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Nicht da, Nicht Pusteblume

Neues gibt es auch bald, aber da ich gestern Nacht nebst vieler Schriftbruchstücke auch noch ein paar Texte eingesprochen habe, gibt es eine alte Geschichte von mir als MP3 Datei, damit ihr euch schön zum Urlaubsgefühl was vorlesen lassen könnt. Unter Prosa könnt ihr sie auch lesen, sie ist von 2007 zum einem Schreibwettbewerb unter dem Motto „Nix wie weg?!“.

Es ist eine Schulgeschichte. Oder eine Geschichte über eine andere Wirklichkeit. Oder über Mobbing. Auf jeden Fall ist es eine Geschichte übers Verlorengehen undoder Wütendwerden.

Nicht da, Nicht Pusteblume by Steinmaedchen

Nicht da, nicht Pusteblume

Leben ist ein bisschen wie Kreiseln. So lange man sich schnell genug dreht, bleibt man aufrecht, doch wird man langsamer fängt man an zu schwanken bis man dann irgendwann umfällt und nur noch auf dem Boden umher rutscht.
Mein Leben ist so ein Kreisel. Das Wichtigste ist, dass man nicht anhält. Dass man nicht anfängt nachzudenken oder mitbekommt, was um einen herum passiert. Dann gerät man nämlich ganz schnell ins Schleudern. Man muss sich einfach so schnell drehen, dass es keine Rolle spielt, wie stark der Wind ist, der versucht, einen umzuwerfen. Manchmal, da passiert es. Da rutscht man ab. Dann muss man allerdings schnell wieder aufstehen und sich weiter drehen. Je länger man am Boden liegt, um so mehr kriegen es mit. Wenn man also nur ganz kurz fällt und dann wieder aufsteht, merkt es vielleicht keiner.

Susanne legt den Stift beiseite. Ist da nicht ein Klopfen? Sie öffnet schnell ihr Mathebuch und beugt sich darüber. Die Zahlen scheinen sie anzustarren, gleich werden sie sie anspringen!
Es ist nur der Kater, niemand ist da. Nur die Zahlen und die schwirren bösartig durch die Luft, sie springen umher, umkreisen sie und tanzen unaufhörlich. Susanne knallt ihr Buch zu und greift nach der Deutschlektüre. Vorsichtig öffnet sie sie, doch nicht vorsichtig genug, die Wörter springen heraus, schreien ihr in die Ohren und machen einen Heidenlärm. Susanne hält sich die Hände abwechselnd vor Gesicht und Ohren, wieso lassen sie sie nicht in Ruhe? Niemand lässt sie in Ruhe.
„Susanne, Kind, alles in Ordnung?“ Alles bestens Mutter, alles in Ordnung, ja, die Hausaufgaben sind fast fertig, nein mit einkaufen will ich nicht, ja, um die Wäsche werde ich mich kümmern, nein es passt schon.

Und morgen ist wieder Schule.

Ich bin nicht da. Ich bin nicht da. Alles egal was passiert, denn ich bin nicht hier. Ich bin nicht da. Nicht da. Da. Hier. Nicht.
Nichts. Nicht da. Ausgeflogen, weg. Nicht hier. Fort.
Redet wie ihr wollt.
Nicht da. Hier. Nicht. Nichts.

„Susanne, deine Hausaufgaben bitte.“ Nein, Frau Lehrerin, ich habe keine – keine da – nein nicht hier – nein nicht zu Hause – nichts gemacht.

susanne alte pfanne susanne kaffekanne susanne brillenschlange susanne dumme tanne

Alles wie ein Kreisel. Man muss sich nur schnell genug drehen. Vielleicht, wenn man sich schnell und schneller dreht, vielleicht hebt man dann ab. Und dann ist man weg, fort. Wie das Leben wohl anderswo aussieht? In den Wolken, in der Luft – wie ein Vogel?

Ganz gerade sitzt sie dort in der ersten Reihe. Die Lehrer haben sie dort hingesetzt. Weil sie nicht mehr aufpasst. Weil sie nachgelassen hat. Und ihre sozialen Kontakte, die hat sie auch vernachlässigt. Eine Schwalbe bohrt sich in ihren Rücken. Keine Reaktion. Auch nicht, als sie ihr eine weitere Schwalbe an den Kopf werfen. Und auch nicht, als sie über ihre Tasche laufen.
Susanne rührt sich nicht. Susanne ist nicht da.

Ihr habt keine Chance, ihr kommt nicht an mich ran, ihr könnt mich nicht treffen ich bin nicht da. Der Kreisel ist abgehoben, ihr könnt ihn nicht mehr umpusten.
Umpusten. Um und pusten.
Pusten ist gut. Da denkt man an Pusteblume.
Umpusten aber ist tödlich. Wie wegpusten.
Mit einer Waffe macht man das.
Bei einem Kreisel aber reicht ein scharfer Luftzug.

Susanne geht nach Hause. Ihr folgt Gelächter. Und am nächsten Morgen steht sie wieder auf und geht wieder hin. Tag für Tag. Nur noch Bewegung, kein Inhalt.
Auch am Morgen lachen sie. Spielen ihr Streiche.

Ich bin nicht da. Bin nicht da. Nicht da. Da.
ICH. BIN NICHT. DA. Ich bin nicht da, hört ihr nicht??
Ich bin nicht da. BIN NICHT.

Sie stoßen sie mit Stöcken, kommen ihr nicht zu nah, sie ist eklig, sie ist hässlich, sie ist anders.
Wegstoßen.
Susanne reagiert nicht, sie starrt ins Leere.
Sie ist sich wohl zu gut dafür, mit den Anderen zu reden.

susanne brillenschlange

Ich bin nicht da. Doch es hilft nicht.
Drehen, wie dreht man sich?
Ich tu, ich mach. Hausaufgaben, Sport, ich bewege mich.
Aber ich drehe mich nicht mehr schnell genug, bin ins Schleudern gekommen. Wenn man einmal ins Schleudern gerät, wird es immer schlimmer – bis jemand nach einem greift und neu andreht.
Aber da dreht keiner neu an, da wird nur gepustet.
Einmal puste ich zurück.
Um und weg, nicht nur pusten.
Wenn ich wieder hier bin.

Ein Lehrer nimmt Susanne den Block aus den Händen. „Vorlesen!“ rufen die Anderen. Der Lehrer ist nicht erfreut. Ja, sie weiß, sie soll aufpassen – nein, sie weiß, dass sie schlechte Noten hat – nein, sie hat keine Probleme – nein bitte kein Gespräch.
Wie soll jemand, der nicht da ist, reden?
„Jede Wette, das war ein Liebesbrief.“ „Vielleicht an den Müllmann?“
Gelächter.

susanne reifenpanne

Ich bin nicht da.

„Was soll das Susanne, etwas stimmt doch nicht. So rede doch, wir können dir helfen. Hast du Probleme zu Hause? Warum schottest du dich von deinen Mitschülerinnen ab?“

Ich bin nicht da, redet nicht mit mir.
Der Kreisel fällt ins Nichts, ganz langsam, in Zeitlupe, gut kann man ihn sehen. Aber auffangen will ihn keiner, sie haben ihn umgepustet. Wieso war das möglich?
I c h b i n n i c h t d a

froschauge schweinefresse stinktier ekelkuh

Bald puste ich zurück. Dann merkt ihr, dass ich doch da bin. Wegpusten.
Weg wie um und fort. Fort. Pusten.
Umpusten ist tödlich, wisst ihr das?
Wenn nicht, dann bald.
Nicht Pusteblume.
Wegpusten.

Methodenwahn

Man geht nichts ahnend zur Schule, müde und unausgeschlafen und will nur, dass der Morgen möglichst schnell vorrüber geht. Doch die Rechnung geht nicht auf. Am Tag zuvor war eine Lehrerfortbildung zum Thema Lernmethodik.
Panik bricht aus. Was wohl diesmal kommt?
Chemieunterricht. „Zieht bitte alle eine Karte. Wir bilden heute Expertengruppen. Ihr erarbeitet jeweils ein Thema und setzt euch dann anders zusammen. Also zuerst setzten sich A B und Cs zusammen und dann die einser und zweier und so und erklären sich jeweils das Thema.“ Na klar, alles verstanden. Chaos im Klassenzimmer. Die ersten 15 Minuten sind für die Erklärung, das Kärtchen ziehen und Gruppen bilden draufgegangen. Es folgen haufenweise Texte mit unverständlichem chemischen Gewurschtel. Die Gruppe muss sich erstmal zusammen finden und beginnt dann, nach einiger Überwindung, die Texte zu lesen. In der breiten Masse herscht großes Unverständnis vor. Einige verstehen den Sinn jedoch sofort und mache sich ans abarbeiten der Aufgaben. Und der Rest sitzt doof da und ist gerade dabei, die Zusammenhänge wenigstens in Ansätzen zu begreifen, als der Lehrer feststellt, dass die Stunde bald zu Ende ist. Eine weitere große Umsetzaktion erfolgt. Jetzt sitzen in jeder Gruppe so ungefähr 5 Leute, die den Anderen jetzt ihr Thema erklären dürfen. In ca. 10 Minuten, da der Zeitplan sowieso nicht aufgeht. Und in der nächsten Woche wird dann ein Test geschrieben.
Schulunterricht der Moderne. Gegenseitiges vermitteln von nicht vorhandenem Wissen. Soll unsere sozialen Kompetenzen fördern. Die Guten helfen den Schlechten und so.
Früher, als ich noch in der Fünf war, da was Gruppenarbeit noch etwas Besonderes und alle haben sich gefreut. Das bedeutete wochenlang an einem Thema ganz intensiv zu arbeiten, zu Hause und in der Schule, mit viel Begeisterung und Freiheit – und meist mit den engsten Freunden.
Heute sieht das anders aus. Man soll schließlich Fähigkeiten wie Teamarbeit und so lernen. Deswegen lernen die LehrerInnen auf ihren Fortbildungen ganz tolle Ideen zur Gruppenbildung. Besonders beliebt ist die Kartenmethode. Ob das jetzt nun normale Spielkarten sind oder A-B-C-Karten oder welche in verschiedenen Farben oder Formen, am Besten noch mit unterschiedlichen Zahlen und Buchstaben bedruckt, damit man viele verschiedene Variationsmöglichkeiten zur Gruppenbildung hat. (Damit jeder und jede möglichst vielen anderen Nicht-Wissen vermitteln kann) Die faulen LehrerInnen zählen schlicht und einfach durch, und die mit einem Überschuss an Kreativitätspotenzial bevorzugen Zuordnungsmethoden mit Hilfe von Puzzeln. Ich frage mich da als Schülerin manchmal, was noch folgen soll. Vielleicht Gruppenbildung nach Haarfarbe?
„Witzig“ wird es dann auch nochmal, wenn jemand aus der Gruppe der ganzen Klasse die Ergebnisse vortragen soll. Hier ist der nicht ausgelebten Kreativität mancher LehrerInnen keine Grenzen gesetzt. Ob derjenige mit der kleinsten Schuhgröße, oder diejenigen mit dem spätesten Geburtsdatum im Jahr, oder derjenige mit der geringsten Körpergröße, ob gewürfelt wird oder Karten oder Streichhölzer gezogen werden – der Fantasie wird hier keine Grenzen gesetzt. Irgendwo muss man die ja im schulischen Alltag loswerden… Doch wenn es dann zu Überlegungen kommt, bei welcher Person der letzte Buchstabe des Namens zuerst im Alphabet kommt, sollte man darüber nachdenken, ob sich nicht Malkurse als Alternativ-austobe-Möglichkeit anbieten würde.
Aber stattdessen finden weitere Fortbildungen statt, die dazu führen, dass Referate als Theaterstücke, Raps, Evening-shows oder so gehalten werden. Das bedeutet: maximaler Aufwand für minimalen Inhalt. Ich habe so dass Gefühl, dass da jemand das Optimierungsprizip nicht ganz verstanden hat: es geht um minimalen Aufwand für das bestmögliche Ergebnis, nicht umgekehrt…

Von dieser Entwicklung bleiben Schülerinnen und Schüler natürlich nicht unberührt. Irgendwann stellt sich etwas ein, was ich hier jetzt einfach mal „Klippertschädigung“ nenne. (Klippert war son‘ Typ der sich ganz viele tolle Methoden zum Lernen ausgedacht hat…)
Die geschädigten SchülerInnen mussten viel über sich ergehen lassen, besonders durch die vielen verschiedenen Variationen der Gruppenarbeit.
Klippertschädigungen entstehen auch durch Klassenspaziergänge wo jeder und jede sich selbst laut vorliest, oder wenn Referate im Übermaß verteilt werden und dann mit bunter Farbe auf Plakate drapiert werden müssen, alternativ auch mit Powerpointpräsentationen und tollen Handouts gekoppelt.
Schwerwiegend wird diese Schädigung dann, wenn SchülerInnen auch in ihrer Freizeit anfangen Gruppen zu bilden und sich nach der Reihenfolge der Geburtstage ihrer Elternteile zuordnen.
UrheberInnen dieser Schädigung sind nicht nur (vorwiegend junge) Lehrerinnen und Lehrer, sonders auch so morderne Veranstalten wie ein Methodentraining. Die LehrerInnen leiden vermutlich an einer speziellen Refrendarskrankheit, Zwangsneurosenähnlichen, die sie dazu zwingt, bedingungslos vor dem Methodenwahn zu kapitulieren.
Die Trainings finden heutzutage vermehrt in der Unterstufe statt, um frühzeitig zuzuschlagen. Und um alle SchülerInnen zu erwischen, die man nicht im Kindesalter traumatisieren konnte, wird dies dann noch einmal in der Oberstufe aufgegriffen, wahlweise in Form von Aktionstagen oder Stufenfahrten mitten ins Nirgendwo. Hier lernt man die super nützlichen Begriffe wie „skippen“ und „scannen“ (die beziehen sich darauf wie man einen Text am Besten liest oder eben auch nur halb liest…) und erfährt, dass man ein Referat auch als Gesangsstück halten kann, wenn man den Gehalt des zu vermittelnden Wissens möglichst gering halten will.

Nur wenige SchülerInnen bleiben heute von diesem Methodenwahn verschont, und in wenigen Jahren werden alle an Klippertschädigungen leiden, wenn die methodenresistenten LehrerInnen ausgestorben sind. Aber bestimmt wird uns das allen später im Berufsleben helfen, wenn wir wissen, dass man zum Lernen mit einem Buch laut vorlesend durch die Gegend laufen kann. Meiner Meinung nach macht dass eher einen Eindruck als wäre man reif für die Irrenanstalt, aber man kann die Dinge schließlich immer so und so betrachten…