Methodenwahn

Man geht nichts ahnend zur Schule, müde und unausgeschlafen und will nur, dass der Morgen möglichst schnell vorrüber geht. Doch die Rechnung geht nicht auf. Am Tag zuvor war eine Lehrerfortbildung zum Thema Lernmethodik.
Panik bricht aus. Was wohl diesmal kommt?
Chemieunterricht. „Zieht bitte alle eine Karte. Wir bilden heute Expertengruppen. Ihr erarbeitet jeweils ein Thema und setzt euch dann anders zusammen. Also zuerst setzten sich A B und Cs zusammen und dann die einser und zweier und so und erklären sich jeweils das Thema.“ Na klar, alles verstanden. Chaos im Klassenzimmer. Die ersten 15 Minuten sind für die Erklärung, das Kärtchen ziehen und Gruppen bilden draufgegangen. Es folgen haufenweise Texte mit unverständlichem chemischen Gewurschtel. Die Gruppe muss sich erstmal zusammen finden und beginnt dann, nach einiger Überwindung, die Texte zu lesen. In der breiten Masse herscht großes Unverständnis vor. Einige verstehen den Sinn jedoch sofort und mache sich ans abarbeiten der Aufgaben. Und der Rest sitzt doof da und ist gerade dabei, die Zusammenhänge wenigstens in Ansätzen zu begreifen, als der Lehrer feststellt, dass die Stunde bald zu Ende ist. Eine weitere große Umsetzaktion erfolgt. Jetzt sitzen in jeder Gruppe so ungefähr 5 Leute, die den Anderen jetzt ihr Thema erklären dürfen. In ca. 10 Minuten, da der Zeitplan sowieso nicht aufgeht. Und in der nächsten Woche wird dann ein Test geschrieben.
Schulunterricht der Moderne. Gegenseitiges vermitteln von nicht vorhandenem Wissen. Soll unsere sozialen Kompetenzen fördern. Die Guten helfen den Schlechten und so.
Früher, als ich noch in der Fünf war, da was Gruppenarbeit noch etwas Besonderes und alle haben sich gefreut. Das bedeutete wochenlang an einem Thema ganz intensiv zu arbeiten, zu Hause und in der Schule, mit viel Begeisterung und Freiheit – und meist mit den engsten Freunden.
Heute sieht das anders aus. Man soll schließlich Fähigkeiten wie Teamarbeit und so lernen. Deswegen lernen die LehrerInnen auf ihren Fortbildungen ganz tolle Ideen zur Gruppenbildung. Besonders beliebt ist die Kartenmethode. Ob das jetzt nun normale Spielkarten sind oder A-B-C-Karten oder welche in verschiedenen Farben oder Formen, am Besten noch mit unterschiedlichen Zahlen und Buchstaben bedruckt, damit man viele verschiedene Variationsmöglichkeiten zur Gruppenbildung hat. (Damit jeder und jede möglichst vielen anderen Nicht-Wissen vermitteln kann) Die faulen LehrerInnen zählen schlicht und einfach durch, und die mit einem Überschuss an Kreativitätspotenzial bevorzugen Zuordnungsmethoden mit Hilfe von Puzzeln. Ich frage mich da als Schülerin manchmal, was noch folgen soll. Vielleicht Gruppenbildung nach Haarfarbe?
„Witzig“ wird es dann auch nochmal, wenn jemand aus der Gruppe der ganzen Klasse die Ergebnisse vortragen soll. Hier ist der nicht ausgelebten Kreativität mancher LehrerInnen keine Grenzen gesetzt. Ob derjenige mit der kleinsten Schuhgröße, oder diejenigen mit dem spätesten Geburtsdatum im Jahr, oder derjenige mit der geringsten Körpergröße, ob gewürfelt wird oder Karten oder Streichhölzer gezogen werden – der Fantasie wird hier keine Grenzen gesetzt. Irgendwo muss man die ja im schulischen Alltag loswerden… Doch wenn es dann zu Überlegungen kommt, bei welcher Person der letzte Buchstabe des Namens zuerst im Alphabet kommt, sollte man darüber nachdenken, ob sich nicht Malkurse als Alternativ-austobe-Möglichkeit anbieten würde.
Aber stattdessen finden weitere Fortbildungen statt, die dazu führen, dass Referate als Theaterstücke, Raps, Evening-shows oder so gehalten werden. Das bedeutet: maximaler Aufwand für minimalen Inhalt. Ich habe so dass Gefühl, dass da jemand das Optimierungsprizip nicht ganz verstanden hat: es geht um minimalen Aufwand für das bestmögliche Ergebnis, nicht umgekehrt…

Von dieser Entwicklung bleiben Schülerinnen und Schüler natürlich nicht unberührt. Irgendwann stellt sich etwas ein, was ich hier jetzt einfach mal „Klippertschädigung“ nenne. (Klippert war son‘ Typ der sich ganz viele tolle Methoden zum Lernen ausgedacht hat…)
Die geschädigten SchülerInnen mussten viel über sich ergehen lassen, besonders durch die vielen verschiedenen Variationen der Gruppenarbeit.
Klippertschädigungen entstehen auch durch Klassenspaziergänge wo jeder und jede sich selbst laut vorliest, oder wenn Referate im Übermaß verteilt werden und dann mit bunter Farbe auf Plakate drapiert werden müssen, alternativ auch mit Powerpointpräsentationen und tollen Handouts gekoppelt.
Schwerwiegend wird diese Schädigung dann, wenn SchülerInnen auch in ihrer Freizeit anfangen Gruppen zu bilden und sich nach der Reihenfolge der Geburtstage ihrer Elternteile zuordnen.
UrheberInnen dieser Schädigung sind nicht nur (vorwiegend junge) Lehrerinnen und Lehrer, sonders auch so morderne Veranstalten wie ein Methodentraining. Die LehrerInnen leiden vermutlich an einer speziellen Refrendarskrankheit, Zwangsneurosenähnlichen, die sie dazu zwingt, bedingungslos vor dem Methodenwahn zu kapitulieren.
Die Trainings finden heutzutage vermehrt in der Unterstufe statt, um frühzeitig zuzuschlagen. Und um alle SchülerInnen zu erwischen, die man nicht im Kindesalter traumatisieren konnte, wird dies dann noch einmal in der Oberstufe aufgegriffen, wahlweise in Form von Aktionstagen oder Stufenfahrten mitten ins Nirgendwo. Hier lernt man die super nützlichen Begriffe wie „skippen“ und „scannen“ (die beziehen sich darauf wie man einen Text am Besten liest oder eben auch nur halb liest…) und erfährt, dass man ein Referat auch als Gesangsstück halten kann, wenn man den Gehalt des zu vermittelnden Wissens möglichst gering halten will.

Nur wenige SchülerInnen bleiben heute von diesem Methodenwahn verschont, und in wenigen Jahren werden alle an Klippertschädigungen leiden, wenn die methodenresistenten LehrerInnen ausgestorben sind. Aber bestimmt wird uns das allen später im Berufsleben helfen, wenn wir wissen, dass man zum Lernen mit einem Buch laut vorlesend durch die Gegend laufen kann. Meiner Meinung nach macht dass eher einen Eindruck als wäre man reif für die Irrenanstalt, aber man kann die Dinge schließlich immer so und so betrachten…

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