„Self-harm WORKS.“ Eine blutige Sprache und ihr emanzipatorischer Gehalt

Weiter geht es in der Wahnsinnsreihe mit dem Thema Selbstverletzung.Gedichte und Prosa gibt es schon einiges zum Selbstverletzung von mir: Narbenkind, verkleidet, Nur ein Gedanke, Gewitterkind, Fassadenrisse, Schritt für Schritt.
Im folgenden Text will ich Selbstverletzung als Kommunikation lesen. (Ich beziehe mich meist aufs Schneiden, das Meiste gilt aber auch für viele andere Formen der Selbstverletzung.) Viele der Gedanken hat auch Clare Shaw (Ich empfehle besonders das erste Gedicht mit dem tollen Satz „I do not believe in silence.) bei einer Tagung toll in Worte gefasst, daher ist der Artikel sehr von ihr inspiriert. Außerdem lese ich gerade ein tolles Buch: A Bright Red Scream von Marilee Strong. Und dann stelle ich noch nebenbei die steile These eines emanzipatorischen Charakters von Schnitten in die eigene Haut auf. Widersprüchlichkeiten versprochen.

Selbstverletzung und Sichtbarkeit
Clare Shaw fragte alle Anwesenden im Raum, was sie zum Beispiel nach einem Tag tun würden, an dem alles, wirklich alles zu viel war. Die Antworten waren sowas wie: Trinken. Rauchen. Fernsehen. Streiten. Essen. Sport.
All das kann selbstverletzend sein. Und was tun Frauen* (aber nicht nur) sich nicht alles selbst an: Haare ausreißen und Diäten, den Körper ständig kontrollieren und überwachen müssen. Essstörungen, welcher Form auch immer. Ich gehe tendenziell eher immer davon aus, dass Frauen* Probleme mit Essen und Körper haben oder hatten, als das nicht. Ich fände es ungewöhnlich, bei all den Anforderungen einfach so klar zu kommen. Ein harter Kampf gegen die gesellschaftlich geforderte Selbstverletzung. Und dann kommen „plötzlich“ diese Menschen daher, die ihren Körper ganz bewusst, ganz offensichtlich und direkt verletzen – und die Gesellschaft reagiert verstört. Mehr Sichtbarkeit, als die Normalität ertragen kann.
Gesellschaftlich werden verschiedene Wege des Umgangs gesucht. Entweder Selbstverletzung werden auf Jugendliche projiziert, als pubertäres Ritual abgetan, oder sie werden pathologisiert und Stigtmatisiert. Das Erzeugen von Scham und Zurückweisung sowie Labels wie „verrückt“, „psychotisch“ oder „manipulativ“ dienen dazu, Menschen zum Schweigen zu bringen. Ein verzweifelter Versuch, diese lauten und deutlichen Schreie, die sagen: Es ist etwas nicht in Ordnung! Sie zu ignorieren, nicht mit ihnen umgehen zu müssen. Betroffene werden isoliert und im Untergrund gehalten. Die Sichtbarkeit und die deutliche Sprache überfordern, genauso wie die Offensichtlichkeit der Beschädigung des Körpers – gerade Frauen* sollten ihren Körper doch hegen und pflegen und zurechtdisziplinieren. Erfahrungen, diszipliniert zu werden und schweigen zu müssen.
Clare Shaw sagte auch: „Selfharm ist meaningful. Self-harm is functional. Its for reason. And it works.“ Sie sagte diese Worte sehr eindrücklich. Sie klingen immer noch in meinem Kopf. Gerade auch der Punkt: It works. Menschen würden sich nicht selbst verletzen, wenn es nicht funktionieren würde.
Selbstverletzung kann für so vieles stehen. Für bestimmte Erfahrungen. Für Traumata. Für bestimmte Gefühle. Für ein sich um sich kümmern. Schneiden kann helfen, ambivalente Gefühle auszuhalten. Sie auszudrücken. Schneiden kann dazu dienen, sich zu beruhigen. Zu kontrollieren. Oder zu flüchten. Oder sich einfach nur am Leben zu fühlen.
Also quasi all das, was die alltäglichen Formen von Selbstverletzung wie Rauchen oder Trinken oder Essen auch tun. Nur extremer. Nur sichtbarer vor allem.

Selbstverletzung als Kommunikation
Mir fällt es in diesem Text schwer, die richtigen Worte zu finden. Erschwert wird das ganze dadurch, dass es gute Literatur nur auf Englisch gibt. Anerkennend statt pathologisierend. Manches werde ich übersetzten, manches aber auf englisch verwenden, auch wenn ich sie übersetzen könnte – aber der Klang, die Bedeutungsweite ist einfach ein anderer. Begriffe wie zum Beispiel „silencing“. Jemanden zum Schweigen bringen. Silencing – Schweigen müssen. Das betrifft nicht nur Menschen, die sexualisierte Gewalt in Kinderheit und Jugend erfahren haben (was eben oft in der Literatur angeführt wird, weil der Prozentsatz zugegeben auch sehr hoch ist), sondern viele traumatische Erfahrungen, über die nicht gesprochen werden darf. Rassistische Gewalt zum Beispiel, wenn sie nicht anerkannt / verdrängt und ignoriert wird. Herausgerissen werden. Jede Form von krasser Ohmachtserfahrung. Alles, worüber geschwiegen werden muss. Auch Trauer. Auch Mobbing.
Selbstverletzung ist Kommunikation. Aufbrechen des Schweigens. Narben auf unserer Haut erzählen immer Geschichten, egal ob (oberflächlich betrachtet) selbst zugefügt oder durch Unfälle. Narben erzählen von Verletzungen. Oft von schlimmen Verletzungen. Narben erzählen: Ich was überstanden. Vielleicht sogar überlebt. Sie sagen nicht was es war. Aber dass es schlimm war. Frische oder verschorfte Wunden sagen: Es tut mir weh. Ich brauche Hilfe. Ich muss heilen. Ich kann gerade nicht funktionieren. Es braucht Zeit. Ich habe vielleicht Angst. Ich bin verletzbar. Und vielleicht sterbe ich sogar. Aber ich bin auch stark und mutig, weil ich aushalte.
Es heißt nicht, dass Menschen ohne Narben, ohne offensichtliche Wunden, keine Seelennarben davongetragen haben. Es heißt nur, dass die Menschen mit Narben diesen Weg gewählt haben, um eine Umgang zu finden. Vielleicht, weil sie keine andere Sprache hatten oder haben.
Selbstverletzung ist nicht falsch. Selbstverletzung ist nicht kaputt, auch nicht per se Selbstzerstörend. Selbstverletzung ist bedeutungsvoll. Selbstverletzung ergibt Sinn. Selbstverletzung bedeutet, ein Schweigen zu brechen. Eine Sprache für etwas zu finden, was nicht kommunizierbar ist. Und wenn es nur sich selbst gegenüber ist. Wenn ich mich jahrelang belüge, sowas sage wie: Das kann nicht sein, darf nicht sein, ist nicht gewesen, ist nicht so schlimm gewesen etc. – dann können die Schnitte auf meiner Haut mir selbst deutlich machen: Hey, Steinmädchen, da gibt es offensichtlich Teile in dir, die das anders sehen.
Clare sagte dazu: „The scar – my healing. The bruise – my childhood“. Arme und der Körper können eine Landkarte sein, ein Buch. Verletzungen erzählen Geschichten. Von Schmerz, aber auch von Stärke. Und von Hoffnung. Clare sagt sogar, wir sollten Selbstverletzungen mehr wie ein Gedicht sehen, wie ein Stück Musik.

Selbstverletzung als emanzipatorische Praxis?
Vielleicht ist das eine ziemlich steile These. Aber Selbstverletzung bedeutet auch Kontrolle zu bekommen. Selbstverletzung bedeutet auch, auf eine vielleicht erschreckende Art und Weise, die Macht und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu bekommen. Körper sind verdammt fremdbestimmt in unserer Gesellschaft. Aber niemand kann mir verbieten, mich zu verletzen. Nicht dass das nicht oft Menschen versucht hätten, gerade „Professionelle“.
Es mag eine seltsame Form von Widerstand sein. Aber manchmal bleibt nichts anderes. Oder manches ist schwer zugänglich. Bei Selbstverletzung steht ein (vielleicht auch absurder) Wille zu (Über-)Leben steht im Fokus. Für weniges lohnt es sich sonst, so weit zu gehen. Von Märtyrertum halte ich nicht viel.
Selbstverletzung öffnet viele Rollen, die individuell nachgespielt werden können – und so nicht nur reproduzieren sondern auch verändern können. Victim, perpetrator und auch loving caretaker, die die selbst verursachten Wunden pflegen und heilen lassen kann.
Emanzipation bezeichnet die Befreiung von Unterdrückung. Das Aufbrechen von Machtstrukturen. Empowerment. Wie könnten Schnitte in die eigene Haut, also offene Selbstzerstörung befreiend sein?
Befreiend ist es, sich von einem Druck zu lösen.
Befreiend ist es, den Körper wieder zu spüren.
Befreiend ist es, Wut und Ohnmacht loszuwerden.

Das Problem scheint zunächst: Selbstverletzung individualisiert. Wenn ich versuche, meine Wut, meine Ohmachtserfahrungen, meinen Stress mit mir selbst auszumachen, dann bin ich schon in die Falle der Individualisierung getappt. Dann richtet sich die Wut nicht dagegen, wogegen sie sich richten sollte: Gegen das Patriarchat, gegen die ganzen Diskriminierungen. Gegen Gewalt, vor allem gegen gewalttätige Strukturen.
Aber ganz so individualisierend ist Selbstverletzung dann doch nicht: Sie zerstört das, was Frauen vom Patriarchat an Wert zugestanden wird: Den Körper. Selbstverletzung bricht Tabus, Tabus eines heiligen Körpers. Und Selbstverletzung gibt Kontrolle und Entscheidungsmacht an die Frau ab, die eine Klinge nutzt, um Erfahrenes zu bewältigen.
Es scheint wohl Paradox, aber manchmal ist die Zerstörung des eigenen Körpers das, was bleibt, um sich selbst zu ermächtigen.

Selbstverletzendes Verhalten kontrollieren
„The truth about childhood is stored up in our body and lives in the depth of out soul. Our intellect can be deceived, our feelings can be numbed and manipulated, our perception shamed and confused, out bodies tricked with medication. But our soul never forgets. And because we are one, one whole soul in one body, someday our body will present its bill.“ (Alice Miller)
Ich glaube das Wichtigste ist, sich klarzumachen, dass es nicht um die Selbstverletzungen geht. Dass sie nur eine Sprache sind, für etwas, was sonst keinen Ausdruck findet. Nirgendwohin darf. Dass es eine Möglichkeit eines Umgangs mit Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen und Erleben ist, wofür es sonst keinen Umgang gibt.
Die erste Frage sollte sein: Will ich das überhaupt? Will ich wirklich aufhören? Oder nur weil das von mir erwartet wird? Oder weil ich irgendwie weiß, dass das nicht so toll ist? Bin ich wirklich bereit, diese Sprache wegzugeben? Kann ich mich anders ausdrücken? Und immer wieder wieder und wieder radikal ehrlich zu sein: Will ich wirklich, wirklich aufhören?
Wenn nicht ist nämlich die Frage nicht, wie kann ich aufhören, sondern dann ist die Frage: Wie kann ich lernen, aufhören zu wollen? Was brauche ich dafür? Was muss sich ändern?
Das Problem ist, es gibt gerade im deutschsprachigem Raum keine richtigen Vorbilder, keine coolen Optionen zum Umgang. In Therapien gab es Anregungen, klar. Aber auch viele Verbote, Verträge und vor allem Verhaltensanalysen. Strafen. (In der Klinik war es so: Selbstverletzung bedeutete, 2 Stunden Time out. Ab aufs Zimmer. In der Zeit eine Verhaltensanalyse schreiben. Die Zwischenbesprechen mit Mitpatientinnen und Bezugspflege. Ein neues Einzel bei der Therapeutin gab es erst wieder danach. Damals nannte ich das Struktur und fand es hilfreich. Heute finde ich es krass repressiv. Vor allem weil ich das, was mir am meisten geholfen hat, nämlich die Auflösung des Verbotes, mit viel Energie durchboxen musste. Und es wurde immer neu in Frage gestellt.)
Und wenn ich Büchern und Filmen glauben würde, gäbe es drei Optionen die mir aus der Selbstverletzung helfen könnten: Heterobeziehung, Selbstmord(versuch) und Amoklauf. Letzteres tendenziell auch nur für männlich Sozialisierte gedacht. Irgendwie nicht so prickelnd wie ich finde.
Vor einiger Zeit habe ich mal den Text Narbenmund geschrieben: „Ich suche nach Worten um der Sprachlosigkeit zu entfliehen. Nach Worten, die stark genug sind.“ Das geht mir heute immer noch. Ich jongliere mit Worten, mit Gedichten, Prosa und Texten. Ich mache Musik. Nehme alles, was ich finden kann, um einen Ausdrücken zu können. Klammer mich an jeden Strohhalm. Und doch bleibt oft die Sehnsucht zurück, nach dieser Sprache, die so gut funktioniert hat. Für Unterstützerinnen ist es nicht leicht, mit Selbstverletzungen umzugehen. Es macht wütend, verletzt, traurig, hilflos, vielleicht löst es auch Ekel aus – oder auch Neid. Dieses Wissen, dass Selbstverletzung nicht schlimm ist, nicht böse, sondern bedeutungsvoll, dass sie Sinn ergibt – dieses Wissen erleichtert den Umgang für Unterstützer_innen wohl nicht. Denn wenn sich nicht mehr hinter eine pathologische Schutzdistanz zurückgezogen werden kann, wird deutlich, welcher Schmerz, welche Verletzungen eigentlich dahinter liegen müssen. Selbstverletzung ist quasi pure, geballte Emotion. Wenn Schnitte als Sprache gedeutet werden würden, müssten sich Menschen die Ohren zuhalten vor den lauten Schreien. Aber Blut in Sprache zu übersetzen ist auch für andere nicht leicht. Sonst könnten wir vermutlich auch in einer Wortsprache sprechen. Vielleicht ist es wichtig, zusammen eine Sprache zu finden, die Schmerzen ausdrückt.
Mir helfen Worte. Mir hilft es zu reden. Mir hilft es, so unangenehm es auch ist, hinzugucken, was das eigentliche Problem ist. Warum ich das Bedürfnis habe mich zu verletzen. Warum ich das nicht woanders her kriege. Und mir hilft es, mir niemals die Option zu verbieten. So kann ich „locker“ sagen: Ne. Jetzt nicht. In fünf Minuten kannst du ja auch noch. Oder in einer Stunde. Oder morgen früh. Wenn es gar nicht anders geht, weißt du, wo die Klinge ist. Und Humor hilft mir. Selbstverletzendes Verhalten hat halt an sich schon etwas sehr ironisches. Ich schade mir selbst, damit es mir besser geht. Vielleicht ist es dieser Widerspruch, der Humor so wichtig macht. Oft ein bösartiger, schneidender Humor bei denen Nicht-Betroffenen es oft im Hals stecken bleibt. Wenn mir jemand beim Apfelschneiden skeptisch auf die Hand schaut, weil ich mich ungeschickt anstelle, haue ich schnell noch ein: „Keine Sorge, ich kann mit Messern umgehen“ rein.

Puh. Es ist ein langer Text geworden. Und trotzdem habe ich das Gefühl, Vieles nicht gesagt zu haben. Aber das Wichtigste wohl: Selbstverletzung ist eine ganz eigene Sprache, nach eigenen Regeln. Es ist nichts falsches daran. Im Gegenteil, Selbstverletzung kann sogar empowernd wirken. Reclaim your body, reclaim your life. Egal was Psycholog_innen dazu sagen mögen.

Zu Kommentaren: Wie immer gern, wenn ihr jedoch vorhabt, Begriffe wie „krank“, „hysterisch“, „aggressiv“ oder „vollkommen kaputt“ zu verwenden, vorhabt zu schreiben, dass mich nur mal jemand lieb haben muss… Dann lest bitte diesen Artikel zuerst. Ich bin also für Anregungen und Weiterdenken dankbar. Von Betroffenen und Nicht-Betroffenen bzw. auch Menschen die sich auf subtilere Art und Weise selbst schaden. Ich möchte Kommentare. Weil es ein Thema ist, das in der feministischen Szene Thema ist – dadurch das es viele Menschen mit diesen Narben gibt – und gleichzeitig kein Thema ist. Aber gerade Nicht-Betroffene ziehen sich da sehr zurück. Schweigen. Und ich mag Schweigen nicht. Und ich frag mich warum. Warum keine fragt. Zu viel geballte Emotion? Zu „persönlich“? Ich würde das gerne besser verstehen.

18 Gedanken zu „„Self-harm WORKS.“ Eine blutige Sprache und ihr emanzipatorischer Gehalt

  1. Nic

    Aufhören wollen, Aufhören sollen…..

    Ich bin ja auch ziemlich therapieerahren. Die Professionellen Menschen, die mich begleitet haben (ambulant oder stationär) kamen aus der psychodynamischen, teilw. psychoanalytischen Ecke.
    Da wurde sich dafür interessiert, welchen Zweck Symptome verfolgen, und welche inneren Konflikte oder Entwicklungsschwierigkeiten oder dergl. zugrundeliegen. Für das Symptom selbst haben sie sich da jetzt eher weniger interessiert.
    Ich wurde nicht ein Mal in der Therapie gedrängelt mit SVV aufzuhören. Es gab keine Sanktionen, aber auch keine “Belohnungen” (wie “ohje schlimm verletzt, jetz ein extra gespräch).
    Verpflichtend, wenn stationär, war es versorgen zu lassen (also doch eine kleine Belohnung die aber halt schlecht zu vermeiden ist), mehr nicht.

    Ich wurde da also völlig in Ruhe gelassen, was meine Entscheidung wann und wie ich mich verletzen will angeht und es gab wenig Werturteile drüber, also von wegen “ich muss aber aufhören”.
    Mein Freundeskreis war da auch echt locker, als ich es mal sagte, also bewerteten das nicht so viel anders als eben Trinken oder Drogen oder dergl.

    Ich kenn ja den Vergleich aus jetzt z.B. Selbsthilfeforen, wie viele Leute da ständig diesen Druck hatten aufhören zu sollen, und auch auhören wollen zu sollen.
    Viele finden diesen Druck auch gut, also zeugt von interesse. Würden sich die Therapeuten nicht für ihr SVV interessieren wären sie entttäuscht. Wünschen sich vll Begleitung wirklich beim aufhören, weil sie denken sie können nicht allein aufhören. Dennoch hab ich mir oft gedacht – ob die Vorteile die Nachteile da echt überwiegen?

    Lange Zeit war für mich klar, dass es gar nicht um aufhören geht. Ich wollte nicht aufhören. Interessant fand ichs trotzdem wieso ich mich verletze oder eher: wozu, und was die Selbstverletzung bedeutet. Das war hilfreich.

    Völlig offene Gespräche mit anderen Betroffenen, fernab von Therapie, haben mir auch sehr geholfen. Und mir völlig offen meine ich, dass wir uns gegenseitig unsere Verletzungen zeigten (evtl Fotos wenn mans nicht persönlich tun konnten), dass wir darüber redeten genau wie wir es tun, wie wir uns dabei fühlten, und auch auch alles, was zu positiv, zu sehr zelebrierend oder “verharmlosend” wär für die meisten geäußert wurde. Alles hatte Platz, von Ängsten über Konkurrenz (klar gibt es die ja überall und so auch bei dem Thema), Frust, Freude….. Mich offen mit anderen vergleichen können statt heimlich z.B. war so hilfreich.
    Das war wichtig.

    Irgendwann wollte ich dann auhören,
    und das bringt mich auch so zum Punkt…… Kommunikation und SVV

    Bei mir kam der Beschluss aufzuhören zusammen mit berufl. Wünschen.
    Natürlich finde ich es – nur so als Beispiel – unfair dass nen Arzt alle halbe Stunden eben schnell eine rauchen gehen kann, und selbst wenns auch Kritik gibt, niemand wird ihn deswegen für so zutiefst ungeeignet halten, während es so ziemlich undenkbar wäre dass nen Arzt jeden Abend zur entspannung sich die Haut aufschneidet und das öffentlich bekannt ist…..
    Aber so ist es auch nun mal.
    Sprich, wenn ich mit meinem SVV und nun meinen Narben umgehe, gehts auch drum welche Ziele ich im Leben habe, und welche durch SVV verleidet werden können.

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    1. Nic

      Somit ist SVV schon mal ganz und gar nichts persönliches. Das ist dan ein bisschen vergleichbar damit ob man wirklich dieses Tattoo an dieser sichtbaren Stelle haben will, wenn man später vielleicht diese oder jene beruflichen Ambitionen hat.

      Das wär also übrigens schon mal die 4 Option – irgend etwas im Leben wird einem wichtiger als das SVV. Und dazu wirds dann notwendig SVV aufzugeben.

      SVV ist schön und gut, immer wieder spannend, immer wieder wahnsinnig ästhetisch ansprechend, immer wieder hilfreich aber SOOOOO wertvoll dass ich dafür andere wertvolle ziele augeben wöllte wars dann auch nicht.
      So hab ich aufgehört.

      Therapeuten haben mir viel mehr bei der Erfassung dieser Ziele, was mich da interessiert und was mich brembst unterstützt. Beim “mit SVV aufhören” nicht. Das war irgendwie sehr einfach: Einfach nicht mehr verletzen. Das klingt jetzt so lächerlich, aber es war wirklich nicht mehr dran als das.

      Ob SVV empowernder ist als andere Arten der Selbstverletzung weils so in-your-face ist – ich weiss nicht. Ich finds total schlüssig, was du sagst, einerseits!

      Aber ich weiss von mir auch, dass das Ausmaß meines SVV nur daher möglich war, weil ich eben so eine brüchtige Beziehung zu meinem Körper hatte.
      Ich meine SVV ist ja schon krass, um diese Schmerzen angenehm zu finden oder nicht zu spüren muss man sich ja sehr von seinem Körper distanzieren denke ich.

      Und was ich so für mich richtig empowernd fand ist Körperwahrnehmung.
      Also ich meine damit nicht eben sich optisch leiden können und “schön finden” usw – sondern es zu mögen den Körper zu spüren, wahrzunehmen.
      Also Wow, wie die Muskeln arbeiten, krass wie weich diese Stelle sich da anfühlt, dieses Gelenk hier ist so biegsam, diese Hände sind so geschickt – zu merken, was mein Körper alles kann und tut – also so hats bei mir funktioniert meinen Körper immer toller zu finden.
      Dazu ist dann Körperwahrnehmung wichtig, und SVV und Körperwahrnehmung verträgt sich finde ich nicht so gut, zumindest wars bei mir so. Dann hab ich die Verletzung angenehm wahrgenommen immer die Tage danach, aber meinen Körper als ganzes? Weniger.

      Und ja alternative Kommunikationswege zu SVV finden ist megawichtig.

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  2. Anonymous

    Unglaublich guter Text. Aber auch sehr unangenehm. Mir geht es jetzt schlecht und ich bin fertig. Warum? Weil du total gut und verständlich dargestellt hast, was SVV wirklich bedeutet, weil mein Kopf nicht weiter wollte als zu denken: Selbstverletzung ist Selbstverletzung. Vor allem bezogen auf mich selber. Ein Stoß in Richtung Wahrheit, eigentlich richtig. Was daran jedoch unangenehm ist, ist dass die gesellschaftlichen Strukturen vehement dagegenhalten. Dass in jener Sekunde Menschen dazu ausgebildet werden, für Menschen mit SVV zu sprechen und sie somit zum Schweigen zu bringen. Und auch ich. Ich habe mit dem Verbrennen aufgehört und habe mir eine gesellschaftlich eher akzeptierte SV gesucht, das Rauchen u.a.. War dann auch leicht zu sagen: SVV? Damit habe ich doch nichts zu tun! Rauchen will ich nicht mit Scheiden gleichstellen, das muss ich dir glaub ich nicht erklären. Die Mechanismen und Motive sind jedoch ähnliche, wenn nicht schon fast dieselben.
    Es macht mich im ersten Moment ohnmächtig zu sehen was ich damit eigentlich bezwecken will und welche mächtigen Strukturen dahinter liegen, die das Ziel für mich unerreichbar machen. Und wie schwer diese zu verändern sind. Aber die empowernde Wirkung der Wahrheit braucht oft Zeit.
    Selbstbestimmung, Selbstbestimmung, Selbstbestimmung. !.

    Das Aufzwingen einer Verhaltensanalyse spricht gegen Selbstbestimmung, das ist mir klar. Aber spricht es gegen die Verhaltensanalyse? Was meinst du?
    Ich weiß nur zu gut, dass eine Verhaltensanalyse so dümmlich erscheint, weiß man wie solche Methoden entstanden sind. Behaviorismus par exellence. Aber ist es nicht hilfreich sich eben sehr wohl damit zu beschäftigen, warum frau_man sich geschnitten hat? WANN das passieren soll soll die Person selber entscheiden, das ist mir klar. Und dass auch oft das Feedback, hat frau_man eine VA gemacht, nicht befriedigend ist und methodisch begrenzt, das denke ich mit. Also, was meinst du?

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    1. Steinmädchen

      Hm die Verhaltensanalyse hat mir tatsächlich immer viel gebracht. Zu verstehen, warum ich was tu. Aber die Grundhaltung die dahinter steht bleibt ja: Das was du gemacht hast war falsch. Du musst rausfinden warum um das dann verhindern zu können.
      Punkt 7 einer VA ist: Wiedergutmachung. Habe ich früher immer verteidigt. Bin ich jetzt auch skeptisch.
      Aber verstehen ist gut. Die Frage ist einfach, welches Werkzeug dafür geeignet ist. Und nach welchen Regeln. Vor allem nach wessen Regeln.

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  3. Lena Schimmel

    Hallo Steinmädchen,
    Zunächst mal: ich finde deinen Text unglaublich gut, da du darin viele Dinge sehr gezielt auf den Punkt bringst, von denen ich bisher gar nicht ahnte, dass man dazu überhaupt etwas schlaues sagen könnte. Geprägt von der allgemeinen gepredigten Haltung “SVV ist nie etwas Gutes” war ich zwar ganz zu Beginn irritiert, was ich von einem Beitrag halten soll, der SVV positiv darstellt. Aber die Zweifel waren schnell weggeblasen.

    Du wunderst dich also, warum andere bei diesem Thema so selten Fragen stellen oder kommentieren. Ich versuche mich mal an einer Antwort aus Sicht einer Person ohne nennenswerte Erfahrungen mit SVV. Normalerweise halte ich mich möglichst aus Themen heraus, von denen ich keine Ahnung habe, in Anlehnung an Sprüche wie “Schweigen ist Gold” und “…einfach mal die Kresse halten”. Somit hätte ich hier nicht kommentiert, wenn du nicht ganz ausdrücklich auch Nicht-Betroffene dazu ermuntert hättest.

    Ich kenne Menschen, die sehr gründlich versuchen, ihre Schnitte zu verstecken, so dass ich diese manchmal erst nach Jahren gesehen habe. Keine Ahnung, ob das etwas mit schön vs. hässlich zu tun hat, oder mit Scham, mit der Stigmatisierung und Pathologisierung, oder mit noch anderen Faktoren. Und dann kenne ich Menschen, deren Schnitte sehr öffentlich zu sehen sind, obwohl es wenig “Aufwand” wäre, sie zu verdecken. Das hatte ich bisher immer interpretiert als “es ist mir egal, ob ihr das seht.” Auf die Idee, dass es sichtbar sein soll, also ein bewusster Akt der Kommunikation sein könnte, bin ich bis zu deinem Text meist nicht gekommen. Daher werde ich Narben in Zukunft anders lesen.

    Ob und wie ich darauf angemessen reagieren kann/soll, weiß ich aber nach wie vor nicht. Wenn mir jemand verbal kommuniziert, dass es ihm/ihr schlecht geht, dann antworte ich verbal. Jemanden auf ihre/seine Narben anzusprechen erscheint mir aber eine Grenzüberschreitung zu sein, denn selbst wenn die Narben eine Äußerung sind, enthält ja nicht jede Äußerung die Aufforderung zur Antwort.

    Wenn in meinem Beisein tatsächlich mal jemand direkt von SVV berichtet hat, dann habe ich das bisher nur auf die Auslöser bezogen, also auf die Erlebnisse und Situationen, die diese Person dazu gebracht haben, sich zu verletzen. Also die Verletzung als Symbol für das, was dahinter steht. Das Verletzen an sich zu thematisieren, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.

    Da ich schon ab und zu mal etwas übers “Triggern” gelesen hatte, habe ich beim Thema SVV auch den Impuls, bloß nicht zu sehr ins Detail zu gehen. Ich fürchte also, dass ich die andere Person sonst “triggern” könnte und verletzt sich meinetwegen verletzen könnte. Diese Grundeinstellung, für die Handlung der anderen Person (mit-)verantwortlich zu sein, kann durchaus sehr egozentrische Züge annehmen. Ganz persönliches Beispiel: Als wir bei Twitter kürzlich darüber twitterten, wie kacke Psychotheraphie sein kann, und du kurz später schriebst, dass du an SVV denkst, war meine erste innere Reaktion auch eher “Oh mein Gott, hab ich das jetzt ausgelöst?” Inzwischen gehe ich davon aus, dass ich wohl eher nichts damit zu tun hatte, und wenn doch, sähe ich das nicht mehr also so dramatisch an wie damals – obwohl es mir natürlich Leid täte.

    Ansonsten gibt es noch viele andere Stellen und Themen in deinem Text, zu denen ich gerne etwas sagen oder fragen würde, aber das kommt dann ggf. später mal in einem gesonderten Kommentar, dieser hier ist schon lang genug. Außerdem habe ich einen gewissen Qualitätsanspruch an meinen Geschreibsel, wenn ich jemanden zutexte, und in den letzten Tagen fällt es mir eher schwer, sinnvoll zusammenhängende Sätze zu formulieren.

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    1. Steinmädchen

      Ich glaube du hast mit dem “ist mir egal” auch recht, ich zeige sie jedenfalls nicht bewusst um damit was zu sagen/zu zeigen. Ich weiß ja selbst nicht genau was cool ist, weil ich ja oft auch ganz anders bin als andere Betroffene.
      Und ich stimme dir völlig zu bei: “denn selbst wenn die Narben eine Äußerung sind, enthält ja nicht jede Äußerung die Aufforderung zur Antwort.”

      Schmaler Grad zwischen ignorieren, unsichtbar, schweigend lassen und einfach so fremde Menschen auf ihre Narben anzusprechen.

      “Diese Grundeinstellung, für die Handlung der anderen Person (mit-)verantwortlich zu sein, kann durchaus sehr egozentrische Züge annehmen.”
      Ja das stimmt auf jeden Fall. Das ist immer so eine Gefahr, deswegen stehe ich Triggerwarnungen zB kritisch gegenüber. (Und nein, hatte natürlich nichts mit den Gespräch zu tun, eher mit diesem Text.)

      Ich jedenfalls sage immer deutlich wenn mir was zu viel wird / höre auf Texte zu lesen etc. Das muss keine andere für mich tun.

      Antworten
  4. Ivy

    Als eine, die aus dem Umfeld Betroffener kommt:

    Neid. Das hat mich wirklich angesprochen. Vielleicht habe ich komische Komplexe, aber vielleicht bin ich auch nicht die Einzige. Ich verspüre nicht selten Neid gegenüber denen, die fähig sind, mit solch radikalen Aktionen Aufmerksamkeit zu erzeugen für ihren Zustand, Mitgefühl, dass man sich um diese Menschen dann eher kümmert. Ehrlich gesagt, bis vor einem Monat habe ich über SVV nicht wirklich nachgedacht, für mich war es nur pubertäres Verhalten – bis ich feststellte, dass sich mehrere meiner Freund_innen selbst verletzten. Ich las ein paar Artikel dazu und konnte auch recht schnell mich an den neuen Umgang damit zurechtfinden, also an einen akzeptierenden. Passte auch viel besser zu meinen restliche Haltungen zu verwandten Themen.

    Mir ist aber auch schmerzhaft bewusst, wie sehr das in das Problem hineinspielt, dass ich immer schon hatte: Dass die psychischen Probleme anderer einfach eher ernst genommen werden. Weil sie perfekte Fassaden herspielen, oder es zumindest versuchen und kläglich daran scheitern, um im nächsten Moment eine Psychose durchzmachen oder sich selbst verletzen oder einen Streit mit Partner_in anzuzetteln. Da ist dann allen klar: Da ist was los. Dass es in ihren Fällen nicht Drogen sind, darüber müsste ich mich wohl freuen. Ich hingegen habe länger schon einen lapidar-ehrlichen Umgang mit meinen Problemen entwickelt, ich spiele niemandem was vor, und meine Probleme sind alle sehr siechend: Träge, lähmende, vor sich hinsiechende Depression seit vier Jahren. Bis zur Unfähigkeit, die einfachsten Alltagsaufgaben zu erledigen. Die Therapeutin anzurufen. Dazu extreme Müdigkeit, immer die Müdigkeit.

    Und da wünsche ich mir dann auch ich könnte meine Seelennarben auf meine Haut projezieren. Aber ich kann es nicht. Ich hab Angst vor Nadeln, und dass die Haut über meinen Pulsadern so dünn ist, macht mir extrem nervös. Es ist, als ob ich eine eingebaute Sicherung hätte, die so ein Verhalten nicht zulässt, auf jeden Fall nicht so ein direkt selbstverletztendes. Nicht mal Alkohol, nur Essen & Zigaretten, was nun mal wirklich nur auf lange Sicht “wirkt”. Vielleicht ist es ja genauso selbstverletzend, dass ich nächtelang wachbleibe, um den ganzen Tag lang durchzuschlafen und mich elendig zu fühlen. Oder einen halben Liter Eis zu essen trotz Intoleranz. Aber es ist nie was sichtbares, dass ich wieder mal zu Hause penne, ist nun mal nicht sehr dramatisch. Vielleicht ist es meine Krankheit, zu dieser Art der “Selbstverletzung” gezwungen zu werden.

    Und dann heißt es immer nur: Die fehlt die Selbstdisziplin. Wieso gehst du nicht früher schlafen? Du bist faul! Wieso machst du nicht mehr Sport? (Antwort: Weil es weh tut. Und ich mir nicht wehtun will.) Reiß dich zusammen! Aber es geht nicht. Ich weiß, du hast Depressionen, aber du musst was dagegen TUN!

    Naja und dann gibt es da noch das Motiv des Ich-gegen-Ich, wobei es oft nicht mal klar ist, welches Ich sich grad verletzen will und welches nicht. Und dass ich sehrwohl z.B: zur Haarentfernung ziemliche Schmerzen auf mich nehme. Und ich mich frage, wie sehr mich der Diskurs über SVV vielleicht doch triggert. Oder ob nicht jedes Verhalten, dass Vor- und Nachteile hat, irgendwie als selbstverletzendes zu sehen ist. Und die Wissenschaftlerin in mir, die es doch irgendwie als einen Fehlschaltung im Gehirn betrachtet, dass SVV zu Erleichterung führt. Dass man es macht, ist dann wohl logische Folge davon. Aber dass es diese Folgen hat?! Es ist alles sehr komisch. Aber es bleibt der Neid gegenüber der Dramatik. Gegenüber Menschen, die es trotz allem immer schaffen, Menschen um sich zu versammeln, die alles geben würden, um ihnen zu helfen. Hm.

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    1. Steinmädchen

      Hey, danke, dass du genau diesen Aspekt rausgegriffen hast. Betrifft mich nämlich auch. Wenn ich mich nicht verletze, weil es einfach nicht (mehr) mein Weg ist, bin ich doch manchmal sehr neidisch auf die Personen die das aktuell tun. Weil ich auch gerne würde, zumindest ein Teil von mir. Was absurd ist, weil ich auch die ganzen Nachteile kenne.
      Und mit alle kümmern sich dann und helfen usw. ist ja auch nichts. In der Regel überfordert SVV und bringt Menschen zwar dazu, vielleicht schnell ihre Hilfe anzubieten, aber dann doch nichts zu tun (können).

      Theoretisch ist SVV so sichtbar. Dann aber auch wieder nicht. Weil es letztendlich auch eine Geheimsprache ist. Geheimsprachen sind nicht immer so leicht übersetzbar.

      Antworten
  5. Faye

    Endlich mal ‘n wirklich wertungsfreier Text zum Thema. Hab da außer “danke” leider nicht viel zu sagen. Könnte aber an der Uhrzeit liegen. 😉
    Hab selber vor vier Jahren aufgehört aber nicht weil ich es nicht mehr wollte sondern weil es ständig zu Problemen mit dem Umfeld geführt hat. Soweit also zur Emanzipation. -.- Verbessert hat sich dadurch nichts, außer dass ich nun tatsächlich gar kein Ventil mehr für intensivere Emotionen habe. Wenn man Patienten schon das SVV verbietet sollte man ‘ne bessere Alternative als Gummibänder und Chillischoten zur Hand haben.

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  6. Liriana

    Was für ein guter Text und was für ein guter Blog. Klug und genau und mit viel Feinheit geschrieben. Dieser Zusammenhang von SVV und (sprachlichem) Ausdruck und somit die Verbindung von Schneiden und Kreativität ist etwas, das mich selber schon lange beschäftigt. Irgendwann, wenn sich der Text etwas gesetzt hat, schreibe ich vielleicht noch einen längeren Kommentar. Vorerst schliesse ich mich einfach Faye an und sage “Danke”!

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  7. Anonymous

    Ich hab mich über deinen Text sehr gefreut. Hauptsächlich, weil es einfach vielzuwenig Texte über SVV gibt und so gut wie gar keine, die nicht psychisch-krank-abstempelnd sind, nicht strikt Anti-SVV und dabei noch gut begründet. Interessant finde ich deine Aussagen zu “SVV als Empowerment”. Die teile ich zwar nicht komplett, aber das ist auf jeden Fall etwas, wo ich mir jetzt mehr Gedanken zu machen will. 🙂
    Was ich meine mit, dass ich das nicht komplett Teile, ist, dass ich glaube, dass Menschen sich aus so unglaublich vielen unterschiedlichen “Gründen” selbstverletzen, dass eine “These” dazu zwar in vielen Fällen “gut und richtig” sein kann, aber nicht für alle geltend. Also, ich glaube, dass Selbstverletzung als Folge schon hat, dass eine Person über ihren Körper bestimmt (denn das tut die Person in dem Moment ja einfach), also, dass sich aus der SVV Selbstbestimmung ergibt, aber nicht Grund für die SV sein muss.

    Zu dem “Narben öffentlich zeigen, wenn diese einfach abzudecken wäre” (in den Kommentaren) will ich auch noch unbedingt was schreiben. Ich hab kurz einen Schock bekommen, weil das eine große Angst von mir ist, dass Menschen glauben, ich wollte angesprochen werden, weil ich im T-Shirt raumlaufe. Es gibt sicherlich Menschen, die sich wünschen, darauf angesprochen zu werden/Reaktionen zu bekommen. Es gibt aber auch Menschen, die es einfach leid sind, ständig Pullis zu tragen, nicht “einfach so mal die Ärmel hochkrempeln zu können”, ständig darauf zu achten, das bloß nicht der Ärmel hochrutscht. Ich bin es inzwischen auch leid und lauf deswegen auch im Shirt rum. Und es ist jedesmal eine Überwindung und jedes mal komm ich nicht davon weg, mich angestarrt zu fühlen, Angst zu haben, darauf angesprochen zu werden, Angst vor Kommentaren und Verurteilung zu haben. Ich versuche dadurch zu gehen. “Egal” ist es mir leider (noch?..) nicht..
    Deswegen – Fremde anzusprechen (außer die Personen sehen aus, als hätten sie gerade die Mega-Krise und kommen nicht mehr klar) finde ich, geht nicht. Weil bei Fremden einfach unklar ist, was sie möchten. (Wobei das vielleicht auch einfach aus meinem Egoismus heraus gesagt ist, weil ICH nicht drauf angesprochen werden will..muss ich nochmal drüber nachdenken)

    Aber der Punkt hängt, finde ich, auch ein bisschen mit dem angesprochenen “Neid” zusammen. Also, dass bei Menschen mit Narben darüber geredet wird, ob diese angesprochen werden sollen. Und nicht eher darüber, ob Menschen in irgendeiner Art “zeigen”, dass sie ein Problem haben und Hilfe brauchen. Also, weil es einem Menschen, der grad ne richtig beschissene Zeit durchmacht vielleicht schlechter geht, als jemandem, der*die mit alten Narben durch die Gegend läuft. Aber wenn überhaupt wird nur eine Person angesprochen. Nämlich die, der vermeintlich anzusehen ist, dass etwas nicht o.k. ist. (Was ja nichtmal der Realität entsprechen muss. Der Person mit Narben könnte es inzwischen ja auch schon wieder total gut gehen…)

    Genug davon. Auf jeden Fall danke, für deinen Text, jetzt fallen mir auch noch immer mehr Dinge ein, über die ich noch ein bisschen nachdenken muss 🙂

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  8. Anonymous

    Nur ein kurzer Kommentar von einer jungen Frau die sich selbst verletzt hat über Jahre mit schneiden und kratzen, die seit Jahren raucht und ihren Körper mit Restriktionen in Schach hält, die ein Workaholic ist und immer genau das tut, wovor sie eigentlich Angst hat und die auch immer darauf bedacht ist, dass niemand weiß, was eigentlich dahinter steht, nämlich sich selbst spüren, am Leben sein, weil nichts tun in íhrem Falle den Tod bedeuten würde, allerdings oft pathologisiert von TherapeutInnen, als Anhedonistin bezeichnet, verurteilt, angeschrien, bemitleidet. Die ganze Bandbreite, die sicherlich viele Menschen, die in solchen selbst auferlegten und ausgedachten helfenden Mechanismen leben. Ich danke dir für diesen Text aus ganzem tiefen Herzen. Er bringt auf den Punkt, was ich immer fühlte und nie ausdrücken konnte oder mich nicht traute mit anderen so darüber zu sprechen. Ich danke dir für die Radikalität deines Ansatzes und das du es einfach so schreibst, dir nicht den Mund verbieten lässt, von dem was “die Gesellschaft” als “krank” oder ähnliches ansieht. Ich danke dir, dass du Menschen, die sich selbst in welcher Form auch immer, verletzen nicht als Opfer beschreibst und betrachtest. Ich danke dir, dass du sagst, dass es gewählt ist. Denn das ist es und es so zu sagen und zu betrachten gibt Kraft, self-empowerment und löst aus dieser Therapieschockstarre.

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  9. Pingback: Vergeben, Vergessen – denk doch mal positiv! | Anarchistelfliege

  10. Schwan

    Richtig genialer Text. Schön, mal was anderes zu lesen als “das ist voll gestört und bringt gar nix und überhaupt!1!111einself”.
    Danke!

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  11. Pingback: dies ist kein liebeslied | can i say no ... ?

  12. alleb

    ein kleiner Kommentar von einer ex- schneidenden…

    von etwa 2007 bis ziemlich genau Ende 2011 habe ich mich selbstverletzt. Probleme mit Essen gehabt. Mich einfach nur unendlich gehasst. 2012 hatte ich eine Beziehung, und ohne dass ich mit der Person darüber sprach (zumindest anfangs nicht), hat mir das irgendwie geholfen. Weil es mir peinlich war, mich selbst zu verletzen, aber auch, weil mir irgendwie klar wurde: ich muss aufhören. Es wird immer schlimmer werden, und du wirst nie aufhören, wenn du es nicht jetzt tust. Etwa zur gleichen Zeit oder etwas früher habe ich mich einer feministischen Gruppe angeschlossen. Mein Herz schlägt noch immer für diese Szene, diesen Gedanken, emanzipatorischen Kampf.

    Umso mehr tut es mir weh, was du da geschrieben hast. Ich versuche es nachzuvollziehen, aber ich will nicht, denn das würde bedeuten, dass all der kampf seit 2012 umsonst war und ich einfach wieder anfangen könnte. Denn das will ich so oft. Ich mache dann Sport, oder rauche, oder male, oder schreie, und manchmal kratze ich mich auch. Ich hatte ein_e Freund_in, die_der sich selbst verletzt und eine ähnliche einstellung dazu hat wie du. Ich musste erstmal den Kontakt abbrechen, weil mich das so krass getriggert hat. Irgendwo kann ich den Ansatz verstehen, aber gleichzeitig finde ich es trotzdem falsch, sich etwas anzutun. Ich möchte meinen Körper lieben, nicht hassen. Um ihn nicht “unversehrt” zu lassen, wie du es geschrieben hast, kann ich ganz viele andere dinge tun – meine haare langwachsen lassen, gut essen, blaue flecken vom rangeln kriegen und und und. aber selbstverletzung hat so etwas auto aggresives an sich. was sicher auch der bewegung nicht gut tut. ich kann keine politik machen wenn ich mich kurz vorher noch selbst verletzt habe. das steht dann im fokus. vielleicht zu recht? ich weiß es nicht. Und zu guter letzt noch ein beispiel: jemand hat mir mal gesagt, suizid sei eine freie eigene Handlung, die man respektieren sollte. Auch da bin ich kritisch. Ich bin mir sehr sicher, dass Menschen, die vom Suizid abgehalten worden, das später gut fanden. Darüber “glücklich” waren. denn ich glaube – und ich weiß, das klingt pathologisierend – aber ich glaube wirklich dass da “eine Sicherunng durchbrennt”. Und so ist es (zumindest bei mir) auch mit dem SVV. Früher oder später wären die Schnitte immer tiefer, mehr geworden. mehr und mehr Probleme. Vielleicht liegt das tatsächlich an der Gesellschaft, dass diese art der zerstörung nicht legitim gilt, wie rauchen… ich weiß es wieder einmal nicht. Aber ich glaube, das liegt auch an meiner positiven, optimistischen Einstellung… dass ich hoffe. Dass ich hoffe, dass es sich für irgendwas lohnt, mit dem SVV aufzuhören. Dass ich hoffe, das Leben trotz der ganzen Kackscheisse genießen zu können. und vielleicht sogar was ändern. Man lebt nur einmal.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      verstehe deine punkte gut. mir geht es auch nicht darum zu sagen, das aufhören keine option ist, nicht viel ermöglichen kann. aber ja, ich bleibe dabei, die pathologisierung ergibt keinen sinn. und den körper lieben ist ein edles ziel, ich bin da einfach mehr pragmatikerin. und ich das argument, dass etwas “der bewegung nicht gut tut” finde ich nicht gut. das schließt aus, macht türen zu, wo sie offen sein sollten und könnten, wenn wir nicht in so einer durchpsychiatrisierten gesellschaft leben würden…

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