Nichtsprechen

Manchmal ist da dieser Wunsch. Der Wunsch, nichts gesagt zu haben. Der Wunsch, sexistisch-homofeindliche Kackscheiße nicht angesprochen zu haben. Vor ein paar Tagen stand ich da, starrte Personen an und dachte: Wenn ich nichts gesagt hätte, könnte ich dann jetzt freundlich grüßen, hallo sagen und Small Talk führen? Wenn ich nichts gesagt hätte, wüsste ich dann, wie sehr kackscheißig diese Personen sind?
Vielleicht könnte ich mir das alles schönreden. Könnte sagen, ach, das ist bestimmt nur in deinem Kopf so. Bis eine was sagt bleibt oft diese – echt eigentlich nie berechtigte – Hoffnung, dass es vielleicht doch anders ist, als eine weiß, wie die Situation ist. Wie auch auf Partys, wenn der Typ da so blöde Blicke wirft. Es sind ja nur Blicke. Nur ein bisschen unwohl fühlen. Kein Grund was zu unternehmen. Manchmal passiert auch nicht mehr, nicht mehr als dieses Unwohlsein, was eine sich dann auch wegreden kann. Manchmal folgen den Blicken noch mehr Blicke. Und dann folgt ein Gespräch, ganz harmlos. Aber irgendwie fühlt sich das nicht so gut an und eine weicht ein wenig zurück. Möchte aus der Situation fliehen. Vielleicht geht eine dann auf die Toilette. Vielleicht ist danach die Situation vorbei, der Typ woanders. Vielleicht ist er auch noch da, folgt einer auf die Tanzfläche. Kommt zu nah.

Ihr merkt, was ich sagen will. Die Situation kann immer weiter gehen. Immer begleitet von diesem Unwohlsein und gleichzeitig dem Mantra im Kopf: Aber das ist doch eigentlich nichts. Es gibt auch Situationen, da habe ich dieses Gefühl nicht, egal wie ich vollgelabert werde. Da gibt es dann aber auch nicht diese Steigerungen. Ich glaube, was da spürbar ist, ist dieses Machtding. Geht es um Flirt, Unterhaltung oder geht es um ein Machtspiel? Das ist spürbar. Und eigentlich könnten es alle Beteiligten wissen. Spätestens, wenn das Spiel nicht mehr mitgespielt wird. Und das ist der Moment, in dem was gesagt wird. Und in dem Moment, in dem dann dieses angesprochene im Raum steht, zeigt sich in der Regel durch die Reaktion, dass eine Recht hatte. Es wird unangenehm. Bei Rauswürfen zeigt sich das gut. Biste dir unsicher? Dann sprich ein Verhalten an. In wenigen Sekunden kommt der Beweis. “Feminazis” “du bist eine totale Linksfaschistin, weißt du das?”. q.e.d (was zu beweisen war.)

Das ist alles auch total schön und gut. Auf Partys: Kein Ding. Bei Fremden? Kein Problem! Aber was, wenn es im eigenen Umfeld ist. Was, wenn es um homofeindliche Familienmitglieder, sexistische Vorgesetzte oder Freund_innen geht? Was, wenn das auch noch Personen sind, die eine mag, eine Verbindung hat oder zumindest respektiert? Dann kann das Nichtansprechen einen Schutz bieten. Denn manchmal gibt es die Möglichkeit, Themen zu meiden. So zu tun, als wäre nichts. Das geht, solange Themen gemieden werden, gerne in Verwandtschaften üblich, und wird schwerer, wenn es um direkte Angriffe geht. Es wird schwerer, wenn Abhängigkeiten bestehen. Klar. Denn wer trägt im Zweifel die Konsequenzen? Es geht ja um Themen, Konflikte, wo eine das eigentlich genau weiß, genau spürt, vor Augen gehalten bekommt.
Nichtsprechen eröffnet die Möglichkeiten dass die Situation nicht so ist, wie sie ist. Dass sie sich nicht so entwickelt wie befürchtet. Dass die eigenen Wahrnehmung doch echt problematisch ist, schwere Kindheit und was auch immer noch. Dass keine Brüche notwendig sind.

Die Sehnsucht nach Harmonie? Der Wunsch danach, dass die Welt nicht ist, wie sie ist. Da stehe ich da, und starre in die Luft und frage mich, was anders wäre, wenn ich nichts gesagt hätte. Vielleicht könnte es dann Kontakt geben. Wieder um einen Kontakt mehr beraubt. Ja, was wäre, wenn ich nichts gesagt hätte? Würde ich mich dann auch so fühlen, so wütend, traurig, genervt, philosophisch? Würden die anderen mich weniger unsicher/böse/vorwurfsvoll angucken? Wahrscheinlich würde ich mindestens genauso verlegen auf den Boden gucken. Ja, ich würde nett hallo sagen, vielleicht ein Gespräch beginnen, vielleicht lachen. Das könnte wirklich so sein. Ich würde weniger vorwurfsvoll angeguckt. Dafür vielleicht so, wie ich das nicht will, mich unwohl fühle. In mir drin, da würde es zerren und zweifeln. Aber trotzdem, manchmal wünschte ich, schweigen wäre noch eine Option.

Versteht mich nicht falsch: Das hier ist lediglich ein sentimentaler Blogpost, mit der Kurzzusammenfassung “Es wäre schöner, wenn die Welt nicht so wäre wie sie ist.” Es gibt für mich diese Option in sehr wenigen Fällen, die Option, nichts zu sagen. Ich will das nämlich nicht mehr. Und wisst ihr, dass macht das besonders schwer, wenn eine das nämlich nicht will zu schweigen, sich entschieden hat das mal zu lassen, mit dem ständigen schweigen, dann klappt das nicht so gut, dass doch zu tun. Nur manchmal, da steh ich da. Und male mir eine Welt aus, in der ich nichts gesagt, nichts offen gelegt habe. Eine Welt, in der dann aber auch alles andere okay wäre und der Sexismus und die Homofeindlichkeit wirklich nur meine Einbildung war. Ja, manchmal steh ich da und träume von dieser Welt.

9 Gedanken zu „Nichtsprechen

  1. Tina

    Für mich scheint sprechen aktuell fast keine Option zu sein. Ich sage eigentlich nur dann etwas, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich in einer Umgebung befinde, die mein “Problem” (also das Fehlverhalten der anderen) nachvollziehen kann – was, insbesondere bei Trans-Themen – sehr selten der Fall ist. Selbst Pronomen korrigiere ich so gut wie nie. Es fehlt mir einfach die Kraft dafür, der Adrenalinpegel ist auch bei einer erfolgreichen Intervention kaum aushaltbar, wahrscheinlich ist da so viel gespeicherte Wut, die dann an die Oberfläche kommt und irgendwie gemanagt werden muss, dass es eben schwierig wird, selbst in Situationen mit einer unterstützenden Umgebung.

    Deine Beobachtung mit dem Machtdings, dass eigentlich harmlose Sachen eben doch nicht harmlos sind, weil die dahinterliegende Einstellung (“ich habe Macht über dich”) eben auch zu nicht mehr harmlosen Verhalten fähig ist, und dass haben wir(tm) wohl aus Selbstschutz gelernt, zu riechen.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      ja,da stimme ich dir zu. eine lernt schnell das wahrnehmen und spüren,was eigentlich Sache ist. ich wünsche dir, dass du Wege findest öfter mal sprechen zu können ohne so viel Angst haben zu müssen!

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      1. Tina

        Ja, das versuche ich auch immer wieder. Ich merke aber, dass ich dabei ziemlich abhängig davon bin, dass meine Wut für die jeweils relevante Umgebung auch nachvollziehbar ist. Die Erfahrung, als das nicht ernstzunehmende tobende Kind dargestellt zu werden (Macker können das m.E. ziemlich gut, also das so darstellen) sitzt einfach recht tief.

        Ich glaube hier sind Gruppen sehr hilfreich, in denen sich über solche Erfahrungen ausgetauscht wird: auch wenn keine Lösung gefunden wird, wird doch deutlich, dass mensch mit den Erfahrungen nicht allein ist und dass die Wut ihren Grund hat.

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        1. Steinmädchen Artikelautorin

          auf jeden Fall. ich glaube das hat mir in den letzten Jahren am meisten geholfen, Schritt für Schritt durch den Austausch mit anderen zu lernen,dass meine Wut berechtigt ist.
          ich kenne auch dieses Gefühl fast innerlich zerrissen zu werden von der Wut weil nicht wissen wohin und so viel Unverständnis…
          gemeinsamer Austausch bleibt unentbehrlich!

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  2. die paulines

    Also, ich finde schon, dass Schweigen eine Option sein kann- und vor allem finde ich, dass kein Mensch das Recht hat, dies zu verurteilen, solange es um “Schweigen als Selbstschutz und Konfrontationsvermeidung geht” und kein(e) andere(r) Schutzlose in Gefahr gerät. Wenn ich merke, dass ich einer Konfrontation nicht gewachsen bin, oder wenn Gefühle mich zu überfluten drohen, die ich in dem Moment nicht bewältigen kann, darf ich “etwas innerlich wegpacken”, weggehen und auch schweigen. Das heißt nicht, dass ich niemals mehr anders reagieren werden. In dem Moment, in dieser Situation fühle ich mich vielleicht überfordert, verängstigt und hilflos- und in einer anderen Situation geht “ansprechen”, sich wehren, in Kontakt gehen und “Stress aushalten” sehr gut. Priorität hat doch, was für mich im Moment hilfreich ist, um eine übergriffige, schwierige Lage bewältigen zu können- und da finde ich es wichtig, auch darauf zu achten, welchen Preis man für ein “Lautwerden” evtl. zahlt (innerlich und äußerlich).
    Anders ist es meiner Meinung nach, wenn man Zeuge eines Übergriffs oder einer Gewalttat gegenüber anderen, schutzlosen Menschen wird. Ich finde, da hat man die Pflicht, sein Möglichstes zu tun, um zu helfen- und wenn es “nur” ein Anruf bei der Polizei ist, oder vielleicht eine unterstützende Geste, o.a. ..

    Und, Steinmädchen,- von einer “besseren Welt” zu träumen, kann auch dabei helfen, eine selbst-bewusste Haltung zu finden!

    Viele Grüße,
    Paula und Co

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      du hast total recht. ich hoffe das kam auch nicht so rüber als ob ich das verurteile wenn Personen schweigen. ich habe nur gemerkt dass ich das manchmal nicht mehr kann und dann mit den Konsequenzen leben muss. das ist sowohl gut als auch anstrengend.
      ich muss bei dem träumen aufpassen dass es nicht zu sehr weh tut irgendwie.

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  3. lotta.krachmach.krawuttke

    Ich finde schweigen wunderbar. Reden ist silber, schweigen ist gold. Da ist was dran. Man kann von keinem Menschen etwas erwarten. Und die in Berlin und sonstwo laut geworden Ansprüche, die z.B. Derart lauten: “Lesbische Frauen haben in der Öffentlichkeit aufzutauchen, das als Appell an die stillen Mäuschen.” Finde ich fragwürdig. Jedem das seine, wer sich gern outet und an die öffentlichkeit will, soll dies tun, aber wem das fern liegt, darf doch still bleiben… Ich selber habe ein Problem damit, wenn ich mitbekomme, dass wie auch immer geartete Minderheiten bekämpft werden, weil ich versucht bin innezuhalten: “Hey, moment! Jeder der auf dieser Welt ist darf doch auch hier sein, sonst wer er doch icht hier…” Aber wenn zwei gegensätzliche Meinungen vertretende Parteien einander bekämpfen bin ich versucht zu sagen: “Die sind doch beide bescheuert, die legens doch auf Konfrontation an.” Im Besten fall würde ich beiden Parteien Recht geben… denn was soll man auch anderes sagen, wie kann man sich in einem Streitfall auf jemandes Seite schlagen?! wenn ich nun also beiden recht gäbe, dann wäre ich die bescheuerte…. und wenn mich meine eitelkeit in dem moment ( das wär der idealfall) verlässt und jemand sagt zu mir: “Hey, du bist doch bescheuert, wie kannst du beiden Recht geben?!” müsste ich nickend sagen: “Ja, stimmt, du hast recht!”

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