Kategorie-Archiv: Prosa

hintergrundgeräusch

es klingelt der wecker. es ist früh am morgen. ich stehe auf, gehe ins bad. duschen, deo wählen. ich greife nach den sorgfältig am abend zurechtgelegten kleidungsstücken. eine stumpfhose,eine sportshorts, unterwäsche und ein Hemd. weiß mit streifen. langärmlig. ein schwarzes top drüber. elegant-lässig.ich knöpfe die ärmel zu,ziehe sie runter bis zum handgelenk. es passt genau. Weiterlesen

Nachtwunden

Cilia liegt einfach da im Bett. Starrt aus dem Fenster. Drückt zum Siebten Mal den Alarm weg. Das Handy in der Hand, den Finger auf der Taste. Die meiste Zeit liegt sie nur da, starrt aus dem Fenster. Manchmal schreckt das Klingeln sie aus ihre Lethargie. Dann kriecht sie weiter unter die Decke, verschwinden zwischen ihren Kopfkissen. Manchmal zieht sie mit dem Arm das Kissen runter, aufs Ohr, aufs Gesicht. Und einem Impuls nachgebend drückt sie kräftiger zu, sodass die Luft knapp wird.
Passive Suizidalität.
Wortspielerei beim Aufwachen.
In der Leere verlieren, damit die Träume fort bleiben.
Cilia hat wieder schlecht geträumt. Kein Schreitraum, bei dem man aufwacht weil man zu sterben droht. Einer der zehrenden Art, keine Ausbruch, keine Ende, keine Katharsis. Nur das Gefühl von Angst und Ohnmacht.
Bruchstücke eine zerstörten Welt, die sie nun mühsam einsamen und wieder zusammen setzen muss. Die Puzzelteile haben ganz unterschiedliche Farben und Formen. So wie Gewalt eben verschiedene Wunden schlägt. Brüche, Schürfwunden, Schnittverletzungen.
Erfahrungen, die nicht ins Leben integrierbar sind, weil sie keinen Sinn ergeben, weil es Momente sind, in denen das Subjektsein, eine eigenständige, fühlende Person zu sein, in Frage gestellt wird.
Cilia starrt wieder nach draußen, verliert sich mit ihrem Blick in der Leere. Sie fühlt den Schmerz nicht mehr. Es ist nicht ihr Schmerz.

Narbenmund


Ich suche nach Worten um der Sprachlosigkeit zu entfliehen.
Nach Worten, die stark genug sind.
Nach wütenden Worten.
Nach kleinen Worten.
Nach Worten die über das Leben erzählen.

Mein Alter? Meine Geschichte? Meine Wunden?
Ich kann dir Zahlen nennen. Daten. Einschnitte. Meinen Geburtsort, meine Schule, meinen Abschluss, meinen Wohnort. Ich kann dir mein Lieblingsessen nennen und meine Hobbys. Meine liebsten Bücher und Filme. Auch meinen Studiengang und Zukunftsschlussfolgerungen.

Ich kann dir sagen, was in dieser Welt falsch läuft. Ich kann stundenlang über Foucault reden, tagelang über politische Streitpunkte senieren. Ich kann die Welt anklagen, weil sie ungerecht ist.

Aber das ist nur ein Teil.
Wenn ich auf meine Welt schaue, sehe ich einen Scherbenhaufen.
Scherben, an denen ich mich verletze, wenn ich versuche sie zusammenzusetzen.
Ich stehe in den Seelentrümmern meines Lebens und kann sie nicht begreifen. Ich fühle Schmerz, doch ich finde keine Worte, die ihn fassen können.
Ich versuche zu sprechen. Mit Bildern, Wunden und Hilflosigkeit.

Ich spüre Hunger. Hunger, für den es keine Nahrung gibt. Ein Mensch am Verdursten in der Wüste der Sprachlosigkeit.
Kommunikation. Interaktion. Beziehungs- und Sachebene. Missverständnisse.
Missverständnisse setzen Verstehen voraus. Missverstehen. Aber verstehen.
Ich lebe in einer fremden Welt, deren Sprache ich nicht behersche.
Ich kann mich anpassen.
Funktionieren.
Interkulturelle Kommunikation.
Kommunikation ohne Verstehen.

Seelennarben ohne Übersetzung.

Nackte Zukunftsangst

Nackt liege ich da. In einem fremden Bett. In einem fremden, dezent chaotischen Bett, mit miefigen Decken und leeren Verpackungen, die in meinen Rücken schneiden. Auf der Suche nach tröstenden Erklärungen lasse ich den vergangenen Abend vor meinem geistigen Auge an mir vorüberziehen. Eine nicht besonders effektive Methode, wenn ich den Alkoholpegel bedenke. Doch wieder erwarten ist mein Erinnerungsvermögen klar, wenn man von den bunten Farben und Verwischungselementen am Bildrand absieht, ein stilistisches Mittel, nicht zuletzt seit exessivem Photoshopgefiltere – oder eben Drogenkonsum.
Wir waren feiern, fröhlich angetrunken, haben getanzt, es waren gutausehende Typen da, die uns mit einem umwerfenden Lächeln verführt haben um uns dann in einer warmen Sommernacht auf einer verborgenen Lichtung im Wald in die höchsten Höhen der Lust zu befördern.
So weit die tröstende Erklärung.
Die Realität sieht anders aus, so simpel, das sie eigentlich keinerlei Analyse bedarf. Die schlichte Wahrheit: Ich war einsam.
Ich war einsam und sturzbetrunken, ich bin nicht von Orlando Bloom entführt worden sondern habe mir den nächstbesten sexhungrigen Nicht-Zum-Zuge-Kommer gekrallt, um mit ihm in dieses Rattenloch zu verschwinden.
Was folgte hat sich inzwischen empirisch immer wieder aufs neue bestätigt: Mittelmäßiger bis schlechter Sex, intensive Diskussionen über philosophische Fragen mit mir selbst, sowie die Formulierung eines Bewerbungsschreiben für das xte Praktikum, damit aus mir eine erfolgreiche Karrierefrau wird.
Ein schnelles Jaja auf die Frage, ob wir uns wieder sehen könnten – übersetzt: ob ich wohl nochmal die Beine breit machen würde – und ein Verschwinden noch vor Sonnenaufgang.
So schlüpfe ich auch diesmal schnell in die rettende Kleidung, entgehe dem: „Oh, du ziehst dich schon wieder an? Bleib doch noch.“ und entfliehe in den kalten Morgen, kehre heim in mein Leben, und lasse den Einsamkeitssex zurück in der Nacht, zurück zwischen Pappschachteln und Essensresten.

Schweigewände

Die Arme fest um die Beine geschlungen sitzt sie da. Um sie herum regt sich nichts. Nur von draußen erklingt das Rauschen des Windes.
Ist es wirklich?
Marie betrachtet die weißen Wände vor sich.
Ob sie wirklich existieren?
Von Weiß umgeben sitzt sie da, irgendwo in der Zwischenwelt. In dem namenlosen Raum zwischen Realität und Wahnsinn.
Sie sagen sie wäre krank. Deswegen ist sie hier, in diesem weißen Zimmer.
Wo die Wände schweigen. Kalt bleiben sie, ganz kalt.
Und still.
Marie sucht die Geschichte, die Geschichte hinter diesem Schweigen.
Doch da ist nur Leere.
Ein tiefes Nichts, dass sie zu verschlingen droht, sie aufsaugt. Sie will sich wehren, protestieren. Sie will aufstehen und schreien.
Kalte Hände pressen sich auf ihren Mund. In ihrer Kehle ist ein Knoten, sie wird ersticken. Sie kann sich nicht bewegen, kann nicht rufen, nicht flehen.
Dieses Tapsen, dieses Raunen.
Wahrheit oder Einbildung?
Marie verzweifelt, weiß nicht wo sie ist. Weiß, dass sie verrückt ist. Sie hört Dinge, die nicht da sind.


Er hat ihr gesagt sie wäre nett.
Er sagte, sie wäre hübsch und attraktiv.
In ihr schrie alles auf.
Marie hielt sich die Ohren zu, wollte es nicht mehr hören. Die lauten Stimmen, die alles in ihr explodieren lassen, sie von innen zudröhnen.
Marie ist eklig, Marie ist abstoßend.
Abstoßend. ABSTOßEND!

Jetzt sitzt sie da, auf diesem weißen Bett, in dem Zimmer mit den weißen Wänden. Ein Zimmer ohne Geschichte.
Müssten die Wände nicht viel zu erzählen haben von den ganzen stummen Menschen? Menschen, in deren Köpfen Dämonen toben.
Marie horcht hinein in das kalte Zimmer.
Die Wände bleiben stumm. Sie hören nicht, dass es in ihr schreit. Und auch sie können Marie nicht sagen, was wirklich ist.
Marie schweigt weiter – und ihre Geschichte bleibt unerzählt, erstickt von weißen Wänden und lautem Geschrei.

Gewitterkind

Sie sitzt da, die Leinwand auf den Knien und lauscht dem Unwetter.
Draußen zucken helle Blitze über den ganzen Himmel, erleuchten die Bäume, deren schwarze Gestalt hin und her wankt.
Sie versucht die Schönheit, die Faszination des Gewitters mit ihren Farben einzufangen. Blauabstufungen, Schwarztöne, helle Streifen.
Sie malt und malt, doch die Welt lässt sich nicht packen, die Farben sind nicht intensiv genug, die Farben passen nicht.
Sie können den Sturm nicht wiedergeben.
Auch nicht den in ihrem Kopf.
Sie greift nach einer roten Tube und drückt sie zusammn. Aggressiv verteilt sie die Farbe, schlägt auf die Leinwand ein, bis das Rot den Gewitterhimmel bedeckt.
Und dann springt sie auf, rennt hinaus in den Regen.
Sie schreit.
Sie schreit laut und wild, schlägt das Bild in die Erde.
Und während sie mit geballten Fäusten dasteht und weint verläuft die Farbe, und das nasse Gras färbt sich rot.

Nirgendwo

Die Welt gleitet dahin.
Bäume ziehen vorbei, Häuser und Bauten.
Von Fern erklingt das Rattern des Zuges.
Ein Zug ins Nirgendwo.
Gefüllt mit gesichtslosen Wesen.
Sie starren geradeaus, die Hinterköpfe der Mitfahrenden an.
Hier und dort verstummen die Geräusche und Organmassen erheben sich, verlassen den Zug.
Gehen ins Nichts.
Verlassen die Fahrt ins Nirgendwo.
Bewegen sich mechanisch, ihr Körper ist voll funktionsfähig.
Es gibt kein Ziel.
Alles fließt, der Zug fährt und hält an.
Die gesichtslosen Köpfe starren.
Sie wissen nichts von einander.
Gemeinsam fahren sie ins Nirgendwo.

Schritt für Schritt

Paula sitzt allein auf ihrem Bett. Sie hält ihren Teddy fest im Arm, doch sie spürt ihn nicht. Sie fährt mit den Fingern über das Fell.
Sie weiß, dass es flauschig und weich ist, aber sie fühlt es nicht.
Paula versucht aufzustehen, doch ihre Beine tragen sie nicht.
In ihr ist alles leer.
Taub und stumm sitzt sie da, sehnt sich nach Leben – und findet nur Nebel.
Es ist nichts da.
Paula weiß, was ihr helfen wird. Neben ihr liegt das kleine, schwarze Kästchen. Der Schmerz wird ihr helfen wieder zu spüren, wieder zu wissen, dass es sie gibt.

Paula tanzt. Sie tanzt wild und ausgelassen.
Alle quälenden Gedanken sind verschwunden hinter einer Mauer aus packenden Beats und der betörenden Wirkung von Alkohol und Gras.
Sie hat sich selbst ausgeschaltet, weil sie sich nicht ertragen kann.
Sie spürt die Nähe, ist ungehemmt, kann sie zulassen und genießen.
Paula verliert sich im Rausch.
Timos Hände stören sie nicht.

Nachts stolpert Paula nach Hause, nicht klar im Kopf. Sie stopft alles Essbare in sich hinein, will zur Ruhe kommen. Die innere Anspannung quält sie, sie sehnt sich nach ein bisschen Frieden.

Und am Morgen bleibt ein schaler Geschmack zurück.
Paulas Kopf droht zu platzen und der Verband um ihren Arm ziept und kneift.
Was ihr gestern noch half zu überleben quält sie jetzt – wie soll sie den neuen Tag beginnen?
Paula ist übel, sie schämt sich. Sie fühlt sich benutzt, ekelt sich vor sich selbst. Und wieder neue Narben am Arm.
Paula rollt sich ganz klein zusammen und fängt an zu weinen.

Paula hat geschlafen. Paula hat weitergemacht.
Sie hat wieder ein Stück Selbstachtung verloren, jedes letzte Stück Respekt.
Und doch… sie ist immer noch da.
Langsam wächst in Paula ein Wunsch. Erst ist er nur ganz klein, aber sie hütet und pflegt ihn. Und der Keim wird größer, ein Sprößling entsteht.
Der Wunsch nach Normalität.
Nach innerer Ruhe. Nach einer Pause im Sturm. Nach Nähe, die nicht weh tut. Nach Selbstrespekt.
Paula wünscht sich Frieden, Frieden vor sich selbst. Kein Hass, keine Drohungen, keine lauten Stimmen und Geräusche, die sie vom Leben abhalten wollen.
Paula will kämpfen, will doch alles anders machen. Aber sie ist müde, müde und erschöpft. In ihr tobt ein Sturm, unterbrochennur durch absolute Leere.
Paula will kämpfen, doch wie kann sie sich finden? Verloren im Chaos, verloren im Nichts.

Mühsam hebt Paula sich aus dem Bett. Sie muss sich festhalten. Langsam torkelt sie ins Bad, ihre Beine geben nach. Sie setzt sich auf den Wannenrand und läßt kaltes Wasser über ihre Beine laufen.
Nur ganz langsam nimmt sie etwas wahr. Ihre Hände suchen ein kleines Fläschchen, sie reibt sich Minzöl unter die Nase.
Als Paula aufsteht, muss sie nicht halb kriechen. Sie steht unsicher, aber sie steht. Paula dreht die Anlage auf und beißt in eine Chilischote. Erst spürt sie nichts, doch dann klärt sich ihr Blick.
Noch immer ist das Verlangen, sich zu zerstören, groß.
Doch Paula kann wieder denken. Sie nimmt das Kästchen, das immer noch auf ihrem Bett liegt, wiegt es in den Händen – und schließt die Klingen weit hinten in ihrem Schrank ein.

Paula geht es nicht gut. Aber sie hat ein Stückchen Selbstachtung wieder gewonnen.
Und statt einer Narbe bleibt lediglich der brennende Geschmack von Chili im Mund zurück.

13. August 2008

Marienkäfer-Mystery


Johann ließ stöhnend den Kopf in die Hände sinken. Blöder Botanikkram. Das würde er nie alles lernen!
Er ließ seinen Blick umherschweifen, blickte aus dem Fenster. Die Sonne schien herrlich hell auf die grüne Wiese. Er hatte gerade keinerlei Interesse zu lernen, wie man erklärt warum da draußen alles so schön bunt aussieht – und erst recht nicht an den lateinischen Bezeichnungen für diese Vorgänge. Er wollte nach draußen, sich in eine Hängematte legen und schlafen. Ein bisschen kalt würde es sein, aber im Frühling auf der falschen Seite des Fensters zu sitzen, über Biologiebücher gebeugt, das war einfach nicht fair.
Am Abend würde er Luise treffen, der einzige Ausblick an diesem Tag. Eigentlich wollte er ihr ja etwas anderes als nur Schokoeier mitbringen, aber wie sollte er das bloß schaffen? Zum Einkaufen war keine Zeit mehr. Er musste ja lernen.
Wie schön wäre es jetzt da draußen… Luise beobachten wie sie in ihrem weißen Sommerkleid über die Wiese wirbelt… Bunte Blumen überall in der Luft, in ihrem dunklen Haar…
Ein lauter Knall riss Johann jäh aus seinen Träumen. Die Tür zu seinem Zimmer war aufgeflogen, und im Rahmen stand ein kleiner Gnom, verborgen unter einer viel zu großen Mütze, der Rest Gesicht versteckt hinter einer riesigen Lupe.
“Ich hab es genau gesehen, er ist hier drin verschwunden.”
“Paul, was machst du da mit meinem Mantel?”
Johann blickte entgeistert auf seinen kleinen Bruder, eingehüllt in einen schwarzen Mantel der bis zum Boden reichte, in der einen Hand die Lupe, in der anderen ein Koffer.
Paul richtete sich stolz auf.
“Ich bin ein Detektiv. Und hier drin ist er verschwunden.”
“Wer denn?”
“Na der Marienkäfer. Mit den vielen Punkten.”
“Ein Marienkäfer?!”
Paul antwortete nicht sondern betrachtete durch die Lupe das ganze Zimmer. “Ich habe ihn genau beobachtet…”
“Paul, du machst jetzt sofort die Fliege, ich muss lernen!”
Paul verschränkte die Arme und setzte sein Schmollgesicht auf. “Du nimmst mir meinen Fall weg!! Du bist blöd.”
“Wenn ich einen Fall zu lösen habe, sage ich dir Bescheid. Jetzt habe ich erstmal eine andere Aufgabe für dich.” Johann war gerade etwas eingefallen: “Könntest du mir vielleicht eine schöne Blume aus dem Garten holen? Als Geschenk für Luise?”
Paul, der Luise wie eine Göttin verehrte, guckte böse, nickte aber dann und wand sich zur Treppe.
“Aber danach suche ich den Käfer – ich kriege jeden Fall gelöst!”
Johann musste lächeln. Sein kleiner Bruder war zwar eine fürchterliche Nervensäge, aber irgendwie eine Niedliche. Und er würde sich jetzt erstmal ein Glas Wasser von unten holen, vielleicht würde es dann mit dem Lernen endlich klappen.

Als Johann sein Zimmer wieder betrat, sah er sofort, dass etwas fehlte. Die Schokoeier waren fort! “Paul der kleine Wicht…” Johann zischte wütend. Verdammt sollten alle kleinen Geschwister sein. Er stürzte zur Treppe und brüllte: “Paaaaaaaaauuuuuul!!!!!!!”
Am unteren Ende tauchte der kleine Bruder auf, das Gesicht von Erde verschmiert. Johann war gerade mit ganz anderen Gedanken beschäftigt, und so vergass er vollkommen, sich zu wundern, dass Paul sich so schmutzig gemacht hatte – nur um eine Blume zu pflücken.
“Hast du die Schokoeier von meinem Schreibtisch weggenommen, du kleiner, dreister Wicht? Ich muss lernen, verdammt”
Paul guckte erst erstaunt, doch dann leuchtete sein Gesicht vor Freude auf. “Ein Fall für mich: ein echter Einbruch!”
“Paul, verdammt, das ist kein Spiel. Warst du es oder nicht?”
Paul guckte Johann so hochmütig, wie er es von seiner Körpergröße her nur konnte, an. “ICH habe ein Albi. Mama hat mich im Garten gesehen.”
Inzwischen waren die anderen Familienmitglieder aufgetaucht, angelockt von Johanns Wutgeschrei. Erst die Mutter, gefolgt von der Oma und der dreizehnjährigen Schwester.
Paul blickte zu seinem großen Bruder hoch. “Bekomme ich ein Eis, wenn ich den Fall löse?” “Meinetwegen… Dann mach aber schnell!”
Johann beobachtete entnervt seinen kleinen Bruder, wie er an den drei Frauen vorbei ging.
“Also… Mama kann es nicht gewesen sein. Die habe ich im Garten gesehen, sie hat also für die Tatzeit ein Albi.” Johann verbesserte Paul: “Paul, es heißt Alibi.” “Dann eben Alibi. Es kommen also nur Verena und Oma in Frage.” Der kleine Paul wendete sich an seine Schwester: “Wo warst du, als die Schokoeier gestohlen wurden?” Verena blickte ihren Bruder von oben herab an. “ICH stehle doch keine Schokolade… die machen dick!” Zu Johann gewandt fügte sie hinzu: “Ich würde an deiner Stelle Luise sowas auch nicht schenken…” Johann gab bissig zurück:”Nicht alle sind so Klischeeweiber wie du und täglich auf Diät!”
Paul blieb vor der Oma stehen. “Und du?” “ICH war es auch nicht. Ich bin doch viel zu langsam…”
Paul griff nach seiner Lupe. “Eine lügt hier…” Er betrachete die Kleidung von Verena und der Oma intensiv. Dann drehte er sich strahlend um. “Ich weiß wer die Täterin ist.” Johann guckte ihn zum zweite Mal an diesem Tag entgeistert an. “Und woher?” “Na, ist doch ganz klar. Der Marienkäfer. Der mit den 18 Punkten. Der ist in dein Zimmer geflüchtet. Und jetzt sitzt der bei Oma auf dem Ärmel. Oma war es also.”
Die Oma guckte schmollend. “Wenn der Arzt mir auch alle leckeren Sachen verbietet – und ihr hört auch noch auf diesen Quacksalber…”
Paul grinste Johann an. Der seufzte ergeben. “Okay, du bekommst dein Eis.” “Aber Straciatella!” “Meintewegen…”
Johann betrachtete Pauls Gesicht eingehend. “Wolltest du nicht im Garten eine Blume pflücken oder im Schlamm Baden?”
Paul strahlte noch mehr. “Von Pflücken hast du nichts gesagt…” Er öffnete seinen Koffer und nahm vorsichtig eine Schachtel heraus. In der Schachtel war inmitten eines großen Stückes Wiese ein Gänseblümchen zu sehen. Und zum dritten Mal an diesem Tag genoß er den entgeisterten Blick seines großen Bruders. “Du hast mir schließlich mal gesagt, das Blumen sterben, wenn man sie ausreißt. Und Luise darfst du doch nichts Totes schenken…”

Fassadenrisse

Kaputt

Sie sieht sich nicht an, weicht dem Spiegel aus.
Will sie nicht sehen, diese kalten, leeren Augen, in einem fetten und zerstörten Körper.
Sie ekelt sich, weicht zurück.
Durch ihre leeren Augen schimmert ein Stück Wahnsinn.
Sie sieht doch so normal aus – und innen tobt ein Wirbelsturm, ein Chaos.
Die Kraft ist ihr entwichen, die Kraft eine Lüge aufrecht zu erhalten.

Und sie bricht auf dem Bett zusammen, schlägt auf sich ein, wirft sich gegen die Wand, rächt sich an dem abstoßenden Stück Fleisch, will es zerstören.
In blinder Wut nimmt sie alles um diesem Körper wehzutun.
Sie sucht nach einem Messer, um es sich in den Bauch zu rammen. Ganz tief. Um das Fett rauszuschneiden, den Beweis ihres Versagens.
Sie ist losgelöst von der Welt, ihr eigenes Chaos hat sich nach draußen gedrängt und übernimmt die Macht.
Zurück bleibt ein erschöpfter, blutender Körper – zerstört wie ihre Seele.

Gegangen

Die Frau sitzt am Tisch. Sie lächelt ihre Familie an. Alles ist perfekt und harmonisch. Sie hat gekocht, dem Mann und den Kindern schmeckt es. Sie sind eine moderne Familie. Ihr Mann wird abräumen und den Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Damit sie Zeit für ihre Arbeit hat. Heutzutage teilen sich Eheleute die Hausarbeit. Es ist ihnen wichtig, mit der Zeit zu gehen. Sie sind eine ideale Familie. Die Kinder bekommen Liebe und Aufmerksamkeit. Es gibt Regeln, aber auch Freiheiten. So wie es sein soll. Der Mann lächelt die Frau an. Er ist stolz auf sie. Wie sie alles schafft. Sie hat eine Beförderung bekommen. Er hat eine erfolgreiche Frau. Am Abend werden sie ausgehen. Ohne die Kinder. Für die kommt ein Babysitter. Der Mann zieht sein Jacket an. Die Frau ist oben und wirft sich in Schale.
Denkt er.
Sie ist unpünktlich, wo bleibt sie bloß? Der Mann geht die Treppe nach oben, er öffnet die Tür zum Bad – und da sieht er sie am Boden liegen. Eine heile Welt plötzlich zerstört.