Der feministische Blick

Heute hörte ich das erste Mal vom „feministischen Blick“. Ich war ganz aufgeregt, weil ich dachte: Oh yeah, vielleicht habe ich das schon. Vielleicht ist das dieser gleichgültig-bis-leicht-verachtende Blick Typen gegenüber. Mein Gedanke war gar nicht so weit weg, aber ich traf doch nicht ganz. Meine Dozentin erzählte, dass zu ihrer Zeit der feministische Blick den Blick bezeichneten, den Frauen hatten wenn sie den Raum betraten und dachten: Es kümmert mich überhaupt GAR nicht, wie ihr (Männer) mich findet.

Also quasi das was ich dachte minus Gleichgültigkeit und Verachtung. Also vielleicht doch auch etwas ganz anderes. Jedenfalls dachte ich dann darüber nach – hab ich den feministischen Blick?
Vielleicht habe ich ihn ein klein wenig. Vielleicht ist das dieser Teil, der gerade Männer in meiner Nähe verunsichert. Dass es mir wirklich wirklich scheiß egal ist, was sie denken. Und der entscheidene Punkt ist wohl, dass ich das nicht nur sage, sondern das tatsächlich so empfinde. Das war nicht immer so. Und wenn ich nach einer Meinung frage, auch von einem Typen, will ich die Antwort auch hören.

Aber ich bau mein Selbstvertrauen nicht darauf auf.

Nun wurde mein Selbstvertrauen, mein Gefühl zu mir, aber erheblich durch Frauen beschädigt – und nicht durch das Patriarchat. Aber der männliche Blick ist etwas, was sich greifen lässt, was ständig Leben bestimmt und ja, es war für mich sehr relevant, als Jugendliche von Typen nicht als Frau, also mit Sexualität besetztes Wesen, wahrgenommen zu werden. Das machte mich zu einem halben Menschen, wenn überhaupt – die Abwertung durch die Mädchen/Frauen machte mich jetzt nicht mehr zu anerkannten Person.

Für viele ist es aus den unterschiedlichsten Gründen sehr schwer als Frau durch den Raum zu gehen und auf Anerkennung zu verzichten, weil diese sehr wichtig ist und vielen abgesprochen wird. Weil die Genitalien „verkehrt“ sind. Weil das Rollenverhalten „verkehrt“ ist. Weil die Körperform, die Kleidung, das Aussehen generell „verkehrt“ ist. Alles ist ständig verkehrt.

Und wie viel Solidarität und wie viel Kraft es kostet, dahin zu kommen und zu sagen: Deine Meinung interessiert mich nicht.

Heute ist Anti-Diät-Tag und ich habe schon vor längerem entschieden nie wieder Diäten zu machen. Entscheidend dazu waren Texte von Riotmango und anderer Feministinnen, aber auch Bilder und Freundinnen, die den feministischen Blick hatten und haben. Zu sehen, dass es geht.

Lange dauert das. Ich habe den Umweg genommen über mich-so-verhalten-als-ob und das solange gemacht, bis es angefangen hat zu wirken. Kein Psychogebrabbel mit liebe-dich-selbst sondern feministische Solidarität und Anerkennung hat mich dahin gebracht, meinen Körper den Sanktionen anderer zu entziehen.

Das funktioniert selten perfekt, aber als ich heute die Geschichte vom feministischen Blick hörte dachte ich nochmal: Hell yeah, und ich möchte, dass jede Person diesen Blick sehen kann wenn ich den Raum betrete. Den Blick der Typen sagt: Das ist mein Körper, und ich schwöre dir, solange wir nicht miteinander ins Bett gehen (was nicht passieren wird) geht er dich nullkommanullnullnichts an. Du und deine Meinung interessiert mich nicht die Bohne. Und wenn Frauen dann mit abschätzigen Blicken und Kommentaren kommen, dann möchte ich ihnen diesen Blick zuwenden und damit sagen: Probiert’s mal mit Feminismus.

3 Gedanken zu „Der feministische Blick

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