wie würden diese dann nicht auch istische Strukturen/Diskurse bedienen?
    Gute Frage. Mir geht es zunächst darum, die eigenen Handlungsspielräume auszuweiten – und eben auch mehr Bereiche nutzen, die erstmal nicht so ansozialisiert wurden. Da allerdings die meisten Tätigkeiten diesen Konstruktionen aufliegen, ist es tatsächlich wohl eine Frage von Bewertung. Aber es ergibt Sinn, deutlich zu machen, dass die Arbeiten gegendert werden, klingt für mich einleuchtend.
    Ich würde nie behaupten, dass es ein Außerhalb von Machtverhältnissen gibt, im Gegenteil. Die frage ist, wie ich möglichst gut die Machtstrukturen für meine Widerstandsmöglichkeiten finde. Und in dem Konzept von Macht ist überall ist auch enthalten, dass es überall Widerstand gibt und geben kann.
    Ich weiß allerdings nicht ganz wo du liest, dass diese Handlungen nicht mehr getan werden sollen. Ich stelle nur in Frage, ob dass der progressivste Ansatz ist. Aber auf Grund von Diskriminierungen ist es nicht immer möglich, anders zu handeln. Und den Bezugsrahmen setze ich nicht, sondern er ist in den diskriminierenden Strukturen in denen wir uns bewegen da. Es geht auch hier um Sichtbarkeit. Repro-Selbstfürsorge steht auch in feministischen Kontexten nicht außerhalb.
    Mit Konstruktion Reproduktionsarbeit meine ich: Ohne Sexismus gäbe es diese Arbeiten noch immer, nur sie würden nicht benutzt, um ein hierarchisches Geschlechterverhältnis zu stützen. Diese Arbeiten sind nicht erfunden worden, damit sie von Frauen erledigt werden, sondern sie wurden mit bestimmten Bedeutungen aufgeladen, um sie abwerten zu können und damit Menschen zu diskriminieren. Dasselbe tut ihr hier in meinen Augen auch, ich weiß nicht, was das mit Emanzipation zu tun haben soll.
    Ich würde dir voll zustimmen, dass diese Arbeiten so aufgeladen werden und werde drüber nachdenken, ob ich dir zustimmen würde, dass ich das gerade tu. Gerade sehe ich das anders, weil es mir nicht um Abwertung geht, sondern um Kontextualisierung. Und um das widerständische Potential. Das mir nach wie vor einfach nicht deutlich ist, weil zB diese Arbeit ja nicht als Arbeit aufgewertet wird, sondern als Erholung, was meiner Meinung nach eher eine Abwertung ist (in einem kapitalisitschen Kontext).
    sondern das selbstverständlich als Teil politischer Arbeit/politischen Handelns zu begreifen.
    Finde ich total wichtig was du da schreibst! Ohnmacht brechen und mit Verletzungen umgehen. Ich glaube mein Alltag ist einfach so durchsetzt von meinen Auseinandersetzungen, dass es dort wenig Handlungen gibt, die ich nicht in einem feministischen Kontext betrachte. Und da braucht es für mich eben noch mehr Optionen.
    Ich finde die bisher vorhandenen einfach nicht ausreichend. Daher vor allem auch meine Kritik und der Wunsch nach dieser Auseinandersetzung.
    Liebe Grüße

    Antworten
  8. lantzschi

    okay, dann haben wir hier einen dissens: ich halte reproarbeit in bestimmten kontexten für emanzipatorisch, du nicht. erklärt haben wir uns ja.

    ich schaffe keine opferposition, indem ich sage, dass kollektive strukturen nicht verändern können, nur in diese intervenieren. ich meine, wie will eine_r / eine gruppe ein materialisiertes und diskursiviertes machtverhältnis ver_ändern, dessen ursprünge, motivationen, ursachen, anlässe, genealogien, ausprägungen, realisierungsformen so komplex und widersprüchlich und permanent anpassungsfähig sind? wahrscheinlich argumentiere ich auch hier aus einer anderen theoretischen perspektive. nur: ich bin realistin. ich träume nicht von einer patriarchtsfreien gesellschaft, die gibt es für mich nicht. weder analytisch-theoretisch noch im „praktischen“ sinne. ich versuche, meine utopien im hier und jetzt zu leben und das als intervention in diskriminierende strukturen zu begreifen. zu meiner utopie gehört es, mein persönliches nahfeld möglichst frei von patriarchalen zurichtungen und zuschreibungen zu halten. das beinhaltet, reproduktionsarbeit neu/anders zu bewerten und mich nicht mehr auf die lesart „ja das machen halt frauen“ einzulassen. zumal ich mich nicht mal zu jederzeit als frau begreife, das möchte ich nochmal dazu anmerken, dass in diesem thread die kritik an zweigeschlechtlichkeit bisher keine rolle spielt, nicht einbezogen wird in die kritik an reproarbeit und ich mich somit frage, welchen gehalt die kritik an sexismus dann hat. dass ich trotzdem in meinem nahbereich eine person bin, die an gesellschaftliche kontexte gebunden und mit diesen verbunden is,, ist doch klar. allein deshalb kann ich reproarbeit überhaupt neu bewerten, es hat mit privilegien und diskriminierung gleichzeitig zu tun. aber diesen arbeiten oder den ausführenden personen emanzipatorischen gehalt abzusprechen, weil diese arbeit hegemonial so und so gegendert ist, keine intervention. (und den vergleich mit paarnormativität finde ich auch eher so meh, weil paarnormativität keiner abwertung unterliegt, im gegenteil)

    liebe grüße

    Antworten
  9. Steinmädchen Artikelautorin

    Ich würde nicht ausschließen, dass Reproduktionsarbeit emanzipatorisch sein kann. Die Frage ist, wer sie wann wo und wie ausübt – in welcher Positioniertheit und was der Anspruch dahinter ist.
    Im Kontext der Selbstfürsorge haben wir da aber glaub ich wirklich einen Dissens.

    Wir haben offensichtlich auch einen anderen Veränderungsbegriff. Intervenieren heißt für mich verändern. Gerade durch die Komplexität der Machtstrukturen gibt es ja viele Eingriffsmöglichkeiten / Interventionen.
    Für die realistische Perspektive bin ich auch sehr zu haben. Ich mag manchmal eine Träumerin sein (weil ich es über_lebenswichtig finde, Träume zu haben) aber habe sehr oft ein starkt pragmatische Herangehensweise. Und ich kriege ein inneren Dissens hin: An ein Leben ohne Patriarchat glaube ich nicht, trotzdem finde ich es wünschenswert. Genau wie du finde ich es wichtig, im Alltag meine Utopien zu leben. Daher ist es mir auch so wichtig, das politische Arbeit so gestaltet ist, dass sie mich nicht krank macht, nicht mehr verletzt als mir hilft. Aber ich habe auch immer Angst vor so einem Kommunending, das hat für mich nämlich was zu tun mit sich selbst außerhalb zu stellen. Das reicht mir nicht, es muss auch in die Gesellschaft eingreifen, wenigstens irritieren – und nachdem was ich von dir gelesen habe, ist nur Zurückgezogen eine Alternativstruktur aufzubauen, die sich für völlig außerhalb hält, auch nichts, was dir ausreicht. (sonst wärst du ja auch gar nicht so aktiv, was immer ein hineinreichen/verändern/intervenieren darstellt)

    Ich verstehe, dass du die lesart „das machen halt frauen“ nicht willst, ich bin da trotzdem skeptisch, weil es sich auch hier um eine reale Erfahrung und Sozialisationsauswirkungen handelt. Das darf nicht versteckt bleiben.
    Eben dieses schon angesprochene: Es ist nicht zufällig.
    Ich bezweifel, dass Reproselbstfürsorge dazu beiträgt, Zweigeschlechtlichkeit aufzulösen – wenn es mehrheitlich weiße cis-frauen sind, die sich dieser bedienen. Wie du schon schriebst, es hat auch was mit Privilegien zu tun, diese Techniken als Fürsorge nutzen zu können.
    Aber nimm den Paarnormativitätsvergleich gedanklich wieder raus, du hast recht, sehr blöder Verleich.

    Noch zwei Punkte: Ich würde nie den Personen absprechen, emanzipatorisch zu sein, nur weil ich ein Verhalten nicht als sonderlich emanzipatorisch einstufen würde. Das wäre ganz schön repressiv zu erwarten, dass jede Handlung dem unterworfen ist. Vor allem, weil ich Reproselbstfürsorge nicht als negativ einordne, sondern lediglich nur nicht als sonderlich progressiv. (das macht für mich einen großen Unterschied.)
    Und vielleicht geht meine Kritik wohl auch noch viel stärker in die Richtung der Selbstfürsorgekritik generell. Wegen der im Text angesprochenen Individualisierung. Und Disziplinierung im Sinne von funktionsfähigen Arbeiter_innen. Des im Stillen und Zurückgezogenen die Verletzungen zu heilen – die gesellschaftlich verursacht werden. Verletzungen werden auf Therapie und Psychiatrie verwiesen, bzw. auf die übernommene Selbstregulierung, die dann Fürsorge genannt wird. Fürsorge war auch schon immer so ein… wäh Begriff, jedenfalls die Kontexte in denen er, zB in der Jugendhilfe verwendet wurde/wird. (Wir tarnen Kontrolle und Zwang mal als Fürsorge, dann ist alles gut.)
    Wenn ich durchspiele, was ich alles an Techniken gelernt habe (und hilfreich empfunden habe) und dann noch mal kritisch drüber schaue, wer/wie/was/warum es eine Interesse daran gibt, dass ich das lerne. Sicherlich habe ich nicht gelernt, besonders gut zu widersprechen („an die Spielregeln halten“ hieß das.) Und jetzt ziehe ich aus diesem Widersprechen / Aufzeigen /Sichtbarmachen / Lautsein sehr viel mehr Empowerment.

    Mit den strukturellen Alternativen meinte ich auch keine großen Revolutionen, sondern einfach Strukturen, die über die eigene WG / Freundinnen*kreis hinausreichen. Damit wenn da zB eine Person mal wegbricht, es ein breiteres Supportsystem gibt. Und ein System, dass vielleicht auch funktionieren kann, wenn eine tatsächlich mal nicht mehr die Kraft haben sollte für die (doch sehr anstrengende, wie ich finde) Selbstfürsorge.
    Wird das deutlich worauf ich hinaus will? Was würdest du dir denn wünschen, als utopie dazu im hier und jetzt? Oder bist du zufrieden mit den Optionen, die du durch dein Umfeld hast?
    Mir steht aus verschiedenen Gründen so ein Umfeld jedenfalls nicht immer zur Verfügung (zB wenn mich gerade so viel triggert, dass ich völlig unfähig werden, zu vertrauen. oder weil es einbrüche gibt in diesem umfeld.)
    Ich meine Strukturen, die sich im Alltag realisieren lassen. Ich werde davon nämlich noch ganz viel brauchen, wenn ich aus meiner priviligierten Studiposition raus muss, wenn sich Umfelder zerstreiten und die Therapeutin wieder mal ein Griff ins Klo ist.

    Wünsche dir einen schönen Abend!

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  10. Distelfliege

    Wow, was für eine spannende Diskussion, die ich leider nicht komplett verstanden habe, aber genug, um anregend zu sein.
    Was ich auffallend finde, ist, dass für mich als Selbstfürsorge Bewegung und Sport super ist. Also z.B. Laufen, Walken, Wandern, Radfahren, also rausgehen und sich bewegen. Ich habe mal in einem Podcast, den ich gehört habe, erfahren, dass in mehreren Studien, wo Medikamente, Placebos und Bewegung Draußen gegeneinander angetreten sind in punkto Wirksamkeit bei Depression, mal das eine Medikament, mal das andere besser abschnitt. Aber Bewegung draußen schnitt immer gleichbleibend gut ab. Rausgehen und sich bewegen können hat dann auch wieder mit Privileg zu tun. Die Zeit frei zu haben, oder z.B. draussen den Platz haben, ohne sich bedroht zu fühlen. (Nach Feierabend im dunklen Park joggen?)
    Kunst finde ich auch toll als Selbstfürsorge. Malen, zeichnen, Musik machen.
    Und Reproarbeit finde ich auch meist entspannend, aber da ich als Hetera so pärchenmässig zusammenlebe, kann da dieses Gefühl aufkommen, dass die Hausarbeit ungerecht verteilt ist, wenn ich zuviel mache, und dass ich als Frau* ausgebeutet werde. Und das vergällt mir die Reproarbeit dann total, wodurch ich sie dann auch nicht mehr als entspannend empfinde.
    Wenn ich stricke z.B. ist das nicht so, denn ich stricke eigentlich nur für mich selbst und gelegentlich für ausgewählte Personen, meistens Leute, die selbst gerne stricken und die Arbeit dann auch zu schätzen wissen. Z.B. kann ich für meine Mutter stricken, aber für meinen Vater nicht. Er strickt nicht und hat noch nie gestrickt und er müsste schon mehrfach betteln, und damit beweisen, dass ihm was handgestricktes auch mehr wert ist als das Gekaufte. Was nicht der Fall ist, deshalb kriegt er auch nix 😉

    Um auf die Strukturen im letzten Kommentar nochmal einzugehen, die über die individuelle Selbstfürsorge hinausgehen: Ich finde, das schliesst sich gar nicht aus, dass Selbstfürsorge hochgehalten wird und dass es alternative Strukturen gibt, in denen mensch sich erholen kann. Ich habe das so erlebt, dass gerade bei den stark politisch handelnden Menschen die Nase gerümpft wird, wenn man mal alles ausblenden und Spass haben will, mal nicht immer die Schlechtigkeit der Welt im Auge und im Kopf haben will. Ich bin bei den sog. „Politnicks“ früher eher als „minderwertig“ mitgelaufen, weil ich mich der Formel „solange es den anderen nicht gut geht, darf es mir auch nicht gut gehen“ nicht unterwerfen wollte. (So war jedenfalls immer mein Bauchgefühl dazu). Ich finde, das hat sich entweder geändert, oder ich habe endlich die Leute kennengelernt, die Politik entspannter und mit mehr Spass und Rücksicht auf die eigenen Belastungsgrenzen machen wollen. Und je mehr sich das unter politischen Menschen herumspricht, dass es okay ist, auf sich zu achten, umso weniger muss mensch das verschämt allein zuhause tun, weil man sonst als „zu unpolitisch“ gilt.
    Ich weiss aber nicht, ob das heute noch ein Problem ist und ob es überhaupt für viele (ausser mir) je ein Problem war: dieser linke Selbstzerfleischungsanspruch, vor der Party erst die ganze Welt retten zu sollen, bis zum Ausbrennen. (Was, wie ich auch gelernt habe, auch so eine typische Komponente des Konstrukts „Weißsein“ ist: dieses Bild vom Heldentum, vom Einzelkämpfertum)

    Im Prinzip kann ich mich deinen Wünschen für 2013 voll anschliessen. Ich würde nur die individuelle Selbstfürsorge als Thema so als Vorstufe für eine kollektive sich-gegenseitig-supporten-Fürsorge gelten lassen. Und ich habe weniger ein Problem mit Reproarbeit, wenn ich, wie Nadine das schon sagte, die Reproarbeit von einem heterosexuellen Machtverhältnis abgekoppelt machen kann, also nur für mich, nur unter Frauen* o.Ä., aber ich finde es auch problematisch, wenn bei Selbstfürsorge nur und ausschliesslich Reproarbeit präsentiert würde. Denn es gibt ja auch soviel andere Möglichkeiten, die auch wirken, Spass machen und die Frauen* auch viel und gerne machen. Z.b. irgendwas sportliches..

    liebe Grüsse auch!

    Antworten
  11. Tina

    Steinmädchen, vielen Dank für Deinen letzten Kommentar! Als ich Deinen Post gelesen hatte hat bei mir auch mehr die allgemeine Selbstfürsorgekritik resoniert, die Du, finde ich, jetzt noch einmal sehr gut zusammengefasst hast. Meine Kurzform: gesellschaftliche Strukturen verursachen Verletzungen, die der_dem Einzelnen aufgebürdet werden, wo sie_er sich im Stillen reparieren soll, um weiter in diesen Strukturen funktionieren zu können.
    Den Gedanken, dass Widersprechen auch eine sehr gute, und nicht individualisierte „Selbstfürsorge“ sein kann, finde ich sehr spannend. Da will ich nochmal länger drüber nachdenken, wie das genau funktionieren kann. Klar ist mir, dass die Erfahrung, eine Grenze erfolgreich verteidigt zu haben, ein gutes Gefühl geben kann, wobei ich da auch erst lernen muss, dass das mögliche Eingeschnapptsein der anderen Beteiligten nicht auf mich zu beziehen.
    Reproarbeit funktioniert für mich nur schlecht als Selbstfürsorge – bis auf Kochen. Ansonsten vielleicht manchmal durch das Gefühl, etwas geschafft zu haben oder dass sich die Augen entspannen können, weil nicht so viel ‚rumliegt. Oft ist aber auch das Gefühl, mir zu sagen, dass das Bad jetzt noch dreckig bleiben darf, sehr entspannend.
    Wie Strukturen kollektiver Selbstfürsorge aussehen können? Da bin ich sehr auf weitere Antworten gespannt. Das einzige was mir einfällt, sind kooperative Wirtschaftsformen,wo mensch nicht an strengen Regeln gemessen wird, sondern das Zusammenarbeiten von persönlichen Beziehungen getragen ist. Wo es dann auch mal möglich ist, die anderen zu bitten für eine_n einzuspringen, weil es mensch gerade nicht gut geht, und wo generell nicht das Gefühl des „working for the man“ (oder die Balanced Scorecard des Chefs (oder Chefin, empfinde diese Strukturen aber als sehr „männlich“)) vorherrscht.

    Antworten
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  14. Steinmädchen Artikelautorin

    Danke für eure Gedanken. Ich laufe gerade glaub ich innerlich auf Hochtouren um das ganze hier weiter zu denken.
    Zum Sport: Ja, ich glaube auch, dass Sport gut tut, aber wie du schon schriebst Distelfliege, das hat ganz viel mit Privilegien zu tun. Und wenn du beispielsweise so viel Angst hast, dass du eine Panikattacke bekommst wenn du versuchst zu laufen, ist das keine Möglichkeit.
    Kunst, Musik, Reproduktive Tätigkeiten als Entspannung – das alles hat, wie lantzschi schon am Anfang erwähnte, viel mit Privilegien zu tun. Und daher mag das für mich persönlich helfen, ich seh darin aber in der Form wenig politisches Potential, wenn die Hilfen nur für einige wenige zugänglich sind.
    Humor finde ich eine sehr wichtige Ressource, die Frage ist aber, wie tief eine in verletzenden Strukturen akut steckt und wie sehr dass dann möglich ist, etwas mit Humor zu nehmen. Aber prinzipiell würde ich dir zustimmen, dass Politik ohne Spaß nicht meine Welt ist. Das ist zu sehr: Erst die Revolution, dann das Leben. Ich sehe dass auch so, dass es da son seltsames linkes Held_innentumdings gibt (danke für den Hinweis auf dieses weiße konstrukt!). Da haben wir hier ja auch schon diskutiert, dass das nicht reicht. Sondern dass es auch darum geht, jetzt ein gutes Leben aufzubauen – so wie das nur irgendwie geht. Und eine Politik, die nicht mit den Ressourcen und Grenzen der Beteiligten arbeitet, kann für mich nicht emanzipatorisch sein, weil ableistisch.

    „Meine Kurzform: gesellschaftliche Strukturen verursachen Verletzungen, die der_dem Einzelnen aufgebürdet werden, wo sie_er sich im Stillen reparieren soll, um weiter in diesen Strukturen funktionieren zu können.“
    Ja, ich glaube da hast du Tina meine Kritik ganz gut kurz zusammengefasst. (warum schreibe ich eigentlich lange Texte wenn es in einen Satz passt?)
    Widersprechen ist etwas, was für mich gut funktioniert, weil es kein mit mir alleine ausmachen ist. Und weil es etwas ist, was mir weder in meiner eigenen Geschichte noch in einer weiblichen Sozialisation richtig zugestanden wird. Widersprechen greift an. Widersprechen hat was mit Grenzen setzen zu tun – und dabei die Regeln anderer in Frage zu stellen.
    Das mit den kooperativen Wirtschaftsformen ist sehr spannend, da muss ich vielleicht auch die Ökonomiekritikreihe der Mädchenmannschaft nochmal genauer studieren. Das mit den Frauendörfern beispielsweise ist ja sicherlich ein Ansatz. Ich weiß nicht ob für mich, aber es ist eine Option, eine Idee. Ich glaube ja, dass es vieler solcher kleiner Ideen bedarf, um Bedürfnissen gerecht werden zu können.
    Und in Deutschland braucht es eine viel stärkere „mental health“ debatte, Psychiatriekritik mit Alternativen (weglaufhaus, Ikarusprojekt, pro foren und viel mehr fällt mir leider nicht ein).
    Ich frage mich, von wo aus diese kollektiven Formen der Verantwortung alles angegangen werden können. Ich bin leider keine Ökonomiekritikerin mit viel Wissen in dem Bereich, also läuft mein Ansatz wohl eher aus einer Alltagsperspektive sowie einem (anti/kritischen)Psychologieansatz.
    Aber es braucht ganz viele Ansätze. Ganz viele, die uns ermöglichen, Strukturen aufzubauen (und zwar heute/direkt), die die privilegierte und individualisierte Selbstfürsorge ablösen können. Und für mich ist das notwendig in einer emanzipatorisch-feministischen Politik, da alles andere *ismen aufrechterhält (zb ableism, klassism, racsim).

    Antworten
  15. Distelfliege

    Hi Steinmädchen! Danke für die Antwort!

    Hm, ich habe mir das jetzt einige Male durch den Kopf gehen lassen, und ich möchte zurückrudern. Ich finde, es geht nicht zu sagen, Sport und Musik würden generell Leute, sogar die Mehrheit der Leute, ausschliessen. Klar spielen in alle Bereiche des Lebens Privilegien und Ungerechtigkeiten rein, und in Beschäftigungen wie Sport, Musik und Kunst auch. Manche Arten, Sport zu machen, kosten Geld oder man setzt sich dabei der Gefahr aus, belästigt zu werden, sexistisch, rassistisch… usw. Das stimmt ja, aber deshalb kann ich nicht postulieren: Sport generell ist gleich politisch als schlecht zu bewerten, weil Ausschlüsse geschehen und Sport machen können ist nur was für Privilegierte. Vielleicht fasse ich dich da zu extrem auf und du hast das gar nicht so krass gemeint, aber ich empfand das schon als ziemlich ablehnend, was du über Sport, Kunst und Musik gesagt hast in deinem letzten Kommentar.

    Sport… würde ich sagen, kann etwas sehr empowerndes haben, und es gibt Sportarten, die einem Menschen, der_die nichts hat als den eigenen Körper, zugänglich sind. Dass man vom Laufen Angstzustände bekommt, und daher vom Laufen ausgeschlossen ist, ist natürlich hart… ich mag das auch nicht kleinreden. Aber sind deshalb die meisten Menschen ausgeschlossen, zu laufen? Und es gäbe auch viele andere Möglichkeiten für Sport.. es gibt Leute, die keine Beine mehr haben oder ihre Beine gar nicht mehr benutzen können und denen es gut tut, ihren Oberkörper zu trainieren.

    Weil einige mehr und bessere Möglichkeiten haben, z.b. in der Stadt Sport zu machen, heisst das jetzt nicht für mich, dass Sport nur was für Privilegierte ist. Also, als Kerl joggt man sorgloser nach Einbruch der Dunkelheit in der Großstadt im Park. Viele Frauen kaufen sich Mitgliedschaften im Frauenfitness-Studio stattdessen. Frauen mit wenig Geld haben bei beidem schlechte Karten. Aber dann wiederum hilft halt, sich zusammenzuschliessen und sich z.b. zum joggen mit mehreren zu treffen, dann geht das auch als Frau in der Dunkelheit im Park mit wenig Geld.

    Naja, und Musik und Kunst, ich fände es einfach unheimlich traurig, wenn Musik und Kunst, also Formen des menschlichen Ausdrucks, zu etwas werden, was man angeblich nur noch in einer privilegierten Position machen kann. Ich kann mir eigentlich gar kein extremeres Beispiel für ein freudloses, selbstgeisslerisches politisches Leben vorstellen als wenn man die Ansicht vertritt, Musik, Kunst, und sich Bewegen, frische Luft zu atmen, wäre privilegiert und deshalb politisch wertlos.

    Wenn ich mich in meinen eigenen mentalen Landkarten so umschaue, dann habe ich oft den Eindruck, dass sich Menschen, die von extremer Benachteiligung, Armut und Marginalisierung betroffen sind, sich gerade das nicht wegnehmen liessen, also ihren künstlerischen Ausdruck und ihre Musik. Und Sport bietet Personen, die immer wegen irgendwas abgewertet worden sind, einfach eine objektiv messbare Möglichkeit, sich und Anderen zu beweisen, sehr wohl Leistungen und Erfolge bringen zu können, und die abwertenden Inhalte Lügen zu strafen.
    Ich finde Sport, Musik und Kunst sogar ziemlich emanzipatorisch, weil es etwas ist, was die Mächtigen den Unterdrückten nicht einfach „wegnehmen“ können, man kann das quasi mit den blossen Händen, mit der Stimme, mit nichts in der Hand, trotzdem noch machen. Und Menschen haben das immer genutzt, um sich in einer Situation wo sie selber entmenschlicht werden, sich selbst als Menschen zu setzen.
    Das ist so in etwa die Erzählung, die ich hier noch erzählen wollte.
    Also, es ist ja ok, die eigenen Privilegien bewusst zu machen. Aber es folgt für mich nicht daraus, Kunst, Musik und Sport wären nicht emanzipatorisch. Also gerade Kunst und Musik sind total oft emanzipatorisch genutzt worden, gerade so Sachen wie Gedichte, Lieder, Bilder, da gab es Werke, die haben total viele Leute inspiriert und ihnen Kraft gegeben, was politisch zu machen (und das gibt es ja auch weiterhin, solche Werke).

    Also halt einfach aufpassen, dass mensch sich mit der Kritik an Selbstfürsorge und Selbsthilfe nicht versehentlich das schlecht redet, was einem selber und andern schon ziemlich helfen kann. Ich bin auf dem Gebiet sehr anfällig und empfindlich, ich neige nämlich selbst zu Schuldgefühlen und Sich-Selbst-Dinge-Verbieten/Versagen. Also zieh ich lieber schon früh die Notbremse.
    Falls ich das nun alles sehr falsch verstanden habe, und alles eh nicht so arg schlimm ist wie mir das vorkommt, dann umso besser!
    liebe Grüsse!

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  16. bifteki

    Liebes Steinmädchen…

    erst mal wünsche ich Dir alles Gute und vor allen Dingen Gesundheit für das neue Jahr.

    Ich glaube, es gibt noch Punkte, die vernachlässigt wurden:

    Erstens: die Familienverantwortung; zweitens: die Auflösung des Patriarchats zumindestens in dessen traditioneller Form, also der Form, bei der Eltern ihre Kinder verkuppelten, Frauen keine Rechtssubjekte waren und unter persönlicher Herrschaft eines Mannes, des Vaters oder des Ehemannes standen. Die Auflösung der traditionellen Familienbande, des Patriarchats führt nämlich nur unvollkommen zur Verbesserung der Situation von Frauen, in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht eher zu einer Verschlechterung, da freie Liebe und die Anerkennung von Frauen als selbständige Rechtssubjekte dazu führt, daß Männer die Verantwortung ihren Familien gegenüber loswerden, die Frauen jedoch damit alleingelassen werden, und an der Lohnarbeit gehindert werden. Männer werden in naher Zukunft ihre Hemden selbst bügeln oder sie Hemdenbügelservices überlassen, in denen vorwiegend Frauen arbeiten, und Frauen werden als Alleinerziehende zusehen, wie sie über die Runden kommen. Es wird in Zukunft staatlich institutionalisierte Kindererziehung geben, aber nicht, um Frauen einen Gefallen zu tun, sondern die Kapitalverwertung weiblicher Arbeitskräfte zu ermöglichen, ohne die Reproduktion des lohnarbeitenden Volkes dabei zu behindern.

    Das ist es, was zum Thema Emanzipation und Reproduktionsarbeit zu sagen wäre. Auf „frauentypische“ Beschäftigung zu verzichten, nützt der Sache nicht, erst recht nicht, wenn sie hilft, zu sich zu kommen.

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  17. Steinmädchen Artikelautorin

    Ich lerne auch noch immer weiter dazu aus diesem Dialog. Und ehrlich gesagt denke ich auch ständig weiter, ich muss mal wieder was anderes in den Kopf kriegen. 😉
    Ich würde nie sagen das Sport und Musik nicht emanzipatorisch sein können. Bei Sport bin ich einfach nur so skeptisch weil das so ein Heilsversprechencharakter hat, ich habe darüber mal was geschrieben: Machen Sie doch einfach mal Sport, da wird glaub ich etwas deutlicher, warum ich auf diesen Vorschlag so allergisch reagiere. Das hat viel mit Körpernormierungen zu tun.
    Wenn das Menschen hilft ist das sehr gut, aber hat viel mit ableisiert sein zu tun, ebenso wie Musik. Auch da finde ich: SEHR wichtig. Musik ist für mich DIE Ressource schlechthin. Vor allem, wenn der Druck nicht so stark ist, und wir uns dazu entscheiden einfach als Frauen auf der Bühne zu stehen trotz male-dominated, dann auch einfach mal öfter zu sagen: Scheiß drauf, ob jetzt die Töne stimmen und wir unsere instrumente beher-rschen – einfach druff. Das entzieht das dann auch ein stück weit bestimmten privilegierten Postionen.
    Aber das ist für mich auch was anderes als Reprogeschichten, weil das Räume sind, in denen Frauen* nicht gerne gesehen sind, sich durchboxen müssen.
    Bis es Roboter gibt für diesen Repromist müssen wir da halt durch, schon klar. Und sich das nett zu machen ergibt dann auch sinn. Aber steht eben nicht außerhalb von Normierungen und hat eine Außenwirkung, selbst wenn es nur im kleinen praktiziert wird. Das ist nicht schlimm, aber vielleicht auch nicht erstrebenswert.
    Sowas differenziertes dazwischen eben.

    Vielleicht braucht es auch eine andere Bezeichnung, wegen dem was lantzschi ja schon ganz am Anfang geschrieben hat, ist es ein kapitalistischer Bezug und die Wiederherrstellung von Arbeit_ern für den Kapitalismus ergibt nicht viel Sinn. Und ist für mich auch nicht richtig reclaimbar wegen dem was in_stereonuts schrieb – zu privilegierte Perpektive.

    Neulich habe ich gekocht, was für mich wegen meinen Essschwierigkeiten sehr wichtig ist, ein großer Akt an mich um mich selbst kümmern. Das fällt mir sehr schwer. Vor dem Kontext ist dass dann also schon emanzipatorisch.

    Vielleicht ist die Frage: Wann begebe ich mich warum in eine Rolle, in der Frauen gerne gesehen werden, und wann nehme ich das bewusst in Anspruch um was aufzubrechen? Wenn ich für mich koche, reproduziere ich mich nicht nur selbst sondern ich sorge für mich, was in sich schon mehr ist, als ich in dieser Gesellschaft gelernt habe.

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  18. bifteki

    Emanzipiert fühlt sich das nicht an.

    Das klingt merkwürdig, so als ginge es um Credibility in einer feministischen Szene. Unterm Adenauer gehörte es sich, daß Frauen ihre Männer von vorn bis hinten bedienten. Im Prinzip ist das ja auch heute oft noch so. Aber davon emanzipiert man sich mehr und mehr. Männer müssen sich immer häfiger selbst mit Hosenknöpfen abmühen. Das ist Emanzipation. In einer Wohngemeinschaft die anfallenden „niederen“ Arbeiten nach demokratischen Spielregeln unter die Mitglieder aufteilen oder gewisse „reproduktive“ Arbeiten gern und zur Entspannung tun, ist etwas ganz anderes.

    Ich glaube sowieso nicht an einen Backlash, der zur Rückkehr von Adenauerzeiten führt. Dazu verdienen Familienväter heute zu wenig. Das Schröder-Köhler-Maskulisten-Geheul ist zum großen Teil nur ein Rückzugsgefecht.

    Musik, Sport ist nicht nur Sache von Privilegierten. Bayreuther Festspiele und Klavierunterricht sind das natürlich. Aber Fußball spielen die Jungen auf der ganzen Welt, besonders, wenn sie in älichen Verhätnissen aufwachsen.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      Jetzt wo ich das nochmal lese, frage ich mich, warum ich das überhaupt freigeschaltet habe. Die Jungs die Fußball spielen und das Maskulisten-Geheul, huch, ich war nicht so ganz da würde ich sagen.

      Emanzipation steht für mich für Befreiung im Sinne von freikämpfen, also etwas tun zu können, was vorher nicht möglich war. Vielleicht ist deswegen für mich reproselbstfürsorge auch nicht emanzipatorisch (bzw vielleicht auch generell die Aneignung davon) – denn diese Aufgaben sind keine, die an Frauen ungerne gesehen werden. Nichts, wofür eine känpfe müsste. Nichts, wo es dann plötzlich mehr Rechte gäbe. Und gesamtgesellschaftlich bleibt es einem patriarchalen Blick eben nicht entzogen (den es gibt, ob ich das möchte oder nicht.)
      Weniger bestimmt zu sein von patriarchaler Kontrolle, sich selbst Alternativstrukturen aufzubauen – das alles ist für mich emanzipatorisch. Ich sehe nur nicht, was Reproselbstfürsorge in dem Kontext tut.

      Zu Musik und Sport habe ich schon meine Gedanken kundgetan.

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  20. Fassinniffi ;)

    Ich find das alles auch super spannend!
    Ich bin nicht sicher ob der Aspekt nicht vielleicht doch schon gefallen ist, zwischen all den angeregten Diskussionsbeiträgen…

    Aber was mir immer auffällt an „Selbstfürsorge“ ist der Gegensatz Arbeit / Selbstfürsorge.
    Selbstfürsorge ist „mal Pause machen“. Also z.B. sich krank schreiben. Viel arbeiten ist auf jeden Fall keine Selbstfürsorge (führt eher in den Burnout). Selbstfürsorge ist auch was *nur für mich*, wo es „auch mal nur um mich“ geht und ich mal „nur mich verwöhne“, und nichts, wo es um andere geht.

    Ich hab ja einen andern Therapiehintergrund (find ich immer wieder spannend übrigens), kenn also das Selbstfürsorgegebot nicht aus der Therapie. Wohl aber aus Selbsthilfeforen, wo ich quasi von den Therapiekonzepten anderer irgendwie doch wieder was mitkriege 😉

    Und da war dann mal eine Frau bei, die so ganz revolutionär keine Trennung machte zwischen Arbeit und Selbstfürsorge. Wieso auch? Ihre Arbeit ist eine, die sie richtig und wichtig findet, eine moralisch gute Arbeit, auch im feministischen Sinn btw.
    Das wär ja die ultimative Selbstfürsorge: An dem arbeiten, an dem man arbeiten will. An dem lernen (wachsen etc), was einen interessiert. Auch wenn das Arbeit / Lernen (also keine „Pause“) ist – also keine „Selbstfürsorge“ im Sinne von „Pause Sauna Warmes Bad…“
    Naja sie eckt da schon immer wieder mal an oder wird nicht verstanden. Wie was nur für mich tun ist nicht immer Selbstfürsorge. Wie für die Gemeinschaft ist Selbstfürsorge, ist ja nicht „nur für mich“.
    (Echt die ganze „du Arme Arme musst auch mal was nur für dich tun!“ (statt immer nur für die anderen) Rhethorik geht mir da in den Foren echt auch mal auf den Keks.)

    Depression hat auch natürlich nichts mit Erschöpfung zu tun, zumindest nicht in meiner Welt. Und durch „Pause machen“ sich von Depression heilen somit eh nicht ratsam. Depression ist so eine Art konzentrierte Ohnmacht. Eine Perspektivlosigkeit. So erdrückend, dass sie mich lähmt (auch wenn ich ja ganz viel Energie hätte).
    Menschen, die ganz viel arbeiten ud sich viel engagieren können diese konzentriert erdrückende Ohnmacht erleben, und welche die eben sehr wenig arbeiten und sich nicht engagieren genauso. Hat ja einfach nichts damit zu tun.

    Eigenltich ist ja sowieso alles in der Therapie (Psychowelt allgemein) viel zu Individualisiert. Ich bin/war ja auch so. Voll die Nabelschau. Ichichichichich. So gut in der eigenen Psyche wühlen, nur.
    Aber das gemeinsame, die Verknüpfung nach aussen, um die gehts doch auch!

    Teilweise machen mich schlichtweg die „Umstände“ krank. Und solange jeder so nach einem „guten Grund“ sucht (einer wo man nicht jammerig rüberkommt, und über Umstände jammern ist mega jammerig), wird da drüber nicht geredet.
    Also so Umstände wie „ein Trauma in der Vergangenheit so ein echtes“ das geht noch. Aber so Umstände wie Armut oder Diskriminierung, heul doch!
    Eher wirds als irrelevant oder Teil der Störung gesehen. „Jajaja die Umstände, aber übernehm doch mal Verantwortung für dein Leben!!“
    Dabei kann diese Verantwortung genau das sein: Lernen das, was mich erdrückt und ohnmächtig macht in Worte zu fassen, zu benennen, erkennen, und dann auch dran arbeiten das (nicht nur für mich) zu ändern. Dadurch wär dann vll die Depression auch schon halb geheilt 😉

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  23. Xanthippenjagd

    Hey,
    ich leide seit meiner Geburt am Patriarchat. Ein Paar Bespiele?….Gewalt, Unterdrückung, Freiheitsberaubung, Erniedrigungen, sexueller Missbrauch, Zwangsprostitution & Zwangspornographie als junges Mädchen….ich habe dem Vater gehört, wir alle waren sein Besitz und er hat uns ja so sehr geliebt, deswegen hat er uns alle misshandelt. Ich komme aus einer Akademikerfamilie, der Patriarch Lehrer mit hohem gesellschaftlichen Ansehen.
    Die Folgen für mich….Essstörung, komplexe PTBS, Depressionen, Alpträume und ich komme aus dem Patriarchat nicht raus…..ich leide massiv an dem immernoch gangundgebe sexismus, ja ich leide jeden Tag und die Suche nach Gleichgesinnten…erfolglos. Frauen wollen das Patriarchat, sie fühlen sich sicher in ihren Rollen, sie zeigen mit dem Finger auf Länder in denen die Frauen offensichtlich misshandelt werden und massieren dabei ihrem Liebsten die Füße. Ich bin hübsch und intelligent….zweiteres wird von den meisten als schlechte Eigenschaft für Frauen angesehen. In der Uni machen die Herren einen großen Bogen um mich…..sie glotzen mir lieber von weitem aufn Po. Mann redet, Frau nackig….so sehen bereits Kleinkinder unsere Welt.
    Ich bin ein politischer Mensch und bin überzeugt, dass die Politik immernoch das Patriarchat tatkräftig unterstützt. Brutale Kinderschänder kommen nach 1 Jahr frei damit sie weiter machen können….ja der Staat schützt seine Patriarchen.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      tut mir leid, dass du diese erfahrungen machen musstest. ich würde dir zustimmen, das patriarchat wird von allen seiten kräftig unterstützt. ich glaube ich störe mich an dem begriff „kinderschänder“. „schänden“ tut man eine grabstätte, ein objekt, niemals einen mann. darin wird ein opferbild reproduziert. ein zweiter punkt wäre für mich, dass ich, anders als viele in der gesellschaft, die lösung nicht in einer plötzlichen gutheißung von knast sehe, sondern ansetzen würde bei der nötigen veränderung der patriarchalen verhältnisse, die möglich machen, dass sexualisierte gewalt unkommentiert und breit akzeptiert stattfinden kann und den betreffenen kein glauben geschenkt wird.

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