Anekdoten aus der Psychiatrie – Freundlichsein und Bäume knutschen

Vor Ewigkeiten wollte ich hier anfangen, Anekdoten aus der Psychiatrie zu erzählen. Absurditäten des klinischen und therapeutischen Alltags. Ich habe damit schnell aufgehört, weil ich beim Schreiben merkte, dass das irgendwie alles wenig lustig ist, sondern oft mit Beschneidung meiner Freiheit und Überschreitungen von Grenzen zu tun hatte. Das habe ich beim Schreiben dieses Textes auch wieder festgestellt. Wer nur den witzigen Teil haben will, scrollt einfach bis zur Achtsamkeit. Es geht mir in diesem Text darum, die Struktur einer Erfahrung aufzuzeigen.Das Problem sind nicht repressive Menschen dort, sondern ein sexistisch und konditionierendes System, das mit ganz subtilen Maßnahmen arbeitet – die sich erstmal wie helfen anfühlen. Überlegt euch ob ihr Bock habt das zu lesen, wenn ihr selbst Klinikerfahrungen habt und die für euch positiv bewertet. Ich dreh das hier alles um. Natürlich ziemlich viel Kackscheiße hinter den absurden Situationen. Aber kein Filmdrehbuch. Realität im 21. Jahrhundert, Deutschland. Und nun, Vorhang auf für die Reise durch Therapieordner grün: Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT). Macht euch gefasst auf Regelwerke, Beziehungstraining und esoterische Eskapaden. Kann manchmal Wut und Brechreiz auslösen.

 

Das Steinmädchen landet auf einem Berg im Nirgendwo.

In meinem Kopf sind Psychiatrien immer auf Bergen, am Besten in Wäldern. Bloß weit weg vom Rest der Gesellschaft. Erholungsgebiete und so. Oder Ausgrenzung, wer weiß das schon. Tag Eins im Nirgendwo zwischen weißen Wänden auf Krankenhausbetten. Irgendwie fand ich das damals schon absurd. O-Ton Steinmädchen, früheres Ich:

Scheiß Idee. Mega scheiß Idee. Hallo, hier gibt es Blumen, Kühe, Wiesen und Bäume. Ahh! Ich bin im Nirgendwo! Essenzeiten wie im Altenheim, das Pflegepersonal wird mit Schwester so und so angeredet – es fehlen nur noch die Gitter vor den Fenstern. Bescheuert. Ich habe ne Skillsliste bekommen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: bescheuert. Mathematikaufgaben lösen, bügeln, Soaps gucken… Malen, Basteln – ach ne, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich damit zu beschäftigen… >Schnur verknoten und wieder auflösen<

Das war also ich an meinem ersten Tag in der Psychiatrie. Völlig verstört von dem ganze Setting, aber ne, muss eine sich ja nur richtig einlassen. Auf das Abendessen um halb sechs, auf die Pillenausgabe nach jedem Essen, auf die Regel das um Neun Uhr abends die Türen zu sind. Ich bin ja immer noch total begeistert von den Regel-Zetteln die an allen Türen hingen. Worüber eine sprechen darf mit Mitpatient_innen und worüber nicht. Selbstverletzendes Verhalten durfte natürlich nicht besprochen werden, schon gar nicht Suizidalität oder gar traumatische Erfahrungen. Das wäre ja auch wirklich total verrückt.

Überhaupt, wer braucht schon reden wenn es doch Skills gibt? Again O-Ton Steinmädchen aus der Klapse: „Skills Skills Skills. Bin doch dabei!! Ich sträube mich nicht einmal dagegen. Aber niemand nimmt sich mal die Zeit, mit mir zu reden. Lauter Gruppen, Arbeit und viel zu tun – aber keine Erklärungen. Toll, heute morgen war Visite. Ein Stuhl auf der einen Seite, fünf/sechs Thereapeuten, Ärzte, Pfleger auf der anderen Seite und gucken dich alle an. Yeah.

Immer wieder zieht sich dieser Wunsch durch meine Aufzeichnungen: Reden. Unterstrichen. In Großbuchstaben. Immer wieder in allen Papieren. REDEN.

Aber auch das wäre ja total verrückt. Dann hätte mir ja mal jemand zuhören müssen. Stattdessen habe ich gepaukt als würde ich nochmal fürs Abitur lernen. Ich hatte einen vollen Stundenplan – Assoziationen mit Schule müssen rein zufällig sein. Arbeitsunterlagen

 

Mit Konditionierung hat das alles gar nichts zu tun.

Im „Skillstraining“ ging es darum „Fertigkeiten“ zu erlernen. Für den Notfall, also Hochspannung, und aber auch zu Zwischenmenschlichen Gefühlen und zum Umgang mit Gefühlen – Selbstwert sollte dann ambulant zum Thema werden, weil es gibt ja diese Hierarchien und wenn du nicht kontrollieren kannst, ob du dich verletzt oder nicht, brauchst du dich ja auch noch nicht mit Selbstwert zu beschäftigen. Könnte ja schnell zu viel werden und dann würde das ja zu Problemverhalten führen, und dass ist ja so schlimm wie Therapieabbruch. Alles problematisch. Aber wichtig: „Nur erwünschte Verhaltensweisen sind Skills.“ Das erwünscht bleibt da einfach so im leeren Raum stehen, als müsste klar sein, was erwünscht ist und was nicht.

Stresstoleranz ist da ganz wichtig. „Stresstoleranz“ bedeutet Situationen unter Hochspannung aushalten. Also die Situationen in denen eine sich so fühlt als wäre sie gerade in Lebensgefahr. Das auch gerne permanent, also diese Gefühl von Anspannung. Das ist sehr unangenehm, das kann ich sagen. Die Lösung in der Klinik wurde mir dann recht schnell präsentiert: Treppen laufen, Chillischoten essen – generell Sinne ansprechen. Das fand ich hilfreich um wieder was zu spüren. Aber Realitätsnähe lag den Menschen dort nicht. Wir fragten oft sowas wie „Soll ich mich jetzt in der Fußgängerzone hinstellen und die Arme im Kreis drehen und atmen wenn ich Panik bekomme?“ oder „Soll ich im Wohnheim die Treppe immer rauf und runter rennen sodass alle sich fragen, was ich da tu?“ oder „Was soll ich machen wenn ich unter Menschen bin? In Gesellschaft? Beim Abendessen? Beim Sex?“. Darauf gab es oft wenig Antworten. Also weiter Wandliegestützen und Treppenlaufen. Am Besten fand der eine Therapeut immer diesen Sportkram. Weil Bewegung ist ja gut. IMMER EINSELF! Ich versuchte das auszudiskutieren, dass das nicht für alle Menschen in allen Situationen erträglich ist mal eben den verhassten Körper die Treppe rauf zu scheuchen. Aber wisst ihr, da hab ich mich einfach nur nicht richtig drauf eingelassen. Natürlich. Wer sollte auch sonst Schuld sein wenn etwas nicht funktioniert?

Wir lernen: Zwischenmenschliche Beziehungen. Ich meine, ist das nicht nett, ich habe in meiner Therapie gelernt wie das funktioniert, mit diesen zwischenmenschlichen Beziehungen. „Wie kann ich gute Beziehungen aufbauen und erhalten?“ lautet der Titel eines Arbeitsblattes. Die Antworten: Freundlich sein, also nett und höflich. Angriffe vermeiden und bitte einen angenehmen Tonfall verwenden. (Hat ja gar nichts mit bürgerlichem Habitus zu tun. Frauen* zu erklären nett und freundlich zu sein ist ja auch mal was ganz neues.) Toleranz zeigen. (i <3 toleranz. NOT.) Interesse zeigen, Blickkontakt halten, keine Grimassen ziehen, geduldig sein. (Guter Plan. Können die meisten Menschen ja super.) Validieren, nicht moralisieren, Gefühle verstehen. (Das ist sowas wie diese pädagogisch-wertvollen Sätze: Ich kann verstehen wie du dich gerade fühlst.) Und der letzte Punkt besonders schön: Leichtigkeit. Achten Sie auf die heiteren Seiten einer Situation, achten Sie darauf dass ihre Körpersprache nicht bedrohlich wirkt. (Bitte Lächeln!)

Ich meine: LÄCHELN UND FREUNDLICH SEIN?! Ich wusste ja, der Wutfeminismus in den Jahren muss einfach therapeutisch falsch gewesen sein. Lächel und sei froh und bloß nicht bedrohlich, du musst ja deine Beziehungen retten! Nicht so lustig irgendwie.

Oder das Arbeitsblatt zum „Nein Sagen / Eine Bitte ablehnen“. Da stehen dann so tolle Fragen wie “Ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt, nein zu sagen?” oder „Bin ich verpflichtet, der Person zu geben, was sie möchte?“ und „Bin ich der Person einen Gefallen schuldig? Tut sie viel für mich?“ Da denkste dir doch auch: What the fuck. So geht also Nein-Sagen in therapeutisch wirkungsvoll.

Überwachen und Strafen.

Überwachung fand natürlich nicht statt. Ist ja 21. Jahrhundert. Ein bisschen Kontrolle hier und da vielleicht. Also auch nix schlimmes. Nur so halt ein paar mal die Nacht eine Zimmertür die aufgeht und eine Person die mit einer Taschenlampe kontrolliert ob du auch im Bett liegst. Ganz unauffällig und ist ja auch wirklich wichtig. Wofür habe ich leider vergessen. Ich fragte nach. Aber das war ja einfach so, und da kann ich ja schlecht sagen, dass mir das Angst macht. Ich glaube ich sagte das sogar. Aber muss eine sich ja dran gewöhnen einself! Die Pillen mussten ja auch nicht in der Eingangshalle mit anstehen vor aller Augen genommen werden. Weil das wäre ja vielleicht etwas uncool. Etwas überwachend. Das wäre ja absurd.

Und Strafen, naja. Neeeein. Nur Regeln. Zum Beispiel für „Problemverhalten“. Das ist ja alles, was „selbstschädigend“ ist. Schneiden, Kotzen, Hungern, Dissoziieren, Selbstabwerten, Alkohol, Drogen, Wutausbrüche. Das musste jeden Tag in so eine Tageskarte eingetragen werden, wie hoch da der Druck war. Auch natürlich, warum auch nicht, „PMS“ und Menstruation Ja/Nein. Und körperliche Aktivität. Und Postitives. Und so weiter. Alles genau dokumentiert.

Und wenn dann irgendwo ein Ja stand, war das Problemverhalten. Das bedeutete: Verhaltensanalyse. Das müsst ihr euch so vorstellen. Ich verletzte mich. Dann musste ich zum Personal. ggf. versorgen. Und dann auf Zimmer. Zwei Stunden Time-Out. Während der Zeit sollte das Zimmer nicht verlassen werden. Klingt seltsam ähnlich wie Stubenarrest, oder? Ist aber für die Selbstreflektion. Während dieser Zeit soll eine Verhaltensanalyse entsprechend einer Anleitung erstellt werden. „Bis zum Ende des time-out fallen alle anderen Therapien aus. Nur bei sehr hoher Anspannung kann das time-out unterbrochen werden um Skills anzuwenden und dann die V.A. fortzusetzen.“ Also zwei Stunden Zeit, 7 Punkte abzuarbeiten. Auch diese Punkte kann ich inzwischen auswendig. Was war das Problemverhalten. Welche Vorrausgehenden Bedingungen gab es. Was hat mich anfällig gemacht. Was waren die Konsequenzen. Lösungsanalyse. Vorsorgestrategien. Wiedergutmachung.
Zuerst war das ein Freitext, das fand ich auch gar nicht so schlecht, mal anzugucken, warum ging es mir eigentlich schlecht. Heute bin ich Analyseprofi wenn es darum geht. Später gab es dann stat Freittext ein Formular zum Eintragen. Damit das Kürzer ist. Effizienter. Nicht so viele Gefühle, sondern sehr sachlich bleibt. Besser zum Bearbeiten. Weil dann musste das ja den Mitpatient_innen vorgestellt werden. Und dann mit denen gemeinsam der Bezugspflege. Erst dann gab es das nächste Einzelgespräch mit der Therapeutin. Eine muss ja die Konsequenzen fühlen! Gesprächsentzug als Strafe. Das funktionierte. Weil ich war doch da, weil ich reden wollte. O-Ton Steinmädchen, zur Erinnerung, weils immer wieder in den Unterlagen steht: „Ich habe das dumpfe Gefühl, dass niemand Interesse daran hat, sich mit mir zu unterhalten. Ich schaff das ja allein. ZUM KOTZEN! Ich will doch nur reden…“

V.A. schreiben wurde schnell mal verordnet. Kann ja nix falsch sein. Und dann zur Wiedergutmachung achtsam irgendwas tun. Nicht gegen Türen laufen habe ich mir mal für einen Tag vorgenommen. Ich fand das absurd, aber ich wollte ja alles richtig machen. Also habe ich gelernt, das gut zu finden, zu sagen, nein, das ist ja keine Strafe. Das hilft mir doch. Alles nur zu meinem Besten. Zum Reden gibt es ja nicht so richtig Zeit. Und Nachts, das ist dann ja auch schlecht zum Einschlafen. Gibt es ja Regeln für.

Belohnungen gabs natürlich auch. Weil wenn wir ganz lieb guckten und fragten, dann konnten wir mit dem Auto in die Stadt fahren zum Eisessen. Und durften sogar ein HALBE STUNDE später zurück kommen einself! Die Freuden der Klinikzeit. Kleinigkeiten und so sollten wir ja lernen, achtsam wahrzunehmen.

 

Achtsamkeit und so.

Ich glaube in keiner Gruppe habe ich so oft gestritten wie in der Achtsamkeitsgruppe. Ich bin ein pragmatischer Mensch. Ich habe mit Religion schon vor einer Weile abgeschlossen und bin auch nicht spirituell veranlagt. Aber ich war ja begierig alles richtig zu machen, damit es mir bald wieder besser geht. Und weil ich ja eh immer versuche alles möglich richtig und in Bestzeit zu schaffen. Eifrige Patientin. Ich kann auch heute noch im Schlaf aufsagen was Was-Fertigkeiten und was Wie-Fertigkeiten sind, was Wise-mind bedeutet und wie ich mich in Situationen zu verhalten habe. Ich weiß dass ich wahrnehmen, beschreiben und teilnehmen muss, und das ganze nicht-bewertend, konzentriert und wirkungsvoll. Ich bin Profi geworden in wirkungsvollem Handeln. „Tun Sie das, was in der Situation zu tun ist. Kümmern sie sich nicht um >gerecht< und >ungerecht<, >richtig< und >falsch<, >man sollte< und >man sollte nicht<.“ Wenn das mal keine klare Ansage ist. Genau wie „An die Spielregeln halten.“ Ich habe so oft gesagt, dass das doch eine scheiß Idee ist, wenn die Regeln scheiße sind. Und dass die Regeln in dieser Gesellschaft doch echt ganz schön daneben sind und dass dann „an die Spielregeln halten“ echt problematisch ist.

Wisst ihr was das Problem ist? Wahrscheinlich hätte ich das mit der Liebe besser verstehen müssen. Mehr drauf einlassen. In mich aufnehmen. Mich als Ganzes wahrnehmen. Als Eins. Mit mir und der Welt. Einmal wurde ein Text vorgelesen, da bin ich fast ausgerastet. Aber dann hätte ich ja hinterher genau analysieren müssen, warum mich dass denn so sehr verletzt gemacht hat und ich so emotional reagiert habe. Das wäre dann bestimmt Ausdruck meiner tiefen emotionalen Störung gewesen. Hier einfach mal wie dieser text endete: „Ich akzeptiere, das mein Leben Ausdruck meiner Gedanken ist. Ich verpflichte mich selber, mehr und mehr an jedem Tag, den Gedanken der Liebe zu unterstreichen. Ich akzeptiere, dass ich der Ausdruck dieser Liebe bin, der Liebe Hand, der Liebe Stimme, der Liebe Herz auf dieser Erde. Ich akzeptiere mein eigenes Leben als ein Geschenk. Mein Herz ist offen zu empfangen und ich bin zutiefst dankbar.“

Ich dachte schon damals, das ist doch jetzt nicht euer Ernst. MEIN HERZ IST OFFEN ZU EMPFANGEN??!??!!! ZUTIEFST DANKBAR?!?!?! Das ist doch total absurd, sexistisch und religiös. Ich dachte sofort an ein Vater-Unser aus der Kirche. Sei doch endlich mal dankbar. Und wenn ich gar keine Lust habe dankbar zu sein? Wieso muss ich dankbar sein? Aber ne, ihr wisst schon, still sein, nix sagen, sonst ist das wieder die Störung die da spricht. Reagiert empfindlich auf Liebe und so.

Und mal ernsthaft, in dieser Gruppe hatte ich so sehr das Gefühl, dass ich und einige meiner Mitpatientinnen die normal denkensten Wesen in diesem Raum waren. Barfuss draußen laufen und die Wiese und die Blumen wahrnehmen. Bloß nix in Frage stellen. Einfach nur einlassen. Die Weichheit spüren. Und NICHT-BEWERTEN! Irgendwann witzelte ich mal mit einer Mitpatientin, dass es noch fehlte, dass wir Bäume knutschen würden. Und das obwohl ich, ich sachs jetzt mal, schon son Hippie war zu der Zeit. Aber das war selbst mir zu viel. Eines Tages dann sollten wir dann wieder raus gehen und ich dachte schon: Ohje. Wir gingen in den Wald. Und dann kam die Anweisung. Wir alle sollten uns einen Baum aussuchen und diesen in seiner Gänze wahrnehmen. Ich hatte das Gefühl, dass diese Gruppenleitungen alle irgendwie selbst eine Therapie bräuchten. Aber ich war ja Patientin. Geloosed. Und so ging ich einen Baum knutschen. Ich meine, was sollte ich auch anderes tun? Ich sollte ihn ja in seiner Gänze wahrnehmen.

 

Absurditäten, die gar nicht alle in einen Text passen.

Nicht das wir das Funktionieren vergessen sollten! Die „Arbeitstherapie“ brachte eine dazu „sich wieder ans Arbeiten zu gewöhnen“ und sowas. Ein Euro-Jobben in der Klinik, keine Möglichkeit dem Auszuweichen. Es ist ja Therapie. Das wäre ja Verweigerung einself! Oder die ganzen Soaps auf der Station. Oder dass Musiktherapie heißt auf Klangstäben rumzutrommeln. Oder das Menschen so mit Medikamenten zu gedröhnt waren, dass sie nicht mehr richtig sprechen konnten. Oder dass wir uns Pizza bestellen mussten, weil es nach halb sechs ja nichts mehr zu essen gab. Das würde ja alles wirklich verrückt klingen.

 

 

(Nur falls Menschen das in den falschen Hals bekommen: Ich hatte viele gute Erfahrungen. Vor allem dadurch, dass ich andere Frauen* kennengelernt habe, die ein ähnliches Erleben teilen. Dadurch habe ich es endlich geschafft, mich selbst ernster zu nehmen. Weil ich nicht alleine war. Dort brauchte ich noch die Diagnose um das zu akzeptieren, heute denke ich mehr an den Austausch und daran, dass es nicht meine Schuld ist und ich mir nichts einbilde, wie das so gerne von außen kam. Ja ich habe selektiv rausgepickt was scheiße ist. Aber vor allem, weil ich das heute anders als früher bewerte was passiert ist. Aus Gründen. )

19 Gedanken zu „Anekdoten aus der Psychiatrie – Freundlichsein und Bäume knutschen

  1. Steinmädchen Artikelautorin

    Ich antworte trotzdem mal, weil dein Kommentar deutlich macht, was ich noch nicht klar herausgestellt habe: Bei mir war das auch nicht bewusst repressiv. Die Menschen waren alle sehr freundlich. Helfen war doch das Motto. Da hat keine_r das bewusst als Unterdrückung gemacht. Alle wollten dir nur helfen.

    Und ich habe das damals auch so empfunden, als Hilfe. Meine späteren Tagebucheinträge machten dass auch deutlich, dass ich das System akzeptiert und für gut befunden habe. Das Umfeld war sehr sehr freundlich. Ich hatte glaube eine verhältnismäßig sehr gute Klinik, wo das eben alles nicht so ganz krass war. Weil ja alle lieb und nett waren.

    Aber: Das System dahinter ist das Problem. Arbeitsblätter, wie ich sie oben zitiert habe, sind ganz subtile Formen von Sexismus, die vorgeben, etwas anderes zu sein.
    In diesem lieb und nett helfen liegt schon das strukturelle Problem, weil dadurch konditioniert wird.

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  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Freund_innenschaften, Intersektionalität und Steubenville – Die Blogschau

  3. Franny

    Ich freue mich, dass ich über Twitter auf deinen Text gestoßen bin. Die Methoden, die in diesen Kliniken benutzt werden aus feministischer Perspektive zu betrachten, finde ich einen super Ansatz.
    Ich denke aber diese Perspektive muss zusätzlich noch mit einer Kritik des neoliberalen Denkens verbunden werden, denn ich nehme bei diesen Therapiemethoden auch wahr, dass sie z.B. den neuen neoliberalen Methoden in den Schulen ähneln und insgesamt einem neoliberalen Denken entspringen. Das Schwierige an der Kritik dieser Methoden – ob in therapeutischen oder pädagogischen Settings – ist ihre Verlogenheit. Sie kommen nicht nur in einem Gewand von Liebenswürdigkeit und Hilfe daher, sondern dummerweise auch noch gekoppelt an eine Art Autonomie-Versprechen. Es handelt sich aber bei dieser Art von neoliberaler Autonomie immer nur an eine optimale, flexible Anpassung an das System, nie um Widerstand gegen das System.

    Wirklich toller Artikel, ich werde gleich noch in deinem Blog weiterstöbern.

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  4. Isabell

    Mein erster Gedanke war, dass mich so eine “Therapie” verrückt machen würde. Ich bin viel zu unabhängig und wirklich viel zu empfindlich, wenn jemand über mich (oder gar über meine Gefühle) disponieren will. Das macht mich zur Rebellin und wütend. Es wäre mir zuviel.

    Ein therapeutisches Setting ist – leider – ziemlich oft eine vor allem hierarchische Situation, bei der man selbst klein gehalten wird und viel zu wenig Einfluss hat, z.B. auf Abläufe und Inhalte. Das hängt vielleicht auch am jeweiligen Gegenüber. Es gibt tolle Therapeuten, solche Therapeuten und solche. Solche, die deine Wünsche respektieren und solche, die dich zu sehr mit Regeln überschütten, ohne wirklich zu wissen, was genau dir gut tut.

    Wäre es für dich leichter und hilfreicher gewesen, wenn es insgesamt viel weniger Regeln gegeben hätte? Wenn vor allem du selbst die Regeln bestimmst? Ich glaube ja. Die strukturelle Entmündigung in derartigen “Therapien” halte ich jedenfalls für ein Problem. Denn das Ziel sollte doch sein, dass man stark wird, oder? Außerdem, was soll denn da der Nutzen für dich selbst sein, wenn du in vielen Situationen bloß dazu angehalten wirst, die Kackscheiße zu schlucken, die Kackscheiße still erdulden sollst, die Kackscheiße von labernden Mackern und übergriffigen Männern zum Beispiel?

    Wäre es nicht viel hilfreicher, in solchen Situationen mehr Wut zu lernen? Zu lernen, wie die Ekeltypen abgewehrt werden können!!? Ich habe für mich selbst entdeckt, dass ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich auf Typen, und überhaupt auf andere Menschen, wütend bin.

    Wut kann so etwas von goldrichtig sein und sich auch richtig gut anfühlen. Bei mir ist es die Wut auf die allermeisten Typen. Seitdem ich das zulasse, geht es mir besser und die allermeisten Typen haben sogar Angst vor mir. Ich finde das gut.

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  5. fyrecrotch

    ich kenne das – als individualistin ist so ein klinikaufenthalt manchmal zum haareausreißen!
    aber wenn ich das so lese, bin ich saumäßig froh, daß die klinik, in der ich gelandet bin, um einiges mehr an den individuellen bedürfnissen der patient_innen ausgerichtet war (obwohl man das manchmal eben erst einfordern mußte).
    auch, wenn ich an “meiner” klinik manchmal hart zu knabbern hatte, war sie doch alles in allem wirklich in ordnung! in “deiner” klinik wär ich wahrscheinlich nach spätestens einer woche getürmt.

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  6. fyrecrotch

    noch was, das ich hinzufügen will: bei jedem erstgespräch mit therapeut_innen oder psychiater_innen kommt unweigerlich die frage, ob man in einer festen beziehung ist. verneint man dies, wird nachgefragt, warum.
    sicher, eine feste beziehung ist schon ein bedeutender teil im leben, gerade was das emotional-psychische angeht. das abzuklopfen ist vollkommen in ordnung. aber eben gerade hier werden subtile unterschiede gemacht. wenn ich mich mit anderen menschen, die psychiatrische/therapeutische erfahrungen haben (ambulant oder stationär), dann fällt es total auf, daß bei den männlichen patienten das singledasein immer anstandslos akzeptiert wurde, wenn sie sagten, daß sie das so okay fanden.
    bei weiblichen patientinnen wurde aber auffällig darauf herumgeritten (unabhängig davon, ob sie von einer frau oder einem mann behandelt wurden), immer wieder betont, was für eine stütze eine rzb für sie sein könne, teilweise wurde ihnen subtil fast schon eingeredet, ein teil ihrer probleme hingen mit ihrer diesbezüglichen einsamkeit zusammen, bzw. ihrer “nicht eingestandenen einsamkeit”, wenn sie dann konterten, sie fühlten sich als singles eigentlich gar nicht einsam. und wie gesagt, von dieser erfahrung haben nur frauen berichtet, männer kannten das so gar nicht!
    wie schon erwähnt hatte ich bis jetzt immer glück mit meinen psychiatern/therapeut_innen. aber auch bei mir wurde da etwas rumgestochert, konnte die therapeutin aber überzeugen, daß mir freundeskreis und familie mehr emotionalen rückhalt bieten, als es eine rzb je getan hat, was sie dann auch anerkannte und ehrlich respektierte, sie sagte auch, das verstehe sie sehr gut. das war ein moment, in dem mein vertrauen zu dieser therapie wuchs. von dieser therapeutin halte ich auch immer noch sehr viel.
    aber die meisten frauen, mit denen ich therapie/klinikerfahrungen geteilt habe, hatten nicht so viel glück. auffallend oft wird frauen mehr oder weniger subtil eingeredet, daß sie einen partner bräuchten, um zu genesen. und das finde ich total erschreckend. das ist nicht weit weg von dem kruden theorien aus gottseidank vergangenen zeiten, als es hieß, die vagina einer frau müsse regelmäßig mit spermien “gefüttert” werden, sonst würde sie hysterisch, das ist nur die moderne pc-variante!
    jede betroffene, der man versucht, sowas einzureden, sollte den therapeuten meiner meinung nach schleunigst wechseln!

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  7. grüntee grapefruit-zitrone mit ordentlisch zucker

    @ steinmädchen: danke fürs erzählen! ich kann gut nachvollziehen was dich daran ankotzt, glaube ich. gut dass du die solidarität und wärme, die das therapeutische personal dir verweigerte, bei den mitpatientinnen gefunden hast. vielleicht hat angesichts der alternativen eine psychoanalyse doch viel mehr vorteile, als ich gedacht hätte.

    @fyrecrotch: das ist ja ver-rückt was du da beschreibst, also dass vor allem weibliche menschen nach einer rzb gefragt werden! denn in den meisten heter@-rzbs sind es meiner beobachtung nach die frauen, die die meiste unterstützungs- und beziehungsarbeit leisten.

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  8. Regenfrau

    Danke für den Artikel! 🙂
    Auch ich bin Klinik-Erfahrene, 1x stationär (in einer wirklich haarsträubenden 12-Schritte-Klinik) und 2x TAgesklinik auf Trauma-Station (schon besser).
    Die ganzen Absurditäten dort brachten mich wieder zum lachen, das ich schon fast verlernt hatte.
    Und da wurde mir klar, dass ich doch mehr *eigener Kopf* und somit gesünder bin als gedacht, ich habe nicht blind alles gemacht was verlangt wurde. Das Problem: denen es so schlecht geht, tun alles, in der Hoffnung dass es ihnen wieder besser geht.
    Ohne innere Überprüfung, ohne Bezug zu eigenen Gefühlen, ohne vertrauen in sich und seiner Wahrnehmung (weil genau daran hapert es ja oft, darum geht man ja in die Klinik).
    Was dann oft mehr Schaden anrichtet.
    Ich mag so ironische Blickwinkel auf solch psychiatrischen/psychosomatischen Kliniken. Denn zuwenige trauen sich das und viel zu oft wird man auch gleich wieder (von Therapeuten, allzu eifrigen Mitpatienten) eingestampft: man nehme die Therapie ect. nicht ernst genug, oder man würde xy vermeiden..ect.
    Dabei ist lachen doch so gesund! 🙂
    Die Lebendigkeit durfte ich auch wieder spüren, nämlich dann, wenn ich was verbotenes tat…ein herrliches kribbeln, dass ich in all der Depri, Angst, Dissos ect. schon verloren glaubte.
    Aber auch das kann ich sagen: mir half es auch, auch der “Schmarrn” und vor allem die Beziehung zu einigen Mitpatienten.
    Herzliche Grüße

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  9. Tina

    Ich glaube diese vielen Regeln und die übergriffige Art, in jeden Aspekt meines Privatlebens einzugreifen hat während meines Klinik-Aufenthalts auch eine regressive Ader in mir angesprochen – also genau das, was sie mindestens offiziell nicht wollen – dass mensch die Abhängigkeit genießt und nicht “erwachsen” wird.
    Heute würde ich das wohl nicht mehr aushalten, damals war es auch schön, dass jemand tatsächlich wissen will, wie ich mich fühle, auch wenn da letztlich nicht so viel bei ‘rumkam und es sehr seltsam weiterverwendet wurde.

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  10. Tina

    Zum RZB-Thema will ich auch noch etwas beitragen: ich wurde bei den meisten Therapieerfahrungen als Mann eingeordnet und mir wurden nie RZBs empfohlen, im Gegenteil, es wurde davor gewarnt, zu viel mögliche Bedürfniserfüllung auf RZBs zu projizieren, das würde sie überlasten, das wäre keine erwachsene Art, mit anderen Menschen umzugehen etc.
    Weiß jetzt nicht, ob das auf Grund von Sexismus war, oder weil ich andere Therapeut_innen hatte, bemerkenswert ist der Unterschied auf jeden Fall.

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  11. Bekka

    guter text, ich habe selbst so ziemlich die gleichen erfahrungen gemacht. ich hoffe, es geht dir jetzt besser mit dir selbst und du bekommst hilfe, die auch wirklich wirkt.

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  12. Miria

    Ich selbst hatte 2008 einen Aufenthalt in einer Klinik, die verschiedene Stationen hatte, je nachdem wie groß die Gefährdung für sich und andere war, kam man auf eine entsprechende Station. Die schlimmste der Stationen ahtte übrigens auch vergitterte Fenster.
    Ich selbst hatte bei den meisten Stationen keinen großen Einblick und war in der Tagesklinik. Mir hat dort gut gefallen, dass wir einen relativ flexiblen Tagesablauf hatten und auch viele eigene Ideen miteinbringen konnte, so gab es z.B. eine Patientin, die dann einen Tanzkurs gab und mehrmals freie Slots im Stundenplan, die man selbst füllen konnte und auch Tagespunkte, die zuvor gemeinsam besprchen wurden (Ausflüge etc.).

    Ich war zu der Zeit heilfroh, nicht auf Station zu müssen, eine Mitpatientin von mir musste aufgrund starken selbstverletzenden Verhaltens wechseln und hat mir von ähnlichen Erfahrungen erzählt wie du sie hier beschreibst. Vor allem, dass nachts jemand ins Zimmer kommt, find ich echt gruselig (auch damals schon).

    Was das Thema mit der Beziehung angeht, war das bei mir anders. Meine Therapeutin hat mich gefragt, welche Menschen mit wichtig sind und ob nicht vielleicht einmal einer dieser Menschen mich begleiten möchte. (Einmal war meine Tante mit und einmal mein damaliger Freund). Aber im Gegensatz zu dem hier Erzählten, hat meine Therapeuten eher in die Richtung tendiert, dass ich mein Glück zu sehr von der Beziehung abhängig machen würde und auch mit mir selbst alleine glücklich sein können muss ohne einen Partner. Ehrlich gesagt empfand ich das damals als ziemlichen Angriff (sehe ich auch jetzt noch so), da sie gegen einige Absprachen unserer Beziehung redetet…

    Durch deinen Text kommen so einige Gedanken an meinen Klinikaufenthalt wieder hoch, bei mir glücklicherweise meist positiv besettz.
    Ich hoffe, dass dir die Klinik dennoch geholfen hat.

    Liebe Grüße,
    Miria

    ps. Sorry, wenn das jetzt alles irgendwie durcheinander ist.

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  13. Josy

    Mein Senf 😉

    Manchen Menschen hilft das Religiöse, weil es erst einmal sagt: Es ist okay so wie es ist. Auch wenn natürlich alles nicht okay ist, ist es doch trotzdem oft sinnvoll, sich zu sagen, es ist okay, wie es gerade ist und die Situation darf sein. Die Änderung kann erst dann wirken finde ich. Aber auf die Dauer geht einem das schon auf die Nerven.

    Hatte jemand von euch mal einen guten Psychiater? Im Gegensatz zu Psychologen oder Pflegern sind das ja Ärzte und meine Erfahrung ist oft, dass die gar nichts raffen, außer… ihnen fehlen da so Dinger im Hirn… schrecklich. Erst neulich wieder ein Buch über Medizin gelesen, was da über psychische Probleme steht, grauenhaft!

    Ja, reden wollte mit mir auch niemand. Das trifft aber auf mein soziales Umfeld oft genauso zu… Ich sage was und es heißt: Ja, aber… niemand akzeptiert die Situation so, wie sie gerade ist… alle wollen sie sofort ändern… ich will das ja auch ändern… aber ich meine, hallo… wozu bin ich hier?und damit bin ich vollkommen delegitimiert. Das ist schrecklich und gemein. Das rede ich lieber mit mir selber. Psychiater sind da aber am schlimmsten und allgemein Ärzte.

    Oft sind die Pfleger noch diejenigen, die verstehen, aber auch nicht immer. Naja, die bekommen in ihrer Ausbildung auch gesagt: Etwa die Hälfte von euch landet auch mal in einer Psychiatrie, weil sie sich nicht abgrenzen kann… und ich finde, die sind die armen Säue da, weil sie eben immer für dich da sein müssen und das ist hart. Alle Pfleger in der einen Klinik haben geraucht – alle. Das war echt krass. Das war fast wie im Hort und Kindergarten. Nicht, dass ich diese Orte damals scheiße fand – ganz im Gegenteil, aber die Ähnlichkeit zwischen Erziehern und Pflegekräften fällt auf.

    In einer privaten Klinik natürlich anders. Habe beides erfahren. Wobei auch in einer privaten Klinik die Pfleger die gearschten sind. Du bekommst halt was Besseres zu Essen, bessere Ausstattung, und: Du wirst nicht gleich auf die Geschlossene gesteckt, sondern kommst in ein Intensivzimmer, wenn es dir kacke geht.

    Eine Sozialberaterin meinte zu mir: Gehen sie doch erst einmal zu einer Tante… äh, glauben Sie, ich wäre hier, wenn ich diese Tante hätte??? Unglaublich. Und damit geht es mir wieder scheiße… und so weiter…

    Was allerdings überall gleich ist und was mal wieder mit den Ärzten zu tun hat: Die Medikamente. Ich bekomme erst nichts, weil ich nichts haben will. Mir persönlich ist klar, dass ich völlig überreizt bin, viel zu viel erlebt habe und mich von nichts mehr abgrenzen kann… für die Ärzte heißt das: Die rutscht in eine Psychose, die stellen wir ruhig. Gut, ich konnte dann endlich schlafen, aber die Neuroleptika haben ja so ihre Nebenwirkungen. Ich wurde irgendwann ganz steif. Das nennt sich Parkinson-Syndrom. Konnte mich kaum mehr bewegen und es hieß doch tatsächlich: das ist psychisch… äh… what the fuck… Ich also ans Internet und recherchiere… was machen nur die, wo Internet verboten ist? Gibt es auch. Dort fand ich, dass diese Steifheit eine Nebenwirkung sein kann, aber nicht muss und dass bei den neuen Medikamenten das eigentlich nicht möglich ist… äh, eigentlich… Ich renne zu den Ärzten, mache Terror und sage, ich will das nicht mehr. Ich habe mich seit so langer Zeit nicht mehr so stark gefühlt, wie in dieser Situation. Man ist oft so hilflos, aber da war ich es nicht mehr. Medikament weg und Steifheit weg… etwas merke ich auch nach Monaten noch… Also, Sie sind ja schon sehr sensibel… sagt ein Arzt… Was für ein Arsch! Wenn ich irgendwann deswegen Nebenwirkungen haben sollte, so langzeit Scheiß, dann verklage ich die und wenn ich bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen muss!!

    Apropos Gericht: Hat jemand von euch Ahnung mit Übergriffen, die nicht physisch, sondern verbal ablaufen und wie man juristisch beweisen kann, dass man daran psychisch so leidet, dass es eine Geldentschädigung geben muss? 😉 Gibt es da Fälle? Wo wird so etwas geregelt? Und wenn man noch minderjährig ist und eine Mutter greift nicht ein, wenn im Zimmer nebenan, offensichtlich was nicht stimmt? Kann man diese Mutter (Mutter meines Ex-Freundes), dann auch verklagen?

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  14. Robin

    Ja, e i n e n guten Psychiater von sieben (sowohl m* als auch w*), wobei auch der nur stumm neben dem Chefarzt saß, als der iwelche schrägen Thesen zu meinem Verhalten bei Übelkeit (Nebenwirkung) losgelassen hat und die extrem hierarchische Struktur zB bei Chefarztvisiten im allg. nie infrage stellte.

    Aber er hat zugehört, mich ernst genommen. Das war wichtig und gut.

    Ich weiß, es ist undifferenziert und alles. 🙁 Aber ich habe ebendiese Erfahrung auch gemacht. Psychiater_innen/Neurolog_innen haben einen an der Klatsche im Umgang mit Patientinnen! Unsensibel im besten Fall, übergriffig geht aber auch mal gerne.

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  15. Ka.Rarity

    Oh ja, da werden Erinnerungen wach…
    Habe den Text an ehemaligen Mitpatient_innen weitergeschickt, einige schrieben mir, dass sie geweint haben, weil wieder die ganze Scheiße hochkam.
    In der Klinik habe ich selbst tolle Menschen kennengelernt, und die Patienten waren sich selbst die größte Hilfe. Für viele Patientinnen ein Problem: Keine Ärztin im Team und ein Oberarzt “der alten Schule” mit “traditionellen Wertvorstellungen” und großem Selbstwertgefühl… Ich selbst habe seit dieser Zeit so richtig Probleme mit mir selbst, “Ich lernte, mich selbst als Problem zu sehen” – eine perfekte Zusammenfassung. Auf meiner Wunschliste ganz oben, drei Monate lang: zuhören. Hört mir doch bitte zu!!!!! Und redet mit mir, knallt mir nicht nur Diagnosen und Krankheitsbilder um die Ohren.
    Stattdessen: Arbeitsblätter. “Da müssen Sie nur positiv bewerten”. “Sie haben sich einfach nicht darauf eingelassen”. “Das passt genau in ihr Krankheitsbild”. “Es gibt kaum Nebenwirkungen”. Zum Krankheitsbild werden, und alles wird innerhalb dieses Schemas gepresst. Hinterfragen – Krankheitsbild. Widersprechen – Krankheitsbild. Denken – Krankheitsbild. “Suchen Sie sich einen Partner”. Stundenlanges Warten auf die nächste “Therapie”. Visiten, schlimmer als Prüfungen. Bewertet, abgewertet werden. Widersprüche und Fragen werden mit süffisantem Blick weggelächelt – Krankheitsbild. “Nehmen Sie ab”. Das Gefühl haben, dass die Ärzte und Therapeuten viel mehr an der Klatsche haben als die Patienten. Zur wandelnden check-Liste für Persönlichkeitsstörungen werden.
    Und immer wieder: “Nein, nein, nein, das Gefühl ist nicht Traurigkeit! Ich bin nicht traurig!”. Alles gut machen wollen. Hierarchien. Stupide Anweisungen befolgen als Heilmittel. “Das sind keine Nebenwirkungen, das sind ihre Symptome”. Sich minderwertig, beratungsresistent und bockig fühlen. Und dank der anderen Patienten: sich nicht damit alleine fühlen. Therapeuten, die neben dem Oberarzt schweigen.
    Die Arbeitsblätter, Fragebögen, Wochenend-Planlisten, Skill-Listen sind im Altpapier gelandet. Eine Schande, dass dafür Bäume sterben mussten.
    Was ich dort gelernt habe? Dass ich die Fachfrau für mich sein muss, und niemand anderes. Dass ich diejenige bin, die die Kompetenz für mich innehat und niemand sonst, und ich diese auch nicht abgeben muss/darf/soll. Dass ich nicht konditioniert werden will. Dass ich kein Bus sein will, in dem meine Gefühle störende Mitfahrer sind.
    Ich hätte mir gewünscht, dass wir dort als Menschen, als Individuen wahrgenommen wären, dass zugehört wird. Zuhören, wahrnehmen, reden.
    “Die Würde des Menschen ist therapierbar”, dieser Spruch soll von einem Psychiater stammen.
    Ein “sexistisch und konditionierendes System, das mit ganz subtilen Maßnahmen arbeitet – die sich erstmal wie helfen anfühlen”, und oft nicht einmal so subtil ist, oft gemein und furchtbar repressiv… So etwas hatte ich nicht für möglich gehalten, obwohl ich mich nicht zu den naivsten Kamillenblütentierchen auf dieser Welt zähle.
    Jetzt habe ich einen Arzt gefunden, der mich (auch von diesen Erfahrungen) therapiert, zuhört, aufmerksam ist, bei dem ich das Gefühl habe, dass er mich als Mensch ansieht, mir Zeit lässt: “Es geht um Sie, und Sie geben das Tempo und die Richtung vor”. Es gibt auch sie, die guten Ärzte.

    Danke, dass Du Deine Erfahrungen hier teilst!

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  16. Connimädchen

    Danke, für den tollen Text! Du sprichst mir aus der Seele!
    Ich mache gerade eine ambulante DBT. Wir sind beim Modul “Soziale Interaktion” und die letzte Sitzung ist so richtig entgleist, weil die Therapeuten ihre eigenen Regeln “vergessen” haben. Und weil die Zeit um war, konnte man auch nicht mehr über seine Anspannung von über 90 reden, sondern musste gucken, wie man sich soweit runterregelt, dass man mit dem Auto wieder irgendwie nach Hause kommt.
    Nachdem ich schon eine Weile übers Aufhören nachdenke, werde ich das jetzt wohl auch tun.
    Die Krankenkasse hat die letzten zwei Module ohnehin nicht bewilligt – die sieht nur soundsoviele Stunden Gruppentherapie und ignoriert, dass die Module aufeinander aufbauen – und ich muss zum Teil jetzt schon selbstzahlen. Einzeltherapie wurde komplett gestrichen.
    Ich habe oft erlebt, dass DBT-Therapeuten ihre Therapieform kategorisch über andere stellen – was ich selbst eigentlich für nicht DBT-konform halte…

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  17. Anna

    Der Artikel erinnert mich schon an meine Zeit aus Kliniken.

    Gleichzeitig halte ich es für wichtig, zu unterscheiden zwischen der Therapiemethode und der Umsetzung. Denn die DBT wurde von Marsha Linehan entwickelt, einer bewundernswerten Überlebenden, und ihre Gedanken sind einfach toll. Die Akzeptanz, die sie mit als Baustein in das DBT-Konzept verankert, bezieht sich auch auf den Therapeuten/ die Therapeutin: sie sollen Patienten akzeptieren, wie sie JETZT sind, ohne dass es eine Veränderung braucht. Dann führt sie den Begriff der Dialektik ein und sagt, JA, es gibt Dinge, die muss man akzeptieren (sie nennt es radikale Akzeptanz), nicht im Sinne von gutheißen, sondern im Sinne von aufhören dagegen zu kämpfen, weil sie vergangen sind. Nicht mehr veränderbar, egal wie scheiße es war. Wenn man vergewaltigt wurde, ist es verschwendete Energie, das verdrängen, umdrehen etc. zu wollen, erst muss man sagen: Ja es war so, es war scheiße, und ich kann nichts daran ändern. Dann kommt die andere Seite, die Veränderung. Und diese braucht eine Balance zur Akzeptanz, also Geduld mit sich selbst.
    Die von Dir beschriebenen Probleme entstehen, weil Pfleger und TherapeutInnen nicht wirklich begriffen haben, mit was sie da arbeiten und nicht gut genug ausgebildet sind. Denn das alles ist kein Selbstzweck. Es geht bei Achtsamkeit nicht darum, Postkarten anzustarren oder Musik zu lauschen ohne zu bewerten. Es geht darum, sich über einen für viele ungefährlicheren Zugang, die Sinne, an die Selbstwahrnehmung heranzutrauen und schließlich auch die eigenen Gefühle wahrnehmen zu können. Im ersten Schritt beobachtend, danach kann natürlich eine Bewertung folgen!
    Das nicht mit Dir geredet wurde, ist schlimm und das erleben ja viele in Psychiatrien. Das habe ich auch erlebt. Aber das liegt viel mehr an der einzelnen Klinik und den Klinikstrukturen als an Therapiekonzepten, denn die sind oft ziemlich gut gedacht.
    Skills zum Beispiel: sie helfen, wenn Selbstverletzung eine Sucht geworden ist, als schrittweise Ablösung. Das beginnt mit Ersatzhandlungen, zB die erwähnten Chilischoten. Aber Ziel ist ja, dass man sich selbst statt zu schaden etwas Gutes tut! Und dass man gar nichts mehr “tun” muss, weil man die Gefühle aushalten kann und mit sich liebevoll umgehen kann. Das ist aber gerade bei Trauma-Überlebenden eben ein langer Weg und wenn man ernsthaft mit selbstverletzenden Verhaltensweisen aufhören möchte, dann ist auf dem Weg jede Hilfe gut!
    Ich habe zum Beispiel klassische Skills wie Gummibänder am Handgelenk etc. lange belächelt, aber dann habe ich Menschen getroffen, denen das wirklich hilft.
    Naja und leider denken viele in Kliniken nicht so weit. Da geht es dann um Skills oder Achtsamkeit, ohne dass über das Wofür gesprochen wird.
    Und ohne begleitende Gespräche macht das natürlich alles keinen Sinn!
    Aber es gibt auch ausgesprochen gute DBT Stationen. Und die Vorträge und Bücher von M.Linehan waren ein unglaublich wichtiger Schritt. Mit 70 Jahren hat sie übrigens ihre eigene Geschichte öffentlich gemacht, denn sie hat mit Suizidalität und massiver Selbstverletzung gekämpft und aus ihrer eigenen Not konnte sie eine Therapie entwickeln, die heute als die wirksamste zählt.

    Liebe Grüße 🙂
    Anna

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      Hey Anna,
      in vielen Punkten kann ich was damit anfangen was du schreibst. Dass Sachen seltsam umgesetzt werden. Ich dachte auch immer, ja, wenn es um wirkliche Sachen gehen würde, dann könnte ich mit wahrnehmen, selbst mit Radikaler Akzeptanz was anfangen. Aber es sind auch entpolitisierende Ansätze, die vereinzeln. Und ich würde dir widersprechen, dass es an einzelnen Kliniken / Personal liegt. Es liegt in der Struktur der Psychiatrie verankert, in den Pathologisierungen und Diagnostizierungen. Das sind ja keine Ausnahmen, sondern die Regel. Innerhalb dieses Systems geht das auch nicht anders, denn der Auftrag ist ja nicht, dass Patriarchat und Gewaltstrukturen zu bekämpfen, sondern Kranke zu produzieren die dann geheilt werden sollen.
      Danke für deinen Hinweis zu Linehan. Interessant, wie lange sie das nicht sagen konnte. Hätte vermutlich ihre Credibility eingeschränkt wäre das von Anfang an bekannt gewesen. Denn dann wäre sie ja nur “Betroffene” gewesen.
      Liebe Grüße zurück,
      das Steinmädchen

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