Psychiatrisch-Patriarchale Kontrolle Teil 1: Wahnsinn zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnung und die krankhafte Abweichung Frau

In der nächsten Zeit werde ich hier in drei Teilen ein Arbeit von mir veröffentlichen mit dem Titel: “Psychiatrisch-Patriarchale Kontrolle. Kontinuitätslinien der Konstruktion von Devianz bei Frauen durch die Kategorie “Wahnsinn”.” Dabei geht es darum, die Auseinandersetzung um “Ver-rücktsein” in einen historischen Kontext zu betten, und sich heutige Praxis in Therapie und Psychiatrie im Zusammenhang mit der generellen Konstruktion von abweichendem Verhalten anzuschauen.
Im ersten Teil geht es um historische Grundlagen zur Her(r)stellung von Norm, Wahnsinn und Gesellschaft sowie die krankhafte Abweichung Frau(tm). (Verzeiht die Sprache und manche Hinweise auf Selbstverständlichkeiten, ich habe diesen Text in einem anderen Kontext geschrieben.)

Teil 2 & Teil 3

 

Dass spannende an der Beschäftigung mit Frauen und Psychiatrie ist, dass sich daran klassische Themen der Frauenbewegung wie Unterdrückung, Fremdbestimmung und Kontrolle von Männern über Frauen verdeutlichen lassen.2 Bei der Analyse werde ich mich an ein soziales Modell von Wahnsinn halten, nicht an ein medizinisches Modell. Damit wird nicht der Wahnsinn selbst sondern die Konstruktion in den Fokus gerückt.[…]

„A women who is unhappy, angry and withdrawn may be told by a psychiatrist that her hormones are in a flux, by a psychologist that her cognitions are faulty, by a sociologist that her enviroment is responsible, or by a psychoanalytic therapist that she is repressing her unconscious desires.“1

Historische Überlegungen: Her(r)stellung von Norm

Ein Muster, dass sich bei dem Umgang mit Wahnsinn immer wieder hervortut ist der zunehmende Drang zur Individualisierung. Durch eine psychische Krankheit ist die Einzelperson in ihrer Beziehung zur/zur Therapeut_in gefragt, nicht die Gesellschaft. Dies hat eine ganz simple Funktion, denn „soziale Probleme werden individualisiert, damit die Gesellschaft auf die Gesamtheit des Elends nicht antworten muß.“5

Foucault macht jedoch deutlich, dass Wahnsinn nicht ohne Gesellschaft exisitiert, dass sie die Konstruktion benötigt um sich selbst zu stabilisieren. In diesem Teil der Arbeit soll es zunächst darum gehen, diese Argumentation nachzuvollziehen und in einen Kontext von Ausgrenzungsmechanismen zu stellen. Außerdem geht es darum, historische Puzzelteile aufzuzeigen, die zur Konstruktion von Abweichung von Frauen in der Geschichte eine Rolle gespielt haben – deren Muster oft heute noch aktiv sind. Dabei spielt die Konstruktion von Frauen per se als „krank“ eine entscheidende Rolle und diese werde ich im zweiten Abschnitt verdeutlichen.

Wahnsinn zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnung

Michel Foucault definiert Wahnsinn als einen nötigen Teil von Gesellschaft, der zur Normalisierung notwendig ist. Zugleich will sich unsere Kultur den Wahnsinn als Bedrohung der eigenen Ordnung vom Hals halten.

„Den Wahnsinn findet man nicht im Naturzustand. Der Wahnsinn existiert nur in einer Gesellschaft, er existiert nicht außerhalb der Formen der Empfindsamkeit, die ihn isolieren, und der Formen einer Zurückweisung, die ihn ausschließen oder gefangennehmen.“6

Damit wird deutlich, dass sich die Abweichung von der Norm nicht ohne die Norm betrachten lässt. Dieser Bezug steht auch nicht im leeren Raum sondern erfüllt beinah eine Offenbahrungsfunktion, denn es geht um den „Bezug einer Kultur zu eben dem, was sie ausschließt, und genauer der Bezug unserer Kultur zu dieser fernen und verkehrten Wahrheit ihrer selbst, die sie im Wahnsinn entdeckt und wieder verdeckt“.7 Foucault geht noch weiter, er schreibt: „Ohne den Irren wäre die Vernunft ihrer Realität beraubt, wäre sie leere Monotonie, Langeweile mit sich selbst, tierische Wüstenei“8. Unsere auf Rationalität basierende Kultur kann also nur funktionieren, in dem sie im Wahnsinn ihr Gegenstück findet. Foucault führt weiter aus, wie Rationalität und Moral sich vermischen. Er gibt dazu das Beispiel von einer Frau, die im 18. Jahrhundert öffentlich verkündet ihren Mann nicht lieben zu können und sich für das Recht auf den eigenen Körper ausspricht. Der Polizeichef zeigt sich verwundert, wie überlegt diese „schamlosen“ Reden der Frau waren, dass sie offensichtlich eine intelligente Frau war, obwohl sie solche Reden schwingt. Der Minister sagt dazu „Nach dem Bericht über so viele Unverschämtheiten war ich geneigt, sie für wahnsinnig zu halten.“9

Foucault konzentriert sich zwar weniger auf die Geschichte des Wahnsinns aus weiblicher Perspektive, dennoch tauchen einige Beispiele auf, die, wie das gerade angeführte Beispiel, zeigen, dass Frauen als verrückt galten, wenn sie für sich und ihre eigenen Rechte eintraten. Wahnsinn galt als Entfremdung von der eigenen Natur, durch falsche Leidenschaften verführt. Foucault zitiert einen Menschen aus dem 18 Jahrhundert der schreibt: „Kommt nach Paris zurück und gebt euren Gefährten das Beispiel der eurem Geschlecht angemessenen Übungen und Arbeiten. Liebt und erzieht vor allem eure Kinder.“10 Romane und Theater würden in Frauen zu viel Leidenschaft wecken und nur auf falsche Gedanken bringen. Gedanken, dass Frauen durch die Belastung neuer Rollenanforderungen krank werden, finden sich auch in aktuellen Medien, teilweise mit ähnlich einfachen Schlussfolgerungen.

Im 19. Jahrhundert wurde Wahnsinn im wissenschaftlichen Diskurs platziert, von dem Frauen ausgeschlossen wurden. Wissenschaft wurde als Instrument genutzt um Kritik zu eliminieren, mit der Begründung dass Wissenschaft rational und objektiv sei.11Ussher schreibt dazu: „It was not only medicine from which women were to be exclueded, but education, politics, law, economics, writing – in fact any occupation which might challenge the authority of man.“12 Hier zeigt sich deutlich, dass es nicht um Aspekte von Leiden oder Krankheit geht, sondern um die Aufrechterhaltung einer patriarchalen Kontrolle. Internierungsgründe gab es viele:

„Women who were promiscuous, who bore illegitimate child, or even women who were sexually assaulted or raped, and understandably traumatized by the event, were sent so the asylum.“13

Ussher geht in ihrer Analyse bis zur Hexenverfolgung zurück: „Thus it is her very ,failure as a women‘ which leads her to witchcraft: not being attractive to men […]”14Zum einen war es also gefährlich, unattraktiv zu sein, zu viel Sexualität war jedoch auch gefährlich, denn „A woman who was openly or actively sexual was in danger of being considered a witch. Sexuality, womanhood and witchcraft became synonymous.”15 Konkrete Männerfantasien von degradierten Frauen finden sich in der Folter und Tortur wieder. Frauen, die als Hexen verurteilt wurden, wurden gefoltert, oft vergewaltigt und öffentlich erniedrigt. Ussher kritisiert das Historiker_innen diesen Teil der Hexenverfolgung gerne auslassen.16

Die krankhafte Abweichung Frau

Luise Pusch und Sybille Duda stellen in ihrer Buchreihe „WahnsinnsFrauen“ viele Frauen vor, die verrückt wurden, von ihrem Umfeld als wahnsinnig erklärt wurden, den weiblichen Normen nicht entsprachen oder an Gewalterfahrungen erkrankten. Die Abweichung als Frau kommt jedoch nicht erst durch die Konstruktion von Wahnsinn zustande. Pusch beschreibt in einer kurzen Titelüberschrift, dass die Abweichung schon durch das Geschlecht gegeben ist: „Die Frau ist nicht normal, denn sie ist kein Mann.“17 Schon Simone de Beauvoir ging mit „Das andere Geschlecht“18 dieser Konstruktion nach. Auch Esther Fischer-Homberg beschäftigt sich mit dieser Krankheit namens Frau. Dabei steht zunächst die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Menstruation im Fokus, die oft mit der Konstruktion von Wahnsinn eng verbunden war (und ist19). In der Antike äußern berühmte Männer wie Hippokrates und Sokrates, dass die Frau natürlicher Weise krank sei, begründet zunächst mit einem krankmachenden Säfteüberschuss. Dies sei jedoch kein Problem, da die Frau so eine wichtige Funktion erfüllen kann. „In ihrer Ergänzungsfunktion in Bezug auf den Mann allerdings ist die Frau eben doch normal und richtig gebaut.“20 Aristoteles ist der Ansicht, dass das Menstrualblut das minderwertige Äquivalent zum männlichen Samen bildet, begründet dadurch, dass jeder Mensch der kein Mann ist eine Missbildung darstellt:

„Wenn das Kind nicht dem Vater gleicht oder gar ein Mädchen ist, ist das die mißgeburtsartige Folge einer Abbremsung des väterlich-schöpferischen Impulses durch die rohe, kalte Materie des Menstrualblutes.“21

Hier zeigt sich etwas, was die ganze Geschichte des Wahnsinns von Frauen eine zentrale Rolle spielt: Die Aufgabe als Ergänzung des Mannes sowie gleichzeitig eine gefährliche, vergiftende Wirkung. Im Mittelalter zeigt sich dies durch eine Auffassung der Menstruation einerseits als Strafe für den Sündenfall, sowie die Macht Böses zu tun, eine menstruierende Frau konnte zum Beispiel alleine mit ihrem Blick während der Menstruation Pocken und andere Krankheiten verursachen. Wenn das Blut als Gift an Menschen verabreicht wird, verdirbt es das Blut, ruft Liebeskrankheiten hervor, macht wahnsinnig – hier zeigt sich auch deutlich die Verbindung von Hexenzauber und dem Zauber der schönen Frau.22

In der forensischen Psychiatrie des frühen 19. Jahrhunderts wurden die Verbindungen zum Wahnsinn noch deutlicher. Mein favorisiertes Beispiel aus dieser Zeit ist eine Erklärung des Brandstiftungstriebs junger Mädchen, der schon durch geringe Störungen in den Entwicklungsjahren zustande kommen kann:

„[…] der Brandstiftungstrieb der jungen Mädchen [ist] die ziemlich natürliche Folge der durch die eintretende Menstruation noch nicht ausgeglichenen Venosität, die nach Arteriellem, Hellem, Heißem, Feurigem sich sehnt und die, wenn diese körperliche-geistige Sehnsucht nicht durch einen Mann gestillt wird, in Brandstiftung münden kann.“23

Wenn ein Mann die Frau demnach nicht durch Sex heilt, kann diese wahnsinnig werden. Diese Fokusierung auf Sexualität zeigt sich auch in der Sexual- und Fortpflanzungsethik zu dieser Zeit, nach der eine Blutung immer pathologisch ist. Das Krankhafte entsteht durch die sich nicht-fortpflanzende Frau, die in diesem Zustand per se als krank gilt.24 Dieses Verständnis hat eine weitreichende Bedeutung, Fischer-Homberg schreibt dazu:

„die Frage um Krankhaftigkeit oder Nicht-Krankhaftigkeit der Menstruation [war] eine medizinische Form der Frage nach der Bestimmung der Frau, beziehungsweise nach der Rechtmäßigkeit der Bestrebung beider Geschlechter, die Fortpflanzung in die eigenen Hände zu nehmen und selbst zu gestalten – und damit auch sexuell selbstverantwortlich zu werden.“25

Hier fungiert die Menstruation als Sündelmal, als Zeichen für eine Frau, die sich gegen ihre natürliche Bestimmung wehrt. Sie kann ebenso als vielfältiges Erklärungsmuster wirken, so zum Beispiel auch als Zeichen einer nervösen Schwäche im späteren 19. und früherem 20. Jahrhundert. Die weibliche Blutung gilt als Parallelerscheinung der psychiatrischen Phänomene, der hysterischen Regungen. Sie fungierte als als Strafmilderungsgrund um beispielsweise Reizbarkeit und Zornausbrüche besonders gegenüber dem Mann begründen zu können.26

Alleine durch Körperkonstitutionen werden Frauen für schwach, für krank bereits im natürlichen Zustand, erklärt. Sie gelten als leicht erregbar, je nach Epoche als besonders kalt oder warm. Grundsätzlich werden diese Beschreibungen im Verhältnis zum Mann, also der Normalform erklärt. „Krank ist die Frau also nur im Vergleich mit dem Manne; in ihrer Beziehung zum Mann aber, als ein Teil von ihm, als Gattin und Mutter seiner Kinder, ist sie gesund.“27 Durch Weiblichkeit gilt die Frau als psychisch labiler und durch ihre Konstitution genuin geschwächt. Roswitha Burgard, feministische Psychiatriekritikerin aus den 80ern, wirft die Frage auf, was diese Betrachtung der Frau als Abweichung eigentlich bedeutet:

Weil Frauen schon im ,normalen` Zustand als leichter erregbar gelten, müssten sie, um als krank bezeichnet zu werden, diese Verhaltensweise bei weitem überziehen dürfen. Jedoch ist das Gegenteil der Fall: Frauen bekommen generell häufiger psychiatrische Diagnosen als Männer.“28

Damit wird deutlich, dass die Konstruktion von Wahnsinn noch eine eigene, machtvolle Konstruktion zur Schaffung von Abweichung bedeutet. Hier zeigt sich dann auch der Zusammenhang zur Praxis, die im nächsten Kapitel im Fokus stehen wird. [Im nächsten Teil geht es um gewaltvolle Alltagsrealitäten, traumatische Erfahrungen und psychiatrische Gewalt.]


 

Nachweise:

1Ussher, J. M. (1991): Women’s Madness: Misogyny or Mental Illness?. Hertfordshire. S.103f.

2Vgl. dazu Brügge, C. (1999): Einleitung. In: C. Brügge & Wildwasser Bielefeld e.V. (Hrsg.), Frauen in ver-rückten Lebenswelten. Bern. S.10.

3Foucault, M. (1973 (1961)): Wahnsinn und Gesellschaft. Frankfurt am Main.

4Ussher (1991).

5Armbruster, J. E. (1982): Gegen die Logik der Aussonderung. Psychisches Leiden und Behinderung zwischen Ausschluß und Befreiung. München. S.21.

6Foucault, M. (2001b): Der Wahnsinn existiert nur in einer Gesellschaft. Gespräch mit J.-P. Weber. In: Ders. Schriften I. 1954-1969. Frankfurt. S.236.

7Foucault (2001a) S.541.

8Foucault (1973 (1961)) S.351.

9In Ebd. S.131.

10Ebd. S.381.

11Vgl. Ussher (1991) S.66.

12Ebd. S.69.

13Ebd. S.73.

14Ebd. S.48.

15Ebd. S.49.

16Vgl. Ebd. S.52f.

17S. Duda & L. F. Pusch (Hrsg.) (1992): WahnsinnsFrauen. Band 1. Frankfurt am Main. S.345.

18Beauvoir, S. D. (2010(1949)): Das andere Geschlecht. Einleitung. In: U. Gerhard & U. Wischermann (Hrsg.), Klassikerinnen feministischer Theorie. 2. Grundlagentexte (1920-1985). Königsstein. S.68-79.

19So ist auch heute üblich, Problemlagen auf das sogenannte „Prämenstruelle Syndrom“ (PMS) zurückzuführen. Damit können Reaktionsweisen wie Aggressionen begründet werden.

20FFischer-Homberger, E. (1984): Krankheit Frau. Zur Geschichte der Einbildungen. Darmstadt. S.35.

21Ebd. S.36.

22Ebd. S.40ff.

23Ebd. S.52.

24Vgl. Ebd. S.54f.

25Ebd. 57f.

26Ebd. S.60 ff.

27Ebd. S.92.

28Burgard, R. (2002): Frauenfalle Psychiatrie. Wie Frauen verrückt gemacht werden. Berlin [Fallbeispiele 1980]. S.71.

4 Gedanken zu „Psychiatrisch-Patriarchale Kontrolle Teil 1: Wahnsinn zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnung und die krankhafte Abweichung Frau

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