Schlagwort-Archiv: Therapie

Anerkennung von Schmerz und Pathologisierungskritik

Das Problem der (fehlenden) Anerkennung
Dass ich Psychopathologisierungen komplett ablehne und oft scharf kritisiere, scheint viele persönlich anzugreifen und oft Abwehrreflexe auszulösen. Es ist nicht so, dass ich das nicht verstehe. Und ich versuche, Selbstbezeichnungen zu akzeptieren, egal ob irgendwas in mir schreit „Konstruktion“. Wenn dies aber in einem feministischen Umfeld passiert was mir sehr am Herzen liegt oder noch besser, wenn sich „psychisch krank“ „anerkennen“ plötzlich als Antidiskriminierungskampagne labelt (z.B. #istjairre) , dann habe ich damit schon ein Problem. Wenn dann auch noch die Bereitschaft fehlt, die eigenen Abwehrreflexe kritisch zu prüfen (eine ist ja krank, kann nichts dafür, dann ist sowas echt zu viel verlangt) fange ich an, wütend zu werden.
Es ist nichts dabei, eine Therapie zu machen. Manchmal fehlen einer_m eben Alternativen. So what. Kein Grund, Diagnosen zu feiern. Kein Grund, Psychotherapie nicht zu kritisieren. Kein Grund, psychiatrische Gewalt zu verharmlosen. Weiterlesen

Anekdoten aus der Psychiatrie – Freundlichsein und Bäume knutschen

Vor Ewigkeiten wollte ich hier anfangen, Anekdoten aus der Psychiatrie zu erzählen. Absurditäten des klinischen und therapeutischen Alltags. Ich habe damit schnell aufgehört, weil ich beim Schreiben merkte, dass das irgendwie alles wenig lustig ist, sondern oft mit Beschneidung meiner Freiheit und Überschreitungen von Grenzen zu tun hatte. Das habe ich beim Schreiben dieses Textes auch wieder festgestellt. Wer nur den witzigen Teil haben will, scrollt einfach bis zur Achtsamkeit. Es geht mir in diesem Text darum, die Struktur einer Erfahrung aufzuzeigen.Das Problem sind nicht repressive Menschen dort, sondern ein sexistisch und konditionierendes System, das mit ganz subtilen Maßnahmen arbeitet – die sich erstmal wie helfen anfühlen. Überlegt euch ob ihr Bock habt das zu lesen, wenn ihr selbst Klinikerfahrungen habt und die für euch positiv bewertet. Ich dreh das hier alles um. Natürlich ziemlich viel Kackscheiße hinter den absurden Situationen. Aber kein Filmdrehbuch. Realität im 21. Jahrhundert, Deutschland. Und nun, Vorhang auf für die Reise durch Therapieordner grün: Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT). Macht euch gefasst auf Regelwerke, Beziehungstraining und esoterische Eskapaden. Kann manchmal Wut und Brechreiz auslösen.

 

Das Steinmädchen landet auf einem Berg im Nirgendwo.

In meinem Kopf sind Psychiatrien immer auf Bergen, am Besten in Wäldern. Bloß weit weg vom Rest der Gesellschaft. Erholungsgebiete und so. Oder Ausgrenzung, wer weiß das schon. Weiterlesen

wahnsinnswut oder therapieordner dreieinhalb

ich bin so wütend. wütend wütend wütend.

es ist gut dass dieses gefühl da ist. ich las gerade in der autobiografie von beth ditto und kam an die stelle im krankenhaus. wo die ganzen irren sind. die gewalt erlebt haben. und dann nicht mehr so einfach rauskommen. und fragen von männern gestellt bekommen. sie schreibt, dass das der ort wäre wo eine wohl nach gewalterfahrungen landen würden. und was das denn bringen würde.

und dann wurde ich wieder so wütend. wütend wütend wütend.

ich habe keine lust auf noch eine therapie. Weiterlesen

Diagnosespaß Teil 1: „Das ist ja nicht so schlimm“

Bei dem Thema weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. Gesellschaftskritik, persönliche Erfahrungen und Absurditäten gehen wieder Hand in Hand. Es sprengt einen Blogartikel total also verzeiht das viele anreißen. Ich habe viele verschiedene Diagnosen bekommen, mit manchen konnte ich umgehen (wenn ich dachte es ist stimmig) oder ich wurde wütend oder war verletzt, angegriffen. Ich glaube eine meiner ersten Konfrontationen damit war bei meiner zweiten Therapie. Ich hatte die ganze Zeit schon das Gefühl, dass dieser Typ mich nicht ernst nahm, dachte, ich hätte keine ernsthaften Probleme. Er sagte ich müsste ja nur mal ein bisschen Kontrolle abgeben. (Was zu verbissenen Kämpfen führte weil ich mich weigerte einen bescheuerten Stein geben die Wand zu werfen, aber egal.) Er wollte meine Selbstverletzungen sehen. Dabei war mit unwohl, aber wusste auch nicht so recht wie nein sagen. Unsicher zog ich meinen Ärmel hoch. Er griff nach meinem Arm. fuhr mit dem Finger über die Narben, lehnte sich dann zurück und meinte: „Das ist ja nicht so schlimm.“
Das saß.
Ich war schockiert und überfordert und habe mich bloßgestellt gefühlt. Es war als hätte ich mich ausgezogen und wäre gemustert worden um dann festzustellen: Unwichtig. Wertlos. Bloß vor allem.
Es war als würde mir die Legitimität meines Schmerzes abgesprochen. Dabei zeigt sich der doch nicht in Wunden auf der Haut! Die können doch eh niemals so tief sein wie sie sein müssten um den Schmerz zu zeigen.
Trotzdem war es auch Sprache für mich. Mit mir selbst sprechen können. Überhaupt eine Kommunikation finden. Da ich keine Sprache fand, habe ich irgendwann meinen Schmerz versucht auf meine Haut zu schreiben. Etwas sehr persönliches, was damals einfach nur sehr wenige Menschen zu sehen bekommen haben. Etwas an meinem Körper, an meinem Leben, was ich entschieden habe.
Und dann kommt dieser Mensch und sagt: Ist ja nicht so schlimm. Während ich ständig panisch fragte ob er mich ernst nehmen würde. Auch heute habe ich zugegeben noch ein Problem damit, meine Gefühle auszudrücken, ich kann über vieles sehr sachlich erzählen, aber selten die dazu passenden Emotionen zeigen und Gesichtsausdrücke finden. Ein Lächeln erscheint mir einfacher. Aber ich sagte ihm doch, wie es in mir aussieht. Bat darum, ernstgenommen zu werden. Zeigte sogar meine Narben obwohl sich das wie Nacktsein anfühlte.
Auf der Rechnung stand dann: „Pubertätskrise“.

Das war meine erste Diagnose. Irgendwann ignorierte ich die Einschätzung dieses Menschen weil es mir immer schlechter ging. Und mein Psychiater suchte mir eine Klinik raus. Ich rief an und wurde immer weitergeleitet, bekam einen Fragebogen. Bekam ein Vorstellungsgespräch. Bewerbung und Vorstellungsgespräch. Überprüfen, ob ich auch alle Kriterien erfülle um dem Club beitreten zu dürfen. Ich informierte mich. Ich wurde genommen.
Und mit der Aufnahme ins DBT Programm (eine störungsspezifische Therapie, Dialektisch-Behaviorale Therapie) stand dann auch die Diagnose im Raum: Borderline-Persönlichkeitsstörung. Damals war ich erleichtert. Ich war erleichtert, weil ich mich endlich in meinem Schmerz ernstgenommen gefühlt habe. Und ich habe es gehasst wenn Menschen mich so abschätzig anschauten und meinten: DU sollst Borderline haben? Du machst doch nicht…/ hast doch nicht… was auch immer. Gab ja schon da ein tolles Bild in den Medien. Borderlinerinnen haben ständig Sex und Wutausbrüche und sind total manipulativ. Yeah.
Für mich passte das Gefühlserleben.
Und die Zweifel kamen ja auch nicht aus einer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, an patriarchaler Kontrolle oder Zuschreibungen. Sondern die Zweifel bezogen sich darauf, dass ich ja „so krank nun auch nicht wäre“.
Deswegen tu ich mir auch heute noch schwer eine Kritik an der Diagnose zu formulieren. Weil ich nicht will, dass mir mein Gefühlserleben aberkannt wird und ich in dieser Klinik und in dieser Therapie zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass ich wirklich ernstgenommen werde.
Gerade wird es auch viel im Kopf, ich versuch nächstes Mal dann mal weiter zu machen mit der Kritik an meiner „Persönlichkeitsstörung“.
(Hier findet ihr Teil II: Kooontext, wo bist du? Die „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ im Diagnosespaß Teil II )