Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper. Verlorenes und neu Erkämpftes.

Der Text „Von Gewicht“ hat mich irgendwie aus der Bahn geworfen. Erst wusste ich nicht genau warum. Aber ich glaube es war einmal dieser Satz „Ich habe schon eine Form“. Ein so unglaublich kluger Satz. So hilfreich.
Und doch so wenig zugänglich für mich.
Ich habe keine Form.

Natürlich weiß ich, dass ich rein von einer äußerlichen Betrachtung eine Form habe, eben einen Körper mit Längen und Weiten und Ecken und Kanten und Haaren und Haut und allem was dazugehört. Ich könnte mich hinlegen und nachzeichnen (lassen). Aber es fühlt sich nicht an wie eine Form. Weil es sich nicht anfühlt als wäre dieses Etwas mit Kopf Rumpf Armen Beinen – ein Teil von mir.

Seit einiger Zeit beschäftigt mich dieses Körperdings wieder sehr. Vor allem die ständigen Fremdeingriffe. Vor einigen Wochen versuchte ich es mit einem Gedicht: „fremdkörper“. Ein Gedicht, weil ich anders keine Worte gefunden habe.
Manchmal fällt es mir schwer mit diesen tollen Text umzugehen. Weil ich auch gerne diesen Umgang mit mir erwerben will. Weil ich das Bewundernswert und Radikal finde. Weil meine Formen, mir meinen Körper anzueignen, immer noch mehr auf Zerstörung basiert als auf Akzeptanz.

Die große Frage: Darf ich mich überhaupt wohl fühlen in meinem Körper? Als ich diesen so empowernden Text las, hatte ich das Bedürfnis, nach einer Klinge zu greifen und alles an mir zu zerfetzen. Habe ich nicht gemacht. Und mich darüber geärgert, dass der Gedanke, mich wohlfühlen zu dürfen und zu können, so heftige Abwehrreflexe auslöst. Das darf nicht sein.
Wie unglaublich tief da diese Scheiß-Sozialisation reicht. Frauenkörper sind Körper, an denen gearbeitet werden muss. Immer verbessert. Das einzige von Wert im Patriarchat. Und diesen Wert zu erhalten, erfordert viel Kraft. Und Körper kann beliebig zerstört werden. Eingegriffen. Subtil durch Anforderungen, Marketing, Diäten. Direkt durch Medikamente, Abtreibungsverbote und sexualisierte Gewalt.
Die Macht durchzieht das Körperinnere.
Welche Revolution, wenn Frauen sich in ihrem Körper wohlfühlen! Wie das die Welt auf den Kopf stellen würden. Stellt. Unter anderem meine.

Manchmal bin ich neidisch. Neidisch auf diese Frauen, die sich das so hart erkämpfen. Und dann schimpf ich mit mir. Weil ich ihren Hintergrund nicht kenne. Nicht wissen kann, wie hart dieser Kampf vielleicht war. Weil ich auch schnell mal überlesen, wenn dort doch auch steht, dass es eben nicht leicht ist.
Ich gehe auch meine Schritte.
Sie mögen winzig sein und nicht sichtbar, aber jeder einzelne ist für mich eine kleine Revolution. Mir heute erlauben zumindest zu denken, dass ich meinen Körper mögen darf. Und auch völlig unabhängig von der Form. Alleine das zu denken stellt Grundannahmen und Glaubenssätze schon völlig auf den Kopf.

Ich kann mir meinen Körper – zur Zeit (noch?) – nicht in einem positiven Sinne aneignen. Zu fremd, zu wenig zugehörig. Aber ich bin nicht passiv. Ich akzeptiere nicht einfach Normen unter denen ich leide. Ich wehre mich, mit den Mitteln die ich habe. Mein Körper nimmt Raum ein. Ich bin nicht wenig. Kein Gibtesnicht. Ich entscheide mich inzwischen auch dafür, Raum einzunehmen. Verstecke meinen Körper nicht hinter weiten Klamotten – damit bloß keine meinen Bauch sieht. Ich kann mich nicht verstecken. Ich will mich nicht verstecken. Mein Fett ist nicht einfach da. Mein Fett erfüllt Funktionen. Mein Fett ist ein warmer Schutzmantel. Mein Fett schafft mehr Abstand zwischen mir und anderen. Mein Fett macht, dass ich gesehen werden muss. Dass ich Raum habe und kriege. Mein Fett ist nicht kontextlos und nicht zufällig. Steht sowohl in negativen als auch in positiven Kontexten.
Die positiven Auswirkungen und Gründe zu sehen ist nicht sonderlich anerkannt in unserer Gesellschaft. Fett=Undiszipliniert, Faul, Opfer.
Nichts mit Stärke, Raumeinnahme, Empowerment. Gar Selbstbestimmung. Selbstbestimmung ist schließlich nur, wenn ich mit aller Gewalt versuche, meinen Körper stimmig mit einem Normbild mache.
Wenn ich auf fat-positiv Seiten unterwegs bin, gibt mir das Kraft. Weil ich sehe, wie schön ich diese Frauen finde. Und dann stehe ich vor dem Spiegel und finde mich selbst gar nicht so anders. Und denke: Es ist okay. Ich ermutige mich, mich so anzuziehen wie ich mag. Steinmädchenfemme. Lange verboten gewesen.
„DU kannst sowas aber nicht tragen.“
„Ist das nicht etwas gewagt?!“
„Willst du jetzt auf deine Brüste angesprochen werden?“
Das sind Sätze, die bleiben. Die zwingen sich in meinen Kopf. Die zwingen mir Scham auf. Scham, die ich nicht haben will. Dass ich mich wieder verstecken will. Ich mache trotzdem weiter. Aus Prinzip. Will zeigen, dass ich mich nicht drum kümmer, was die Leute sagen. Was nicht stimmt.
Weil ich es scheiße find, was sie sagen. Weil ich will, dass ich nicht als das böse Individaulproblem gesehen werde. Mal wieder. Weil diese Scheiß-Normierung in Form gebracht gehört, nicht mein Körper. Weil das schon zu viel kaputt gemacht hat. Ich bin wütend. Sehr wütend.
Weil mir etwas weggenommen wurde, was alle Menschen haben sollten. Weil das scheiße ist, dass das ständig von der Gesellschaft noch bestärkt wird. Dass ich da erst wieder was richten muss. Formatieren. Also auslöschen und neumachen. Das wäre doch schön.
Aber ich spiel nicht mit. Nicht nur weil ich nicht will, sondern auch weil ich nicht kann. Sexismussvirus. Formatierung unmöglich. Deal with it.

Damit mein Körper mir nicht mehr wehtut habe ich ihn abgespalten. Während ich in einer sichbaren Ebene viel Raum einforder, ist für mich mein Körper nicht da. Verschwunden. Aufgelöst. Ungreifbar. Weg. Einen positiven Bezug zu einem nicht-spürbaren Körper zu bekommen ist schwer. Sehr schwer. Mir fehlt der Dreh dazu, zu erkennen, dass dieser Körper zu mir gehört. Das ich alleine darüber verfügen darf. Dass ich dieser Macht, die da in meinen Körper ständig hineindringt, etwas entgegensetzen kann.
Aber ich will mehr von diesen Texten. Viel mehr. Ich kann sie nicht selbst schreiben. Aber ich freue mich über jeden einzelnen. Ich möchte unendlich viele Herzen verteilen an alle die Menschen, die über body-acceptanz und Besonders über fatpositiv schreiben. Danke. Ich lese und sauge es in mich hinein und manchmal – da lache ich den body-shaming-troll in mir einfach aus.

6 Gedanken zu „Die Machtverhältnisse durchziehen den Körper. Verlorenes und neu Erkämpftes.

  1. instereonuts

    <3
    Was mich regelmäßig entsetzt, dass in der Gesellschaft Körperform Anerkennung bedingt.
    Abspaltung ist es auch, wenn der Körper als das einzige Kriterium, isoliert von ,,Charakter”, für Gruppenzugehörigkeit gesehen wird. Ein Instrument gegen Einsamkeit, in Hand mit der Abwertung aller eigenen Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Eigenschaften, die eine ausmachen. Wie die Internalisiserung dieser Vorstellung belohnt wird. Wie einer das schwer gemacht wird, nach Abspaltung als Schmerzlinderung und hat sie die Körperformkeule der Gesellschaft erkannt, den Körper wieder aufzunehmen.
    Ich glaube das Annehmen ist v_erlernbar. Was kann helfen? Mir tut mein Körper leid. Durch das was die Gesellschaft und ich ihm angetan haben. Wir können nicht so gut miteinander. Es gibt aber niemand anderen, der sich um ihn kümmern und ihn schützen kann als mich.

    Manchmal meldet er sich mit so unangenehmen Sachen wie Hunger oer Schmerz. Schmerz und Hunger finden aber im Kopf statt. Tut mir leid für die biologistische Erklärung, aber warum sollen Gedanken wichtiger als Hunger sein? Liegt doch eh alles im Kopf nah beieinander. Ich finde die Frage unangenehm, aber hilfreich: Was genau habe ich von mir abgespalten? (,,alles” zählt nicht und ist Vermeidung 😉 ).

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  2. Anonymous

    Manchmal hab ich das Gefühl, dass das gesellschaftliche Idealbild des Frauenkörpers nichtmal in einer bestimmten Form, sondern in der Optimierung, sprich: Hass, liegt.

    Wenn mal wieder Frauen aus meiner Umgebung, die selbst irgendeiner Norm entsprechen, über ihren Körper lamentieren und sich gegenseitig anklagend vorwerfen, die andere sähe zu gut aus, frage ich mich schon, wo das hinführen soll. Und erinnere mich an wahre Freund*innen, die zwar rar sind, aber Solidarität und Support statt Shaming leben. Und denen sehr viel daran gelegen ist, dass man endlich ENDLICH lernt, sich selber zu mögen. Oder wenigstens das ein oder andere zu mögen.

    Schöner als Luzilla kann man es kaum ausdrücken: “es ist mir völlig egal, wie ihr ausseht. wenn ihr in meinem herzen seid, seid ihr da sicher nicht wegen eurer kleidergröße reingekommen.”

    Daher: sucht euch eure guten Menschen; die gibt es.
    Wenn auch wenige.

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  3. Tina

    Ich erlebe das Annehmen des eigenen Körpers auch nur als bedingt praktikabel: eine bestimmte Körperform hat eben gesellschaftlich viele Vorteile. So sehr ich gegen diesen Mechanismus bin, er passiert und ich muss mich in irgendeiner Form damit auseinandersetzen, kann zwar sagen, dass ich der gesellschaftlichen Einschätzung nicht zustimme, das ändert aber nur wenig daran, dass mich weniger Menschen attraktiv finden und dafür viele seltsam und ich somit ein schwierigeres Leben habe als wenn es anders wäre.

    Ich glaube, was vielleicht erreichbar ist, ist, dass ich meinen Körper deswegen nicht hasse, d.h. dass ich mir diese gesellschaftlichen Mechanismen nicht zu eigen mache.

    Und, wie die Kommentator_in vor mir geschrieben hat: es ist wichtig Leute um sich zu haben, die nicht so (normiert) ticken.

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  5. hikE

    Mir selbst hilft, wenn ich mal wieder SelbstHass krieg, sehr stark der Gedanke an meinen Körper als Haus, oder Auto – oder als Kombination aus beidem – er ist mein Wohnmobil (weil Häuser haben ja keine Rollen oder Beine). Auch Schiff (Raumschiff – vollkommene Abhängigkeit von) funktioniert für mich als Metapher.

    Durch diese – sicherlich auch kritisch betrachtbare – künstliche “Abspaltung” wird mein Körper zu meinem Gegenüber/ Gesprächspartner, und ich kann auf die Weise versuchen mit ihm in einen Dialog zu treten.

    Auf jeden Fall bin ich während dieses Lebens vollkommen von ihm abhängig – so viel haben “wir zwei” mittlerweile “mit einander” schon geklärt -, (Verstandes)Ich bewohne dieses manifeste Wunderwerk das sich auf so erstaunliche Weise selbst repariert, und das an mir hängt mit einer Treue, die ich von keinem anderen Lebewesen auf Erden kenne.

    Kennst du jemanden der über dicke Schiffe oder dicke Häuser ohne Bewunderung lästert? Sei Schiff und sei Haus.

    Und dieses Schiff – Haus – Hausschiff – in dem ich mit meinen Geisteskräften herumregiere und -navigiere, das repariert sich nicht nur selbst wenn ich es lasse, sondern das redet auch mit mir, ganz lieb, aber eben Körpersprache, eine Sprache die ich auch nach 45 Jahren Leben noch nicht mal zur Hälfte verstehe.

    Aber eins hat mir dieses mein Seelen-Zuhause immer wieder mitgeteilt: “Hunger mich nicht aus. Geh mir nicht unnötig an die Reserven. Ich bin so. Ich hab dich lieb und lebe nur für dich. Ich bin Dein Haus und versuche jeden deiner Befehle umzusetzen. Aber hör mir zu und hab mich bitte auch lieb. Wohne bitte in mir, in jedem einzelnen Stockwerk, vom Keller bis zum Dach. Sag bitte nicht zu irgendeinem Teil von mir Pfui, sonst versuche ich Deinen Befehl umzusetzen und das Teil mit aller Konsequenz abzuschaffen.”

    Immer wenn ich mich nach einer besonders üblen sexistischen Anfeindung wieder mal in SelbstHass zerlegen will, streichel ich meine Planeten-Plautze mit den zwei Trabanten darüber, und sag zu meinem Haus-Schiff, dass ich es nicht versenken will, und es mir Hinweise zukommen lassen soll wenn ich zu hart an den Abgrund segel.

    Mein Körper-Haus weiß viel mehr über mich als ich selbst, es trifft keine Bauch-Entscheidungen sondern lässt mich schon machen, “sagt” aber wie es das einschätzt, was ich vorhab – und ich weiß das mittlerweile als Kompaß sehr zu schätzen.

    Es war ein langer Weg dahin.

    Die so genannten “Bikinimaße” hatte ich zu einem Zeitpunkt, zu dem ich absolut keine Lust hatte, angestarrt zu werden. Ich “hatte” also quasi nix von “der Figur”, außer dem Gefühl von unbändigem Ärger über die taktlosen, Taxierenden Glotzblicke. Ich kam mir teilweise vor wie auf’m Fleischerhaken zur Beschau aufgehängt und dachte, das kann doch wohl nicht sein dass ich, kaum wachsen mir vorne zwei Hügel, kein Mensch mehr sein soll sondern zum Glotz & Grabsch Objekt degradiert werde, über das sogar die eigenen Eltern normierende Sprüche machen (das war für mich der allergrößte Vertrauensbruch, dass ich plötzlich vom Kind zum “Ehemann”-Dings erklärt wurde)! Darüber hab ich meinen Körper – den mit den “weiblichen Merkmalen und Idealmaßen” – hassen gelernt – und ich hab meinen Körper lange für den Verräter gehalten, und nicht gesehen, dass nicht mein Körper das Problem ist sondern der gesellschaftliche Sexistische Kackscheiss, der meinen weiblich konnotierten Körper (und damit: mich!!!) konsequent abwerten, korsetten, einpassen, verdinglichen will.

    Zur Liebe und Akzeptanz meines jetzt fetten Körpers zurück gings für mich über Jahrzehnte in ganz kleinen Schritten, mit vielen guten Gesprächen und vielen guten Gedanken die mir live und im WWW zugeflogen sind. Und ich mach immer wieder Rückschritte, wo ich neue Gespräche und Gedanken brauche, die mir zeigen, dass ich nicht alleine bin.

    Dein Text gehört zu diesen guten Gedanken, daher geb ich Dir nun meinen Text mit der Hoffnung, dass er Dich stärkt.

    Alles Gute Dir!

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  6. Yvonne

    Es hat mit Entfremdung vom eigenen Körper zu tun durch die Fremd-Beschau, ob Du auch “fuckable” bist! ALLES andere interessiert ja NIEMANDEN. Und Wehe, Du sprengst die Norm, das ist ja ein direkter Affront gegen das aufgezwungene Frauenbild und MUSS bestraft werden,….. vor allem, wenn Du auch noch lustig bist und so GAR nicht beschämt. Da platz’t du ja voll aus dem Rahmen, der für ALLE Frauen vorgegeben ist.

    Früher durften die Frauen ja dann nach dem Wechsel wenigstens Matronen werden. Heute dürfen sie nicht mal mehr das, sondern müssen sich zur Optimierung unters Messer legen. UND? Klar, wir sind selber schuld, wir machen diesen Tanz mit.

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