Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat

Aktuell begegnet mir über viele verschiedene, besonders feministische Kanäle, das Projekt „Heimwegtelefon“. Das Heimwegtelefon soll nachts auf dem Weg nach Hause mehr Sicherheit bieten. Ich bin irritiert bis verärgert. Da die Problematik dieses Projektes vielen nicht deutlich ist, habe ich versucht, nochmal genau aufzuzeigen, was so schwierig daran ist, kontext- & historienlose Aktionen zu starten. Das Heimwegtelefon reproduziert viele Mythen und die Arbeit, die Frauen seit Jahrzehnten in Gruppen und Institutionen gegen Diskriminierung und Gewalt leisten wird völlig übergangen. Es wird nicht auf Wissen zurückgegriffen, das Feministinnen mühsam angeeignet haben und immer immer wieder wiederholen.

rape culture besteht nicht nur aus allgegenwärtigen Übergriffen, sondern AUCH aus der permanenten Angst vor diesen. Durch die Fokusierung auf die Angst vor Übergriffen auf der Straße wird wieder einmal verschleiert, wo Gewalt (besonders gegen Frauen) in unserer Gesellschaft stattfindet. Wieder ein Projekt, dass die Aufmerksamkeit weg von den Häusern verschiebt, weg von den Familien und Beziehungen – hin zu einer diffusen Gefahr von der Straße, dem Fremden.

Das Projekt: Heimwegtelefon

Jeder[sic!] kennt die Situation: Es ist spät am Abend und kaum jemand auf der Straße. Wenn man nun noch alleine auf dem Weg nach Hause ist, kann jedes Geräusch Panik hervorrufen. Die Angst vor einem Überfall ist größer als bei Tag oder in Begleitung. Besonders Frauen sind betroffen – zu Recht. Im Vergleich zu den anderen Ländern der EU liegt Deutschland laut EU ICS 60% über dem Durchschnitt sexueller Übergriffe.“

Schon an diesem „Jeder“ wird deutlich, wie wenig sich die Initiatorinnen mit dem Thema Gewalt auf der Straße auseinandergesetzt haben. Die meisten heterosexuelle, weißen Männer müssen rein gar nichts auf der Straße befürchten und fürchten sich auch nicht besonders. Gehen wir mal davon aus, dass die Initiatorinnen es nicht so mit geschlechtergerechter Sprache haben und eigentlich mehr von Frauen sprechen. Es ist sehr vereinnahmend, davon zu sprechen, dass alle diese Angst haben. Da muss eine sich ja schon fast komisch vorkommen, wenn sie diese Ängste nicht hat, irgendwie unnormal. Die Angst als Normalität, die nicht in Frage gestellt wird, nicht kontextualisiert wird. Gefragt wird nicht warum die Angst da ist, sondern nur noch wie eine irgendwie damit klar kommen kann.

Das Bedrohungsszenario des Heimwegstelefons ist: Bei Nacht alleine draußen unterwegs sein. Es geht um „einen Überfall“. Was genau dieser Überfall sein soll bleibt diffus und schürrt damit eine unbestimmte und damit auch unbegrenzte Angst. Später wird von „sexuellen Übergriffen“ gesprochen. An dieser Stelle vermittelt die Zahl, dass Frauen auf der Straße echt wirklich viel Angst haben müssen vor diesen unbegrenzten, unbenannten Übergriffen. Aber auf welche Definition bezieht sich die Angabe? Zählen dazu sexualisierte Gesten und Sprüche in der Bahn, geht es um das Angefasst werden auf Partys? Oder doch der klassische Raubüberfall? Diese diffuse Angst, dass „irgendwas passiert“, macht die Angst weniger greifbar, Die Unbestimmtheit macht gleichzeitig den Raum auf für die klassische Vorstellung, von dem wovor Frauen Angst haben sollen: Dem gewaltsame und brutalen Angriff und der Vergewaltigung von einem Fremden. Nicht klar zu benennen um was es geht, verhindert die Auseinandersetzungen mit der Mehrzahl von Situationen in denen Frauen tatsächlich von sexualisierter Gewalt betroffen sind.

Eine solche Aktion vermittelt, dass dieses „nachts draußen“ wirklich sehr gefährlich ist, anstatt aufzuschlüsseln, dass diese Angst als Teil von rape culture produziert wird. Rape culture bezeichnet ein kulturelles System, dass darauf basiert, dass sexualisierte Gewalt gegen Frauen alltäglich und normalisiert ist. Rape culture bezeichnet auch ein System, in dem die Angst vor Vergewaltigung allgegenwärtig ist (dieser Artikel über das Telefon macht das nochmal deutlich) und dadurch das Leben und die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird – was als normal gilt und hingenommen werden muss. Wenn diese Normalitat nicht in Frage gestellt wird, wenn nicht mehr nach den Tätern_innen gefragt wird, bleibt einer als Umgang mit der alltäglichen Bedrohung nur noch darauf zu achten: Was darf ich tragen, wo und wann darf ich sich mich sicher bewegen? – Und obwohl all diese Aspekte nichts mit der Wahrscheinlichkeit „überfallen“ zu werden zu tun haben, gibt es in unserer Gesellschaft klare Vorstellungen darüber wie eine sich durch das „richtige“ Verhalten möglichst vor Vergewaltigungen und Übergriffen schützen soll. Hält sich eine nicht daran, ist sie selber Schuld. Auch das produziert Ängste und ist Teil von rape culture.

Dann dieses „zu Recht“. In der Formulierung könnte fast die Idee entstehen, Frauen seien zu Recht Gewalt ausgesetzt. Aber auch unabhängig von diesem grammatikalischen faux-pas: Falsch. Diese Angst auf der Straße ist Teil einer sexistischen Machtstruktur, die Frauen daran hindern soll, sich frei zu bewegen. Diese Angst ist auch Teil einer Täterschutzkultur. Denn indem eine Angst nach draußen verlagert wird, wird auch der Blick nach außen verlagert und Täter_innen in den Häusern bleiben ungesehen – denn die Bedrohung findet ja im Außen statt.

Mehr Sicherheit: Für mehr Sicherheit soll die Telefonhotline “Heimwegtelefon” sorgen. Freiwillige sitzen hier an der Leitung, um diejenigen nach Hause zu begleiten, die nachts alleine auf der Straße sind. Zu Beginn des Telefonats teilt der Anrufer[sic!] mit, wo er[sic!] sich befindet und was sein Ziel ist. Dann folgt ein nettes Gespräch, das die Laufzeit verkürzt. In regelmäßigen Abständen wird der aktuelle Standort in Erfahrung gebracht.

Ziele: Heimwegtelefon verfolgt zwei Ziele: Gespräche, die Sicherheit vermitteln und Angreifer abschrecken, und Präsenz, um zu reagieren, wenn der Ernstfall eintritt.“

Die permante Weigerung, geschlechtergerechte Sprache zu benutzen passt zur Struktur des Projektes: Es wird unsichtbar gemacht, wer Gewalt ausübt und wer von dieser betroffen ist. Die Formulierung: „nettes Gespräch“ macht auch deutlich, wie wenig sich mit der Thematik von Gewalt auf der Straße auseinandergesetzt wurde. Es findet keine Auseinandersetzung damit statt, welche Gewalt tatsächlich viel auf der Straße passiert und wie damit ein Umgang aussehen könnte. Wie wollen die Personen hinter der Hotline reagieren wenn eine auf der Straße beim Telefonat als scheiß Lesbe bezeichnet wird? Ein Telefonat nützt nichts, wenn der Typ in der Bahn anfängt dich mit den Blicken auszuziehen und noch viel weniger, wenn eine wirklich körperlich attackiert wird. Oder was, wenn der aggressive (Ex-)Freund vor der Haustür wartet? Was sagen die Personen, die Freiwilligen, die angerufen werden, wie eine sich dann verhalten soll, kennen sie sich aus mit der Thematik, mit der Form und den Möglichkeiten des Umgangs? Das sind doch tatsächlich Situationen, die oft genug vorkommen – und die Polizei hilft meist nicht in solchen Situationen. Es ist ja noch nichts passiert. Es bleibt fraglich, wie die Polizei reagiert bei sexualisierten und diskriminierenden Übergriffen. Nicht-glauben, Schuldzuweisungen und Nichternstnehmen sind leider keine unwahrscheinlichen Reaktionen. Oder sie sind nicht rechtzeitig da. Bei rassistischer Gewalt wissen wir ja alle, wie hilfreich da die Polizei ist. Oder bei Gewalt gegen Trans*personen. Die Polizei ist nicht dein Freund und Helfer! Gerade nicht wenn es um Diskriminierung geht. Die regelmäßige Frage „Wo bist du? zeigt sich vor diesem Hintergrund als sehr fragliche Hilfe. Im Zweifel stellt sie nur eine permanente Erinnerungen daran dar, warum angerufen wird und die Angst keine Sekunde lang vergessen werden kann.

An dieser Stelle macht die Projektbeschreibung deutlich, dass das Projekt nicht nur problematisch, sondern auch gefährlich ist. Es wird mehr Sicherheit versprochen. Worauf stützt sich der Gedanke, dass ein Telefonat helfen würde? Was sich durch den telefonischen Kontakt vielleicht tatsächlich verringern kann ist das persönliche Angstgefühl. Das Heimwegtelefon verspricht aber nicht nur einen Umgang mit dieser Angst sondern mehr Sicherheit. Was heißt dieses mehr Sicherheit? Mehr Ablenkung ist total nett und hilft sicherlich kackscheißige Kommentare zu ignorieren und kann auch die Dauer des Weges gefühlt verkürzen. Aber welche Sicherheit wird geboten? Ein großes Versprechen. Ein zu großes.

Das Gefühl von mehr Sicherheit wird vermittelt, weil die Angst selbst auch nicht auf realen Begebenheiten sondern auf einer diffusen, anerzogenen Bedrohung basiert. Die Abschreckung ist fraglich, die Reaktionsmöglichkeiten, das „Präsenz zeigen“ sind an einem Telefon sehr eingeschränkt und können sich, der Projektbeschreibung und der fehlenden Ausbildung der Telefonist_innen nach, lediglich auf nettes Zureden beschränken, was nett sein kann, aber keine Lösungsmöglichkeiten bietet.

 

Vergewaltigungsmythen

-Die Medien machen die Angst?
-Ich weiß es nicht. Sie ist einfach da.“ (
Interview in der taz)

Diese Angst ist allumfassend, einfach da, kommt aus dem Nichts und gehört irgendwie zum Leben dazu. Das macht die Angst allmächtig und unangreifbar. Deswegen ist es so wichtig, sich damit auseinander zu setzen, woher eine solche Angst kommt – damit sie nicht so naturgegeben im Raum steht, als wäre es irgendein höheres Gesetz, dass Frauen immer Angst haben müssen wenn sie das Haus verlassen (im Dunkeln). Diese Angst ist nicht kontextlos. Es ist wichtig diese Struktur zu benennen: Es wird Angst produziert. Angst ist nicht einfach da. Angst wird in einem kulturellen Prozess erzeugt und durch Wiederholung entsteht Wirklichkeit, die dann für ein Naturgesetz gehalten wird. Sie kommt daher, dass schon kleinen Mädchen beigebracht wird: Steig nicht bei Fremden ein. Damit wird eine große Bedrohung von außen suggeriert – und das wird später nicht besser. Die Medien tun ihr übriges, um die Aufmerksamkeit weg von den bürgerlichen Elternhäusern, hin zu der abstrakten Bedrohung aus dem Busch (TM) zu halten. Und diese Angst dreht sich eben bei jungen Frauen eher nicht um den klassischen Raubüberfall, sondern tatsächlich geht es um die Angst vor Vergewaltigung, selbst wenn dies selten klar benannt werden kann. Aber diese Mythen von Vergwaltigungsorten sind Teil einer Kultur, die die Bewegungsfreiheit von Frauen einschränken soll. Oft gehen diese Bedrohungskonstruktionen in der Gesellschaft mit Rassismus  einher: Der „dunkle Mann“, „das Fremde“ passen gut als besonders gefährlich in dieses Szenario. Sei nur erinnert an das Kinder“spiel“: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ – auch dieser Zusammenhang ist nicht zufällig sondern hat mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Eine diese Mythen entsprechende Vergewaltigung ist weitaus seltener, kommt aber eher zu einer Verurteilung. Ein Hoch auf unser rassistisches Rechtssystem!

In dieser Studie vom Bundesverband Frauenberatungstellen und Frauennotrufe findet sich eine Aufzählung klassischer Vergewaltigungsmythen:

– Opfer und Täter kennen sich nicht
– die Opfer sind jung und hübsch, ältere Frauen und Frauen mit Behinderung gehören nicht dazu
– die Tat passiert im öffentlichen  Raum, z.B. im Park
– der Täter überwältigt das Opfer mit brutaler körperlicher Gewalt und/oder sogar Waffengewalt

Viele dieser Mythen werden in Aktionen wie dem Heimwegtelefon reproduziert. Der klassische, unbenannte Überfall auf der Straße, das Angebot richtet sich vorwiegend an junge Frauen, die draußen auf dem Weg nach Hause sind.

Hier nochmal ein paar Fakten aus der Studie im Bezug auf Vergewaltigungen: Als Täter gaben mehr als 50 % der befragten Frauen (Ex-)Freunde an. Die Tatorte waren zu 69 % die eigene Wohnung. Ich erlebe selten Kampagnen, die auf den Tatort Wohnung aufmerksam machen, vielleicht mal konkret im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, oft auch dies kommt selten ohne rassistische Konstruktionen aus.

Diese hier zitierte Statistik bezieht sich nur auf sexualisierte Gewalt ab dem 16. Lebensjahr. Die unzähligen Fälle von Gewalt durch Väter, Onkel, Großväter Nachbarn und andere nahe Bezugspersonen sind somit nicht eingerechnet. Tatort kann gewesen sein: Das eigene Bett. Wenn also sexualisierte Gewalt in der Kindheit miteinbezogen wird in die Statistik, steigen die Zahlen für Wohnung und nahe Personen als Täter nochmal: mehr als 2/3 der Täter sind Bekannte, Väter, Stiefväter, nahe Verwandte, (Ex-)Freunde, (Ex-)Ehemänner.

Vergewaltigungsmythen führen dazu, dass es oft schwer für Betroffene ist, eine Vergewaltigung zu benennen. Eine kannte den Täter ja, es war keine körperliche Gewalt im Spiel, es war zu Hause im eigenen Bett – wie kann es dann eine Vergewaltigung gewesen sein? Oft gibt es auch eine – berechtigte – Angst, dass viele Menschen, gerade bei einer Anzeige, einer nicht glauben werden.

Auch wenn das jetzt hart klingt: Auf dem Heimweg von einer Party, auf der eine vergewaltigt wurde von einem guten Kumpel, hilft auch kein Heimwegtelefon mehr. Oder auf dem Weg zu dem Zuhause wo der Freund wartet, der vielleicht wieder etwas zu viel getrunken hat und ein Nein nicht hören mag. Projekte wie das Heimwegtelefon halten diese Mythen aufrecht und machen Gewaltorte unsichtbar.

 

Stattdessen

Es ist wichtig, Ängste ernst zu nehmen, sehr ernst. Aber Ängste, die geschaffen werden um Machtverhältnisse aufrecht zuerhalten, müssen anders angegangen werden. Gegen Ängste, die aufgrund direkter Bedrohungen entstehen ist es wichtig, diesen konkrete Maßnahme entgegenzusetzen, die die Bedrohung verringern. Wenn aber die Bedrohung auf einer kulturellen Erzählung basiert, kann die Angst (für mehr als nur in einem kleinen Moment) nur verringert werden, wenn diese Erzählung hinterfragt wird.

Ich kenne von mir, dass wenn ich viele Frauen um mich habe, die viel Angst haben, dann fängt sich diese Angst an auf mich zu übertragen und ich gehe doch lieber nicht durch den Park, obwohl ich weiß, dass im Park niemand lauern wird. Das geht nicht von heute auf morgen diese Ängste abzubauen. Dazu ist viel Unterstützung notwendig und gleichzeitig Techniken, sich gegen einen sexistischen Alltag zu Wehr zu setzen um sich selbst sicherer fühlen zu können. Das ist scheiße, dass das nötig ist, dass eine die von einem sexistischen Machtsystem (struktureller) Gewalt ausgesetzt wird, auch noch ständig was dagegen tun muss. Leider ist das aber oft nötig, um die eigene Lebensqualität zu erhöhen – und Kraft zu finden, das Patriarchat immer weiter einzuschränken, anstatt den eigenen Bewegungsradiusweiter klein zu halten.

In der Ubahn habe ich keine Angst, dass mich einer plötzlich vergewaltigt, aber ich werde ständig angegangen, beschimpft, auch mal angefasst. Das ist auch Teil von rape culture und ich fände viel wichtiger, das Projekte, die auch damit einen Umgang bieten, mehr in den Fokus gerückt werden als Projekte, die eine Machtstruktur weiter aufrechthalten und auch wenig Bewegungsfreiraum bieten – denn ich kann nicht immer telefonieren, wenn ich das Haus verlasse. Mir zumindest vermittelt das mehr Sicherheit, dass ich im Zweifel genau weiß, wohin ich schlagen kann oder wie ich mich gegen Sprüche zur Wehr setzen kann – nicht immer, aber immer öfter. Das reicht nicht zu lesen, das ist auch nicht am Telefon zu vermitteln, das braucht viel Übung und Solidarität. Dabei geht es auch nicht darum, Frauen zu beschämen, denen das schwer fällt. Diese Diskussion habe ich öfter wenn es um das Thema wehren geht. Es ist wichtig, immer deutlich zu machen, wer die Täter sind, auf welchen Strukturen Sexismus und sexualisierte Gewalt basiert. Es ist auch wichtig, deutlich zu machen, dass der Mythos von nichts tun können ebenso Teil dieser patriarchalen Struktur ist, der eine tagtäglich ausgesetzt ist.

Projekte, die kontextlos und ahistoistorisch arbeiten sind mir immer suspekt. Das Wissen, das Feministinnen erarbeiten sollte weitergegeben werden, gesellschaftliche Strukturen müssen hinterfragt werden, gerade wenn es um Ängst geht.

Projekte kosten Geld. Frauennotrufen, feministischer Selbstverteidigung und Selbstbehauptung werden Gelder gestrichen. (Selbstverteidigungskurse am Besten nur von Typen, die schlaue Tritte üben, aber überhaupt keine Ahnung haben und bloß keine Gesellschaftskritik üben.) Langjährige Projekte, die mit viel Erfahrung und know-how darum kämpfen, rape culture und Vergewaltigungsmyten einzudämmen, sichtbar zu machen, wo sexualisierte Gewalt stattfindet und durch wen und Menschen in diesen oft sehr schwierigen Situationen zu unterstützen, werden nicht ausgebaut sondern eher eingeschränkt – denn wer hat schon ein Interesse daran, dass rape culture wirklich angegangen wird? Wieso kriegt so ein Projekt wie das Heimwegtelefon so verdammt viel Aufmerksamkeit, wieso so viel Sichtbarkeit? Wo ist das Verhältnis? Wo ist die Kampagne, die so viel Beachtung bekommt, die aufmerksam macht, was eigentlich hinter geschlossenen Türen passiert und so gar nichts mit Fremden zu tun hat und auch nicht weit weg ist sondern Gewaltalltag?

Es geht auch darum, den Fokus stärker auf die Täter_innen zu richten. Den Bewegungsfreiraum der Gewalt ausübenden Personen einschränken, statt derer, die von Diskriminierung betroffen sind. Also anstatt telefonieren zu gehen und dieses System aufrechtzuhalten, wäre es doch mal wichtig, diese verdammte rape culture anzugreifen, die Analysen sichtbar zu machen, rauszureißen aus dem diffusen Bedrohungsgefühl und benennbar zu machen, was eigentlich passiert. Kein Schönreden, kein Festhalten an Mythen. Nochmal: die Polizei ist nicht dein Freund und dein Helfer, das geht schnell einmal unter. Vielleicht ist das für weiß-deutsche Frauen, die in das gesellschaftlich gezeichnete Bild von Frauen passen, eine Option – aber selbst dann gilt die Frage wann wo die Polizei wie eingreift. Es gibt andere Projekte, es gibt Frauentaxis, die dazu dienen können, dass Frauen sich weniger abhängig von Typen machen (müssen) um mit einem guten Gefühl nach Hause zu kommen.

Die Sozialisation als Frau ist eh schon so mies. Sexismus everywhere. Dazu für viele Erfahrungen von sexualisierter Gewalt. Für viele kombiniert mit Erfahrungen von Rassismus, Homofeindlichkeit, Transfeindlichkeit. Und dazu auch noch eine permanente Angst, ein permanentes Bedrohungsszenario, bloß nicht das Haus verlassen. Da möchte ich doch lieber mehr Projekte, die Bewegungsfreiheit erhöhen, mehr Räume eröffnen, Mut machen sich selbst zu vertrauen – und daran arbeiten, diese patriarchalen Strukturen zu verändern.

 

besonders danke an J und alle die in letzter zeit mit mir so viel über das thema diskutiert haben, für alle eure anregungen, kritik und ermutigungen.

18 Gedanken zu „Mythen über Mythen. Was das Heimwegtelefon mit rape culture zu tun hat

  1. Natanji

    Danke für den Text. Ich finde, dass das alles eine Frage der Perspektive ist und was man erreichen möchte. Es gibt – genau wegen rape culture – die Tendenz, dass gerade Frauen sich nicht sicher fühlen, da draußen nachts im Dunklen. Ich würde das Projekt als ein Ankämpfen gegen rape culture sehen: die Angst wird durch menschlichen Support und Fürsorge aus dem Weg geräumt. Wir können rape culture nur besiegen, wenn wir an allen Ebenen anpacken – auch auf der Ebene, dass diese Angst keine Macht mehr über uns hat.

    Die Wahrscheinlichkeit, wirklich überfallen zu werden, ist nämlich glücklicherweise nicht hoch. Die Haupteinschränkung von rape culture IST die Angst. Und die lösen viele eben nicht auf, indem man sich über rape culture Gedanken macht.

    Auch soll so ein Projekt inklusiv sein und möglichst von vielen genutzt werden können. Wenn man aber rape culture verstanden haben muss, um die Projekterklärung zu verstehen, kann das Menschen dazu verleiten, das Projekt nicht zu nutzen. Gerade die Frauen, die sich eben *nicht* damit auseinandersetzen, rape culture nicht verstehen etc., sind ihr doch besonders ausgeliefert. Genau diese Frauen muss man irgendwo abholen. Vielleicht hat das nette Gespräch dann ja sogar aufklärenden Charakter in die Richtung? Ich habe da nie angerufen, also keine Ahnung. Wäre sicherlich wünschenswert.

    Ich finde auch intersektionale/allunfassende Angebote und Ansätze da sehr viel vielversprechender, wenn es um 1-zu-1-Betreuung geht. Ich schrecke niemanden ab das Angebot zu nutzen, wenn ich es offen für alle gestalte. Und wenn ich auch Cismännern helfen kann, ist das doch gut. Auch die brauchen Hilfe und es ist sogar m.E. aktive Sexismusbekämpfung, das so zu formulieren, weil es nicht den Anschein von Damsels in Distress macht. Und es ist ggf. empowering für Frauen, die dort anrufen, weil sie wissen sie rufen da als Mensch an und nicht als Frau, die ein spezifisches Frauenhilfsangebot wahrnehmen muss.

    Wollte nur mal ein bisschen eine andere Perspektive geben, ohne deine zu invalidieren. Ich kann mir vorstellen, dass es in dieser Form und Ausgestaltung nunmal Frauen besser hilft, als wenn man da erstmal mit rape culture und Frauen sind besonders betroffen etc. anfangen würde. So ein Angebot muss unkompliziert erklärt sein. Hilfsangebotsseiten sind einfach nicht gerade der beste Platz für Systemkritik und detaillierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen, sondern ein Fall für „keep it simple“.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      ich finde gerade das ist der Ort für Systemkritik. damit die Angst nicht sowas diffuses bleibt sondern einen rahmen bekommt. das muss eine nicht rape culture nennen.
      aber benennen,das diese Angst nicht einfach nur da ist,sondern gemacht wird finde ich wichtig, um nicht Mythen zu reproduzieren.
      alleine in dem TitelBild (einsame Bank nachts mit nur ein bisschen licht) wird schon so viel reproduziert dass ich es nicht möglich finde,das unkommentiert stehen zu lassen.

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  2. nox

    Danke für deinen Text. Er spricht mir aus der Seele. Und danke, dass du von Täter_innen schreibst. Ich habe es satt, Texte zu lesen, in denen es nur um Täter geht – als wären es nur Männlichkeiten, die (sexuaisierte) Gewalt ausüben… Danke also.

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  3. Charlotte

    Wenn man einmal eine unangenehme nächtliche Begegnung erlebt hat, ist man froh, dass es so eine tolle Idee wie das Heimwegtelefon gibt. Über all die Studien sollte man nicht vergessen, dass es viele Vorfälle gibt, die es nicht zur Polizei schaffen, aus Scham oder eben weil es glücklicherweise nicht bis zu sexuellen Übergriffen gekommen ist.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      für mich bleibt die frage,was dieses unangenehm bedeutet. warum Gewalt nicht als Gewalt benennen?
      nur als Hinweis: die Studien beziehen sich nicht auf angaben der Polizei.

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  5. Leonie

    Das ist keine „Aktion“, sondern ein kommerzielles StartUp: Angebot einer neuartigen Dienstleistung, bei der wie immer der Markt entscheiden wird, ob das etwas ist, das gebraucht wird.

    Ich sehe immer mehr Menschen telefonierend rumlaufen – die sind geradezu prädestiniert, Angst zu bekommen, wenn einfach mal Stille ist, sie mit sich und den eigenen Gedanken und Gefühlen alleine sind. Und genau für die ist das Angebot – bin mal gespannt, ob sich das trägt.

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  7. muschimieze

    Super interessanter und wichtiger Artikel zu dem Heimwegtelefon! Leider bleiben viele deiner (richtigen) Ueberlegungen von den Initiatorinnen voellig unberuecksichtigt. Ich kann die Angst in dunklen Ecken manchmal nachts rumzulaufen dennoch nachvollziehen, so irrational sie auch sein mag. Ich halte es dann jedoch fuer besser eine Freundin oder einen Freund zur persoenlichen Beruhigung anzurufen, anstatt die Aengste anderer durch solche Angebote noch unnoetig zu schueren.

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  12. Nick

    Ich finde den Text wenig mitfühlend und nicht gut durchdacht. Bei dem Heimwegtelefon handelt es sich nicht darum, dass man mit jemandem nett plaudert, weil gerade keiner von den Freunden oder der Familie erreicht werden kann.
    Es geht dabei um ein Gefühl von Sicherheit, das vemittelt werden soll. Das Angebot besteht darin, dass die Anruferin (bei einem längeren Heimweg) in regelmäßigen Abständen den Aufenthaltsort durchgeben kann, damit im Ernstfall die Telefonistin direkt den Notruf samt letzter bekannter Adresse/Ort durchgeben und die Polizei schneller handeln kann. Meine Verlobte muss, wenn sie Frühschicht hat, bei Dunkelheit aus dem Haus zur Garage. Wir wohnen zwar in einer friedlichen Gegend, doch faktisch kann immer und überall plötzlich irgendein Mensch auf gefährliche Ideen kommen, und plötzlich könnte meine Verlobte sich beobachtet oder unsicher fühlen. Das kommt vor, das ist menschlich und wird immer menschlich bleiben. Da helfen keine Studien, denn Studien sind nur kalte, pauschalisierte Fakten und werden niemals die Fülle individueller, menschlicher Emotionen erfassen. Angst gibt es und wird es immer geben, auf die eine oder andere Weise. Und dafür darf und sollte es Hilfeangebote geben.
    Das Heimwegtelefon versucht ein solches Angebot zu sein. Sie treiben nicht die Angstquote nach oben, sondern versuchen denen, die Angst haben, etwas Unterstützung im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu geben. Im Übrigen ist es auch kein kommerzielles Angebot, denn die Nummer ist eine normale Festnetznummer, der Dienst verdient also nichts daran, und man bekommt auch nicht nachträglich eine Rechnung ins Haus nach dem Motto „Wir haben dir letzten Freitagabend unseren Dienst zur Verfügung gestellt, jetzt bezahl bitte die € 9,99 dafür“.
    Dieser Dienst steckt, trotz Beginn im Jahr 2013, noch in den Kinderschuhen, hat mit vielen Höhen und Tiefen zu kämpfen, weil sie einfach helfen wollen, anstatt Kohle zu machen, und verdienen Unterstützung, aber was sie nicht verdienen, sind irgendwelche ellenlangen Texte darüber, wieso laut irgendwelchen Statistiken so ein Dienst nicht gut sein soll. Denn das ist es, was viele aus diesem Text lesen werden, zwischen den Zeilen, und das ist es auch, was _ich_ aus diesem Text lese. Es gibt da draußen viele Frauen (dazu muss ich kein Hellseher sein), die diesen Dienst gerne in Anspruch nehmen würden, wenn er denn richtig funktionieren würde. Bisher fehlt es den Machern an vielen Ecken, ob Sponsoren, Mitarbeiter oder Unterstützer. Und trotz, dass sich viele melden, könnten es noch weitaus mehr sein, wenn es nicht Unkenrufer gäbe, die meinen, ein Haar in der Suppe erkennen zu müssen, das sie unbedingt breittreten wollen und dadurch all jene verunsichern, die einen Funken Engagement gehabt hätten, dieses Projekt zu unterstützen, um für manche Frauen etwas mehr Sicherheit zu bieten.
    Und ganz nebenbei – ich bin zwar ein Mann, aber auch ich habe hin und wieder Angst, allein unterwegs zu sein. Das darf ich haben, das ist nicht wider mein Geschlecht, denn ich bin nicht vorrangig Mann, sondern Mensch und Angst liegt in meiner Natur. Angst ist (abgesehen von chronischen Fällen) keine paranoide Abnormalität, die abgeschafft gehört, sondern eine menschliche Regung, die tatsächlich _fast_ jeder schon irgendwie nachvollziehen kann. Und eben für solche Menschen, ob Frauen oder Männer, die bei Nacht oder auch bei Tag das Gefühl haben, nicht allein sein zu wollen aus Angst, verfolgt oder überfallen zu werden, für solche Menschen sind Projekte wie dieses Heimwegtelefon eine geniale Sache.

    Nochmals, es sollen keine Ängste geschürt, sondern besorgte Menschen unterstützt werden.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      Dass das Heimwegtelefon nicht die *Intention* hat, Ängste zu schüren ist mir klar. In meinem Text geht es darum, aufzuzeigen wie ein unterstützend intendiertes Projekt zur Aufrechterhaltung von Ängsten beiträgt. Um die Kritik besser zu verstehen, empfehle ich, den Text zu lesen. Darin habe ich auch erläutert, dass das Telefon eben *nicht* mehr „Sicherheit“ gewährleistet, obwohl das suggeriert wird. Im tatsächlichen Fall von Übergriffen, Vergewaltigung oder, wahrscheinlicher, Raub, ist die Tat längst geschehen bevor die Polizei eintrifft.
      Und Nocheinmal: Das Telefon bietet keinen Umgang, keine Analyse, kein Verständnis davon, dass die Angst im Dunkeln etwas ist, was gesellschaftlich produziert wird – gerade für Frauen*, damit diese schön zuhause am Herd und bei MeinFreundMeinMann bleiben.
      Angst ist real und Angst wird produziert um Herrschaftsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Zur Zeit zeigt sich das sowohl patriarchal als auch zutiefst rassistisch. Ängste zu bekämpfen, indem diese naturalisiert werden, erscheint mir eine zweifelhafte Strategie.
      Patriarchale Selbstverständlichkeiten anzugreifen erscheint mir als wesentlich effektiverer Ansatz.

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