Gewitterkind

Sie sitzt da, die Leinwand auf den Knien und lauscht dem Unwetter.
Draußen zucken helle Blitze über den ganzen Himmel, erleuchten die Bäume, deren schwarze Gestalt hin und her wankt.
Sie versucht die Schönheit, die Faszination des Gewitters mit ihren Farben einzufangen. Blauabstufungen, Schwarztöne, helle Streifen.
Sie malt und malt, doch die Welt lässt sich nicht packen, die Farben sind nicht intensiv genug, die Farben passen nicht.
Sie können den Sturm nicht wiedergeben.
Auch nicht den in ihrem Kopf.
Sie greift nach einer roten Tube und drückt sie zusammn. Aggressiv verteilt sie die Farbe, schlägt auf die Leinwand ein, bis das Rot den Gewitterhimmel bedeckt.
Und dann springt sie auf, rennt hinaus in den Regen.
Sie schreit.
Sie schreit laut und wild, schlägt das Bild in die Erde.
Und während sie mit geballten Fäusten dasteht und weint verläuft die Farbe, und das nasse Gras färbt sich rot.

Ein Gedanke zu „Gewitterkind

  1. Träger des Lichts

    Schön energisch geschrieben. Und auch schön pointiert. Letztlich führt das Verlaufen Ihrer Farbe dazu, dass die Landschaft, die sie eigentlich naturgetreu zeichnen will, sich ihrem Bild anpasst und nciht umgekehrt. Bezeichnend für die Menschheit, die stets die Umwelt an sich anpassen will, statt umgekehrt.

    LG,
    Lichtträger

    PS “Die greift nach einer roten Tube”. Sie statt die, oder?

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