Externalisierung von Gewalt gegen Frauen

Zum Teufel mit der verdammten Externalisierung von Gewalt gegen Frauen. Immer woanders. Andere Länder. Im Park. Bloß nicht im Alltag. Bloß nicht bei den Männern, die Umfelder gestalten. Alles die Frauen. Ich krieg das kotzen wenn ich sowas lese und höre.
Erst gestern live auf einer Veranstaltung zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der Inhalt ging von „Früher war es ja viel schlimmer“, „in arabischen Ländern ist es voll krass“, „meine muslimische Freundin“ und „damals als ich in Kolumbien war“ bis zu „das trifft ja aber auch auf Männer zu“, „Frauen sind nunmal schwächer“, „diese Zahlen zweifel ich an“ und „Kachelmanns Freundin hat ja auch ihren Fankreis“.
Das hat mich schon fürchterlich aufgeregt. Ich kritisierte und versuchte sowohl gegen Opferdenken, Rassismus und Postfeminismus zu agieren. Einige der älteren Frauen waren davon ziemlich angepisst – erschreckender Weise tatsächlich nach dem Motto: Was willst du uns als junge Feministin eigentlich erzählen. Während ein Rechtsstaatpositivismus bis zum geht nicht mehr betrieben wird, kombiniert mit einer Fokusierung auf die „armen Muslima“. Diese Veranstaltung kostete mich viele Nerven.
Dann lese ich heute diesen Blogtext: „Wie Frauen die Rape Culture fördern: Angst vor Vergewaltigung und gute Ratschläge“ und denke mir so: Warum. Warum funktionieren da einige Windungen im Gehirn nicht? So ganz gesellschaftlich betrachtet? Ist das so ein männliches Pivilegiending manche Windungen nicht nutzen zu müssen? Und dann die Dreistigkeit zu besitzen, so einen Text am 25. November zu veröffentlichen. Die Zitate aus dem Blogtext sind nur Beispielhaft für eine ganz unterirdische Auseinandersetzung – die in Deutschland ja auch schon damit anfängt, dass am 25. November in der Regel von „Gewalt an Frauen“ gesprochen wird – weder die Aufforderung zur Beseitigung noch das „gegen“ taucht in der Sprache auf.
Jetzt zu dem Text von allesevolution (was kann eine da schon erwarten, welche diesen Blog nicht eh schon kennt…):

„Hier scheinen mir jedenfalls Frauen und Mütter weitaus deutlicher die “Rape Culture” zu fördern, indem sie so etwas [alleine nach Hause fahren] als gefährlich ansehen. Was auch kein Wunder wäre, wenn sie etwa die feministischen Zahlen glauben.
Es ist insofern interessant, dass eigentlich keine Richtung Frauen mehr Angst vor Vergewaltigung macht als der Feminismus und damit indirekt die Rape Culture fördert, wenn es sie den geben sollte.“

Da hat doch jemand wieder nicht aufgepasst. Nicht, dass das nicht anschlussfähig wäre. Wenn Feministinnen (z.B. von Frauennotrufen) jedoch auf eins seit Ewigkeiten hinweisen, ist es, dass statistisch eben NICHT die Gefahr von PARKS ausgeht, sondern von Menschen im UMFELD meist in GESCHLOSSENEN RÄUMEN.
Feministinnen versuchen genau dagegen zu argumentieren, gegen diese HERRschende Meinung. Wenn dann allerdings ein Typ mit „Stell dich nicht so an“ daher kommt, ist es wenig hilfreich. Ich möchte, dass diese Macker einfach einmal einen Tag als Frau erleben und sich damit auseinandersetzen müssen, wie schwer es ist, einer Sozialisation zu entkommen, die noch nichtmal benannt werden darf. Genau Typ. Du verstehst es wirklich nicht.
Dann herrklärst du einen rum wie schrecklich die erzogenen Vorsichtsmaßnahmen sind, die Frauen anwenden. Und diese Tipps zur Vorsicht kommen garantiert nicht von radikalen Feministinnen. Ich würde solche Tipps nicht geben, bemühe mich dahin zu wirken, das Menschen die Realität überprüfen – und sich mit den Fakten auseinandersetzen.
„Der Hinweis, dass ihre Ängste irreal sind, wird üblicherweise nicht akzeptiert.“ – Ich frage mich wie verwunderlich ist, wenn diese Hinweise von Typen kommen, die noch nicht die Erfahrung gemacht, wie sehr sie auf Grund ihres Geschlechtes objektivierbar und sexualisierbar sind – das lernen Frauen schon von Kindesbeinen an. Blicke, Kommentare, Medien, Erwartungen, Körpernormierungen – das alles sexualisiert den weiblichen Körper. Natürlich wirkt sich das aus auf ein Bedrohungsgefühl, selbst wenn die konkrete Situation vor der sich gefürchtet wird, nicht realisitisch ist.
„Kann ihn [Schutz vor Vergewaltigung] niemand aktiv leisten und soll dennoch Vorschläge machen, dann führt das eben zu den Vorschlägen des Polizisten, dass die Frauen selbst aktiv sein sollen. Es ist so gesehen die logische Folge der geäußerten Angst. Wenn an Polizisten die Erwartung herangetragen wird, dass er Vergewaltigungen verhindert, dann folgt darauf logisch auch ein Eigeninteresse des potentiellen Opfers solche Vergewaltigungen zu verhindern.“
Damit bezieht der Autor sich wohl auf den Auslöser der Slutwalks – also auf victim blaiming. Und rechtfertigt es. Ich meine, ingesamt ergibt dieses Zitat herzlich wenig Sinn, da ja eine Aufforderung zum Anderskleiden letztlich in keinem Zusammenhang mit Vergewaltigungen steht, sondern lediglich im Zusammenhang mit Rape-Culture.
Es wird kritisiert, dass ein Mann Rape-Culture fördern würden, „wenn er ihnen statt auf seinen Schutz zu vertrauen, die Teilnahme an einem Selbsthilfekurs nahelegt.“
Nichts gegen coole Wendo-Kurse. In der Regel dienen Selbstverteidigungskurse jedoch dazu, den Mythos eines Überfalls durch einen Fremden nachts im Park aufrechtzuerhalten. Es werden körperliche Praktiken gelernt, die in Nah-und vor allem in Beziehungssituationen nicht anwendbar sind. Somit fördert dieser Tipp nicht nur Rape Culture, sondern ist auch victim-blaiming, in dem Frauen die Verantwortung für Vergewaltigung (oder die Angst davor) zugeschrieben wird. Wie wäre es damit, zuerst mal ab und zu Faktencheck zu betreiben und mal genau hinzugucken, WAS Feministinnen da eigentlich sagen. Aber wenn Zahlen nicht gefallen, hilft im Zweifel einfach mal sie anzuzweifeln.
Liebe (fällt mir in dem Zusammenhang zugegeben schwer zu schreiben) Männer: Wenn ihr dass alles ganz doof findet, wie wäre es mal mit einer Auseinandersetzung damit, wie ihr dazu beitragt, diese Mythen zu fördern? Mit einer Hinterfragung der eigenen Praxis?
Ähnlich wie bei dem Bezug auf „den frauenfeindlichen Islam“ oder Bezügen auf „ferne Länder“ wird hier eine Debatte weiter externalisiert – „das“ passiert nur woanders. Wir sind hier ja alle gegen Gewalt und Vergewaltigung ist ganz schrecklich (aber ob das Nein auch wirklich ein Nein war, wer soll das bloß sagen) und total entwickelt. Gewalt passiert nur anderswo. Und im Zweifel ist es auch besser, Gewalt nicht so zu benennen. Könnte gefährliche Statistiken hervorrufen, die dann diese Gewalt reproduzieren. Diese Externalisierung dient dem Schutz des eigenen Status bei Männern oder auch der Verdrängung von erlebter (alltäglichen) Gewalt bei Frauen. Es darf bloß nichts mit dem eigenen Umfeld, der eigenen Lebensrealität zu tun haben. Dann müsste man ja was ändern.

Ausführlichere Texte über Rape Culture gibt es einige (Remember: Kommentarelesen kann dich und deine Umwelt gefährden) , ihr dürft auch gerne Links posten, dafür habe ich gerade keine Energie. (AntiPat-)Macker sind in meiner Kommentarspalte nicht willkommen.

15 Gedanken zu „Externalisierung von Gewalt gegen Frauen

  1. Anonymous

    Die Aussage des Textes ist eher, dass auch Frauen aktiv die Rape Culture fördern und Vergewaltigungsmythen aufrechterhalten.

    Antworten
    1. Steinmädchen

      aber ist an rape culture nicht ein patriarchales System schuld? Der kritisierte Text schiebt die Verantwortung Müttern und Schwestern zu (die ja für die Erziehung verantwortlich sind)… Klingt dezent nach victim blaiming…

      Antworten
    2. Anonymous

      das wäre ja die Frage. Würdest du denn zustimmen, dass AUCH Frauen gerne solche Mythen verbreiten, also Freundinnen darauf verweisen, nicht durch dunkle Gassen zu gehen, ihre Töchter dazu anhalten, vorsichtig zu sein, froh sind, wenn Männer Schutzfunktionen übernehmen?

      Antworten
    3. Anonymous

      Was würdest du denn als Grund für diese sehen und warum können Männer diesen Grund nicht haben?
      Das mit den Erziehungsaufgaben verstehe ich auch nicht.

      Antworten
    4. Steinmädchen

      Weil Männer strukturell mehr Raum haben. Und den könnten sie dazu nutzen, sich damit auseinanderzusetzen, warum Männer vergewaltigen. Und warum sie Frauen Blicke zu werfen, „positiven“ (ich beschütze dich ja) und negativem Sexismus aussetzen.
      Ganz beliebt ist halt das erziehungsargument. Männer würden ja von Frauen erzogen werden, also sein diese verantwortlich. Anstatt zu fragen, wo denn die Väter hin sind und was deren Verantwortung ist… Typische Abwehrreaktion, die da hinter steckt.

      Antworten
    5. Anonymous

      Inwiefern haben da Männer strukturell mehr Raum? Sie haben mehr Raum dabei, was sie ihren Töchtern/SChwestern/Freundinnen als Vorsichtsmaßnahme auf den Weg geben als Frauen, die diese Ratschläge ihren Töchtern/SChwestern/Freundinnen geben?

      Und du hast auch noch nicht den Grund der Frauen gesagt?

      Vielleicht wollen Männer auch beschützen, weil die Frauen Angst haben und sie Gefahr von ihnen abwenden wollen?

      „Männer würden ja von Frauen erzogen werden, also sein diese verantwortlich.“

      Warum die Väter nicht erziehen ist ja erst einmal unerheblich dafür, dass Frauen mehr Einfluss auf die Erziehung haben.

      „Anstatt zu fragen, wo denn die Väter hin sind und was deren Verantwortung ist… „

      Die Väter sind üblicherweise bei der Erwerbsarbeit, von der dann auch der Rest der Familie lebt.

      Antworten
  2. Anonymous

    Der Text sagt aber auch folgendes : Ein Mann (kein (potentieller) Vergewaltiger, also jemand, der nie vergewaltigt hat und nie vergewaltigen wird) hat keine Möglichkeit eine Schutzfunktion zu haben, sobald ein Rape Culture existiert.

    Führt er diese aktiv aus, agiert er als aktiver Agent einer Rape Culture, die suggeriert, die Gefahr lauere überall und unterstützt somit alle Sachverhalte einer Rape Culture (i.e. du brauchst einen Mann um dich vor anderen Männern zu schützen, jeder Mann ist ein Vergewaltiger, ergo ist Vergewaltigung „normal“ etc.).

    Wenn er diese passiv ausführt, betreibt er zweifelsohne Victim Blaming. Dies ist das Beispiel im ursprünglichen Text.

    Antworten
  3. Steinmädchen

    Natürlich können auch Cis-Männer was tun. Mit den eigenen Privilegien auseinandersetzen. Die Benennung einer Rape Culture führt nicht zu einer permanenter Angst sondern gibt eine Sprache für etwas, was sowieso schon da ist.
    Eine Normalität die eben selten benannt wird, wird durchs benennen nicht bedrohlicher, sondern die Handlungsoptionen steigen.
    Frauen* zu sagen wie sie sich schützen können ist halt der falsche Ansatz. Das finden Frauen* schon für sich selbst heraus.
    Männer sollten sich lieber mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen als Frauen* zu erzählen was sie tun denken oder fühlen sollen.
    Das könnte bedeuten zu hinterfragen, wann schutz angeboten wird, das bedeutet Rape Culture als Benennung zu akzeptieren, das bedeutet, sich mit strukturellem Sexismus auseinanderzusetzen.
    Und vor allem die eigenen Privilegien als (oft heterosexueller Cis-)Mann zu hinterfragen.

    Antworten
  4. Anonymous

    „Männer sollten sich lieber mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen als Frauen* zu erzählen was sie tun denken oder fühlen sollen.“

    Was muss ein Mann denn genau tun und wie muss er sein Verhalten umstellen, damit er die Rape Culture nicht mehr stützt?
    Kann es das in unserer Gesellschaft überhaupt geben oder kommt man als Mann gar nicht daran vorbei?
    Mir fehlt hier ein praktischer Leitfaden, was ich als Mann da konkret machen muss und wie da ein Erfolg aussieht.
    gehört dazu dann auch Frauen, die anderen Frauen zur Vorsicht raten, auf ihre Stützung der Rape Culture hinzuweisen oder sollte man das als privilegierter Mann lieber sein lassen und still bleiben?

    Antworten
  5. Steinmädchen

    es ist auch nicht meine Aufgabe als Feministin Männern beizubringen, wie sie sich unsexistisch verhalten sollen! Ich nehme keine Lehraufträge an.
    Kein praktischer Leitfaden.

    ich kann Feministinnen sagen, wie wichtig ich es finde, gegen die Schaffung von bösen Orten vorzugehen und wie schrecklich ich rassistische Externalisierung von weißen Frauen finde. Und wie wichtig es ist, die eigenen weißen Privilegien in dem Zusammenhang zu reflektieren. Wie schnell ein Außen konstruiert wird.

    Und ich kann sagen, dass es die Aufgaben von Männern ist, ihre EIGENEN Privilegien zu hinterfragen und zu überlegen, wie sie selbst rape culture stützen. Internet hilft dabei rauszufinden was dazu gehört. Texte bei Feminismus 101 als Stichwort.

    Tja und wie stehts mal mit Reproduktionsarbeit übernehmen.
    „Warum die Väter nicht erziehen ist ja erst einmal unerheblich dafür, dass Frauen mehr Einfluss auf die Erziehung haben. „
    Ergibt überhaupt keinen Sinn. Wenn Männer mal Reproduktionsarbeit betreiben würden…

    Ich fänds gut wenn was neues kommt, sonst schließe ich diese Kommentarspalte, weil es sich nur wiederholt und nicht weiterbringt. Erst Privilegien checken, dann schreiben.

    Antworten
  6. Anonymous

    @Steinmädchen

    Voll Zustimmung zum Artikel. Ich fand es auch immer befremlich, wenn Feministinnen, die gegen victim-blaming sind (und sich über Ratschläge der Polizei wegen Kleidung, Alkoholkonsum, usw.) gleichzeitig forderten, dass Mädchen und Frauen Selbstverteidigung lernen sollen und dass sie selbstbewußter Nein sagen müssen. Damit fördert man auch Victim-Blaming und zwar „Du hast Dich nicht genug gewehrt“.

    Vergewaltigung passiert aber nicht nur in Discos. Sondern Vergewaltigung passiert eben auch in gutbürgerlichen alltäglichen Situationen, wo es sich normalerweise nicht gehört, sich heftig zu wehren. Oder es kann sogar vorkommen, dass auch wenn man sich wehrt, am Hauptbahnhof im Feierabendsverkehr, dass alle wegschauen.

    @Anonymous

    Ja, manche Frauen sind Anhänger von rape culture, weil sie sich sicher fühlen können. Sie wollen glauben, dass Vergewaltigung nur anderen Frauen passiert, die sich falsch verhalten haben. Und das ist besonders fies, weil sie sagen können, dass sie als Frau ja nachvollziehen können, wie es ist, vergewaltigt zu werden. Nein, das können sie nicht. Viele Vergewaltigungsleugner sind Frauen (z.B. Friedrichsen, die sinngemäß sagte, dass es nicht möglich ist, oral zu vergewaltigen, schließlich hat auch eine Frau Zähne, sie selbst würde sowas nicht zulassen. Oder Frau Kachelmann, die will, dass gegen Frauen, welche eine Vergewaltigung anzeigen, automatisch wegen Falschbeschuldigung ermittelt werden.)

    Oder manche Frauen haben selbst Gewalt erlebt, haben sich damit arrangiert, wollen darüber nicht mehr denken oder sie wollen das als eine schwere aber notwendige Lebensbereicherung und machen deswegen Vorwürfe an Frauen, welche sich als Opfer sehen. Sie sagen dann „das war doch nicht so schlimm, woanders auf der Welt ist es schlimmer, und das Leben ist nun mal ungerecht, lerne damit um zu gehen.“

    Antworten
  7. onyx

    „Oder Frau Kachelmann, die will, dass gegen Frauen, welche eine Vergewaltigung anzeigen, automatisch wegen Falschbeschuldigung ermittelt werden.“

    Wie bitte? Wo hat sie sowas gesagt? Gibt es dazu einen Link?

    Antworten
  8. Yvonne

    Wie wir alle wissen, kommen eben Vergewaltigungen sowohl im Nahraum, wie auch an öffentlichen Plätzen vor. Beiden gemeinsam ist halt, dass „den Frauen zumindest eine Mitschuld“ gegeben wird. Also kann sie machen was sie will, sie macht es IMMER falsch. Wenn sie nicht vorsichtig ist, = selber Schuld! Wenn sie Stillhält: Selber Schuld! Wenn sie sich wehrt und ermordet wird: Selber Schuld! Wenn Sie zu nett war: Selber Schuld! Wenn sie zu abweisend war: Selber Schuld!

    Das unsägliche Verhalten von Männern verschwindet aus dem Blickfeld. ALLE und ALLES konzentriert sich auf ihr „falsches Verhalten“, was auch immer!

    Ja, das Patriarchat macht es sich einfach. Das zeichnet es ja eben aus!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.