Anerkennung von Schmerz und Pathologisierungskritik

Das Problem der (fehlenden) Anerkennung
Dass ich Psychopathologisierungen komplett ablehne und oft scharf kritisiere, scheint viele persönlich anzugreifen und oft Abwehrreflexe auszulösen. Es ist nicht so, dass ich das nicht verstehe. Und ich versuche, Selbstbezeichnungen zu akzeptieren, egal ob irgendwas in mir schreit “Konstruktion”. Wenn dies aber in einem feministischen Umfeld passiert was mir sehr am Herzen liegt oder noch besser, wenn sich “psychisch krank” “anerkennen” plötzlich als Antidiskriminierungskampagne labelt (z.B. #istjairre) , dann habe ich damit schon ein Problem. Wenn dann auch noch die Bereitschaft fehlt, die eigenen Abwehrreflexe kritisch zu prüfen (eine ist ja krank, kann nichts dafür, dann ist sowas echt zu viel verlangt) fange ich an, wütend zu werden.
Es ist nichts dabei, eine Therapie zu machen. Manchmal fehlen einer_m eben Alternativen. So what. Kein Grund, Diagnosen zu feiern. Kein Grund, Psychotherapie nicht zu kritisieren. Kein Grund, psychiatrische Gewalt zu verharmlosen.
Wer normt, was für mich schlimm, was für mich weniger schlimm zu sein hat? Sexualisierte Gewalt, Tod, die größten aller Übel? Oder in der Kindheit hat das irgendwie nicht mit der Mutterliebe ™ geklappt? Was ist mit anderen Erfahrungen, wie werden rassistische Erfahrungen bewerten, wie wird das Aufwachsen in einer heteronormativen Welt bewerten, was kriegt welchen Stellenwert?
In der der Verhaltenstherapie sind meine Muster das Problem, die so schön vertrauten Neurosen. Das Ziel: Angleichung, damit es mir besser geht. Wirklich, die Idee der ausübenden Therapeut_innen ist bestimmt zu helfen, “destruktives” oder belastenes Verhalten zu überwinden. in der Psychoanalyse spielt das alles eine kleine Rolle, wichtig ist,das Drama der Kindheit aufzudecken. Kein Platz für Schulhorror. Nicht schwergreifend genug. Reicht nicht für PTBS, vielleicht ist ne Depression drin, oder ein Burnout, wobei das natürlich daher kommt, dass ich so unglaublich viel arbeite. Für Persönlichkeitsstörungen reicht es auch, aber hilfreich sind noch n paar andere Defekte, Komobititäten nennt sich das, wobei erwartungsgerechte Gewalterfahrungen da durchaus mit zum Spaß gehören. Genetischer Kram (Dispositionen in der Familie, you know) eigenen sich perfekt für ne Schizophrenie (sowieso immer gut) oder Depressionen. Die gehen immer. Schizophrenie ist so zwiegespalten auf der Anerkennungsskala. Gilt schon als echt krank und so, aber gleichzeitig auch als unzurechnungsfähig. Die Entmüdigung ist sichbarer als bei einer Depressionsdiagnose. Das ist dann doch oft etwas zu viel. </performative Übertreibung>

Wann Pathologisieren Sinn zu geben scheint
Zunächst einmal kann eine Diagnose erleichtern. Mir ging das so. Ich fühlte mich von meinem Umfeld nicht ernst genommen, alle sahen doch wie gut ich klar komme, dass ich vielleicht ein paar Probleme habe, aber es sonst „nicht so schlimm“ ist. Also ja, ich habe die Pathologisierung nicht nur zugelassen, im Gegenteil, ich habe sie begrüßt, mit weit offenen Armen. Was mir gefehlt hat, ist dass eine Person sieht, dass es wirklich schlimm ist, dass ich jeden Tag ums überleben kämpfe, dass ich es fast nicht mehr aushalte. Ich hatte die Wahl zwischen Menschen die mir sagten: Das ist doch nicht so schlimm, du hast nur ein paar Schwierigkeiten und dem Angebot: Du hast eine Krankheit, dir geht es per Definition wirklich schlecht und du hast es wirklich schwerer. Naja, die Wahl fiel mir nicht schwer, denn ich fühlte mich doch so Elend.
Pathologisieren hat einige Vorteile. Du hast eine Diagnose, eine Krankheit. Eine Krankheit kann geheilt werden. Oder zumindest gebessert, wenn du eine „chronische psychische Krankheit“ diagnostiziert bekommst. Auf Sonnenblumenkrankheit gab es dazu mal einen sehr spannenden Text zu „Schlimm krank, leicht krank“. Ich finde den Text hart, aber auch radikal ehrlich und direkt. Hier mal ein Ausschnitt:

Es gibt erstaunlich viele Menschen, die ein Stück weit anstreben als möglichst schlimm krank anerkannt zu werden.
Da kann es zum Beispiel darum gehen, dass jemand mit seinem Leid gesehen werden will, und je mehr Krankheit ihm anerkannt wird, desto mehr wird anerkannt, dass der Mensch es wirklich nicht einfach hat.
Da spielt dann auch Neid eine Rolle, weil andere Menschen, die schlimmer krank sind als man selbst viel mehr Zuwendung, Respekt und Anteilnahme erfahren als man selbst, also wünscht man sich auch als kränker anerkannt zu werden, damit man auch Anerkennung erfährt. Da wird innerlich gestritten ob man sich nur anstellt und dumm ist, oder vielleicht krank ist. Krank sein ist also die Alternative zu scheiße sein – und das ist dann ja die zu bevorzugende Alternative.
Krank sein ist auch die Erlaubnis sich Hilfe zu holen. Krank sein kann auch Identität stiften bzw. eine Erklärung wer und wie man ist.

Im weiteren Text gibt es einer aufzählung nützlicher Bewertungskategorien, wie Diagnose, Trauma, Traumasymptome, zähl- und sichbares, Dauer, Alter, Therapieversuche, Alltagstauglichkeit, Kontrollverlust. Lässt sich alles gut ausspielen. Klingt krass, ja sehe ich auch so, trotzdem stimme ich zu. Es ist nicht so, dass ich das nie gemacht hätte. In dem Text wird die Frage nach dem Warum gestellt. Warum ist das so wichtig? Und hier kommt für mich der Punkt, Gesellschaft mit einzubeziehen. Zur Abwechslung. Aber es ist einfach schwer, in einem kapitalistischen System nicht zu arbeiten. Dafür braucht es eine legitimierbare Begründung. Es ist schwer, sich irgendwie nicht dazugehörig zu fühlen. Dafür braucht es eine Begründung, denn dann gibt es vielleicht auch Hilfe. Eine Zuordnung. Eine Identität. Eine Sicherheit. Und vor allem: Anerkennung. Raum für das eigene Befinden, Schmerzen und diese ganzen unerklärlichen Gefühle. Denn was, wenn die gängien Erklärungsmuster versagen, kein Trauma zu finden ist und das Leben auch sonst recht privilegiert verlaufen ist? Woher kommt dann dieser ganze Schmerz und die Verzweiflung?

Es gibt aber auch andere Momente, in denen eine_r gezwungen seinen kann, Diagnosen zu übernehmen. Wenn eine_r, z.B. durch ungünstige Äußerung von Gedanken, die jetzt dem Leben nicht ganz so positiv gegenüberstehen, in den Genuss einer Zwangseinweisung kommt sind die Regeln nochmal anders. Wenn du nicht gestehst, dass du krank bist, wird dir Hilfe verweigert. Jede Form von Behandlung, die stattfindet, bevor eine_r gesteht, dass sie_r krank ist, wirkt auf diese sogenannte „Einsicht“ hin. Ab dem Zeitpunkt ist eine Be-handlung dann oft „freiwillig“. Bei allem bleibt aber das Credo: Gestehe, dass du krank bist, dann wird es dir auch wieder besser gehen. Dann bekommst du „Hilfe“. Das schafft ein System, das auf totaler Unterwerfung basiert. Einen Ausweg aus der Krankheitseinsicht gibt es nicht, wenn eine Person a) bestimmte Unterstützung sucht und keine anderen Ressourcen findet als eine Therapie b) eine Person unter der Bedrohung oder realen Erfahrung von Freiheitsentzug steht. Und noch tausende Variationen dazwischen und darüberhinaus und um Ecken drumherum. Ein absolutes und in sich auswegsloses System. Helfen und heilen sind die Begriffe, statt strafen und disziplinieren – welch schön klingende Worte. Auch als ich mich noch freiwillig in das System der Psychiatrie begeben habe fand ich die Bestrebungen, diese in schön, in bunt zu verkleiden schon merkwürdig. Die kalten Krankenhausbetten, die Aufgereihten Zimmer, die nächtlichen Bettkontrollen mit der Taschenlampe – all das ist wenigstens ehrlich.

Die Normalität von Gewalt_Krise_Schmerz und die Sache mit den Vergleichen
Was nun, wenn eine_r sagt, ich brauche diese Diagnose, sie gibt dem ganzen einen Namen? Zunächst ist meine Antwort: Okay, dann ist das gerade für dich so. Ich werde diesen Begriff aber nicht verwenden. Und wenn ich hier schreibe, will ich nicht Einzelpersonen ihre Selbstbezeichnung absprechen, auch wenn ich sie nicht so klug finde, wie bei schizoanalyse treffend analysiert. Aber ich verstehe mein bloggen als politisch. Politisch heißt für mich auch, die eigene Erfahrungswelt in eine Kollektive einzubetten und aus der gemeinsamen Analyse dann Handlungen abzuleiten. Es reicht mir für politisches Handeln nicht, mich zu denken, auch wenn das je nach Erfahrungen im Leben schonmal gar nicht so leicht ist. Aber ich muss und möchte hier Strukturen, Gebilde, Systeme aufzeigen, enttarnen, ja entblößen in ihrer Grausamkeit und den daraus entstehenden Konsequenzen.

Doch was mache ich nun mit meinem Leid, mit meinem Wunsch nach Anerkennung und Gesehenwerden? Wenigstens könnte jemand sagen: Das ist ja wirklich krass. Das wäre doch mal was. Mir sagte eine Freundin mal “das ist jetzt ja nicht ungewöhnlich” als ich von einer nicht so schönen Erfahrung berichtete. Zuerst war ich irritiert bis hin zu entsetzt. Nicht so ungewöhnlich klang so abwertend in meinen Ohren. Dabei war nichts abwertendes dabei. Das war das, was ich hörte, dass, was eine_r in einem durchpsychologisierten System so erlernt. Eine nicht so ungewöhnliche Erfahrung = eine nicht so schlimme Erfahrung. Hat sich irgendwann mal so eingebrannt. Hat was mit Gesellschaft zu tun. Was besonderes sein, nicht austauschbar, einzigartig – selbst wenn nur im Schmerz, dann wenigstens dann eine gewisse Einzigartigkeit. Ein religiöser Gedanke wohl

Ich versuchte es mir selbst zu erklären mit der Hilfe von Suizidgedanken, die ich nun wirklich für völlig normal halte. Ich bin echt sehr irritiert, wenn Menschen mir sagen, dass sie nicht einmal am Tag mindestens so ein paar Sekunden den Gedanken haben: Stirb doch einfach du elendes Drecksstück/Versagerin/Beleidgung oder Abwertung deiner Wahl. Dass das so normal ist, macht das nicht unbedingt immer erträglicher. So ein genervtes: Orr, warum lebe ich eigentlich immer noch? ist irgendwie leichter zu ertragen als die Nummer mit 24/7 daran denken, dass ich das nicht mehr aushalte und sterben möchte und gleichzeitig dagegen ankämpfe weil irgendwas mich irrationaler Weise an irgendwas festhält – aber auch damit ist eine_r dann einfach nicht allein. Es ist nicht ungewöhnlich.

Wie in dem Text mit den Krankheitsvergleichen schon gut aufgezeigt wurde: „Es ist sehr schwer zu vergleichen welcher von 2 Menschen unglücklicher ist, aber wessen Wunden tiefer sind, das geht.“ Das greifbare gibt halt. Biologistische Erklärungen geben Halt. Das ist nun mal so! Da kann ich nichts für! Das Bedürfnis nach: „Da kann ich nichts für“ ist ja ebenfalls nur allzu gut verständlich. Und es gibt ja auch tausend Erklärungsmodelle von Gesellschaft und Strukturen. Aber es ist auch wichtig, zu sehen, dass das zu einer Selbstentmündigung führen kann: Nämlich die eigenen Möglichkeiten des Widerstands nicht mehr zu sehen – denn das ganze ist ja biologisch unausweichlich. Und gleichzeitig muss ich schon kritisieren, was ich hier geschrieben habe, denn durch die Suche nach Erklärungsmodellen, nach den Ursachen, bin ich ganz nah dran an genau dem kritisierten: Psychologisierungen in allen Bereichen. Ich bin nicht wütend auf Personen, die trotzdem diesen Weg nutzen oder nutzen müssen. Ich bin wütend auf eine Institution und eine Gesellschaft, die genau das verursacht. Ich will mich heute weder einer Störung unterwerfen noch irgendwelchen gut getarnten (Selbst-) Zwangsmaßnahmen. Ich will mich nicht (runter)regulieren oder kontrollieren und damit patriarchalen Logiken unterwerfen.

Eine entscheidende Problematik an dem: „Nimm mir nicht meine Diagnose weg, ich brauche die“ ist, dass dadurch eine Nichtanerkennung von Schmerz, Leid und Lebenssituation erfolgt von Menschen, die sich diesem System nicht unterwerfen wollen. Weil innerhalb eines sozial kontrollierten Systems das auf eben diesen Psychodiagnosen basiert, es nicht möglich ist, Unterstützung zu erbitten oder Anerkennung einzufordern – denn wenn es nicht krankhaft ist, kann es ja nicht so schlimm sein.

14 Gedanken zu „Anerkennung von Schmerz und Pathologisierungskritik

  1. Lantzschi

    Liebes Steinmädchen,

    danke für das Teilen deiner Gedanken zum Thema. Auch wenn ich nicht in allem 1:1 mitgehe, wollte ich noch einmal ein paar Fragen in die Runde werfen, die deinem Text gar nicht widersprechen müssen:

    wer hat überhaupt Zugang zu staatlichen “Gesundheits”-/Versorgungssystemen, wenn er_sie diese in Anspruch nehmen möchte oder gar muss? Für wen ist es leicht_er sich Alternativen zu suchen, weil diese für eine_n zugänglich sind/Schonräume/Auffangräume außerhalb des Systems darstellen, die weniger diskriminierend sind? wer kann sich aussuchen, ob er_sie sich Diagnosen und damit einhergehender Pathologisierung aussetzt? Für wen ist das je nach Lebenssituation und -realität schwierig oder gar unvermeidbar? Wer kann Konstrukte wie Diagnosen, “Krankheiten”, “Gesundheit” überhaupt (öffentlich) in Frage stellen? Wer ist also strukturell schon mit (Psycho)Pathologisierung und Psychiatrisierung bzw. Absprechung von Selbstbestimmung und damit einhergehender (institutioneller) Gewalt konfrontiert und nicht erst, wenn Krisen und Leid da sind?

    ich beobachte, dass viele Texte zum Thema, auch jene, die du kritisierst, sehr oft das eigene Leid/die eigene Krise in den Fokus rücken (ganz gleich, ob dann eher antipsychiatrisch oder psychiatrie/psychologisierend affirmativ argumentiert wird). Diese Texte thematisieren wenig, inwiefern es eine_r möglich ist, genau diese Thematisierung und Zentrierung vorzunehmen und was das mit (eigenen) Privilegierungen zu tun hat. Wer kann sich eine Selbst_Pathologisierung “leisten” und_oder die (ausschließliche) Thematisierung eigenen Leids in einem System, das generell die Wahrnehmung und Anerkennung eigener Grenzen und Krisen sofort unter Strafe stellt mittels Disziplinierungmaßnahmen. Wer nimmt diese Maßnahmen als gewaltvolle Zurichtung, wer als Unterstützung/Auszeit/Hilfe wahr? Wer kann sich in diesem Zusammenhang eine eineindeutige Lesart überhaupt aussuchen? Für wen sind die Inanspruchnahme einer Auszeit von Lohnarbeit wegen Krisen und “Krankheiten” möglich (bspw. mittels staatlicher Transferleistungen wie Krankengeld oder HartzIV)? Wer kann auch das wieder als Auszeit/Pause/Ruhe wahrnehmen?

    wenn ich von Alternativen zu staatlichen Versorgungsmöglichkeiten spreche, spreche ich auch von feministischen Communities, die Unterstützung und Auffang bieten können. Für wen sind diese Communities Orte, an denen sich eine_r wohlfühlt, aufgefangen und unterstützt werden kann, weil er_sie keiner (potentiellen) Diskriminierung ausgesetzt ist? Wer hat überhaupt Zugang zu und Kenntnis von diesen Communities?

    Wie hängen all diese Fragen mit strukturellen Diskriminierungen wie Rassismus, Klassismus, Trans*diskriminierung, Ableismus und Heterosexismus zusammen?

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      Ja ich denke auch, dass viele Fragen nicht meinem Text widersprechen sondern auch solche sind, die ich teilweise schon in anderen Texten aufgeworfen habe. Der Zugang zu Alternativen ist für die wenigsten möglich, einfach weil Psychiatrie und Medizin ein solches Machtsystem ist, dass es sich durch sämtlich Lebensbereiche zieht, den Körper und das Selbst (was auch immer das ist) komplett durchdringt und fleißig formt und normt. Und es je nach Ort (zb Dorf, Kleinstadt, Großstadt) einfach auch keine Anlaufstellen gibt.
      aber ich würde die frage nach dem für wen diagnosen unvermeidbar sind auch die Frage anschließen, für wen Diagnosen das Aus bedeuten. Wer kann sich die Konsequenzen einer psychiatrischen Diagnose leisten?

      Und ich würde nicht nur nachdem wer kann sich leisten Leid zu thematisieren fragen sondern auch fragen, wann und wo und in welchem Kontext dies ein Akt des Widerstands ist oder sein kann.

      Ich finde gut, dass du die feministischen Communities ansprichst, ich glaube das hatte ich neulich schonmal, dass ich eben die Erfahrung mache, dass sie für viele nicht zugänglich sind. Weil ein bestimmter bürgerlicher Habitus oft gefordert wird – wie zb Höflichkeit und andere Umgangsformen.

      Zu den Diskriminierungen finde ich ja spannend wenn eine sich genau Diagnostik anguckt und dann mal überprüft, wie viel davon eigentlich verankert ist. (Trans*pathologisierung mal als einfachstes beispiel “gender dyphoria” – aber auch “ich-dytone identitätsstörung” oder wie das genau heißt, früher hieß es jedenfalls homosexualität. Anpassungsstörung auch perfekt bei prägenden Erfahrungen von Rassismus, Sexismus und Klassismus und anderen Diskriminierungen)

      Gerade wegen all dieser offenen Fragen oder kritisch zu beantwortenden Fragen finde ich es so so wichtig, dass es einen skeptischeren Blick auf ein Psychopathologisches System gibt und dieses nicht mit Emazipation verwechselt wird – dazu ist es zu sehr ein Unterdrückungssystem (siehe Krankheitseinsichtszwang).

      Liebe Grüße!

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      1. Tina

        Ich glaube, dieser Gedanke der “community care” wäre mal einen eigenen Text wert, das taucht ja auch immer wieder im Zusammenhang mit “self care” auf. Ich habe im Moment auch den Eindruck, dass das nur ziemlich begrenzt funktioniert, warum, wäre einen eigenen Post wert.

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  2. sdi

    interessanter text danke.

    ich finde allerdings deine persönlichen emotionen dabei wie, dass du wütend wirst wenn du xyz hörst etc., klingen so langweilig nach ‘linkem?’ szene gedöns und den tollen codes, die verdammt dominante reglementierungen vermuten lassen, die ich sehr über habe. ohne eben dieses pseudo-lustige rumgeprolle fände ich deine texte noch schöner und weniger abschreckend für eine, die sie sich nicht mit diesen obercoolen mackerattitüden identifizieren kann wie ich. inhalte sind wichtig, der rest doch eher standard. deine gedanken finde ich wie gesagt sehr spannend! danke dafür.

    viele grüße!

    s.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      so einfach ist das für mich nicht. ich bin ein grundwütender mensch und habe irgendwann diese wut gar nicht mehr ausleben dürfen, woran ich fast erstickt wäre. diese “tollen codes” (ich will nicht bestreiten, dass das damit zu tun hat) haben mir aber geholfen, wieder atmen zu können.
      das “rumgeprolle” hat auch damit zu tun, dass ich mir vorgenommen habe, mir keine angst mehr machen zu lassen, zb auf der straße. auch das ist nicht einfach vom himmel gefallen sondern war viel, viel übung und entschlossenheit. mir geht es besser damit, ich fühle mich sicherer. ich finde, dass es so viele mackertypen zu kritisieren gibt, dass ich es echt okay finde, mal als frau diese rolle zu haben – kritik daran kann ich ganz gut aushalten, weil ich meine geschichte, prozesse und entscheidungen darin kenne.

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      1. viola

        Liebes Steinmädchen, Du psychologierst hier deine Einstellung, dein “Rumgeprolle”. Wenn du keine Argumente sondern deine Psyche, deine Lebensgeschichte als Begründung für eine Meinung angibst ist das genau die Pathologisierung und Psychologisierung, die du kritisierst. Genauso wie die Menschen wären, die als Abwehrreflex es ablehnen, das du Psychopathologisierung ablehnst. Du pathologisierst wenn du von “Abwehrreflex” sprichst und ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz weshalb du das nicht merkst.
        Auch Psychotherapie läuft nicht so wie du es beschreibst, die Diagnose wird kaum verwendet um jemenschen eizueengen, sondern um Hilfe richtig zuzuordnen. Es gibt schon Psychiaterinnen, die sich grenzwertig verhalten, aber eher in der Ausnahme.
        Wie jemand vor mir schon schrieb, gehst du etwas zu stark von dir selbst aus. Nur weil du offenbar deine Selbstmordgedanken normal findest heißt das nicht dass niemand darunter leidet. Und hier komme ich verkürzt zum Punkt: “Psychisch Krank” ist ein Begriff der Leidensdruck involviert, dieselbe Sache lässt eine leiden eine andere nicht und die, die leidet hat ein Recht auf Hilfe, auf den Krankheitsstatus. Dem würde jede halbwegs gebildete Psychotherapeutin oder Psychiaterin zustimmen .Es ist schade dass du diesbezüglich auf dermaßen minderbemittelte Leute gestoßen bist, das trifft aber nicht auf den gesamten Berufsstand zu. Überdies solltest du, wenn du nicht jahrelang Therapie gemacht hast und vermutlich zu gesund bist für längere Psychiatrieaufenthalte und nichts demensprechendes studiert hast, dich mit der Meinung diesbezüglich etwas zurückhalten. So merkt man sehr schnell dass du einige Prinzipien nicht verstanden hast und dich sehr viele Vorteile beherrschen. Deine politischen Artikel abseits von Psychiatrie, finde ich aber sehr interessant.

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        1. Steinmädchen Artikelautorin

          ich habe nie behauptet, dass menschen keinen leidensdruck haben. und ja, manchmal tappe ich in die falle, selbst zu viel zu psychologisieren, mich zu sehr dieser argumente zu bedienen, gewohnheit, gesellschaft, nicht genug nachgedacht. doch meine kritik ist strukturell, nicht persönlich. meine kritik basiert nicht auf “schlechten erfahrungen” sondern auf einer gesellschaftlichen analyse, eine kritik an der pathologisierung von schmerz, verhaltensweisen und lebensumständen. leidensdruck heißt nicht krank. wenn ich im kapitalismus leide, weil ich keine kohle habe, ist das nicht krank, sondern die angemessene reaktion auf ein ausbeuterisches system. dagegen brauche ich keine pillen, sondern revolutionäre bewegungen.
          die eigenart, menschen permanent ihre legitmation abzusprechen, weil sie auf der falschen seite der couch sitzen oder saßen, nicht (das richtige) studiert haben, ist teil einer sehr nervtötenden, patriarchalen wissenschaftskultur in der ich mich, zumindest hier, defintiv nicht legitimieren will.

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  3. le merle

    Noch ein post, in dem ich vieles von mir wiederfinde. Ich habe verstanden und finde gut, dass es Dir ganz stark um den Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Bedingungen geht. Ich kann das nicht so stark bieten und schreibe etwas simpler und persönlicher.

    Es gibt keine offiziell anerkannte Sprache, mit der ich meine Situation so ausdrücken könnte, dass es für mich stimmig ist. Ich habe nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die beide von Gesundheits- bzw. Arbeitssystem vorgegeben werden: Entweder ich muss mich als gesund bezeichnen, muss arbeiten und habe keinen Anspruch auf Hilfe. Oder ich bezeichne mich als krank und lasse Diagnosen zu, und nur dann kann ich einige Hilfe und Entlastung in Anspruch nehmen. Pest oder Cholera.

    Ich für mich drücke mich so aus: Ich bin nicht krank, sondern mir sind in meinem Leben schwierige Dinge passiert und ich habe darauf reagiert. (Die Reaktion war nicht immer die Günstigste, andererseits hat mir aber auch niemand eine Bessere aufgezeigt. Äußere Faktoren und persönliche Verantwortung sind beide da.)

    Nur bekomme ich mit dieser selbstgewählten Definition keine Entlastung von Arbeit und keine Hilfe in Form von Therapie. Auch wenn der Leidensdruck noch so hoch wäre und ich mit noch so viel Energie an mir arbeiten würde. Selbst wenn ich nichts genehmigt bekommen möchte, sondern nur ein Gespräch führen, wird die Kommunikation schwer. Das ist dann aber alles mein persönliches Problem, und das Wort unsichtbar passt ganz gut, finde ich.

    Ich persönlich habe mir bewußt innerhalb des Systems den mir momentan größtmöglichen Freiraum gesucht (Sozialhilfe), war dafür aber inkonsequent und habe Begutachtung und Beurteilung in Kauf genommen (und gesteuert, soweit möglich).

    Aber ja, das kann ich mir auch nur leisten, weil ich z.B. keine Kinder versorgen muss und nicht auf eine weitere Person in meiner “Bedarfsgemeinschaft” Rücksicht nehmen muss.

    Ich suche mir therapeutische Unterstützung so aus, dass ich meine Autonomie ausreichend wahren kann, aber das kann ich mir eindeutig auch nur aus bestimmten Gründen leisten. Andere haben die Wahl nicht, und potentiell könnte sie auch mir aberkannt werden. Ich glaube, im Zweifelsfall würde ich lieber auf intensivere Hilfe verzichten, als auf meine Selbstbestimmung – eine Wahl, aber keine tolle. Pest oder Cholera.

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    1. Steinmädchen Artikelautorin

      Ja da hast du ziemlich treffend die zwickmühle beschrieben. auch etwas, was diese system so absolut macht. in einer auf lohnarbeit basierenden gesellschaft die an leistung orientiert ist, gibt es oft keine alternativen, wenn eine_r aus gründen einfach support und andere unterstützung braucht…

      danke fürs teilen.

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    2. Tina

      Ja, das ist wirklich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich navigiere mich da auch so dazwischen durch, hatte mich jetzt drei Wochen wegen Überlastung krankschreiben lassen und mache Psychotherapie, aber eine wirkliche Pause von meiner eigentlichen Belastung (transphobe, bzw. besser cissexistische Gesellschaft) kann ich damit auch nicht erreichen. Und die gesellschaftlich in solchen Situationen vorgesehene Pause (Klinikaufenthalt, bzw. Kur) bietet zum Einen auch keine Gewähr, dass es da nicht genauso cissexistisch zugeht und zum Andern werden da eben diese Strategien der Individualisierung etc. angewandt, die mir nicht wirklich weiterhelfen und eine so klein machen.

      Lustig wird das auch mit dissoziativen Symptomen, da kann die Pathologisierung richtig gefährlich werden, meine Hausärztin wollte mich deswegen schon zum Psychiater schicken, dabei ist es klar, dass es sich einfach nur darum handelt, dass mein Gehirn sich weigert, sich weiter mit dieser belastenden Situation auseinanderzusetzen, und an der Situation kann der Psychiater ja auch nichts ändern, nur sonst einen Haufen Probleme verursachen.

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  4. Tina

    Vielen Dank für den klaren Text, der vieles von dem beschreibt, was mich auch immer an der Psychologisierung aufregt. Interessant finde ich auch den Gedanken, dass es die Unterscheidung zwischen “gesund” und “krank” eigentlich Quatsch ist. Wie le merle schon kommentiert hat, ist sie aktuell im Lohnarbeitssystem, bzw. der Leistungsgesellschaft nötig, weil “gesund” bedeutet: “du musst arbeiten” und krank bedeutet “du darfst dich ausruhen und sollst dich verbessern” (um wieder arbeiten zu können).

    Hier wäre interessant, wie ein Zusammenleben und -arbeiten aussehen würde, dass nicht auf dieser Unterscheidung beruht, wo also jedem_r zugetraut wird, etwas “leisten” zu können und auch jede_r schwach sein darf, Unterstützung brauchen darf und etwas zu viel sein darf. Ich glaube, das passt auch zu der in den Kommentaren angesprochenen community care bzw. der Unterstützung durch die Communities statt durch das psychopathologische System. Ich fürchte aber, dass sich dafür der Leistungsgedanke noch zu sehr in die Communities eingeschlichen hat.

    Ein anderer wichtiger Gedanke, den Du angesprochen hast, finde ich diese Sache, dass bei der Psychotherapie immer von einem vergangenen Trauma o.ä. ausgegangen wird, dass eine geprägt hat. Also irgendetwas in der Form, “ja, damals war es schlimm, aber heute ist es anders, und du musst dir nur darüber klar werden, dass du heute sicher bist und dann fühlst du dich auch gut”. Sowas funktioniert vielleicht bei Leuten mit PTBS, die aus Katastrophengebieten nach Hause kommen, häufig ist die Belastung aber doch im hier und jetzt, einfach die übliche Kackscheiße, die einer das Leben schwer macht. Und natürlich verbindet sich das mit alten Erfahrungen, weil die Welt ja früher auch nicht besser war, weshalb es leicht ist, diesen Erklärungsansätzen wie PTBS auf den Leim zu gehen.

    Was ich aber auch immer wieder erlebe, ist, dass Leute die Psychopathologisierung auch sehr empowernd empfinden, sieh z.B. hier: , wahrscheinlich vor allem, weil es dadurch gut möglich ist, dieses “Reiß dich mal zusammen” abzuwehren.

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  7. kröte

    Danke für deine Gedanken, die waren teilweise sehr neu für mich und haben mich zum nachdenken angeregt.

    Für mich ist es auch so, dass die Diagnose erstmal Besserung bedeutet hat. Zum Beispiel weil es dann auch leichter war, eine geeignete Therapie zu finden. Die Diagnose ist allerdings in meinem Fall auch wirklich durch meine Mitarbeit entstanden und wurde mir nicht aufgedrängt. Außerdem hatte ich dadurch die Chance, passende Selbsthilfegruppen (virtuelle in Foren aber auch im realen Leben) zu finden und das hat mich sehr viel weiter gebracht.
    Es hilft mir auch manchmal zu wissen, dass es anderen ähnlich geht – und dass es anderen ähnlich geht, weiß ich dadurch, dass andere die selbe Diagnose haben. Früher fühlte ich mich überhaupt nicht dieser Welt zugehörig, dachte, niemand versteht mich. Heute kann ich mit ein paar Worten beschreiben, was so im groben bei mir schief hängt und es gibt Leute, die damit was anfangen können. Das ist für mich echt klasse!
    Allerdings habe ich eine Diagnose, mit der ich nicht gut hausieren kann, weil ich dadurch wahrscheinlich eher stigmatisierung als mitgefühl bekommen würde.
    Das macht ja nämlich eben auch noch den Unterschied: Hast du ne PTBS wirst du in der Gesellschaft iwie zum “armen Opfer” (was auch echt nicht toll ist), bist du multipel, ist das bereits ziemlich verrückt und du wirst schon viel weniger ernst genommen. So jedenfalls meine Erfahrung.

    Weil wer oben noch was zu Dissoziation schrieb: da stimme ich auch zu, dass das sehr gefährlich sein kann, als dissoziativ zu gelten.
    Bei mir war es vor allem deshalb doof, weil gleich jeder Körperschmerz als “psychisch” abgetan wurde und die Ärztinnen sich keine Mühe mehr gemacht haben, genauer nachzuforschen, ob nicht doch was anderes die Ursache sein könnte. Da muss ich dann schon richtig hinterher sein, angemessen behandelt zu werden – was mir aber eben schwer fällt, vor allem weil ich ja selbst nicht so gern untersucht werden will.

    In meinem engeren Umfeld habe ich meine Diagnose schon auch nutzen können, um mehr Verständnis zu bekommen und auch damit Leute auf Trigger besser rücksicht nehmen können (wenn ich früher nur sagte, dass ich dies oder jenes halt nicht so gerne mag, wurde das halt nicht ganz so ernst genommen, was ja verständlich ist). Es hat aber auch viele Nachteile. Zum Beispiel passiert es dadurch leichter, dass ich mich in eine Opferrolle hinein manövriere oder andere mich darin sehen und dadurch entstehen dann Hierarchien und das ist so überhaupt nicht hilfreich.

    Naja, danke nochmal dafür jedenfalls!

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