gepflegtes leiden oder: das foucaultsche duell

[content note: foucaultsches gedankenwirrwarr wird erwähnt. und musiktitel.]

ich bin ja eine freundin des gepflegten leidens. heute habe ich sehr viel gelitten. vor allem an mir selbst. und der ungerechtigkeit der welt, selbstverständlich. es war ein spiel. steinmädchen gegen steinmädchen. steinmädchen hat gesagt: heute wird wirklich fleißig am schreibtisch gesessen und gearbeitet. steinmädchen hat erwidert: aber ich bin müde und will schlafen und serien gucken.

was harmlos anfing, entwickelte sich über den tag zu einem beeindruckenden argumentations- und trickserei match. steinmädchen hat den tag mit einem song von begonnen (Frozen – Madonna) und dabei eine yoga-übung gemacht. und frühstück. (sowas machen wir hier eigentlich nicht, aber nun gut, heute war alles erlaubt.)

mit tee von gestern ging es in die erste runde. steinmädchen wollte aber lieber nicht lesen und hat angefangen im internet zu surfen (war ja auch lange nicht mehr richtig online) und wollte gerne kontakt mit menschen aufnehmen. da entschied die gegenseite, doch einfach den lockdown einzuschalten und für eine stunde, für den anfang, alle geliebten internetseiten zu sperren. facebook, twitter, noch schlimmer, tweetdeck, youtube, streamingseiten, selbst internetshopping seiten, sogar ebay. also verbrachte steinmädchen die erste halbe stunde damit, nochmal genau über dieses blockaddon zu recherchieren.

(LeechBlock  is a simple productivity tool: an extension for the Firefox web browser designed to block those time-wasting sites that can suck the life out of your working day. (You know: the ones that rhyme with „Blue Cube“, „Space Hook“, „Sticky Media“, „Quitter“, and the like.))

es wurde argumentiert, dass das so nicht geht, neuer tee gekocht und dann aufs buch gestarrt. für zwei sekunden. und dann habe ich gelitten, weil ich gerne auf die reimseite von space hook wollte, sozialen kontakt echt toll finde… also dachte steinmädchen nach über die foucaultsche perspektive auf diese selbstdisziplinierungsmaßnahmen. niemand von außen zwingt mich, an einem samstag an meinem schreibtisch zu sitzen, das mache ich nur, weil ich mir ausrechne, das dadurch mein leid in einigen wochen vermindert wird. ich versuche mich selbst durch mein handy zu umgehen. steinmädchen schimpft und grummelt den ganzen tag auf steinmädchen, während dieses sich darüber aufregt, dass in drei stunden nur zwölf seiten gelesen wurden. neue bewegungseinheit. (Because The Night – Kim Wilde)

also im prinzip habe ich mich die ganze zeit mit mir selbst gestritten über die sinnhaftigkeit meines verhaltens. steinmädchen wurde gewitzt und setzte sich dafür ein, dass das mit der selbstdisziplinierung aus politischen perspektiven wirklich abzulehnen sei und jede form von widerstand dagegen total unserem anitkapitalistischen grundsatz entgegenkommen würde.

als dieser ansatz stärker zu werden drohte (wo macht ist, ist auch widerstand) schaltete steinmädchen die geliebten internetseiten erneut aus (für zwei stunden) und ging in die küche, wo sich glücklicherweise (je nach perspektive) der foucaultlernende mitbewohner aufhielt, der steinmädchen unterstützte in dem er der widerstandsargumentation widersprach, denn ich würde ja das dispositiv der wissenschaftlichkeit angreifen, also wäre mein arbeiten auch politisch.

steinmädchen und steinmädchen warfen sich nun gegenseitig vor, nur der macht zu dienen, dabei kann es gar nicht der macht dienen, macht ist ein verhältnis, ein netz, kein besitz.

foucault hat aber gesagt [beliebiges foucaultzitat]!

foucault auch das [beliebiges foucault zitat] gesagt!

ist doch scheiß egal was foucault gesagt hast, arbeite!

ist doch scheiß egal was foucault gesagt hat, widerstand!

definitiv hat dieser disput die produktivitätsfähigkeit eingeschränkt. doch steinmädchen hat nicht locker gelassen, bis ein bestimmtes maß an seiten umgeblättert waren. steinmädchen entschied sich also dafür, im sinne der produktivität selbstverständlich, ein kapitel zu überspringen. eine neue bewegungseinheit (Where Does The Good Go – Tegan and Sara), mehr kommunikation über meine furchtbare situation nach außen, unterschiedlichste ratschläge (eine fraktion unterstützt steinmädchen, eine andere unterstützt steinmädchen)

ich entscheide mich aus verzweiflung, diesen text zu schreiben, nachdem ich auch twitter den ganzen tag schon zugetextet habe über diese vertrackte selbstdisziplinierungs selbstmotivierungssituation. außerdem ist mir ganz übel von dem ganzen tee. und es ist durchbar an einem samstag am schreibtisch zu sitzen. ich will nicht! aber ich tu eigentlich aus prinzip keine dinge die ich nicht will sondern rede mir solange ein dass ich sie will bis ich selbst dran glaube, dann muss ich nämlich nichts gegen meinen willen tun. sehr effizient. (es kommt auch hier auf die perspektive an)

wie nun also ist mein lernen und fleißig sein und meine tricks dazu gesellschaftlich verankert? wieso diszipliniere ich mich eigentlich so selbst? und könnte ich bitte aufhören darüber nachzudenken wie ich mich selbstdiszipliniere und was das gesellschaftlich bedeutet und es einfach tun, weil dann würde das kapitalistische produktivitätsprinzip greifen und ich könnte heute abend glücklich sein weil ich was geschafft habe. und deswegen dann nicht morgen am rad drehe. denn es gibt ja schon die äußeren zwänge dass ich dieses buch dienstag abgeben muss und danach auch wirklich andere sachen machen muss.

mein kopf!

das alles hat den vorteil, dass ich mich darüber aufregen kann, wie gemein steinmädchen doch ist, und so kann ich mein leid pflegen und hegen. ganz flauschig ist es so. und jetzt habe ich es mir schon wieder positiv gebastelt. wegen den widerstandgedanken. und dem wohlbefinden.

das duell ist noch nicht ausgefochten – stay tuned!
(Try Just a Little Bit Harder – Janis Jopplin)

hintergrundinformationen:
– zu foucaults disziplinarmacht, über twitter an mich <3
– nicht nur leiden lässt sich pflegen, auch die gegenmaßnahmen: performative krisenbewältigung

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