Kategorie-Archiv: Widerstand

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Ich habe immer mal wieder zum Thema Körper geschrieben, zum Thema Essen, zum Thema Sport. (Links findet ihr unten) Es ist nicht nötig die Texte zu kennen für diesen Beitrag, vieles würde ich heute so nicht mehr schreiben, weil ich Dinge anders beurteile, anders fühle, sie anders sind. Manches ist mir nahezu peinlich, als würde ich mich dafür schämen, wie verletzt ich war und wie sehr mich das bestimmt hat. Wie schade, dabei habe ich immer gekämpft, mit dem, was ich halt zur Verfügung hatte. Das wo ich heute bin, hätte sich mein 16-jähriges Selbsthass-Ich sich niemals vorstellen können. Weil Sport für mich lange voll der Terror war. Untrennbar verbunden mit weniger werden, mit Diäten, mit Zurichtung von Körper und Geist. Sport um des Sportes willen, unvorstellbar. Es wird Zeit für ein Update.

Ich habe Sport lange gehasst. Nicht als Kind, auch in der Schule hatte ich Spaß an Teamsportarten, konnte weiter machen bis die Lippen alle Farbe verloren haben. Aber ich war auch die, die als letzte gewählt wurde. Ich war die, die beim Sprinten mit Abstand am schlechtesten war. Ich war die, über die in der Halle wie auch in der Umkleide gelacht wurde. No fun. Trotzdem, Basketball oder Fußball spielen, reinstürzen, zeigen, dass ich dieses Mädchending nicht auf mir sitzen lassen kann – das ging immer. Wenn wir tanzen mussten und mit Tüchern wedeln, kam ich mir vor wie eine Mutation aus Roboter und Elefant und dachte sehnsüchtig an die Jungs nebenan, die so viel coolere Sachen machen durften. Weiterlesen

Betroffenheit schützt nicht davor Scheiße zu sein

Ein Text über #Opfer, #Erlebende, Betroffenheitsargumente und Debatten über Vergewaltigung.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal hat ein Buch geschrieben. „Vergewaltigung. Kulturgeschichte eines Verbrechens“. Es war das erste Buch seit langem, dass mich so richtig in Rage gebracht hat. Manchmal war ich so wütend, dass ich nicht weiterlesen wollte. An anderen Stellen hatte ich nicht genug Zettel zum markieren parat, weil selten eine so genaue, treffende Worte findet. Unter Freundinnen sprachen wir eine zeitlang immer wieder über „das Buch“. Wir wüteten und feierten, etwas, was lange kein Buch geschafft hat: So sehr zum Thema zu werden.

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gepflegtes leiden oder: das foucaultsche duell

[content note: foucaultsches gedankenwirrwarr wird erwähnt. und musiktitel.]

ich bin ja eine freundin des gepflegten leidens. heute habe ich sehr viel gelitten. vor allem an mir selbst. und der ungerechtigkeit der welt, selbstverständlich. es war ein spiel. steinmädchen gegen steinmädchen. steinmädchen hat gesagt: heute wird wirklich fleißig am schreibtisch gesessen und gearbeitet. steinmädchen hat erwidert: aber ich bin müde und will schlafen und serien gucken.

was harmlos anfing, entwickelte sich über den tag zu einem beeindruckenden argumentations- und trickserei match. steinmädchen hat den tag mit einem song von begonnen (Frozen – Madonna) und dabei eine yoga-übung gemacht. und frühstück. (sowas machen wir hier eigentlich nicht, aber nun gut, heute war alles erlaubt.) Weiterlesen

Das Patriarchat ist an allem Schuld.

Edit: Unten findet ihr das Ganze auf Vorgelesen.

Das Patriarchat ist schuld. Ich schwöre euch, das Patriarchat ist schuld. Ich sitze hier und presse mir ein Kühlpack auf die Wange und habe Schmerzen. Ich darf keine „krümmelige und keine feste“ Nahrung zu mir nehmen. Let’s face it: Brei, Quark und Suppe. Ich darf nicht trinken, nicht rauchen, keinen Sport machen. Damit wären alle gesellschaftlich angesehenen Bewältigungsstrategien ausgeschlossen. Ich bin nicht sonderlich gut erträglich wenn ich nichts machen kann. Zum Denken und somit für Fleißigsein stehe ich zu sehr unter Schmerzdrogen. Ein Zustand, den ich unterschätzt habe. Auf allen Ebenen. Jedenfalls sitze ich hier, sehr schlecht gelaunt, und mir fällt nichts, aber auch gar nichts ein, wie ich wenigstens noch ein wenig sinnvoll destruktiv mit der Welt umgehen sollte.
Also schreibe ich einen Blogtext.
Jedesmal, wenn es in der Wange zieht denke ich: Scheiß Patriarchat. Überhaupt denke ich das sehr oft. Wenn mir was auf den Fuß fällt. Wenn ich stolper. Wenn mir das Patriarchat im Kiefer rumschneidet. Ich denke wirklich, wirklich oft am Tag: Scheiß Patriarchat. Ein Zentel so oft spreche ich das dann laut aus, was immer noch oft genug ist. Mit einer guten Freundin rede ich immermal wieder über die scheiß Dinge im Leben. Irgendwann kommen wir immer zu dem Punkt: Scheiß Patriarchat. Selbst wenn es um was völlig anderes geht, das Problem sich wirklich nicht direkt relaten lässt – irgendwann gibt es immer diesen Moment wo es dann doch wieder passt zu sagen: Scheiß Patriarchat.
Vielleicht erwartet ihr jetzt eine Wendung in diesem Text. Aber ich habe mir ja überlegt, dass mit den Wendungen lasse ich sein. Und ich habe Schmerzen und ich hasse das Patriarchat wirklich sehr. Und wenn ich gerade daran denke, dass sich wieder Maskus auf meinem Blog rumtreiben, da fällt mir auch nichts anderes ein als mich zu wiederholen: Scheiß Patriarchat.
Klar kann ich das ausdifferenzieren, könnte analysieren wie nervig Maskulinisten auf feministischen Blogs sind, wie sehr sie doch alles falsch verstehen, ich könnte was dazu schreiben dass ich eine psychisch gestörte männerhassende feministische Lesbe bin, ich könnte gar versuchen es zu widerlegen, aber dass ist mir nun wirklich zu anstrengend. Feminist Bore-Out wie Nadia vor einiger Zeit so treffen schrieb. Ich könnte ausdifferenzieren, dass die Verlinkung von „Mir ist was auf den Fuss gefallen“ und „Scheiß Patriarchat“ weniger direkt ist als die von Angetatscht werden und sich aufregen. Aber ich könnte auch erklären, dass ich dem Moment an das Patriarchat gedacht habe, hui hui, ich könnte in die Psychologiekiste packen und einen freudschen Gegenstandsfall kreieren!
Worauf ich hinaus will: Das Patriarchat ist Schuld. Schuld am Klimawandel, Schuld an schlechter Musik, Schuld am Untergang von Twitter und vor allem Schuld daran, dass ich jetzt keinen Tequila trinken kann um mich adäquat übers Patriarchat aufzuregen. (Tequila gilt hier als Metapher. Ich trinke eigentlich nicht so gerne Schnaps. Aber ich habe Grey’s Anatomys geguckt.)
Vielleicht sage ich auch immer nur Scheiß Patriarchat, damit ich weniger jammer. Damit ich nicht in diese kuschlige Höhle aus Schmerz rutsche, meine Wunden lecke und mich nur noch um mich selbst drehe. Vielleicht brauche ich diese Erinnerung im Alltag um zu wissen, dass es zwar weh tut, ich aber was tun kann. Vielleicht brauche ich diesen Satz, damit ich nicht vergesse, was zu unternehmen, vielleicht brauche ich diese zwei Wörter um mich nicht zu gemütlich im Schmerz einzurichten. Oder einfach deshalb, weil es wirklich immer passt.

Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat

Aktuell begegnet mir über viele verschiedene, besonders feministische Kanäle, das Projekt „Heimwegtelefon“. Das Heimwegtelefon soll nachts auf dem Weg nach Hause mehr Sicherheit bieten. Ich bin irritiert bis verärgert. Da die Problematik dieses Projektes vielen nicht deutlich ist, habe ich versucht, nochmal genau aufzuzeigen, was so schwierig daran ist, kontext- & historienlose Aktionen zu starten. Das Heimwegtelefon reproduziert viele Mythen und die Arbeit, die Frauen seit Jahrzehnten in Gruppen und Institutionen gegen Diskriminierung und Gewalt leisten wird völlig übergangen. Es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen, das Feministinnen mühsam angeeignet haben und immer immer wieder wiederholen.

rape culture besteht nicht nur aus allgegenwärtigen Übergriffen, sondern AUCH aus der permanenten Angst vor diesen. Durch die Fokusierung auf die Angst vor Übergriffen auf der Straße wird wieder einmal verschleiert, wo Gewalt (besonders gegen Frauen) in unserer Gesellschaft stattfindet. Wieder ein Projekt, dass die Aufmerksamkeit weg von den Häusern verschiebt, weg von den Familien und Beziehungen – hin zu einer diffusen Gefahr von der Straße, dem Fremden.

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Geschichten anders erzählen

Mir fehlt etwas gerade in diesen feministischen Zusammenhängen – besonders online. Es fehlt mir, dass wir gegenseitig wahrnehmen, was wir eh schon tun und was wir tun könnten. Es fehlt mir eine genauere Herausarbeitung davon, an welchen Stellen viele Feminist*innen sich (erfolgreich) wehren. Das sichtbarer gemacht wird, was das heißen kann, sich zu wehren. Dass gegenseitig mehr unterstützt wird, Strategien zu erproben, um sich immer öfter erfolgreich zu wehren zu können. Bei #aufschrei ging mir das auch oft durch den Kopf. Die Kontextlosigkeit und die Fokusierung auf so ein Opferdingens. Das kann ja total wichtig sein, um überhaupt erstmal benennen zu können, dass da was passiert, das es sich um Gewalt handelt, dass es nicht um „irgendwie übergriffiges Verhalten“ sondern um konkrete Situationen geht, die viele im Alltag erleben.

Aber was mir fehlt sind diese anderen Geschichten. Weiterlesen