Pathologisieren? NOT! Ein Paradestück in 5 Akten.

Worte zur Begrüßung.
Eigentlich bin ich bei Kommentaren relativ erbarmungslos. Das ist der Vorteil dieses Internets: Ich kann blöde Menschen einfach blocken und ihren Schmarn löschen. (Gut, manchmal würde einfach mal zutreten mehr Spaß machen, aber ich nehme was ich kriegen kann.) Aber diesen Kommentar von Lothar möchte ich euch nicht vorenthalten, gerade weil der erste Satz schon reicht. Er zeigt einfach beispielhaft, was an der Pathologisierung von Frauen problematisch ist und führt genau vor, wie das funktioniert. Außerdem macht er genau das, was ich befürchtet hatte: Das Menschen mich in diesem Internet künftig über eine Diagnose definieren, die ich selbst kritisiere. Der Kommentar wurde zu Diagnosespaß Teil 2 zur „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ geschrieben. (bzw. genauer zu meinem letzten Kommentar) Neben allen facepalms dürft ihr auch gerne lachen über so viel Absurdität.
Bühne frei für: Lothar, den Borderline-checker.

AKT 1, Exposition, Lothar hat nichts verstanden.

Lothar: *hehe*
Komm mal wieder runter! Du kennst mich doch garnicht. Vielleicht will ich dir ja garnicht übel – wäre das möglich?

Nach „Komm mal wieder runter!“ war die Entscheidung zum Löschen schon gefallen. Ich weiß nicht ob Lothar aufgepasst hat, aber Frauen*, die benennen, was gerade Sache ist, müssen nicht „runter kommen“. Das ist das Tone-Argument. Die letzte Frage ist pathologisierend. Sie geht davon aus, das weil ich diese Diagnose habe, nicht unterscheiden könnte, ob das was Menschen zu mir sagen scheiße ist.

AKT 2, Steigende Handlung mit erregendem Moment, Lothar weist darauf hin, dass er mitmenschliche Gefühle hat.

Lothar: Gehe mal davon aus, dass ich das “liebenswert” NICHT auf mich bezogen habe. Ich hege null Absichten mit dir – da darfst du dir sogar ganz sicher sein. Denn mein Bedürfnis mit Borderlinern anzubandeln, geht definitiv gegen Null. Im Übrigen habe ich dich auch nicht als “Hetera” gelesen. Und trotzdem, vielleicht ist das ja ganz neu für dich, aber es gibt auch Typen mit mitmenschlichen Gefühlen. Und, nur weil ich ein Typ bin, musst du dich nicht gleich kacke zu mir benehmen.

Ich benehme mich zu allen Typen kacke. Und zu Heteros sowieso. Ich bin eine männerhassende Feministin, also so viel sollte doch klar sein. Großartig finde ich aber, dass er betonen muss, nichts von mir zu wollen. Da bin ich aber erleichtert, dass Lothar Borderlinerinnen nicht für gegeignete Beziehungspartner_innen hält.

AKT 3, Höhepunkt und Peripetie, Lothar fordert zum Klarkommen auf und nennt es Selbsterforschung, wenn er einer Frau erklärt, wie sich sich zu erforschen hat.

Lothar: P.S.
Komm erst mal klar! Ganz ernsthaft: Das ist DEIN Job. Es geht dabei nur um DICH. Für DICH. Das wirklich allerletzte wäre es, wenn ich andere Menschen bzw. Dich als “Forschungsobjekt” benutzen würde, wie du es mir vorgeworfen hast. Nein.
Es geht hier reinweg um SELBST-Erforschung. Es geht darum, dass DU besser zurande kommst. Dazu kann es eben hilfreich sein, wenn du genauer heraus bekommst, was neben Typen (also Leuten wie mir), bei dir Spannungen auslöst, und welche Gedanken und Handlungen wiederum DIR Spannungen vermindern helfen – und zwar ohne damit zugleich selbst- oder fremdverletzend zu agieren. Ich glaube, das könnte eine lohnenswerte Fragestellung für dich sein.

Okay, woher nimmt Lothar eigentlich diesen Gedanken, dass ich nicht klarkomme? Interessant. Es kommt wohl daher, dass er weiß, dass ich eine Diagnose habe. Also kann ich ja gar nicht klarkommen. Faktencheck fehlt wiedereinmal. Scheint ein kulturelles Ding zu sein. Selbsterforschung wäre, wenn Lothar mal rausfinden würde, warum er Frauen pathologisiert.
Aber es liegt selbstverständlich an Borderline, dass mich Typen wie er mich aufregen, Spannung auslösen. Ich wüsste auch eine totale gute Strategie um diese Spannung dann zu vermindern: Einfach mal zuschlagen. Würde ich gerne mal lernen. Wie fange ich eine Prügelei eigentlich am besten an, wenn ich keine Übung habe? Diese Fragestellung finde ich durchaus lohnenswert.

AKT 4, Fallende Handlung mit Retardierendem Moment, Lothar hat ganz tolle, innovative Lösungsvorschläge.

Lothar: Ob es das auch wirklich ist, kannst du nur selber heraus finden. Und tatsächlich, eine fähige (!) Therapeutin könnte dir dabei helfen – jedenfalls hat es schon öfters Leuten geholfen, die ähnliche Erfahrungen/Probleme wie du hatten/haben. Ein Boxsack kann ungeahnt hilfreich sein. Sogar etwas scheinbar “Lächerliches” wie das Riechen an Essig (Beispiel) kann unter Umständen ernsthaft dabei helfen, Spannungen zu lösen.

http://www.borderline-netzwerk.info/index1.htm

Also mal ernsthaft, ich habe diese Diagnose nicht seit gestern. Ich kenne die gängigen Erklärungsmodelle. Ich kenne die entsprechenden Internetseiten. Auch die entsprechenden Ratschläge. Außerdem sind die „Lösungsvorschläge“ dezent an dem Inhalt, also der Kritik an einer Diagnose vorbei. So ein bisschen. Meine Frage war schließlich nicht, wie ich mit meinen Aggressionen umgehen kann. Da habe ich nämlich schon Antworten drauf. Siehe oben.

AKT 5, Katastrophe, Lothar muss zum Abschluss nochmal betonen, dass er auch wirklich ein sexistisches Arschloch ist.

P.P.S.
Dein ostentatives FRAUklären, pardon, ist imho ein Sackgasse – und zwar eine, bei dem du andere zu Säcken machst.

Lothar

YES, ich hatte die ganze Zeit drauf gewartet. Lothar muss noch einmal betonen, was für ein Penis er ist und sich gegen diese böse Männerdiskriminierung wehren. Wo er zum Sack gemacht wird, ach wie traurig. Pimmelbeweinen zum Abschluss. Das ergibt eine runde Geschichte.


Worte zum Abschied.

Ihr dürft wie immer gerne kommentieren. Wer allerdings vor hat was in die Richtung „Typisch Borderlinerin“ oder ähnlich pathologisierendes zu schreiben – spart euch die Mühe. Fangt lieber nochmal oben mit lesen an. Gerne auch immer wieder.

12 Gedanken zu „Pathologisieren? NOT! Ein Paradestück in 5 Akten.

  1. Anonymous

    Lothar, ich würde aufpassen, die ist aggressiv und hat Borderline. Die kann dich genüsslich abstechen und wird dann aufgrund ihrer Krankheit nicht mal schuldig gesprochen. Und nachher komm ich armer Schlingel dann auch noch dran.

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  2. Steinmädchen

    Ich bevorzuge feminist riot gangs auf der Straße. C i A.

    Und für den zweiten Kommentar gibts ein halbes Herz, weil ich sehr lachen musste, das mit dem schuldig sprechen tatsächlich aber eine sehr ernste Angelegenheit ist, weil BorderlinerInnen per se als TäterInnen betrachtet werden. Egal worum es geht. Das hinterlässt son blöden beigeschmack.

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  3. Nicky

    Ich finds auch echt erschreckend –
    dass ja manche Männer auf feministische Kritik ihres Auftretens nicht gerade entspannt reagieren ist ja erst mal nicht sonderlich bemerkenswert.
    Also gar nicht nachvollziehbar finden was an der Annahme ihre Wertschäzung sei jezt besonders wichtig oder ihre Hilfe besonders wertvoll z.B. daneben sein kann.
    Und dann mit “aber wiesoooooo ich wollte doch nur helfen komm mal runter!” reagieren. Das ist ja erst mal nur der Klassiker.

    Bemerkenswert hier aber der Zusammenhang mit der Borderlinediagnose.

    Im ersten Beitrag stand noch “sollte die Diagnose auf dich zutreffen” – das wurde offen gelassen. Da wurde darauf hingewiesen, dass es sich offensichtlich auch um die Frage drehe, ob Borderline oder nicht Borderline bei ihr bestünde – dass also unklar sei ob die Diagnose zutreffe.

    Im 2. Kommentar – zack – war dieses “vielleich, vielleicht auch nicht” vergessen und einfach so “Steinmädchen ist ja Borderlinerin” zum Fakt erhoben. Bemerkenswert.
    Aus “solltest du Borderline haben” wird “Leute mit deinen Problemen kann Therapie helfen”.

    Das macht es dann natürlich noch einfacher Kritik auf “das empfindet sie jezt nur so, weil sie BOrderlinerin ist” zu schieben – und sich somit selbst nicht damit beschäftigen zu müssen.

    Und der Auslöser dafür dass aus Sterinmädchen “vielleicht BOrderline” nun “sicher Borderline” wurde in Lothars Wahrnehmung ist ja eoindeutig: Steinmädchen hat Lothar kritisiert und seine “Expertise” nicht ausreichend gewürdigt.
    Die Diagnose “Borderline” ist also hier ne klare Reaktion auf diese Kränkung.

    Und wird also in dem Kontext zudem eindeutig dazu verwendet Steinmädchens Reaktion abzuwehren: Das Problem liegt bei Steinmädchen, Steinmädchen versteht das falsch, da Steinmädchen ja Borderlinerin ist.

    Krass.

    Das sagt in der Tat sehr viel darüber aus wie Pathologisierung von Frauen verwendet wird.

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  4. Anonymous

    Es gibt kein Recht darauf, dass ein anderer Kritik annimmt. Du nimmst so reinweg garnichts davon an, was ich sage. Dein Recht! Die Kritik an mir, die hier geäußert wurde, nehme ich nicht an. Sorry.

    Es gibt auch keinen Anspruch darauf, sich selber im Recht zu befinden. Wer nicht zu überzeugen versteht, darf nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass er/sie dennoch die besseren Argumente hatte. Es ist IMMER möglich, selbst im Irrtum zu sein, auch dann, wenn mensch selbst am anderen Kritik anbringt. Ich kritisiere dich nicht, sondern mache Vorschläge. Was du daraus machst ist DEIN DING. Du bist selbst dafür verantwortlich, was du davon hältst.

    Im Übrigen, pardon, liegt hier kein Fall vor, wo Feminismus sinnvoll angewendet werden kann. Das zeigt sich u.a. auch anhand der gelöschten Kommentare. Noch einmal: Ich empfehle JEDER Frau die Teilnahme an feministischen Selbstverteidigungskursen und Kampfsportgruppen.

    Auch dir.

    Lothar

    Antworten
    1. Anonymous

      Wer hier wie Kritik angenommen hat ist ja nicht das bemerkenswerte.

      Ich fand manche deiner Hinweise gut, z.B. wie sich die Kritik am Borderlinebegriff mit Überlegungen ob man das nun hat oder nicht gut.
      Andere kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen, z.B. dass “niemand gerne pathologisiert wird” deckt sich nicht mit meiner Erfahrung.
      Wieder andere fand ich zwar nicht falsch, aber skurril – wenn man es mit einer Frau zu tun hat die offensichtlich eine Menge Therapieerfahrung hat, bei der die Diagnose schon länger im Raum steht, die offensichtlich sich genau mit dem Thema beschäftigt hat, und die offensichtlich im Internet aktiv ist (also noch höhere Wahrscheinlichkeit als bei anderen Betroffenen, dass Zugang zu Internetselbsthilfeseiten genutzt wird) – wie wahrscheinlich ist es da, dass “da kann Therapie übrigens helfen” “da wirst du deinen Weg finden” “übrigens gibt es da Techniken gegen Spannungszustände anzugehen, weiss nicht ob du von gehört hast, auch Boxsäcke helfen” in irgend einer Form interessante Neuigkeiten sein könnte?
      ALso so ziemlich äußerst unwahrscheinlich, dass man da was neues erzählt….. Kommt halt dann bisschen komisch jemanden was zu erklären, was der Mensch offensichtlich schon weiss. Also nicht falsch die Hinweise, aber skurril in dem Zusammenhang.

      Genauso fand ich die Kritik von Steinmädchen an deinen Eintrag teilweise berechtigt, teilweise hab ich mich auch gewundert ala “So hätt ich jetzt das nicht verstaden / nicht reagiert” –

      Aber all das ist hier gar nicht der echte Clou an der Geschichte.

      Der Clou ist, und das müsstest du doch selbst merken, wie du im ersten Beitrag eben es offen gelassen hast, ob Steinmädchen Borderlinerin ist, oder nicht,
      im 2. aber sie eindeutig als Borderlinerin bezeichnet hast.

      Es ist ja recht klar, dass eure Kommunikation nicht so befriedigend lief wie von dir vll erhofft – sicher hast du eine andere Reaktion au deinen Kommentar erwartet als diese. Hast dich vll geärgert, oder unverstanden gefühlt, oder warst enttäuscht, oder irgendwas.

      Und deine Reaktion da drauf war aus vielleicht-Borderline sicher-Borderline zu machen. Im Text. Vielleicht war dir das bewusst, vll nicht, aber spätestens wenn du deine Beiträge noch mal vergleichst, dürfte dir das auffallen.

      Das hat alles erst mal gar nix zu tun wessen Kritik wo gerechtfertigt ist, oder wer sich wo unfair benommen hat, oder welche feministischen Thesen man (nicht) vertritt oder sonst wie –

      sondern hat rein damit zu tun, wie die Borderlinediagnose hier von dir benützt wird –
      und wie eben die Tatsache, dass Steinmädchen “doof” auf dich reagiert hat Einluss darauf genommen hast wie sehr du sie als Borderlinerin bezeichnet sehen willst oder als Borderlinerin wahrnimmst.

      Ich kann dich echt nur ermuntern nach vll noch paar mal durchatmen zumindest über diesen Zusammenhang nachzudenken,
      insb. wenn du irgendwas mit deiner “Expertise” zum Thema beruflich oder kA anfängst ist das ne Dynamik die auf jeden Fall saurelevant ist für dich.

      Antworten
    2. Anonymous

      @ anonym

      Guter Kommentar!
      +1

      Die Ursache liegt jedoch nicht an den Reaktionen von Steinmädchen oder wie ich diese bewerte, sondern daran dass ich nach meinem ersten Kommentar erst einmal anfing ihre alten Texte zu lesen. Das hätte ich vorher mal machen sollen. Natürlich ist es immer sehr oberflächlich und fragwürdig, wenn mensch versucht sich einen Reim auf einen anderen Menschen zu machen – ohne diesen wirklich zu kennen, reinweg nur auf Basis von ein paar Dutzend Absätzen Text.

      Bezüglich der Dynamik gebe ich dir, neben anderen Punkten, recht. Im Prinzip bleibt mir hier nur ein: Tschüss! Alles andere ist wohl Quatsch.

      @ Steinmädchen

      Du irrst dich falls du meinst, ich würde dich nur oder vorwiegend aus dem Blickpunkt bestimmter Problemlagen her sehen. Deine politische Aktion zu diesem sadistischen frauenfeindlichen Wetterfrosch fand und finde ich zum Beispiel großartig. Kein scheiß!

      Im Prinzip empfinde ich meine Beiträge hier inzwischen als minderqualifiziert und kontraproduktiv. Es war nicht meine Absicht dich irgendwo zu kränken oder herab zu setzen.

      Dir noch ein schönes (und auch: schöneres) Leben!

      Lothar

      Antworten
  5. Steinmädchen

    word. Ich glaube auch Lothar, du solltest mal ein paar der hier gegebenen Hinweise annehmen. Dich selbst erforschen. Warum du dein pathologisierendes Verhalten brauchst.
    Und wenn du noch was schreibst, sollte es was neues sein. Die Tipps sind halt sehr lame. Es ist übrigens auch mein Ding, was ich wann lösche. Und wenn jemand was von zappelenden Mädchen in den Armen schreibt, ist das was, was ich lösche.
    Genauso wie Herrklärerei und Anweisungen (Tipps, wie dus nennst) wie ich mein Leben auf die Reihe kriegen soll (was lustiger Weise ja total gar nicht neben der Spur ist).

    Radikalfeministischen Abendgruß.

    Antworten
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